Freitag, 26. Januar 2007

Der zögernde Imperialist und die unsichtbare Hand

Unter dem Titel
"THE RELUCTANT IMPERIALIST. Terrorism, Failed States, and the Case for American Empire" schrieb Sebastian Mallaby unter anderem:
"There is another reason why state failures may multiply. Violence and social disorder are linked to rapid population growth, and this demographic pressure shows no sign of abating." (und: "Failed states also challenge orderly ones by boosting immigration pressures".)

Bei der Lektüre dieser klugen Sätze frage ich mich wieder einmal, aus welchem (historischen, d. h. nicht notwendig bewussten) Grund einflussreiche Gruppen in jenem vermeintlich zögerlichen Imperium sich heftig dagegen sträuben, gegen den "demographic pressure" etwas zu unternehmen? Mag ja sein, dass sie subjektiv damit keineswegs imperiale Tendenzen fördern wollen. Aber, um zu wiederholen, was ich in meinem Eintrag "EINE NATUR GIBT ES NICHT. EINE UMWELT(PROBLEMATIK) AUCH NICHT" schrieb:

"... willkommen ist die Botschaft einer unbegrenzten Ressourcenverfügbarkeit zweifellos auch für alle jene christlichen Fundamentalisten, welche – speziell in den USA – vehement etwa gegen Kampagnen der Vereinten Nationen für Geburtenbeschränkung kämpfen und mit dieser Begründung für die Sperrung von US-Beiträgen zu den UN eintreten bzw. diese durchsetzen oder in der Vergangenheit durchgesetzt haben. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht erhellend, die objektive (d. h. den Akteuren nicht unbedingt oder in jedem Falle bewusste) Interessenidentität zwischen religiösem Fundamentalismus und einem aus Kapitalinteressen generierten Kampf gegen die Geburtenkontrolle aufzuzeigen: Ein Mangel an Humankapital mindert den Wert des Realkapitals, und umgekehrt steigert ein 'Überschuss' an Humankapital den Wert des Realkapitals (wie z. B. an den Wohnungsmieten und dem davon abhängigen Wert von Wohnimmobilien unmittelbar deutlich wird: viel Nachwuchs bedeutet viel Nachfrage).
'Das Kapital' [auch so ein problematischer Begriff, den ich hier aber mal unhinterfragt stehen lasse, weil im Kontext jeder Leser weiß oder wissen sollte, was gemeint ist] hat also ein natürliches Interesse daran, dass möglichst viele Menschen unsere Erde bevölkern. Insofern könnte man durchaus sagen, dass 'der Kapitalismus' unsere Umwelt nicht nur durch den seinem technologischen Produktionsprozess (den ich freilich als – wenngleich nur proletarischer – Mit-Nutznießer nicht glaubhaft kritisieren kann und nicht fundamentalistisch kritisieren will) zerstört, sondern diese Zerstörung noch dadurch systemnotwendig beschleunigt, dass er seiner 'Natur', seinem Wesen nach an einer Vermehrung der Zahl von Menschen interessiert sein muss. (Und darin wird er eben von gewissen christlichen Fundamentalisten in analoger Weise gefördert, wie weiland die britische Textilindustrie durch die moralischen Maximen britischer Missionare – ein interessanter historischer Parallelismus, nicht wahr?)"


Wie aus dem Eingangszitat zu entnehmen, kann man sich also auch noch einen ganz anderen Interessenzusammenhang vorstellen (wobei sich die beiden Aspekte gegenseitig nicht ausschließen): der Verhinderung eines wirtschaftlichen Erstarkens der unterentwickelten Länder. Mit China hat das allerdings u. a. wegen dessen Ein-Kind-Politik nicht geklappt. Und Indien hat sich, trotz stark steigender Bevölkerungszahlen, in den letzten Jahren eine wirtschaftliche Dynamik entfesselt, in der manche ein noch größeres Entfaltungspotential als in dem uns derzeit so beeindruckenden Wirtschaftswachstum Chinas. [Ich glaube allerdings nicht daran. Zwar mag es sein, dass die indische Gesellschaft Vorteile gegenüber China hat - Demokratie, größere Rechtssicherheit -, die geeignet wären, die Volkswirtschaft weiter zu bringen als jetzt der beeindruckende Impetus der chinesischen Ökonomie. Doch fürchte ich, dass jegliches Wachstum bald durch eine Verknappung der nicht-erneuerbaren mineralischen Ressourcen gestoppt wird. Die knospenden Wirtschafts-Blumen werden mangels Dünger verkümmern und die schon entfalteten Blumen -wir - werden eingehen.]

Aber zurück zum Thema Kinder (Kampf gegen Geburtenkontrolle) und Kapitalismus:
Auch wenn an der Oberfläche kein Zusammenhang (gedacht etwa als eine Verschwörung zwischen Christen und Kapitalisten) besteht: an eine gänzliche historische Zusammenhanglosigkeit glaube ich nicht. Was immer die Transmissionsriemen zwischen Glauben und Interessen sein mögen (oder ob man sich diese Sphärenharmonie nach Art einer prästabilierten Harmonie Leibnitzscher Monaden denken will): unsichtbare Hände ziehen das zögernde Imperium auf die via triumphalis (oder via dolores?) zum Empire. Und die Fraktion von "Ihr Kinderlein kommet" ist sicherlich eine dieser Zug- oder Schubhände.


Textstand vom 28.01.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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