Samstag, 28. Juli 2007

Aus dem Bayerwald in die Welt: Ausflüge nach Niederbayern

Outsourcing heißt das Zauberwort der Betriebswirtschaftler, und es ist ja auch ganz sinnvoll Organisationen, die durch ihre schiere Größe etwas unbeweglich geworden sind, zu zerlegen.
Also habe auch ich den Ausflugs-Teil aus meinen immer länger werdenden Urlaubserinnerungen aus Zwiesel ("Urlaub in Zwiesel, Bayerischer Wald") ausgegliedert:


Aus dem Wald in die Welt



Im 19. Jahrhundert stifteten Philanthropen für Weltstädte wie London oder Paris Trinkbrunnen.
Dass auch in Deggendorf ein Trinkwasserbrunnen auf der Straße steht, darf man demnach als schlüssigen Beweis für die Weltstadt-Eigenschaft Deggendorfs werten.
[E contrario beweist das Fehlen von Trinkbrunnen in der Frankfurter Innenstadt, dass dieser Ort am Main lediglich eine Provinzstadt ist.]





Tatsächlich: als wir nach etwas mehr als einer relativ entspannten Urlaubswoche in den kleinen Bayernwald-Orten wie Zwiesel, Regen und Frauenau die Stadt Deggendorf besuchten, hatte ich das Gefühl, "vom Wald in die Welt" zu kommen. Menschenleer ist zwar der Bayerwald nicht, und tüchtig gefeiert wird dort auch (vgl. meine Einträge "Schatzfund im Bayerischen Wald!", u a. über das Glasstraßenfest in Frauenau, und "Buddha im Bayerwald", u. a. über das Altstadtfest in Regen, sowie die Webseite "bsmparty.de" [nein, nein, keine Angst: mit "BDSM-Party" hat das nichts zu tun!] für die jüngeren Feier-Freunde.

Die Einkaufsmöglichkeiten halten sich allerdings in Grenzen. An Lebenmittelmärkten leidet zwar Zwiesel keinen Mangel; es gibt deren mindestens 9. Vier davon (2 x Edeka -Neukauf und Aktiv-Markt- sowie Norma und Rewe) liegen sogar in oder in Nähe der Altstadt. Fünf weitere (Minimal, Penny, Netto, Aldi sowie das SB-Warenhaus Real) mehr oder weniger weit entfernt. Angeblich soll auch noch ein Lidl-Markt eröffnet werden. [Die namentliche Auflistung mag meinen Leserinnen und Lesern etwas pedantisch vorkommen; sie ist aber vielleicht von historischem Interesse: Mal seh'n, wie viele von denen in einigen Jahren noch existieren - oder auch, wer ggf. noch dazugekommen ist.]

Drogeriefilialisten kämpfen ebenfalls um die Kunden: Müller, Rossman und Schlecker unmittelbar an der "Stadtplatz" genannten Hauptstraße (leider auch Durchgangsstraße für den Verkehr), mindestens eine außerhalb (beim Edeka Aktiv-Markt).

Im Zentrum, also am "Stadtplatz", bestand früher ein "Kaufhaus Bauer". In manchen Branchenverzeichnissen im Internet wird es noch aufgeführt, in Wirklichkeit hat es aber hat in Zwiesel die Waffen gestreckt. (Im Einkaufspark Regen floriert das Kaufhaus indes noch.)

Wer in Zwiesel z. B. Herrenbekleidung kaufen will, wird also wenig finden; eine ältere Dame beklagte sich, dass sie mit ihrem Ehemann nunmehr nach Regen fahren müsse, um für ihn Kleidung zu kaufen.

Die Kreisstadt Deggendorf dagegen mit ihren gut 30.000 Einwohnern bietet zahlreiche Läden in zentraler Lage, z. B. auch eine C&A-Filiale und sogar ein Einkaufszentrum, das "Deggs", direkt in der Altstadt.

Möglich, dass Deggendorf in Sachen Shopping etwas weniger Möglichkeiten bietet als das nahe Straubing (das immerhin ca. 45.000 Einwohner hat), aber für den normalen Bedarf dürfte es reichen. An historischem Ambiente allerdings kann sich die Kreisstadt Deggendorf bei weitem nicht mit der Kreisstadt Straubing messen.


Der Turm der "Heilig-Grabkirche St. Peter und St. Paul" (Grabkirchenturm) von ca. 1722 allerdings wird lt. Wikipedia-Eintrag "Deggendorf" "von Kunsthistorikern als einer der schönsten Türme in Bayern beschrieben", was ich, auch ohne Kenntnis sämtlicher bayerischen Kirchtürme und Stadttürme, gern glauben will.

(Weniger schön ist die historische Erinnerung an den Anlass zum Kirchenbau; aber das ist bei der Frauenkirche in Nürnberg oder der stimmungsvollen Wernerkapelle (Wikipedia-Eintrag) in Bacharach in der einen oder anderen Weise ähnlich. Vor dem Hintergrund der Gründungsgeschichte ist allerdings bei der Deggendorfer Kirche die gängige Abkürzung "Grabkirche" noch zusätzlich makaber.)

Einige andere alte Kirchen und sonstige Sehenswürdigkeiten haben wir schon aus Zeitgründen nicht besichtigt. Die historische Ausstrahlung des Altstadtviertels am Stadtmauerrest hält sich in Grenzen, aber das Ensemble ist immerhin nett gemacht.

Den Filialbetrieb des Gnadenhof Aiderbichl in der Nähe von Deggendorf muss ich nicht unbedingt sehen; Gnadenhöfe sind in meinen Augen per se ein gesellschaftliches Dekadenzsymptom , selbst wenn sie nicht gerade Schwimmbäder für Kühe anbieten (vgl. meinen Eintrag "1. April? Nein; wohl eher: 'Decline of the West'!"). Ich selbst gehe gern baden: irgendwann sicherlich auch mal ins Deggendorfer Erlebnisbad "elypso".


Zum Nutzen fremder Bahnreisender, mehr aber zur eigenen Gedächtnisstütze, vermerke ich hier noch, dass der Bahnhof ziemlich weit vom Stadtkern der Kernstadt entfernt liegt, in einem eingemeindeten Ortsteil.
Unser nächster Besuch wird uns allerdings von dort in eine stadtferne Richtung führen: zum Markt Metten mit dem berühmten Benediktinerkloster St. Michael. Schwer ist es, größere Bilder der Innenräume zu finden. Die Webseite des Klosters selbst geizt mit größeren Ansichten (wie es überhaupt ein Ärgernis, wenn nicht gar eine Frechheit, ist, dass die Webseiten von zahlreichen Städten und selbst Fremdenverkehrsportale großenteils oder ausschließlich mehr oder weniger briefmarkengroße "thumbs" anbieten). Aber hier schenkt uns ein gewisser Stefan Ertl eine spektakuläre Innenansicht der Klosterkirche. Berühmter als diese ist jedoch die Klosterbibliothek; davon hat immerhin der Marktes Metten neben einer ausführlichen Beschreibung auch einige größere Fotos ins Netz gestellt. Eine Innenaufnahme wiederum der Kirche hier von einem Karl Bauer.
Nun ja, sind ja doch noch eine Menge Fotos, Raumansichten und Detailaufnahmen, auf der Webseite des Klosters zu finden. Nicht mit der erhofft hohen Auflösung, aber dafür teilweise Nahaufnahmen einzelner Motive der Malereien und der Stuckornamente.

Und wenn man nur lange genug (und mit unterschiedlichen Begriffen: "Bibliothek", "Klosterbibliothek" usw.) sucht, findet man vielleicht sogar die phantastische Webseite "Das Buch und sein Haus" mit diesen herrlichen Aufnahmen (durch Anklicken jeweils noch vergrößerbar) aus der Mettener Klosterbücherei.

Auch für Pilger (für weltliche vermutlich ebenso nützlich wie für fromme) gibt es Informationen und Fotos, von Metten und anderen Pilgerorten in der Gegend, im Internet auf einer Webseite "Via nova europäischer Pilgerweg".




Umsteigebahnhof auf unserer Hinreise in den und Rückreise aus dem Urlaub war der Bahnhof Plattling. Die Stadt ist auch heute noch Bahnknotenpunkt; aber die Zeiten, in welchen das Bahnbetriebswerk ein bedeutender Arbeitgeber war, sind schon lange passé.

Im Kapitel der "Kultur und Sehenswürdigkeiten" sind für die Stadt Plattling in der Wikipedia einige Sportvereine verzeichnet und noch etwas: „In Plattling befindet sich außerdem eine stehende Flusswelle, die durch ein Wehr verursacht wird, das eine höher gelegene Brücke schützen soll. Diese Welle ist bei Freestyle-Paddlern, auch von weit außerhalb Bayerns, sehr beliebt.“
Johann Wolfgang von Goethe war das offenbar zu wenig; deswegen, und weil es nicht auf seinen zahlreichen Reise-Wegen lag, war er nie in Plattling. Er wäre sonst wohl auch platt gewesen, wie platt Niederbayern hier ist.

Und dennoch leben und lieben, leiden und lachen auch hier Menschen. Auch die Nibelungen haben noch gelebt, als sie in „Pledelingen“ vom Passauer Bischof Pilgrim empfangen wurden. Sogar übernachtet haben sie in der Gegend – aber nicht in Plattling. Genauer: nicht auf dem Gelände des heute bebauten Plattling.
Bis 1379 lag Plattling am östlichen Isarufer, wovon auch heute noch die aus dem 13. Jahrhundert stammende Pfarrkirche St. Jakob zeugt; wegen ständiger Überschwemmungen wurde der Ort damals jedoch ans westliche Isarufer verlegt
verrät uns nämlich die Wikipedia. Macht aber nichts: die Nibelungen sind beinahe noch wertvoller für Pledelingen als Goethe: schließlich haben die deutlich weniger Orte in Deutschland besucht als der. Deshalb gibt es in Plattling alle 4 Jahre wieder Nibelungenfestspiele und am Bahnhof werden die Ankömmlinge von einer interessanten Allee von Skulpturen, meist aus Holz, mit Motiven aus dem Nibelungenlied begrüßt.

Aber auch dann, wenn keine Nibelungen-Mimen dort sind, hält Plattling die Kunst hoch.



















Richtig: ein Globus-Warenhaus gibt es in Plattling ebenfalls, wenngleich weit vom Stadtkern entfernt. Der dortige Globus ist mir aber irgendwie deutlich weniger sympathisch als unserer in Wächtersbach: alles nur auf einer Ebene und dadurch ein endlos langer Gang davor. In der Cafeteria im Nichtraucherteil [aus dem Restaurant des Wächtersbacher Globus-Warenhaus sind mittlerweile erfreulicher Weise die Raucher gänzlich verbannt] sitzt man auf unbequemen Gartenstühlen (als Strafe fürs Nichtrauchen?). Die „bottomless cup“, die unbegrenzt nachfüllbare Kaffeetasse, bekommt man zwar auch im Plattlinger Globus, aber sie ist teurer (1,65 €; in Wächtersbach 1,40 €), das Frühstücksangebot ist weniger attraktiv und die Mittagsmenüs sind ebenfalls höher im Preis. Aber die Niederbayern kennen es wahrscheinlich nicht anders, und im Vergleich mit Cafés und Gaststätten ist die Globus-Cafeteria auch dort immer noch günstig. Irgend etwas müssen die Bayern uns in Hessen halt auch gönnen, was besser ist als da unten :-).

Die Existenz einer Bücherei (im Gebäude des „Bürgerspital“), versteht sich für bayerische Städte und damit auch für Plattling von selbst.
Ich bin überzeugt, dass bei den Bajuwaren die Einrichtung einer Stadtbücherei eine gesetzlich vorgeschriebene Voraussetzung für die Verleihung von Stadtrechten ist, und dass umgekehrt dieser Status wieder aberkannt würde, falls die Stadtbibliothek geschlossen würde. Eine lobenswerte Landesgesetzgebung!

Auch dem alten St. Johann Nepomuk (über dessen ebenso professionelle wie konfessionelle werbliche Nutzung ich mich in meinem Eintrag über Zwiesel - Landesausstellung Bayern-Böhmen - echauffiert hatte) begegnen wir in Plattling wieder:
"Der St. Johann Nepomukverein Plattling e. V. baute und eröffnete im Mai 2004 das erste Museum 'St. Johann Nepomuk' der Welt" lesen wir auf der Webseite der Stadtverwaltung von Plattling. (Nun sagen Sie bloß nicht, Sie wollen kein Nepomuk-Museum sehen!)


Einen Glücksgriff haben die Plattlinger anno 1992 getan, als sie sich mit Nebra in Sachsen-Anhalt verpartnert haben: dort wurde (später) bekanntlich die berühmte „Himmelsscheibe“ gefunden.



Straubing ist eine bezaubernde Stadt mit viel historischer Bausubstanz. Bezaubert hat einst die junge Bürgerliche (bzw., falls sie eine Baderstochter war, nach damaligem Denken wohl eher Un-Bürgerliche) Agnes Bernauer den Herzog Albrecht, Nr. 3, "Der Fromme" (der das Benediktiner-Klosters zu Andechs gegründet und damit im Ergebnis den Grundstein für das berühmte Andechser Bier gelegt hat) (bezogen auf den Zeitpunkt seines Techtelmechtels muss man ihn korrekt wohl "Prinz" nennen, da seinerzeit noch sein Vater das Herzogtum regierte).

Dem blauen Blut tut Auffrischung zwar gut (wie später auch Kaiser Karl V. im nahen Regensburg feststellte, wo er der schönen Barbara Blomberg begegnete), aber Albrecht und Agnes gingen für damalige Verhältnisse zu weit, indem sie (vermutlich) heirateten (was damals noch ganz ohne Standesamt abging und, erstaunlich, sogar ohne Mitwirkung der Kirche möglich war).
Eine solche "Winkelehe" hätte die Legitimität des Münchener Zweiges der Wittelsbacher, zu welchem Albrecht gehörte, in Frage gestellt. So sprach denn Herzog Ernst von der Linie Bayern-München (des Hauses Wittelsbach) ein ernstes Wörtchen mit seinem Sohnemann, aber der blieb renitent. "Der ist ja wie verhext", dachte Herzog Ernst, und sogleich kam ihm die Idee, die Angelegenheit durch eine kleine Vorsilben-Änderung zu bereinigen: er behauptete, die Bernauerin habe seinen Sohn nur dadurch bezaubert, dass sie ihn verzaubert habe. Die Beschuldigung der Zauberei (insbesondere des "Schadenszaubers") war damals bekanntlich tödlich. Listig ließ Ernst seinen Sohn weglocken; dann machten seine Schergen der Herzensdame seines Sohnes einen kurzen (Hexen-)Prozess. Als besondere Gnade galt, dass sie nicht verbrannt, sondern nur ertränkt wurde.

Albrecht III. machte seinem Vater zunächst ein wenig Streß, versöhnte sich dann aber mit diesem und heirate brav standesgemäß. Mit der Herzogin Anna von Braunschweig-Grubenhagen-Einbeck als Ehefrau lief es dann trotz allem ganz gut: immerhin zeugte er zehn Kinder mit seiner Gemahlin.
Herzog Ernst ließ zur Sühne in Straubing am Petersfriedhof eine Agnes-Bernauer-Kapelle erbauen, immerhin ein Schuldeingeständnis dafür, dass es sich um einen politischen Mord handelte. [Interessante, aber heute nicht mehr zu klärende Frage, ob er damit sein Gewissen beruhigen wollte oder die öffentliche Meinung, welche in letzterem Falle den "Hexenprozess" als Vorwand durchschaut haben müsste.]

Die historischen Quellen über dieses Ereignis fließen äußerst spärlich; um so mehr haben sich (populär-)wissenschaftliche Schreiber und Roman- und Schauspielschriftsteller der Geschichte angenommen.

Die derzeit wohl ausführlichsten online-Informationen bieten uns zwei deutsche Frauen, die ins Ausland ausgewandert sind, sich aber anscheinend immer noch mehr ihrer Heimat als ihrem jeweiligen Aufnahmeland verbunden fühlen:

Die Darstellung einer Maike Voigt-Lüerssen auf ihrer zwar feministisch orientierten Webseite aus Australien scheint mir eine leicht sentimentalisierende Tendenz zu haben. So heißt es z. B.:
"Agnes, die auf die baldige Rückkehr ihres Mannes hoffte, war auch trotz der Androhung der Folter nicht bereit, ihr Eheverlöbnis zu widerrufen."
Da hat die Autorin zweifellos eine naiv-moderne Meinung aus der von ihr verwendeten Literatur übernommen. In dieser Zeit gab es keinen "Widerruf" einer Ehe, nicht einmal einer Winkelehe.
"Bei einer kirchlich eingesegneten Ehe kann aber nur der Tod scheiden. Agnes mußte also sterben" schreibt der Historiker HEINZ FRIEDRICH DEININGER (der ungefähr um 1900 gelebt haben muss) in einer fachhistorischen (aber durchaus verständlichen und keineswegs langweiligen) Erörterung der Sachlage, Quellen und Begleitumstände, die eine gewisse Ingeborg Brigitte Gastel Lloyd aus dem fernen Arizona dankenswerter Weise in unsere Stuben bringt.

Ähnlich wie in Plattling die Nibelungen-Geschichte, macht die Verbindung von Sex and Crime natürlich auch die Bernauer-Story bühnenreif. Schneller als Straubing war in diesem Falle das Städtchen Vohburg an der Donau, wo ein entsprechendes Stück erstmals 1909 (und später erst in längeren Abständen) aufgeführt wurde.

In Straubing war es nicht die katholische Kolping-Familie (wie in Vohburg), sondern es waren die Nazis, welche die Bernauerin auf die Bretter stellten. Ideologisch konnte man die Geschichte gebrauchen: volksferne Fürsten gegen Volksgemeinschaft, bei der Verfolgung braver Volksgenossinnen von der Klerisei unterstützt - also nein, so etwas gab es beim Adolf wahrhaftig nicht (klerikale Unterstützung für Verfolgungen, meine ich; ansonsten ...).
Wesentlich wichtiger, und zugleich banaler als die ideologische Aufrüstung war allerdings schon damals das ganz handfeste Motiv einer Förderung des Fremdenverkehrs. [Im gleichen Jahr 1935, in dem die erste Festspielaufführung stattfand, wurde, ebenfalls mit dem Ziel einer Fremdenverkehrswerbung, die Deutsche Weinstraße eröffnet.] In der Ausgabe 2003 der Zeitschrift "Bayerwald" (S. 2 ff.) des "Bayerischer Wald-Verein e.V." hat Werner Schäfer u. d. T. "Agnes Bernauer 2003 in Straubing" die Geschichte der Festspiele seit ihrer Entstehung beschrieben.

So sah im Jahre 2007 die Handzettel-Werbung für die Agnes-Bernauer-Festspiele aus; man schaut und staunt, dass der Ku-Klux-Klan (hier ist die Verkleidung der Kapuzenmänner ebenfalls abgebildet) bereits im Mittelalter aktiv war.
















Uns allerdings interessieren weniger alte Geschichten als alte Städte. Bevor wir jedoch in die erste Kirche kamen, fing uns der Woolworth-Konsumtempel ab.

Dann aber ab in die Kirche: St. Veit. Die hat mir weniger gefallen; vielleicht weil ich bekennender Nichttänzer bin?

Also ab zum Stadtplatz, genauer: zu einem der beiden Stadtplätze, zu welchen sich die durch den Stadtturm geteilte Hauptstraße ausweitet, zum Ludwigsplatz nämlich (welcher zu dieser Zeit natürlich nicht so romantisch aussah und nicht in Kunstlicht getaucht war). Dort gibt es einen (festen) Stand, wo guter Kaffee preiswert ausgeschenkt wird. Dessen lobend zu gedenken liegt mir um so mehr am Herzen, als das, was man uns unter der Bezeichnung "Kaffee" im Bayerischen Wald servierte, in meiner persönlichen Terminologie eher in der Rubrik "braune Brühe" zu klassifizieren wäre. Insoweit unterscheidet sich diese Gegend kaum vom restlichen Deutschland, doch machte ein ebenfalls fester Kaffeestand im Deggendorfer Einkaufszentrum eine weitere rühmliche Ausnahme.

Die Bernauerin lässt uns jedoch nicht so schnell los; also folgen wir ihr noch einmal - in die Bernauergasse.
Zu unserem Glück, denn was man uns in diesem Asia-Restaurant auf den Tisch zaubert, findet die volle Anerkennung nicht nur von mir als Gourmand, sondern auch von meiner Frau als Gourmet (wie verweiblicht man diesen Begriff: "Gourmetin"?).
Aber natürlich haben wir keineswegs primär oder gar ausschließlich die Fresserei im Kopf; die ist lediglich ein notwendiges Übel :-).

Frisch gestärkt ergehen wir uns auf dem anderen der beiden Stadtplätze, dem Theresienplatz (der natürlich zu dieser Zeit nicht mehr so aussah). Freudvoll hell ist (anders als bei St. Veit) der Innenraum der ehemaligen Jesuitenkirche "Aufnahme Mariens in den Himmel". Dass in dieser Kirche die Orgel "Gloria Excellent 238" ertönt ist vielleicht weniger wichtig als das dort ausligende Schrifttum einer marianischen Sodalität (also wohl einer Laienbruderschaft zu Ehren Marias). Das konnte ich aus Zeitgründen zwar nicht ausführlich lesen (und aus den verschiedensten Gründen erst recht nicht kaufen); immerhin habe ich ihm beim Durchblättern Informationen über freimaurerische Verschwörungen gegen die Religion und über eine angebliche offizielle Zulassung des Satanismus als religiösen Kult in der britischen Marine (Begründung: "Wir sind ein moderner Arbeitgeber") entnehmen können.
So erinnere ich mich denn an klassische Sprüche und rate dem Reisenden: Wanderer, kommst du nach Straubing, versäume nicht dorten dich in der Ex-Jesuiten-Kirche weiterzubilden! Zumindest diese Erkenntnis wird man mitnehmen:
"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem der Hexenglaube kroch".

Uns zog es weiter, hinab und hinauf an alter und neuer Bausubstanz vorbei zur Hauptkirche der Stadt, "St. Jakob und St. Tiburtius".

Dann ging es bergab mit uns: in den "Spitzwegwinkel" zunächst ("1829 arbeitete er in der Löwenapotheke der Stadt Straubing, wo er ein Jahr zusammen mit Theaterleuten und Malern verlebte" lesen wir in der Wikipedia über dem Maler Carl Spitzweg; im Spitzwegwinkel soll er gemalt haben (schade, dass die Stadt Straubing nicht das oder ggf. eines der hier gemalten Gemälde auf ihrer Webseite reproduziert).

Wir als gewissenhafte Chronisten sind freilich vom Spitzwegwinkel (links oben) noch eine Treppe tiefer hinab gestiegen, dorthin, wo mancher Mann hingeht, der lediglich spitz ist.

Indes machen die (nicht zahlreichen) Etablissements des Straubinger Nachtlebens, die hier in der Gegend versammelt sind, einen leicht heruntergekommenen Eindruck. Ob auch diese die Globalisierung zwickt? Die tschechische Grenze ist nicht allzu weit (bis dahin muss man halt durchhalten); und schon auf unserer Advents-Reise in den Böhmerwald (vgl. "Für uns sind die Dörfer in Böhmen nun nicht mehr Böhmische Dörfer") sah ich ja "allüberall auf den Dächterspitzen bunte Neon-Herzen blitzen". Und auch auf dieser Reise erblickten wir in dem Grenzort Zelezna Ruda, einstmals "Markt Eisenstein" genannt, die Betriebsstätten dieser Dienstleistungbranche. Ob aber das Preisniveau dort günstiger, und/oder ob der Service intensiver ist - das weiß ich nicht. (Ehrlich nicht!) Jedenfalls scheint dieser Wirtschaftszweig in den grenznahen Regionen zu florieren. Man könnte vielleicht formulieren, dass die deutschen Männer in den tschechischen Grenzgebieten die Samen für blühende Landschaften legen.
(Vermutlich trägt der Bayerische Gesetzgeber auf seine Art sogar dazu bei. Wie ich der Geschichte "Huren" des Amtsarztes Dr. Volker Juds aus Garmisch-Partenkirchen entnehme, herrscht seit 1989 Gewerbeverbot für die Liebedienerinnen in Bayern - in Städten mit weniger als 30.000 Einwohnern. Und da nun einmal im Wald keine Stadt diese Einwohnerzahl aufweist, ist dort verboten, ws jenseits der Grenze erlaubt ist.)
(Kritisch setzt sich eine gewisse Katharina Brunner in ihrem Blog-Eintrag "Tschechien: Billiges Benzin und Nutten?" mit dem negativen Image der Tschechen bzw. Tschechiens in Bayern auseinander.)

Wir fangen unsere schweifenden Gedanken wieder ein und begeben uns - leider nicht ins Gäubodenmuseum: für den Römerschatz, und das Straubinger Stadtmodell von Jakob Sandtner aus dem Jahre 1568 fehlt uns dieses Mal die Zeit - aber immerhin in die Ursulinenkirche "Unbefleckte Empfängnis", wo allerdings noch echte Nonnen drin sind (und gerade Gottesdienst abhielten), was eine ausführliche Besichtigung ausschloss (und vielleicht auch der Grund dafür ist, dass es im Internet kaum Bilder von dem Innenraum gibt - die Nonnen haben verständlicher Weise offenbar kein Interesse an Touristen, welche sie vielleicht betrachten würden wie die Weißen in vergangenen Zeiten die Wilden: als kuriose Relikte vergangener Zeiten). Also schauen Sie sich halt hier einige andere Werke der Gebrüder Asam an - oder dort den Altar der Brüder Asam in der Straubinger Asam-Kirche.

Doch unerbittlich tickt die Sanduhr: die uns in Straubing zugemessene Frist läuft ab. Ein Antiquariat, ebenfalls in der Burggasse, hat den Laden zu meinem Glück bereits geschlossen.

Warum laufen, wenn das Bayernticket gilt? Wir besteigen den Bus und fahren eine Haltestelle weiter zum (bzw. genauer: leider nur etwas näher an den) Bahnhof, von wo uns die Eisenbahn mit Umsteigen in Plattling zurück nach Zwiesel in den Bayerischen Wald trägt.




Änderung vom 13.08.2007:
Wegen Überfülle habe ich mich entschlossen, diese Eintragung hier zu schließen und meine Reminiszenzen an einen und Fotos von einem wundervollen Busausflug nach Böhmen in einen separaten Artikel auszulagern:
"Vom Bayerwald durch den Böhmerwald per Bus zum Hus".



Nachdem ich meine Niederschriften der Urlaubserlebnisse und Reflexionen über unseren Urlaub 2007 in Zwiesel im Bayerischen Wald bzw. über unser Urlaubsgebiet mittlerweile auf mehrere Einträge verteilen musste und nun langsam Gefahr laufe, selbst die Übersicht zu verlieren, habe ich eine Liste der einschlägigen Beiträge erstellt unter dem Titel:
"Bayerischer Wald: Übersicht meiner Blog-Einträge über unseren Urlaub in Zwiesel".




Textstand vom 19.05.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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