Montag, 13. August 2007

Vom Bayerwald durch den Böhmerwald per Bus zum Hus



Nachdem mein Eintrag "Aus dem Bayerwald in die Welt: Ausflüge nach Niederbayern [und Süd-Böhmen]" immer buchlängenverdächtiger expandierte, musste da mal der Blitz reinfahren und wenigstens den vorliegenden Bericht über eine Bustour nach Böhmen abtrennen:

Zwei Busunternehmen existieren in Zwiesel: die Firmen Lambürger und Ranzinger. Bei einem der beiden hatten wir zwei Rundreisen gebucht: eine Tour durch den Bayerischen Wald und eine durch den Böhmerwald (Sumava) zum Lipno-Stausee und nach Cesky Krumlov (Böhmisch Krumau). Die Teilnahme an einer dritten Bustour erschien meiner Frau zu anstrengend, deshalb buchte ich diese "Hus-Tour" der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Zwiesel für mich allein.




Es war ein außerordentliche interessanter (und preiswerter) Tagesausflug; um so mehr, als die beiden anderen Fahrten mangels hinreichender Teilnehmerzahl ausgefallen sind.
(Das war ärgerlich; ich frage mich, ob derartige Reisen bei einer Kooperation beider Busreise-Unternehmen, und vielleicht noch weiterer in Regen und Bodenmais, nicht doch hätten durchgeführt werden können. Jedenfalls: kein Bussi für die Busunternehmer im Landkreis Regen!)

Der Reisebus für die Hus-Exkursion war bis auf den letzten Platz besetzt. Eigentlich könnte ich mir weitere Ausführungen über die Fahrt ersparen und bräuchte nur zum Bericht der Passauer Neuen Presse (Bayerwald-Bote) "Auf den Spuren von Jan Hus". Zwieseler Kirchen organisierten beeindruckende Südböhmen-Exkursion" zu verlinken. Aber natürlich kann ich es nicht lassen, meinen Senf - und vor allem meine Bilder - hier zum Besten zu geben.
Wenigstens den Anfang des Zeitungsartikels "klaue" ich dennoch für mich und meine Blog-Besucher:
"Ein Glanzpunkt im Rahmenprogramm der Landesausstellung Bayern-Böhmen war die erlebnisreiche Exkursion zu den Wirkungsstätten von Jan Hus in Südböhmen, zu der die katholische und die evangelische Kirchengemeinschaft eingeladen hatten.
Die Geschichte von Jan Hus wird in der Landesausstellung aufgegriffen und so war die Bildungsfahrt zu den Wurzeln des Reformators für die Zwieseler besonders interessant."


Unsere Exkursion führte zunächst durch den Böhmerwald und einige schöne alte Städte nach Husinec (Hussinetz), dem Geburtsort von Jan (oder Johannes) Hus, sodann nach Tabor, der Hardliner-Hauptstadt der hussitischen Bewegung und schließlich zur Burg Rabi (ausführliche Infos und Bilder -zum Vergrößern anklicken!- haben Oliver Steimann und Olaf Kaiser auf der Webseite von "dickemauern.de", einer Unter-Seite der "Burgenwelt" eingestellt: Danke!), bei deren Belagerung (und Erobergung) der berühmte Hussiten-Feldherr Jan Žižka von Trocnov, auch Žižka der Einäugige oder Jan Žižka vom Kelch genannt, sein zweites Auge verlor (ein Moshe Dajan in Potenz gewissermaßen, zumal er auch danach noch erfolgreich als Feldherr wirkte).


Der schönste Teil vom Bayerischen Wald ist der Böhmerwald. Dieser Satz ist nur halb so blöd, wie er klingt. Für Meyers Konversationslexikon, Vierte Auflage 1885-1892, gibt es noch gar keinen Bayerischen Wald. Dort heißt es vielmehr zum Stichwort "Böhmerwald" einleitend:
"Böhmerwald (neuerdings auch Böhmisch-bayrisches Waldgebirge genannt), ausgedehntes Gebirge ... , welches sich im W. und S. Böhmens, vom Fichtelgebirge bis Oberösterreich südlich und ostsüdöstlich 237 km lang hinzieht und in seinem Kamm auf einer Strecke von 200 km ziemlich genau die Grenze zwischen Bayern und Böhmen bezeichnet, sowie es auch die Wasserscheide des Moldau- und Donaugebiets bildet. Der B. weist einen Wechsel von Rücken, Kämmen, Einzelgipfeln und Bergplateaus auf, denen die deutliche Abzweigung von einem Mittel- oder Hauptrücken fehlt. Zahlreiche kürzere Züge von verschiedener Höhe streichen vollständig parallel, zwischen welchen weite Längenthäler sich ausdehnen, während Querthäler und größere Vertiefungen sie vielfach unterbrechen. Gegen Bayern hin fällt der B. in vielfachen Steilabsätzen zum Nabland ab, nach Böhmen hin ist die Abdachung eine allmählichere."

Erst später wurde der Begriff "Bayerischer Wald" geschaffen und benutzt. Beim Wikipedia-Stichwort "Böhmerwald" lesen wir: "Obwohl es sich beim Böhmerwald geologisch gesehen um ein einziges Gebirge handelt, wird er seit Beginn des 20. Jahrhunderts nach den politischen Grenzen unterteilt in
- den Böhmerwald (Šumava, die Rauschende) auf tschechischer Seite
- den Bayerischen Wald im östlichen Bayern,
- den österreichischen Böhmerwald im nordwestlichen Mühlviertel Oberösterreichs.
Ursprünglich wurde auch noch der Oberpfälzer Wald/Český les in Bayern und Tschechien zum Böhmerwald gezählt.Je nach regionaler Lage werden mit dem Begriff Böhmerwald das ganze Gebirge oder nur Teile davon bezeichnet. Der tschechische Name für den Böhmerwald ist Šumava."
.
(In meinem dtv-Lexikon von 1966, das auf dem Brockhaus aufbaut, heißt es unter "Bayerischer Wald" nur kurz: "Der südwestlichste Teil des Böhmerwaldes ..."; für nähere Informationen verweist der Eintrag auf das Stichwort "Böhmerwald".

Zugegeben: sehr viel vom Bayerischen Wald habe ich nicht gesehen. Der wildeste Teil, der Nationalpark, ist wohl nicht durch Straßen erschlossen. Und auch den Großen Arber und den Großen und kleinen Arbersee haben wir (noch) nicht besucht.
Soweit ich allerdings von den bisherigen Bustrips durch den Bayerischen und den Böhmer-Wald urteilen kann, muss ich sagen: Bayern hat zwar im Laufe der Geschichte den höchsten Berg erwischt (Großer Arber, 1456 m). Aber die wunderbaren teils baumlosen und vermoorten Hochflächen, die zwar im bayrischen Teil auch vorkommen, sind doch im tschechischen Teil deutlich ausgeprägter.
Auch was ich auf dieser Reise beim Durchfahren einiger Böhmerwald-Orte an alter Bausubstanz wahrnehmen konnte, erschien mir deutlich interessanter als was westlich der Grenze gebaut worden war, oder was dort von der Geschichte übrig gelassen wurde.
Es ist wohl kein Zufall, dass Adalbert Stifter im böhmischen Teil des Böhmerwaldes geboren wurde. Aus Zeitgründen, und auch, weil er mir vermutlich zu antiquiert wäre, habe ich zwar nichts von ihm gelesen, doch werden seine Naturschilderungen häufig gerühmt.
(Zum Thema "Literatur" sei außerdem Karel Klostermann als weitere herausragende Gestalt erwähnt.)


Der erste Ort, den die ökumenische Reisegruppe besuchte, war Husinec, genauer: "Husinec u Netolic" (ansonsten gibt es -2- Husinec). "Unser" Dorf, auf Deutsch "Hussinetz" oder "Hussenicz", ist der Geburtsort des tschechischen Reformators Johannes Hus, eines Vorläufers von Martin Luther.

Es hat die Tschechen nicht ruhen lassen, dass nur Katholiken Wunder wirkende Heilige haben sollten. "Was die Katholiken mit ihrem Heiligen Johannes von Nepomuk anstellen, können wir schon lange", werden sie sich gedacht haben.
Das Heiligenlexikon entmystifiziert zwar den propagandistisch erfundenen Tötungsgrund dieses Brückenbeschützers -Weigerung, das Beichtgeheimnis zu brechen-, referiert aber gleichwohl in aller Naivität Wunderbares über dessen Zunge: "1719 fand man bei der Öffnung des Grabes Gebeine und Zunge unversehrt".
Die tschechischen Patrioten des 19. Jahrhunderts haben sich den Kern des mindestens fünfmal abgebrannten (mutmaßlichen) Hus-Geburtshauses als einen den Flammen trotzenden Safe gedacht; jedenfalls wurde (und wird noch immer) behauptet, dass er im Wesentlichen erhalten geblieben sei.

Wenigstens will uns aber niemand erzählen, dass diese Möblierung noch aus Hussens Zeiten stammt.



Deutsche Museumsbesucher sieht man hier wohl nicht sehr häufig; immerhin hat man auch für uns eine Information in unserer Sprache ausgehängt.




Bevor wir wieder den Bus besteigen, bewundern wir noch das schmiedeeiserne Gitter zum Hof des Hus-Museums.













Endgültig lassen wir nun selbst die Randgebiete des Böhmerwaldes hinter uns und kommen zu einer Stadt, die ich mir nicht entfernt derart pracht- und eindrucksvoll vorgestellt hatte, mit zahlreichen wunderschönen (und gut gepflegten) Fassaden aus vielen Jahrhunderten, von der Gotik bis zum Historismus und Jugendstil.
Hier in Tabor, der Hardliner-Hauptstadt in den Hussitenkriegen des 14. Jahrhunderts,
(das wir natürlich nicht aus dieser Perspektive sehen)










begegnet Jan Hus uns wieder
- in der zeitlos gültigen Form dessen, der fest daran glaubt, das in der Bibel das Wort Gottes verkündet wird: "Das Wort sie sollen lassen stan, und keinen Deut dran han" hat später (in etwas anderer Form) Martin Luther gesagt. Eine solche Bedeutung wollte der Bildhauer wohl auch mit diesem Denkmal des Johannes Hus zum Ausdruck bringen.






Heute hat freilich die Menschheit ganz andere Drähte zum Himmel, und überhaupt hat in der Tschechei der gottlose Bolschewismus wenig vom Glauben übrig gelassen.
[Okay, okay: ein Gläubiger bin ich ja auch nicht (weil es mir in der Religion am Glauben, und im ökonomischen Bereich an Geld mangelt :-) ). Aber doch wenigstens kein Bolschwewist!]






Nachdem die Hussitenkriege nun doch schon einige Zeit in der Vergangenheit liegen (hier in der englischsprachigen Wikipedia eine Linkliste zu den Schlachten, da ein ausführlicher Artikel über die hussitische Bewegung in der "Catholic Encyclopedia" und eine deutschsprachige Webseite gibt es auch) kann es nicht verwundern, wenn die Streitrösser seither etwas abgemagert sind.


Ausführliche Informationen (da können sich viele deutsche Städte 'ne Scheibe von abschneiden!) auch auf englisch und deutsch bietet die Homepage der herrlichen Stadt Tabor.




Unserer Reisegruppe war leider nur eine knappe Frist in Tabor zugemessen (da wir die Burg Rabi noch rechtzeitig vor Schließung erreichen mussten); so blieb nur Zeit für einige flüchtige Blicke








auf freskengeschmückte Giebel ...,
[der hat freilich den gleichen Giebel etwas besser geknipst - und außerdem hat Frank Chang noch manches andere abgelichtet.]



... in alte Kopfsteinpflaster-Gässchen ...






... und auf malerisch rustifizierte [zum Begriff vgl. das Stichwort im Architekturlexikon von Prof. Martin Thumm] Häuserfassaden aus der Zeit um 1600.





An manch anderer Verlockung musste ich seufzend vorübergehen ... .







Freundlich begrüßt und später wieder verabschiedet wurden wir in Tabor von dem sympathischen und vorzüglich Deutsch sprechenden Pfarrer ...

(Zitat aus dem o. a. Bericht im Bayerwaldboten/Passauer Neue Presse: "In der historischen Stadt Tábor wurde die Reisegruppe von Pfarrer Ondrej Sobeslavský in die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder eingeladen. Dort informierte er über die Zusammenhänge von Jan Hus und der Stadt Tábor und er erzählte, dass auch er bereits die Landesausstellung in Zwiesel besucht habe. Der sympathische Pfarrer nahm sich auch Zeit mit der Gruppe einen kleinen Stadtrundgang zu machen.")

[Das Kirchengebäude hat auch ein gewisser Franz Bauer in seine sehenswerte Sammlung von Fotografien mit Jugendstilfassaden aus Südböhmen aufgenommen]





... einer kleinen evangelischen Kirchengemeinde.
Urchristlich bescheiden sind dort die evangelischen Kultgebäude und Innenräume, wohl nicht nur bei dieser Gemeinde.


Links zu einigen Fotoseiten über Tabor:
- Frank Moorhouse (Aufnahmen mit eher dokumentarischem Charakter)
- die Aufnahmen von mac.wrangler sind nett (und durch Anklicken der Vorschaubilder und dann der "Lupe" bis auf Bildschirmgröße vergrößerbar)
- Uncle Serge präsentiert uns die ganze Vielfalt der alten Stadt



Durch weitere abwechslungsreiche Landschaften und Ortschaften fuhren wir schließlich zu der imposanten Burg Rabi in Westböhmen. (Den Charme dieser alten Gemälde und Aufnahmen -leider nur in kleinem Format reproduziert- haben meine Photographien natürlich nicht.)
(Wer auch über den Ort Rabi etwas wissen möchte, kann z. B. die -deutschsprachige- Webseite von bbkult.net anklicken).


Inzwischen bin ich des Schwätzens müde geworden; deshalb hier nur noch einige Bilder mit allenfalls knappen Bemerkungen:


Grundriss der Befestigungsanlagen und Bauten der Burg Rabi.



Versteinerte Berichte vom Auf und Ab in der Geschichte.


Zinnen zeugt der Zahn der Zeit.


Und noch ein hohler Zahn aus alten Zeiten.


Eine ökumenische Reisegruppe aus Zwiesel. Aber ein Wächtersbacher Agnostiker hatte sich auch eingeschlichen .....


..... den schicken wir doch gleich in die "Carceri d'Invenzione" .....












..... früher hätte man solche Figuren natürlich in einem richtigen Kerker, wie (vielleicht) diesem hier, in Sicherheitsverwahrung genommen!


Mein Leser F. E. aus München macht micht dankenswerter Weise darauf aufmerksam, dass auch das "Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon", welches der Verlag Traugott Bautz (ebenfalls dankenswerter Weise) online gestellt hat (und das übrigens keineswegs nur kirchliche oder religiöse Persönlichkeiten ausführlich und vor allem mit äußerst umfangreichen Literaturangaben darstellt), einen Eintrag (natürlich) auch zu Johannes Hus enthält.




Nachdem ich meine Niederschriften der Urlaubserlebnisse und Reflexionen über unseren Urlaub 2007 in Zwiesel im Bayerischen Wald bzw. über unser Urlaubsgebiet mittlerweile auf mehrere Einträge verteilen musste und nun langsam Gefahr laufe, selbst die Übersicht zu verlieren, habe ich eine Liste der einschlägigen Beiträge erstellt unter dem Titel:
"Bayerischer Wald: Übersicht meiner Blog-Einträge über unseren Urlaub in Zwiesel".


Textstand vom 23.08.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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