Dienstag, 8. Januar 2008

Fortschritt – real oder imaginär? Zum Essay "Die Fortschrittsillusion" von Prof. Eckart Voland (Spektrum der Wissenschaft, April 2007)

Eine meiner abendlichen Surftouren (intellektuellen Sauftouren?) im Internet führte mich über einen Hinweis in dem (übrigens außerordentlich qualitätvollen) Blog tiefgedacht zu dem o. a. Essay. (Hier ein anderer, ebenfalls kritischer, Blog-Eintrag dazu.)

Voland erklärt den Fortschritt zu einer Illusion des Gehirns. In der Tat lässt die Lektüre seines Artikels (der schon vorab im Internet zur Diskussion gestellt worden war und in zahlreichen Leserbriefen kommentiert wurde, von denen ich leider aus Zeitmangel nur wenige –meist interessante- lesen konnte) auch mich am Fortschritt zweifeln – allerdings etwas anders, als Voland sich das wohl vorgestellt hatte.
Wenn ich nämlich sehe wie noch heute Menschen, zum Wissenschaftsbetrieb akkreditierte Philosophen gar, in Platons essentialistischer Steinzeit-Höhle hocken und nach den Schatten des Fortschritts-Begriffs haschen, dann wecken solche (um Volands Kritik an seinen Kontrahenten gegen ihn selbst zu wenden:) "naiven (Begriffs-)Realisten" manchmal auch in mir substantiierte Zweifel am geistigen Fortschritt der Menschheit.

Falsch ist die Behauptung von Voland, dass Fortschritt nicht messbar sei. Selbstverständlich kann man Fortschritt messen. Genauer gesagt: Volands Fortschrittsbegriff erlaubt eine Messung und erfordert eine solche: wie sonst will er wissen können, dass es keinen Fortschritt gibt? Tatsächlich misst er (seine Vorstellung von:) „Fortschritt“, und zwar anhand der subjektiven Befindlichkeiten der US-Amerikaner seit 1958. Da deren Glücksmomente nicht mehr geworden sind folgert er, dass es keinen Fortschritt gebe. ("In den USA befragt man seit 1958 die Bevölkerung nach ihrer Lebenszufriedenheit. Interessanterweise bleibt der Anteil derjenigen, die sich als »very happy« bezeichnen, über die Jahre mit rund dreißig Prozent praktisch konstant.") Außerdem führt er, quasi als 'anecdotal evidence', die mutmaßliche Befindlichkeitsentwicklung von Lottogewinnern als Beweis dafür an, dass Fortschritt die Menschen nicht glücklicher mache.

Damit hat er aber nur jenes Kaninchen aus dem Zylinder gezogen, welches er selbst definitorisch dort verborgen hatte: 'Fortschritt ist, wenn die Leute glücklicher sind' ist seine versteckte (implizite) Ausgangsposition. [Nachtrag 9.1.08: Diese Feststellung fand ich mittlerweile auch in einem der Leserbriefe -welchem weiß ich leider nicht mehr - wieder.] 'Da die Menschen nachweisbar nicht glücklicher geworden sind (und da ihr Glücklichsein aus evolutionspsychologischen Gründen gar nicht zunehmen kann) gibt es keinen Fortschritt' lautet seine Schlussfolgerung. Das ist jedoch keine Entdeckung, sondern eine bloße Inhaltsdeklaration für seinen eigenen Fortschrittsbegriff. Volands anthropozentrisches und wertgeladenes Begriffsverständnis ist sicherlich gesellschaftlich weit verbreitet oder sogar vorherrschend; es ist auch keineswegs illegitim. Indes ist der Begriff "Fortschritt" weder notwendig mit diesem konkreten Inhalt versehen, noch wird er von allen Menschen in dieser Weise verstanden und verwendet. Heuristisch, also für den Gewinn von Erkenntnis, macht es durchaus Sinn, in klar definierten Zusammenhängen mit einem anderen, wertfreien Fortschrittsbegriff zu operieren. (Vgl. dazu auch meinen Blott "Utopia Nova")
Entdeckungen sind („nur“ oder „allerdings“) die Feststellungen der amerikanischen Umfragen (an deren Generalisierbarkeit ich keinen Zweifel hege), dass die Menschen nicht glücklicher geworden sind und die evolutionspsychologische Feststellung (an deren Richtigkeit ich ebenso wenig zweifele), dass sie nicht glücklicher werden können, weil sie der Differenz von Lust- und Unlustgefühlen lebensnotwendig bedürfen.

Was uns Eckart Voland in seinem Essay verkündet, ist nur für diejenigen interessant, die geglaubt haben, wir Menschen könnten unsere Lustgefühle dauerhaft steigern, und das nenne man (oder sei zu erreichen durch) „Fortschritt“. Für alle anderen haben seine Ausführungen bestenfalls den Wert einer Erinnerung an das, was sie ohnehin schon wussten (was jedoch hier und da im Diskurs gelegentlich in Vergessenheit gerät). Irgendeinen intellektuellen Mehrwert erzeugt der Essay nicht; er ist im Gegenteil sogar dazu prädestiniert, hinsichtlich der möglichen Inhalte bzw. Verwendungen des Fortschrittsbegriffs Verwirrung zu stiften (bzw. die im gesellschaftlichen Diskurs ohnehin vorhandene Verwirrung zu perpetuieren).

Im übrigen muss auch ein wertgeladener Fortschrittsbegriff keineswegs bereits daran scheitern, dass wir den Level unserer Lustgefühle nicht dauerhaft nach oben pushen können. Man könnte einen als Verbesserung der conditio humana verstandenen „Fortschritt“ ebenso gut daran messen, ob sich die Schmerzen, sowie evtl. anders geartete Unlustgefühle, im Laufe der Geschichte vermindert haben. Insoweit wird es dem Durchschnittsamerikaner von heute kaum besser gehen als demjenigen von 1958, aber doch deutlich besser als seinen Ahnen im Jahre 1758? Da gab es z. B. beim Zähne ziehen noch kein Lokalanästhetikum (allenfalls eine Total-Anästhesie mit dem Holzhammer)!

Der Volandsche Fortschrittsbegriff ist also nicht nur anthropozentrisch und wertgeladen; er ist zudem noch einseitig auf die Dimension der Lustgefühle, unter Ausblendung eines möglichen Fortschritts bei der Verminderung z. B. von Schmerzen, beschränkt. Ob es eine solche Verminderung objektiv gibt und ob wir sie subjektiv dauerhaft emotional erleben können, können wir vielleicht nicht messen und wohl nicht einmal im Wege von Meinungsforschung ausloten; dennoch muss, wer umfassend über den Begriff Fortschritt in seiner gängigen Ausprägung reflektieren will, auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Fortschritt die Pendelausschläge unseres Schicksals nach unten (Schmerzen usw.) signifikant vermindert; man darf nicht einseitig nur auf den (ggf. fehlenden) verstärkten Pendelausschlag nach oben (Lustgefühle) blicken.

Eine weitere eklatante Schwäche seiner Beweisführung ist, dass sich die Fakten (= 'unsere gesellschaftliche und technologische Entwicklung hat kein dauerhaft verstärktes Glücksgefühl im Einzelnen zur Folge') problemlos im Gegensinne interpretieren lassen:
Objektiv gäbe es dann einen Fortschritt [natürlich auch Rückschritt], der aus den von Voland zutreffend genannten Gründen aber nicht zu einer dauerhaften Steigerung unserer emotionalen Befindlichkeit führen kann. Unser Hirn [nein, nicht einmal "das" Hirn: nur das Kleinhirn; unsere Hirnrinde weiß sehr wohl, dass es einen Fortschritt gibt!] muss uns aufgrund evolutionspsychologischer Zwänge vorgaukeln, dass wir keinen Fortschritt gemacht hätten (weil wir uns nicht besser fühlen als vorher, und weiterhin nach Fortschritt streben).
Fortschritt lässt sich durchaus intellektuell erkennen, er lässt sich sogar auch emotional erleben. Letzteres aber nur vorübergehend, als ein Akt des Fort-Schreitens (z. B. durch einen Lottogewinn von der Armut zum Reichtum). Nur lässt er sich nicht dauerhaft als Zustand eines Fortgeschritten-Seins emotional genießen (intellektuell weiß der Lottogewinner aber durchaus, dass er jetzt mehr Geld hat, und freut sich darüber sicherlich auch später noch manchmal – in jenen Momenten, in denen er den Sachverhalt bewusst reflektiert).

Die ganze hochphilosophische Aussage "Es gibt keinen Fortschritt" und "Fortschritt ist eine bloße Illusion unseres Gehirns" reduziert sich damit auf jenen Sachverhalt, aus dem Voland sie abgeleitet hat: 'Wir sind nie zufrieden'. Umgekehrt betrachtet kann man auch sagen, dass der Autor diesen banalen, allbekannten und altbekannten Sachverhalt zu einem pseudophilosophischen Luftballon aufgeblasen hat, der schon beim ersten Kontakt mit einer nadelscharfen Textanalyse jegliches Raumvolumen einbüßt.


Indes habe ich bislang nur den einen (und im Essaytext vorherrschenden) der beiden Volandschen Fortschrittsbegriffe abgehandelt, den gewissermaßen 'subjektiven' (sozialen und/oder psychologischen, jedenfalls: erlebbaren) Fortschritt.
Voland kennt aber durchaus auch jenen anderen, quasi 'objektiven', evolutionsbezogenen, kurz: nicht-anthropozentrischen Fortschrittsbegriff, von dem ich eingangs schon gesprochen hatte, will ihn aber nicht gelten lassen. Dass er allerdings beide in den Einheitstopf "des" Fortschritts wirft, spricht nicht für eine tief schürfende intellektuelle Penetration der Thematik.

Und das zentrale Faktenargument, mit dem Voland den Fortschritt in der Evolution abstreitet, dass nämlich "das Mäusegenom nicht wesentlich weniger komplex ist als das unsere", bewegt sich für meinen Geschmack schon jenseits desjenigen Bereiches, in welchem eine sinnvolle Kommunikation noch möglich ist. Wenn mir Prof. Voland jenes Nest zeigen würde, wo die Mäuse den von ihnen konstruierten Quantencomputer versteckt halten, würde ich mich sogar zum Unglauben daran bekehren, dass der Mensch ein evolutionärer Quantensprung (Fortschritt) im Vergleich zur Maus ist. Bis dahin sollten wir uns bemühen, die Diskussion über Mäuse und Menschen auf einem seriösen Niveau zu halten.

Im Grunde ist allerdings das Maus-Beispiel für Volands Gedankenführung völlig gleichgültig. Er will nämlich gar nicht ausschließen, dass "man die Stammesgeschichte als einen Prozess der Komplexitätszunahme beschreiben" kann.
Wäre also das Humangenom weitaus komplexer als das Mäusegenom, würde er einfach sagen "Evolution ist vielleicht Komplexitätszunahme, aber Komplexitätszunahme ist nicht Fortschritt und Fortschritt keine biologische Kategorie". [Hervorhebung von mir] Dem entspricht in der Replik des Autors (letzte Seite) die Formulierung: "dass es keinen Fortschritt, sondern nur eine mehr oder weniger stetige Ausdifferenzierung der Merkmale und biologischen Arten gibt".

Das freilich ist entweder intellektuell unredlich oder naiv: 'den' Fortschrittsbegriff auf sein eigenes Verständnis von Fortschritt zu reduzieren. Es gibt eine ganze Menge Menschen (u. a. schon unter den wenigen Leserzuschriften, die ich angeklickt und gelesen habe), welche unter "Fortschritt" (auch oder ausschließlich) wertfrei eine Entwicklung zu höherer Komplexität verstehen.

Der Grund, weshalb Voland die Entwicklung zu höherer Komplexität nicht als Fortschritt gewertet wissen will, enthüllt sich in der "Replik des Autors" (auf S. 113 bzw. auf der letzten Seite des pdf-Ausdrucks; diese Erwiderung an die Leser beandelt nur noch den evolutionären Fortschrittsbegriffs, der von den meisten Briefeschreibern vehement verteidigt wird). Dort heißt es:
"... dass Menschen spontan geneigt sind, Entwicklungen gerichtet, also auf ein Ziel hin zu interpretieren" und dass
"Das Leben auf diesem Planeten ... kein Ziel und somit keinen Fortschritt" kennt. [Hervorhebungen jeweils von mir]

Wenn das Weltall expandiert, hat es eine gerichtete Bewegung (schließlich könnte es ja auch implodieren). Aber deswegen hat doch die nach außen gerichtete Bewegung kein Ziel?
Wenn ich morgen als fliegender Holländer aufs Meer gehen würde, und immer gen Westen segeln: dann würde ich eine ziellos-gerichtete Bewegung ausführen.
Nur ein unreflektiertes, anthropozentrisches (oder gar anthropomorphisierendes?) Denken vermag in einer Bewegung bloß dort eine Richtung zu erkennen, wo es ein Ziel gibt (oder genauer: wo dieses Denken das Ziel wahrnehmen kann).
In Wirklichkeit ist aber die Menge (Klasse) der zielgerichteten Bewegungen nicht identisch mit, sondern lediglich eine Teilmenge der Menge der gerichteten Bewegungen.

Die Natur denkt nicht; sie braucht auch kein Ziel, um sich in eine Richtung zu entfalten. Nicht erst mit der Evolution des Lebens, sondern bereits seit Beginn des Universums hat die Natur (wenn auch gelegentlich mit Rückschlägen) immer komplexere Strukturen (oder immer strukturiertere Komplexe) hervorgebracht. Offenkundig ist in der Natur im Gegensatz zu uns menschlichen Evolutionsprodukten die Richtung selbst das Ziel.

Auch Voland bestreitet nicht, dass Evolution Bewegung bedeutet: "Stillstand bedeutet das Ausscheiden aus dem evolutionären Spiel, und deshalb ist in der Darwin’schen Welt das »Höher, Weiter, Schneller« den Organismen notwendigerweise inhärent" formuliert er selbst. Und wenn er der Evolution eine Tendenz zum »Höher, Weiter, Schneller« zuschreibt, hat er auch Richtungen angegeben, in welche sich die Entwicklung bewegt: nämlich nicht zum 'Kleiner, kürzer, langsamer'. Er verwickelt sich also in einen Selbstwiderspruch, wenn er auf der anderen Seite eine Richtung nur dort sehen will, wo es ein Ziel gibt (bzw. wo wir ein Ziel erkennen können).

Zusammenfassend:
Was Voland uns in diesem Essay bietet, ist keine Philosophie, sondern vielmehr ein weiterer Beweis für den Niedergang der deutschen Philosophie, welchen ich bereits früher in meinem Blott "EINE PHILIPPIKA GEGEN DEN NIEDERGANG DER DEUTSCHEN PHILOSOPHIE ALS DOKUMENT DES NIEDERGANGS DER DEUTSCHEN PHILOSOPIE" beklagt hatte.

Gute Nacht!



Nachträge vom 09.01.08:

Die über 70 Leserbriefe habe ich jetzt sämtlich gelesen. Ein nicht geringer Teil davon ist von hoher argumentativer Qualität und analytischer Schärfe (greift aber naturgemäß jeweils nur einzelne Kritikpunkte gegen Voland auf). Es sind erkennbar nicht die Dümmsten, die das "Spektrum der Wissenschaft" lesen oder zumindest dessen Webseite besuchen. Fast alle Briefschreiber kritisieren den Philosophen weil

a) er seinen Fortschrittsbegriff nicht definiert und
b) die Leserbriefschreiber meinen, dass es doch einen Fortschritt, jedenfalls ein wertfreies Fort-Schreiten in der Evolution und/oder in der menschlichen (gesellschaftlichen) Entwicklung, gibt.

In der Summe ergeben, wenn ich mich nicht täusche, die Leserbriefe die gleiche Kritik, die ich oben vorgetragen habe.

Es ist beinahe ungerecht, einen einzigen herauszugreifen, aber den letzten Absatz des Leserbriefes "Fortschritt nicht definiert" von Jörg Michel darf ich meinen Lesern ganz einfach nicht vorenthalten:
"Herr Voland hat zudem seine Gedanken nicht wirklich zu Ende gedacht. Wenn es nämlich keine Fortschritt gibt, kann es logischerweise auch keinen Rückschritt geben. Völkermorde und andere Kriegsverbrechen wären dann also lediglich die Illusion des Rückschritts. Das Gleiche gilt auch, wenn wir die Folgen des Klimawandels unterschätzen und weite Teile der Erde dadurch unbewohnbar werden."
Und ebensowenig aus "Kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns"
von Dr. Karl Wulff" den Passus:
"4. Ernst Mayr wird von Voland missbraucht. Herr Voland sollte dessen Publikationen einmal gründlicher lesen: Mayr schreibt z. B. ... 'So betrachtet ist die Evolution also eindeutig mit Fortschritt verbunden...'. Mayr widerspricht nur der alten These, dass 'Fortschritt" die übergeordnete treibende Kraft der Evolution sei und dass also die Evolution teleologisch verlaufe."


Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema "Fortschritt" (Abschnitt "Teleologie"): "Nicht immer ist mit dem Fortschrittsdenken ein teleologisches Konzept verbunden. Fortschritt kann auch ohne bestimmtes Ende, also ergebnisoffen, gedacht werden." Genau!


Einen ausführlichen Text über die Relativität von Begriffen bietet uns W. L. Schönwandt. (Das "Modul Begriffe" ist zwar Teil eines Lehrgangs für Stadtplanung usw., hat aber einen abstrakt-allgemeinen Charakter und ist somit nicht nur für -zukünftige- Städteplaner gut lesbar und von Nutzen.)


Was die zukünftige Weiterentwicklung der Menschheit zu immer größerer Komplexität angeht, bin ich als Ressourcenpessimist nicht sehr hoffnungsvoll. Und ein Ende (im Sinne eines abrupten Stopps, nicht eines Übergangs in die Singularität mit einem eventuellen Ersatz der Euhomininen durch noch leistungsfähigere Konstruktionen) der Menschheitsentwicklung wäre wohl gleichbedeutend mit einem Ende der Evolution auf Erden (und für unser Wohlbefinden ein gigantischer Rückschritt).


Nachtrag 10.01.2008:

In seiner Replik auf die zahlreichen kritischen (manchmal sogar wütenden) Leserbriefe verwendet Voland das gleiche Verfahren der Kritikimmunisierung wie die Psychoanalyse.
Genau wie diese Psycho-Mythologie deklariert er Skepsis und Gegenargumente als Widerstände des in seiner Eitelkeit verletzten Bewusstseins.
Ich will nicht ausschließen, dass im Einzelfall derartige emotionale Antriebe tatsächlich eine Rolle spielen. Hauptsächlich kritisieren die Leserbriefe (und ich) aber, dass Voland uns intellektuelle Ausschussware als philosophische Wertarbeit anzudrehen versucht.

Meine Analyse hatte ich (in leicht veränderter Form) gleichzeitig mit der Einstellung in den Blog, also am 08.01.2008, als Leserbrief an die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" geschickt. Per heute (16.01.08, 19.42 h) ist dieser allerdings (noch?) nicht freigegeben. Vielleicht kommt das ja noch; vielleicht war es aber auch allzu starker Tobak (allerdings waren auch einige der veröffentlichten Leserbriefe recht scharf im Ton, keiner freilich so lang und derart detailliert ins "Eingemachte" gehend wie mein Text).


Nachträge 16.01.08 ff.:

Die Frage eines evolutionären Fortschritts (bezogen auf die Entwicklung des Lebens auf der Erde) wird in der englischsprachigen Wikipedia z. B. unter den Stichworten
"Accelerating change"
"Complex adaptive system""Largest-scale trends in evolution" thematisiert und die auch unter Evolutionsforschern konträren Positionen dargestellt.
Weiterhin ist der Artikel "Evolution of complexity" einschlägig.
"Logarithmic timeline" gibt eine kurze Übersicht über die Entwicklung des Kosmos, der Erde und des Lebens auf einer logarithmischen Zeitskala (und verlinkt zu einer Reihe anderer in diesem Zusammenhang interessanter Stichworte).
Für "Progress" gibt es Einträge zu den verschiedensten Sachgebieten; hier der Link zur Übersichtsseite. Dort finden wir in dem uns interessierenden Bereich ("History") folgende Auffächerung dessen, was die deutschsprachige Wikipedia nur summarisch unter "Fortschritt" anbietet. [Wir sehen also gewissermaßen einen lexikographischen Fortschritt; dieser werte ich  zugleich als Ausdruck einer fortgeschritteneren gedanklichen Problemdurchdringung im anglophonen Raum. Das hat zweifellos auch etwas damit zu tun, dass die Benutzermenge dieser Sprache unvergleichlich größer ist (vielleicht auch damit, dass selbst in deutschsprachigen Gebieten anspruchsvolle - akademische - Diskussionen auch in den Geisteswissenschaften wohl zunehmend auf Englisch geführt werden). Jedenfalls haben wir hier ein Beispiel dafür, dass eine größere Menge von 'Problemlösern' zu einer differenzierteren Analyse führt: ein Umschlag von Quantität in Qualität, sozusagen.]:
  • Progress (history), the idea that the world can become increasingly better in terms of science, technology, modernization, liberty, democracy, quality of life, etc.
    • Social progress, the idea that societies can or do improve in terms of their social, political, and economic structures.
    • Scientific progress, the idea that science increases its problem solving ability through the application of some scientific method.
    • Philosophical progress, the idea that philosophy has solved or at least can solve some of the questions it studies.
  • Idea of Progress, the theory that scientific progress drives social progress; that advances in technology, science, and social organization inevitably produce an improvement in the human condition.
  • Progress trap, the condition societies find themselves in when human ingenuity, in pursuing progress, inadvertently introduces problems that it does not have the resources to solve, preventing further progress or inciting social collapse.
Eine Chronologie der Evolution offeriert der Eintrag "Timeline of evolution".

Nach dem Vorbild der Wikipedia ist mittlerweile auch ein Fachlexikon "Scholarpedia" entstanden. (Ähnlichkeiten und Unterschiede werden auf der Eingangsseite wie folgt beschrieben: "Scholarpedia feels and looks like Wikipedia - the free encyclopedia that anyone can edit. Indeed, both are powered by the same program - MediaWiki. Both allow visitors to review and modify articles simply by clicking on the edit this article link.
However, Scholarpedia differs from Wikipedia in some very important ways:
Each article is written by an expert (invited or elected by the public).
Each article is anonymously peer reviewed to ensure accurate and reliable information.
Each article has a curator - typically its author -- who is responsible for its content.
Any modification of the article needs to be approved by the curator before it appears in the final, approved version.
Herein also lies the greatest differences between Scholarpedia and traditional print media: while the initial authorship and review processes are similar to a print journal so that Scholarpedia articles could be cited, they are not frozen and outdated, but dynamic, subject to an ongoing process of improvement moderated by their curators. This allows Scholarpedia to be up-to-date, yet maintain the highest quality of content.
").
Allerdings handelt es sich nicht um ein Wissenschaftslexikon (oder wissenschaftliches Lexikon) insgesamt, sondern ist lediglich eine: "Encyclopedia of computational neuroscience dynamical systems computational intelligence astrophysics".
Das Niveau der Artikel, die natürlich für eine andere Zielgruppe publiziert werden, macht ein Verständnis für den Laien schwierig. Aber, auch wenn ich vieles nicht verstanden habe, bekommt man immerhin eine Vorstellung von der Problemdimension, wenn man sich durch Artikel wie "Complexity" und "Complex Systems" hindurchquält.

Gleichfalls von Interesse:
Juergen Schmidhuber, "Is History Converging? Again?"

In der deutschsprachigen Wikipedia sind von Interesse (aber z. T. auf die Entwicklung des Menschen und seiner Gesellschaften beschränkt) die Eintragungen unter
"Fortschritt",
"Stephen Jay Gould" (hier in der englischsprachigen Version)
"Multilineare Evolution"
"Evolutionismus","Neoevolutionismus",
"Soziokulturelle Evolution" (vgl. englischsprachigen Eintrag unter "Social progress").


Nachtrag 22.01.08:
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger beschreibt in seinem (ansonsten in meinen Augen nicht überdurchschnittlich bemerkenswerten) Essay "Der Preis der Selbsterkenntnis" (Gehirn & Geist vom Nr. 7-8/2006, S. 46) die Funktion unserer Glücksgefühle (und die Unerreichbarkeit eines dauerhaften Glücks) im Rahmen der Evolution zutreffend so:
"Zwar brachten gerade die bewussten Selbstmodelle das Erleben von Freude und Glück ins physikalische Universum – an einen Ort, wo so etwas vorher nicht existierte. Doch hat uns die psychologische Evolution nicht in die Richtung permanenter Glücksfähigkeit optimiert. Im Gegenteil: Sie hat uns auf die »hedonische Tretmühle« gesetzt. Diese wird angetrieben durch den dauernden Versuch, Glück und Freude zu erleben, Schmerzen und Depression zu vermeiden. Aber auch wir selbst werden auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten: Die hedonische Tretmühle – in Form des Belohnungssystems in unserem Gehirn – ist der Motor, den Mutter Natur uns eingebaut hat. Wir können seine Struktur in uns selbst entdecken, aber es ist unklar, ob wir ihr jemals entfliehen können. In gewissem Sinn sind wir diese Struktur. Das Ego ist die hedonische Tretmühle." [Hervorhebung von mir]


Nachtrag 15.07.2010
Weise Worte über den (Un)Wert von Glück finden wir in dem ZEIT-Interview
"Psychologie. Glück ist nicht wichtig" vom 12.07.10 ("Seit Jahrzehnten beobachtet der Psychiater George Vaillant das Leben von 268 Menschen. Mithilfe ihrer Biografien hofft er eine der wichtigsten Fragen überhaupt beantworten zu können: Was lässt ein Leben gelingen?") (meine Hervorhebung):
"ZEIT Wissen: Wurden die Teilnehmer mit dem Alter glücklicher?
Vaillant: Glück hat nicht unbedingt etwas mit einem zufriedenen Leben zu tun, es ist nicht so wichtig. »Glücklich sein« ist nur ein Gemütszustand. Stellen Sie sich Britney Spears auf einer Party Samstagnacht vor: Sie tanzt, trinkt, flirtet, sie ist für ein paar Stunden glücklich und sorgenfrei. Das Problem ist: Was ist am Sonntagmorgen? Ist sie da noch immer glücklich? Und außerdem: Glück vermindert häufig den inneren Antrieb.
"





Textstand vom 25.01.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

1 Kommentar:

  1. Hallo Cangrade,

    Sie schreiben in Ihrem Beitrag sehr schön: "Wenn mir Prof. Voland jenes Nest zeigen würde, wo die Mäuse den von ihnen konstruierten Quantencomputer versteckt halten, würde ich mich sogar zum Unglauben daran bekehren, dass der Mensch ein evolutionärer Quantensprung (Fortschritt) im Vergleich zur Maus ist. Bis dahin sollten wir uns bemühen, die Diskussion über Mäuse und Menschen auf einem seriösen Niveau zu halten."

    - Was ich wirklich kritisiere an Volands Beitrag ist, daß er die Herkunft und die Quellen für sein Weltbild nicht benennt und darum auch seine Argumente gar nicht vergleichen kann mit jenen, von denen er sie hat.

    Ganz klar ist seine Sicht der Dinge von Stephen Jay Gould popularisiert worden, insbesondere in Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen des Paläontologen Simon Conway Morris zum Präkambrium und zur Kambrischen Arten-Explosion.

    Simon Conway Morris hat nun jedoch genau die gegenteilige Schlußfolgerung aus seinen eigenen Forschungen gezogen und die Debatte zwischen beiden Wissenschafts-Richtungen ist keineswegs beendet, sondern bis heute unentschieden. Zumal nachdem sich ein so einflußreicher Autor wie Richard Dawkins inzwischen auch eher auf Seiten von Conway Morris in dieser Frage zu stellen geneigt ist.

    PZ Myers aber beispielsweise hat wiederum eine geradezu vernichtende Rezension zu Conway Morris wichtigem Buch "Life's Solution" geschrieben.

    Ich finde es nicht richtig, ein solches Thema zu behandeln, ohne die führenden Forscher, die dasselbe (zumeist viel dichter am empirischen Material als Voland) diskutieren, überhaupt nur zu benennen. Wie soll sich dann eine fruchtbare, weiterführende Diskussion überhaupt ergeben können. - Es stehen dann nur willkürliche Meinungen gegen willkürliche Meinungen.

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