Sonntag, 27. Juli 2008

Salut für den Atom-Admiral! Hyman Rickovers visionäre Energie-Rede von 1957 hier auf Deutsch

  Leichter, aber doch zeitraubender als gedacht war die Übersetzung der nachfolgenden Rede mit dem Originaltitel "Energy Resources and Our Future", welche der US-Viersterne-Admiral Hyman Rickover (1900 – 1986), der "Vater der Nuklearmarine" (Wikipedia dt.) bzw. "Father of the Nuclear Navy" (Wikipedia engl.) am 14.05.1957 auf der "Annual Scientific Assembly of the Minnesota State Medical Association", also vor einem Medizinerkongress, in St. Paul, Minnesota gehalten hat.  
 
Lange in der Öffentlichkeit vergessen, kam die Rede jetzt auf etwas verschlungenen Pfaden wieder in den Focus der Peak Oil-Propheten usw., die man am besten wohl mit dem Etikett "Energierealisten" versieht. Die Neupublikation erfolgte erstmalig wohl am 02.12.2006 im "Energy Bulletin"; wir verdanken sie einem Rick Lakin (der hier im ‚Vorspann' als Lehrer identifiziert wird). Dieser äußert sich über die Person von Rickover und zu den näheren Umständen der Neuveröffentlichung wie folgt:

"Admiral Rickover was considered the Father of the Nuclear Submarine. As an employee of the US Atomic Energy Commission, later Department of Energy, he had great influence on the development of our country's civilian Nuclear Power Generation Industry. This speech, given almost 50 years ago, sheds an important light on our current discussion about the future of energy in our country. In the 1970s, Admiral Rickover worked closely with President Jimmy Carter on energy issues. I served on Navy Nuclear Submarines as a Nuclear Reactor Operator for 8 years. I would like to give special thanks to Theodore Rockwell, author of 'The Rickover Effect: How One Man Made a Difference' for searching his files and sending me a copy of this speech so that I could convert it for digital publication."

Weitere Einzelheiten der ‚Editionsgeschichte', zur Frage der Echtheit, Links zu verschiedenen anderen Fundstellen des englischen Redetextes und verschiedene Anmerkungen sowie Auszüge aus einigen (englischsprachigen) Kommentaren finden interessierte Leser in der Nachbemerkung.

Rickover wird als "workaholic" (hier: kritisch; die Kritik betrifft vermutlich insbesondere seine Amtsführung in seinen späteren Lebensjahren und sein zuletzt starrsinniges Festhalten an seinem Posten) beschrieben und stand noch bis zu seinem 82. Lebensjahr im aktiven Dienst. Zwar wurde er dann während der Regierungszeit von Präsident Reagan aus dem Amt gedrängt; jedoch erfuhr er für seine Dienste eine ganz außergewöhnliche Ehrung: sämtliche drei noch lebenden früheren US-Präsidenten (allerdings nicht Präsident Reagan, dem das wohl peinlich gewesen wäre), unter denen Rickover gedient hatte, ehrten ihn mit einem Abschiedsdinner (Bild). Bei dieser Gelegenheit beschrieb Ex-Präsident Jimmy Carter Rickover scherzhaft als "omnipotent, omniscient and omnipresent", also als "allmächtig, allwissend und allgegenwärtig" wie der liebe Gott.

Tatsächlich war Rickover kein "Kommisskopf", sondern offenbar umfassend gebildet. [Übrigens muss er auch Deutsch beherrscht haben, denn er übersetzte (justament im Jahre 1933!) das Buch "Das Unterseeboot" des deutschen Admirals (aus dem 1. Weltkrieg) Hermann Bauer. "Rickover's translation became a basic text for the U.S. submarine service" erfahren wir dazu in der englischen Wikipedia-Version.] Wie seine Rede auf anglophone Muttersprachler wirkt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Mir erscheint sie klug aufgebaut, sie bietet eine Fülle von wichtigen physikalischen Grundinformationen im Zusammenhang mit der Bedeutung von Energieverfügbarkeit für den Menschen (z. B. dass der Mensch ein weitaus besserer Energieverwerter ist als Haustiere). In einem manchmal geradezu poetischen Tonfall entfaltet sie vor unseren Augen ein historisches Panorama, bei dem man zwar an manchen von Rickover angenommenen Kausalzusammenhängen gelegentlich zweifeln mag, das aber in seiner eindringlichen Betonung der Wichtigkeit einer ausreichenden Energieverfügbarkeit zur Sicherung unseres Lebensstandards in keiner Weise übertrieben ist. Wenn ich Passagen wie diejenige über "slender women bent under mountainous loads heaped on their heads" lese erschrecke ich wieder einmal über jenes ungeheure Maß an verantwortungsloser Arroganz, mit der bei uns eine verwöhnte Bürgerbrut gegen beinahe jede Form von Energieerzeugung argumentiert, protestiert und demonstriert – sogar gegen Wasserkraft, jedenfalls wenn für deren Gewinnung Staudämme gebaut werden sollen. Die Gründe sind jeweils für sich in aller Regel natürlich durchaus nachvollziehbar; in der Summe würden sie aber jegliche Energieerzeugung unterbinden. Die Gefahr, dass solche Einstellungen die energetische Basis unserer Zivilisation, oder zumindest unseres Landes, untergraben, ist vielleicht größer als jene Gefährdungen, die von der Verwendung fossiler Brennstoffe real für das Klima und von der Kernkraft potentiell für die Menschheit ausgehen. Es ist schon absurd, wenn Opferschätzungen der Kernkraftgegner zur Tschernobyl-Katastrophe Tote einbeziehen, die vielleicht in 50 Jahren an Krebs sterben werden (wegen der langen Inkubationszeiten bestimmter Krebsarten), gleichzeitig aber keinen Gedanken daran verschwenden, wie viel mehr Menschen im Elend leben und sehr schnell an Mangel und Krankheiten sterben würden, wenn wir uns aus Energiemangel keine Gesundheitsvorsorge, keine ausreichende Heizung usw. mehr leisten können und durch den zwangsläufig auch in der Landwirtschaft eintretenden Rückgang der Produktivität sogar Hunger leiden müssten. [Allerdings beginnt derzeit anscheinend – aus dieser besseren Einsicht heraus? - sogar bei den Grünen die Gegnerschaft gegen Kernkraft zu bröckeln, wenngleich die Spitze vorerst noch ideologische Verlässlichkeit beweist.]

Hyman Rickover war weder intellektuell noch moralisch ein Leichtgewicht. Er befürwortete zwar ganz klar die Nutzung von Kernenergie, verschwieg jedoch nicht das Entsorgungsproblem: "The disposal of radioactive wastes from nuclear power plants is, however, a problem which must be solved before there can be any widespread use of nuclear power."

So hellseherisch Rickovers Rede heute auf uns wirkt, war sie doch damals offenbar keineswegs die einzige Stimme, die vor einer zukünftigen Verknappung endlicher Ressourcen, und speziell der fossilen Energieträger, warnte. Er selbst spricht von zahlreichen Studien, die zur Abschätzung der Rohstoffreichweite erstellt worden seien.

Parallel zu meiner Beschäftigung mit Rickovers Vortrag fand ich zufällig -2- weitere zeitgenössische Belege für die Sorge vor einer Verknappung der Energieressourcen.

Richard C. Duncan zitiert in einem Text (aus dem Jahr 2005) über seine (regelmäßig aktualisierte) "Olduvai Theory" aus dem Buch "Energy for Man: From windmills to nuclear power" des österreichischen (Wiener) Physikers (und politischen Aktivisten) Hans Thirring, das erstmals (zumindest auf Englisch; ob dieses Buch überhaupt auf Deutsch erschienen ist, konnte ich nicht feststellen) 1956 in London veröffentlicht wurde die folgende Passage: "As a result of permanent blackouts of electric power the industries of all civilized countries would stop working, so that, with millions unemployed and with a total cut in the production of goods, unprecedented and incurable misery would occur, killing perhaps three-quarters of the population, and leaving the rest in a deplorable state. (Thirring, 1956, p. 135)"

Kurt Cobb geht in seinem Blog Resource Insights in dem Eintrag vom 05.07.2008 ("Which future should we prepare for, industrial or agrarian?") ausführlich auf das Buch "The Challenge of Man's Future" des amerikanischen Geochemikers Harrison Scott Brown ein (die englischsprachige Wikipedia enthält merkwürdiger Weise keinen biographischen Eintrag für H. S. Brown, dafür aber die Encyclopaedia Britannica). Das Buch erschien erstmalig im Jahre 1954; die Besprechung im Time Magazine vom 22.03.1954 ist online. Der Amazon-Rezensent S. S. Stuart fasst in seiner Kurzrezension vom 02.03.2005 den Buchinhalt so zusammen: "I reread this book 35 years after college. It reveals amazing insight. Brown said in the 50's that we would pretty much go down the tubes when our resources ran out unless citizens of the world act intelligently together. So far, we have ignored his warnings and pursued narrow self-interest with great zeal. Though he did not anticipate the information revolution, he still could be right that a depleted world will one day support only a limited population living an agrarian lifestyle. (You can read all his conclusions in the last 15 pages.)"
(Hier ein Auszug aus dem Buch; dort ein weiterer aus dem Schlusskapitel.)
"Auf einem Treffen des American Petroleum Institute 1956 in San Antonio (Texas) machte [der amerikanische Geologe und Geophysiker Marion King] Hubbert die Vorhersage, dass die Erdölförderung der USA in den späten 1960ern bzw. den frühen 1970ern das Fördermaximum erreichen würde. Er wurde berühmt, als diese Vorhersage 1970 wahr wurde. Die Kurve, die er zur Analyse benutzte, ist heute als Hubbert-Kurve bekannt und der ‚Gipfel' als Ölspitze (englisch Hubbert peak oder peak oil)." (Wikipedia; die äquivalente Stelle in der englischsprachigen Version lautet: "Hubbert is most well-known for his studies on the capacities of oil fields and natural gas reserves. He predicted that, for any given geographical area, from an individual oil field to the planet as a whole, the rate of petroleum production of the reserve over time would resemble a bell curve. Based on his theory, in a paper that he presented to the 1956 meeting of the American Petroleum Institute in San Antonio, Texas, Hubbert made the prediction that overall petroleum production would peak in the United States between the late 1960s and the early 1970s. He became famous when this prediction came true in 1970. The curve he used in his analysis is known as the Hubbert curve, and the peak of the curve is known as the Hubbert peak.").

Den Hinweis auf Hubbert verdanke ich einem Kommentar von "Mac Max-Out" zur Rickover-Rede auf der Webseite "The Oildrum"; in anderen Kommentaren finden sich weitere Hinweise auf Mahner und Warner aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg (mehr dazu in der Nachbemerkung).

Dieser Umstand lässt mich vermuten, dass die seinerzeit von den Industrieländern unternommenen massiven Anstrengungen zur friedlichen Nutzung der Nuklearenergie zumindest auch auf damalige Verknappungsängste bezüglich fossiler Energieträger zurück zu führen sind. Die ‚Generation Sorge' hatte die Wirtschaftskrise und den 2. Weltkrieg durchlebt und kannte Not und Elend aus eigener bitterer Anschauung. In den 70er/80er Jahren rückte die ‚Generation Schlaraffien' nach und auf die Straßen aus: Es war ja alles in Hülle und Fülle da – wozu brauchte man dann überhaupt die gefährliche Kernkraft? Die schweren Erlebnisse der Eltern berührten nicht die wohlbehütete Brut; außerdem waren die Alten ja sowieso Nazis gewesen.

Sollte es irgendwann zu einer dramatischen Stromverknappung kommen, haben die Kernkraftgegner außerdem ein Alibi: schließlich haben sie ja immer gefordert, dass wir Energie sparen. Wenn also die Menschen dem guten Rat nicht gefolgt sind, sollen sie halt fühlen! Wenn es allerdings erst einmal richtig weh tut, werden viele ihre Argumentation ganz schnell umschalten – wie es sich ja jetzt schon, vorerst noch langsam, bei der SPD und sogar bei den Grünen abzeichnet (s. o.). Übrigens können wir froh sein, dass wir die Kernkraftwerke hatten; ohne sie hätten wir keine Energie gespart, sondern stünden noch ein Stückchen näher vor dem Abgrund.


Die Gedankengänge von Rickover haben eine Fülle von faszinierenden Facetten. Auf den ersten Blick besticht die präzise Voraussicht auf Zustände, die Rickover für unsere Zeit vorausgedacht hat und die jetzt tatsächlich in der prognostizierten Weise eintreten.

Bei einer vertieften Lektüre [z. B. anlässlich einer eigenen Übersetzung ;.)] kristallisiert sich im Vergleich zu anderen Texten aber etwas anderes als noch bedeutsamer heraus: Rickovers Denken in Interdependenzen, sein "vernetztes" Denken. Dieses Denken in Zusammenhängen, an dem es heute so schmerzlich mangelt, äußert sich z. B. in dem Satz: "Schließlich wird häufig nicht berücksichtigt, dass durch eine Bearbeitung minderwertiger Erze oder Ersatzmetalle ein erhöhter Brennstoffbedarf entstehen wird." Dafür geht sicherlich nicht die größte Menge an Energie drauf, und heute prozentual wahrscheinlich sogar weniger als damals. Trotzdem ist es eben eins von vielen Löchern, durch welches uns die fossilen Energieträger entrinnen. An diesen ‚Energieabflussrinne' hatte nicht einmal ich gedacht, obwohl ich mir doch alle Mühe gebe, möglichst viele wechselseitige Abhängigkeiten in meine Überlegungen einzubeziehen. Auch sonst erwähnt das gegenwärtig natürlich keine(r) von jenen energiepolitischen Traumtänzern und Traumtänzerinnen, welche uns für jeweils isolierte Probleme ihr Patentrezept andrehen wollen. [Wenn die "Umweltschützer" vernetzt denken würden, hätte sie die Debatte Tank oder Teller vor der Entscheidung für Bioenergie geführt; die Folgen der Versprittung von Nahrungsmitteln sind schließlich leicht vorhersehbar. (Vgl. auch meine Blotts "Werden wir in Deutschland nur von Idioten regiert - oder von Verbrechern?" und "Hungerskandal in Wuppertal: Porsche-Fahrer frisst Rentner-Oma die Polenta vom Teller!") Und gegenwärtig würden sie nicht nach Elektroautos gieren, während sie gleichzeitig die Stromproduktion nach Kräften sabotieren. (S. Blott "Sensationelle Exklusivmeldung: Endlich ein sicheres Endlager für radioaktives Material identifiziert!".)]

Auch in den folgenden Sätzen zeigt sich, welchen weiten Kreis von Potentialitäten Rickovers Denken – im Gegensatz zur heute gängigen Denkverweigerung - zu umfassen versucht:

"Ob wir Holz und landwirtschaftliche Abfälle als zukünftige Energielieferanten nutzen können ist fraglich, weil wir mit einem steigenden Nahrungsmittelbbedarf rechnen müssen. Die Anbauflächen werden wahrscheinlich für die Nahrungsmittelproduktion dringender benötigt als für Holzernten, und landwirtschaftliche Abfälle könnten eher für die Bodendüngung erforderlich sein denn als Treibstoff für Maschinen."

Und weiter:

"Windkraft und Wasserkraftkönnen lediglich einen geringen Prozentsatz unseres Energiebedarfs decken. Darüber hinaus müssten, genau wie bei der Sonnenenergie, aufwändige Strukturen errichtet werden, was den Verbrauch von Bodenfläche und Metallen einschließt, die ebenfalls knapp sein werden."

Für die intellektuellen Leichtgewichte unserer Zeit sind Bodenfläche, Buntmetalle usw. samt und sonders einfach da: gar kein Problem. Wie bei anderer Gelegenheit schon früher, formuliere ich auch in diesem Zusammenhang meinen Frust mal lutherisch-drastisch: Meine zeitgenössischen Zauberkünstler kotzen mich an!

Zwar ist einzuräumen, dass Rickover den Einsatz von Sonnenenergie aus jetziger Sicht etwas zu pessimistisch beurteilt; ebenso wohl die Möglichkeit, Automobile mit Elektromotoren zu betreiben. Insgesamt bleibt seine Analyse aber auch heute, nach 50 Jahren, noch gültig. Diese Technologien befinden sich immer noch im Entwicklungsstadium und sind noch sehr kostenträchtig. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wäre ihr Einsatz in größerem Umfang mit gewaltigen Kostennachteilen und entsprechenden Wohlstandsverlusten verbunden. Ob sich das jemals ändern wird, ist nach wie vor offen (bzw. erscheint mir zweifelhaft). Zum einen bräuchten wir dann in noch größerem Umfang Stromquellen; zum anderen beschleunigt z. B. der Bau von batteriebetriebenen Autos Ressourcenengpässe außerhalb des Energiesektors, nämlich bei seltenen Metallen. Rickover hätte das in seine Überlegungen einbezogen; die Möchtegern-Umweltschützer unserer Zeit dagegen waren teils intellektuell unfähig, größtenteils aber wohl als Gefangene eines ideologisch simplifizierten Realitätsparadigmas einfach nicht gewillt, selbst solche einfachen Zusammenhänge wie den zwischen Nahrungsmittelproduktion und Bioenergie zu analysieren oder überhaupt auch nur zu thematisieren, als sie die Menschheit auf die Biogas-,Ethanol- usw.-Rollbahn einwinkten. Für seine Argumentationslinien im Zusammenhang mit der Klimadebatte habe ich Michael Crichton scharf kritisiert. Wenn man allerdings den Kern seiner Aussage dahingehend versteht, dass die Umweltschutzbewegung nicht selten ideologisch aufgeladen ist, und dass dies kontraproduktiv wirken kann, wird man insoweit auch die von ihm und anderen (meist wirtschaftsliberalen) Kritikern vorgebrachten Warnungen vor einer ideologisierten Öko-Bewegung als nicht gänzlich realitätsfremden Beitrag zur Umweltdebatte würdigen müssen.


Erteilen wir aber nun endlich dem Admiral das Wort (Hervorhebungen in Fettschrift stammen von mir):

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Es ist eine Ehre für mich, heute Abend vor Ihnen sprechen zu dürfen. Denn glauben Sie mir: für einen Laien ist es gar nicht leicht, einem Publikum von Medizinern gegenüber zu treten. Schon ein einziger von Ihnen kann hinter seinem Schreibtisch ziemlich einschüchternd wirken.

Meine Rede hat keinerlei medizinische Bezüge.

Dies mag Ihnen willkommen sein nach all der schweren fachlichen Kost, die Sie hier aufgenommen haben. Ich möchte vielmehr ein Thema erörtern, das, wie ich hoffe, Sie als verantwortungsbewusste Bürger interessiert: die Bedeutung von Energiequellen für die Gestaltung unserer Zukunft.

Historiker werden unsere Epoche eines Tages vielleicht als das Zeitalter der fossilen Energieträger bezeichnen. Heute liefern Kohle, Öl und Erdgas 93% des Weltenergieverbrauchs; Wasserkraft deckt nur 1% ab und die restlichen 6% kommen aus der Arbeit von Menschen und Haustieren. Das ist eine dramatische Umkehrung der entsprechenden Werte für 1850, also vor lediglich 100 Jahren. Damals deckten fossile Brennstoffe 5% des Weltenergieverbrauchs, Menschen und Tiere 94%. Fünf Sechstel der gesamten Menge an Kohle, Erdöl und Gas, die seit Beginn des Kohlezeitalters verbraucht wurden, haben wir allein in den letzten 55 Jahren durch den Schornstein gejagt.

Diese Brennstoffe sind der Menschheit bereits seit über 3000 Jahren bekannt. In Teilen von China wurde Kohle für Heizzwecke und zum Kochen sowie Erdgas zur Beleuchtung bereits um 1000 v. Chr. verwendet. Noch einmal 1000 Jahre früher verbrannten die Babylonier schon Asphalt. Aber diese frühen Nutzungen erfolgten lediglich vereinzelt und hatten keine wirtschaftliche Bedeutung. Erst durch die Erfindung von Maschinen, die mit Kohle, Gas oder Erdöl laufen, wurden fossile Brennstoffe zur vorherrschenden Energiequelle. Noch bis 1880 war z. B. Holz der wichtigste Brennstoff und wurde erst zu dieser Zeit durch die Kohle verdrängt.

Nachdem er einmal voll in Gang gekommen war, beschleunigte sich der Verbrauch fossiler Energieträger mit phänomenalen Zuwachsraten. Sämtliche vor 1900 verbrauchten fossilen Brennstoffe zusammen würden heute nicht einmal 5 Jahre lang den Verbrauch decken.

Und diese Wachstumsraten sind nirgends höher und steigen nirgends schneller an als in den Vereinigten Staaten. Mit lediglich 6% der Weltbevölkerung verbraucht unser Land ein Drittel des weltweiten Energieeinsatzes, und dieses Verhältnis wäre noch größer, wenn wir nicht die Energie effizienter als andere Länder nutzen würden. Jedem Amerikaner steht pro Jahr das Energieäquivalent aus 8 "tons" Kohle zur Verfügung. [Das sind gut 8,8 Tonnen im metrischen System, falls Rickover die "short ton" gemeint hat, die in den USA meist einfach als "ton" bezeichnet wird.] Das ist das 6-fache des weltweiten Pro-Kopf-Energieverbrauchs. Für andere hoch industrialisierte Länder sind die Werte zwar nicht ganz so spektakulär, liegen aber ebenfalls weit über den durchschnittlichen Verbrauchszahlen. Das vereinigte Königreich z. B. verbraucht mehr als das 3-fache des weltweiten Durchschnitts.

Ein hoher Energieverbrauch führt zu einem hohen Lebensstandard. Die gewaltigen Mengen an fossiler Energie, die wir in diesem Land verwenden, machen jeden Einzelnen von uns zum Herrscher über eine Armee von maschinellen Sklaven. Die Muskelkraft eines Mannes wird bei Dauerbelastung mit 35 Watt angesetzt oder einem Zwanzigstel einer Pferdestärke. Maschinen liefern somit jedem amerikanischen Industriearbeiter eine Energiemenge, die derjenigen von 244 Männern entspricht. Mindestens 2.000 Männer schieben sein Auto über die Straßen, und seine Familie beschäftigt 33 treue Haushaltshelfer. Jeder Lokomotivführer gebietet über ein Energieäquivalent von 100.000 Männern, jeder Jet-Pilot über ein solches von 700.00 Männern. Wirklich, noch der einfachste Amerikaner genießt die Dienste von mehr Sklaven, als einst die reichsten Adeligen und er lebt besser als die meisten Könige in alten Tagen. Im Rückblick mögen den Menschen die vergangenen 100 Jahre trotz Kriegen, Revolutionen und Katastrophen wie ein goldenes Zeitalter vorkommen.

Ob dieses Goldene Zeitalter fortdauern wird, hängt ausschließlich von unserer Fähigkeit ab, die verfügbare Energie im Gleichgewicht mit dem Bedarf unserer wachsenden Bevölkerung zu halten. Bevor ich mich diesem Problem zuwende, möchte ich einen kurzen Überblick über die Bedeutung der Energieressourcen für den Aufstieg und Untergang von Kulturen geben.

Der Besitz von überschüssiger Energie ist natürlich eine Grundvoraussetzung für jede Form von Zivilisation, denn wenn der Mensch nicht mehr als die Energie seiner eigenen Muskelkraft besitzt, muss er seine gesamte Kraft – die geistige wie die körperliche – aufwenden, um lediglich seinen unmittelbaren Unterhaltsbedarf zu decken.

Überschüssige Energie schafft die materielle Grundlage für einen zivilisierten Lebensstil. Ein komfortables und geschmackvolles Heim anstatt einer bloßen Unterkunft; attraktive Kleidung statt irgendeinem Überwurf zum Warmhalten; schmackhafte Nahrung statt irgendetwas was gerade den Hunger stillt. Sie verschafft uns jene Freiräume von der alltäglichen Plackerei, ohne welche es keine schönen Künste, keine Musik, Literatur oder Bildung geben kann. Was den Menschen – nicht gerade das stärkste unter den Säugetieren – über die Tierwelt erhoben hat war die Fähigkeit, mit seinem Gehirn Wege zu ersinnen, auf denen er die ihm zur Verfügung stehende Energiemenge vergrößern konnte und seine Nutzung der so gewonnenen Muße, um seinen Geist und Verstand zu pflegen. Wo immer der Mensch nicht mehr hat als seine eigene Muskelenergie kann er sich nur dürftig am Leben halten.

Die ersten Schritte des Menschen auf der Leiter der Kulturentwicklung waren die Nutzbarmachung des Feuers und die Zähmung der Haustiere. Mit diesen Energieressourcen konnte er eine Hirtenkultur aufbauen. Um die Kulturstufe des Ackerbaus zu erreichen, benötigte er mehr Energie. In der Vergangenheit fand er diese in den Arbeitskräften einer patriarchalischen Großfamilie, ergänzt durch Sklaven, welche er durch Kauf oder als Kriegsbeute gewann. Noch heute beruhen einige rückständige Gemeinschaften auf dieser Energieform.

Sklavenarbeit war unverzichtbar für die Stadtstaaten und Reiche der Antike, deren Einwohnerschaft oft mehr Sklaven als freie Bürger zählte. So lange wie Sklaven in großer Menge vorhanden waren und die Sklaverei nicht gesellschaftlich geächtet war, fehlten Anreize für die Suche nach anderen Energiequellen; dies mag durchaus der wichtigste Grund für die geringen Fortschritte der Technologie in früheren Zeiten gewesen sein.

Eine Verminderung des Pro-Kopf-Verbrauchs an Energie hat in der Vergangenheit regelmäßig zu einem Verfall der Zivilisation und zur Rückwendung zu einem primitiven Lebensstil geführt. Zum Beispiel wird die Erschöpfung von Holz als Brennstoff als Hauptursache für den Fall der Maja-Kultur hier in Amerika angesehen wie auch für den Verfall von einstmals blühenden Kulturen in Asien. Indien und China waren einst zu großen Teilen von Wald bedeckt, und ebenso der Nahe Osten. Die Entwaldung schwächte nicht nur die Energiegrundlage, sondern hatte eine weitere verhängnisvolle Auswirkung: durch das Fehlen der Bodenbedeckung wurde die Ackerkrume weggespült und diese Bodenerosion reduzierte zugleich die Ernährungsbasis.

Ein weiter Grund für den Verfall einer Zivilisation ist ein wachsender Bevölkerungsdruck im Verhältnis zum nutzbaren Land. Ab einem bestimmten Punkt kann die Agrarfläche nicht mehr den Menschen und seine Haustiere zugleich ernähren. Pferde und Maultiere verschwinden als erste. Zuletzt wird sogar der vielseitige Wasserbüffel durch den Menschen ersetzt, der Energie zweieinhalbmal so effizient umsetzt wie Zugtiere. Man darf nie vergessen, dass zwar Haustiere und landwirtschaftliche Maschinen die Produktivität pro Arbeitskraft erhöhen, dass sich jedoch die größtmögliche Bodenproduktivität pro Flächeneinheit nur durch intensive manuelle Bewirtschaftung erzielen lässt.

Es sollte für uns ein ernüchternder Gedanke sein, dass jene verarmten Menschen in Asien, welche sich heute nur selten mit vollständig gestilltem Hunger zu Bett legen, einstmals weitaus höher entwickelt waren und weitaus besser lebten als wir im Westen. Und diese Zeiten liegen noch nicht einmal sehr lange zurück. Es waren die Erzählungen von Marco Polo über die märchenhaften Zivilisation in China, welche die Augen Europas auf die Reichtümer des Ostens lenkten und unternehmungslustige Seefahrer anspornten, in ihren kleinen Nachen den weiten Meeren zu trotzen, auf der Suche nach einem direkten Seeweg in den sagenhaften Orient. Noch heute ist uns die Rede von den "Schätzen des Orients" geläufig, doch was immer es dort an Reichtümern noch geben mag: in den heutigen Lebensumständen der Menschen wird davon nichts sichtbar.

Asien hat es nicht geschafft, in seiner technologischen Entwicklung mit den Bedürfnissen seiner wachsenden Bevölkerung Schritt zu halten und verarmte in einem Ausmaß, das vielerorts die menschliche Arbeitskraft wieder zur vorherrschenden Energiequelle werden ließ, nachdem andere Energiewandler zu kostspielig wurden. Selbst dem oberflächlichsten Betrachter kann diese Situation nicht entgehen. In ihren Auswirkungen stellt sie sich schlicht und einfach als eine Rückentwicklung zu primitiven Kulturstufen dar – mit den entsprechenden Folgen für Menschenglück und Menschenwürde.

Wer jemals einen schwitzenden chinesischen Kuli beobachtet hat, wie er sich mit seinem schwer beladenen Schubkarren auf einer Kopfsteinpflasterstraße abquält, wer jemals zusammengezuckt ist, während er an einer endlosen Prozession menschlicher Lasttiere vorbeifuhr – magere Frauengestalten, niedergedrückt von den schweren Lasten auf ihren Köpfen: jeder der einmal diese Menschen von Fleisch und Blut gesehen hat, die sich für uns sonst nur als trockene Statistikzahlen präsentieren, wird über den Grad an Erniedrigung des Menschen erschüttert sein, der sich dort einstellt, wo die Muskelkraft die einzige Energiequelle ist, die er sich leisten kann. Wann immer menschliche Wesen auf solche Weise entwürdigt werden, muss die Zivilisation dahinsiechen.

Wo die Sklavenwirtschaft eine bedeutende Energiequelle war, hatte ihre Abschaffung eine unmittelbare Absenkung des Energieverbrauchs zur Folge. Deshalb verfiel die antike Zivilisation, nachdem das Christentum die Sklaverei ethisch geächtet hatte, bis später andere Energiequellen erschlossen wurden. Sklavenhaltung ist unvereinbar mit dem christlichen Glauben an den Wert noch des niedrigsten Einzelmenschen als ein Kind Gottes. Indem sich das Christentum durch das Römische Reich verbreitete und die Herren im Gehorsam gegen die Lehren der Kirche ihre Sklaven freiließen, zerbröckelte die energetische Basis der römischen Zivilisation. Dies war nach Auffassung einiger Historiker der wesentlichste Faktor, der zum Untergang Roms und zu einem vorübergehenden Absinken des Kulturniveaus in der nachantiken Zeit führte. Allmählich verschwand die Institution der Sklaverei im Abendland, abgesehen von ihrer milderen Ausprägung als Hörigkeit. Dass sie dann tausend Jahre später doch noch einmal wiederbelebt wurde beweist lediglich die Fähigkeit des Menschen, seine Gewissensregungen wenigstens eine Zeit lang zu unterdrücken, wenn nur die ökonomischen Bedürfnisse groß genug sind. Am Ende reichten aber nicht einmal die wirtschaftlichen Zwänge in den überseeischen Plantagen aus, um eine Praxis am Leben zu halten, welche den tiefsten Überzeugungen des abendländischen Menschen so sehr zuwider lief.

Es erscheint gut vorstellbar, dass die Europäer des Mittelalters ihre geistigen Kräfte deshalb auf die Suche nach alternativen Energieformen richteten, weil sie nicht bereit waren, Sklavenarbeit als Grundlage für ihre Energieversorgung zu akzeptieren. Auf diese Weise entfachten sie die Energierevolution des Mittelalters, welche ihrerseits der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts den Weg bahnte. [Anm.: "Power Revolution of the Middle Ages"; für diesen Begriff findet sich in Google lediglich -1- weiterer Beleg, bei Google Scholar keiner; es erscheint mir daher eher zweifelhaft, ob das ein allgemein akzeptierter Begriff der Technikgeschichte für diese Zeit ist.] Mit dem Verschwinden der Sklaverei im Westen entwickelte sich die Technologie. Die Menschen begannen, die Kräfte der Natur in ihren Dienst zu stellen, indem sie Wasser und Wind als Energiequellen nutzten. Besonders das Segelschiff, das die von Rudersklaven angetriebenen Galeeren der Antike ersetzte, wurden von den mittelalterlichen Schiffsbauern enorm verbessert und war die erste Maschine, welche den Menschen die Kontrolle über große Mengen an Energie verschaffte, die nicht von Lebewesen stammt.

Mit der Verwendung von Schießpulver hatten die Europäer den nächsten wichtigen Umwandler großer Energiemengen; diese Energiequelle war der Muskelkraft des stärksten Bogenschützen oder Lanzenreiters weit überlegen. Mit Schiffen, die auf hoher See fahren konnten und Waffen, die jeder rein manuellen Waffe weit überlegen waren, war Europa nunmehr stark genug, um sich der weiten leeren Gebiete des Westens zu bemächtigen. Diese füllte es mit seiner überschüssigen Bevölkerung auf, um neue Nationen europäischer Abstammung zu gründen. Mit seinen Schiffen und Waffen gewann es auch die Kontrolle über volkreiche Gebiete in Afrika und Asien, aus denen es die Rohstoffe bezog, die es zur Beschleunigung seiner industriellen Entwicklung benötigte. Auf diese Weise vervollständige es seine Seeherrschaft und militärische Dominanz um die Überlegenheit in Wirtschaft und Handel.

Wenn eine Gesellschaft mit einem niedrigen Energieeinsatz mit einer Gesellschaft mit hohem Energieeinsatz in Kontakt kommt, ist die letztere immer im Vorteil. Die Europäer erzielten nicht nur einen Lebensstandard, der weit über demjenigen anderer Völker lag; sie erreichten diesen Standard vielmehr gleichzeitig mit einem Bevölkerungszuwachs, der denjenigen anderer Populationen bei weitem übertraf. Tatsächlich verdoppelten sie ihren Anteil an der Weltbevölkerung in der kurzen Zeitspanne von 3 Jahrhunderten. Von einem Sechstel um 1650 wuchs der Anteil von Menschen europäischer Herkunft an der gesamten Weltpopulation auf fast ein Drittel im Jahr 1950.

Währenddessen hielten in großen Teilen der übrigen Welt die Energiequellen nicht einmal Schritt mit dem Bevölkerungszuwachs. Tatsächlich ist der Pro-Kopf-Energieeinsatz in weiten Gebieten sogar zurück gegangen. Eben dieser Unterschied im Energieverbrauch hat zu der ständig wachsenden Wohlstandslücke geführt zwischen einer Minderheit von einem Drittel der Menschheit, die in Ländern mit hohem Energieeinsatz leben, und der Mehrheit von zwei Dritteln in ‚Niedrig-Energie-Gebieten'.

Für diese so genannten Entwicklungsländer ist es jetzt sehr viel schwieriger, zur glücklichen Minderheit aufzuschließen, als für Europa der Übergang von einer Wirtschaftsweise mit niedrigem Energieeinsatz zu einer solchen mit hohem Energieeinsatz war. Zum einen ist bei ihnen das Verhältnis der Bodenfläche zur Bevölkerungsdichte sehr viel ungünstiger. Zum anderen haben sie kein Ventil für ihren Bevölkerungsüberschuss um den Übergang zu erleichtern, weil sämtliche leeren Räume bereits von Völkern europäischer Herkunft besetzt sind.

In fast allen Niedrig-Energie-Ländern verfestigt die hohe Bevölkerungsdichte die Abhängigkeit von einem intensiven manuellen Ackerbau, der gerade mal genug Nahrung für die Menschen produzieren kann. Die Agrarfläche pro Kopf reicht nicht aus, um den Einsatz von Haustieren oder landwirtschaftlichen Maschinen zu rechtfertigen, obwohl besseres Saatgut, eine verbesserte Bodenbearbeitung und bessere Arbeitsgeräte eine gewisse Produktivitätssteigerung bewirken könnten. Dennoch muss ein sehr großer Teil ihrer arbeitenden Bevölkerung auf dem Land bleiben und dieser Umstand begrenzt die mögliche Produktion von überschüssiger Energie. Die meisten dieser Länder stehen vor der Wahl, den produzierten geringen Energieüberschuss entweder für eine Hebung ihres sehr geringen Lebensstandards zu nutzen, oder aber auf einen solchen kurzfristigen Lohn zu verzichten, indem sie den Überschuss in der Hoffnung auf spätere Erträge in neue Industrien investieren. Die Entscheidung ist schwierig, weil es keine Garantie dafür gibt, dass sich der heutige Verzicht nicht am Ende als vergeblich herausstellt. Dies deshalb, weil wegen der raschen Senkung der Mortalitätsraten durch das öffentliche Gesundheitswesen der Bevölkerungsanstieg ebenso hoch oder höher ist als in ‚Hochenergienationen'. Die Alternativen sind bitter; das erklärt auch viel von ihrem antiwestlichen Ressentiment und mag durchaus der Vorbote einer längeren Periode weltweiter Instabilität sein.

Wie eng Energieverbrauch und Lebensstandard verknüpft sind, lässt sich am Beispiel Indiens aufzeigen. Trotz kluger und nachhaltiger Bemühungen seit der Unabhängigkeit beträgt Indiens Pro-Kopf-Einkommen immer noch lediglich 20 Cents am Tag; die Kindersterblichkeit liegt viermal so hoch wie bei uns und die Lebenserwartung der Menschen ist lediglich halb so hoch wie in den industrialisierten Ländern des Westens. Letztlich sind dies die Auswirkungen des geringeren Energieeinsatzes in Indien: ein Vierzehntel des weltweiten Durchschnitts, ein Achtzigstel von unserem.

Bedrohlich ist auch die Tatsache, dass in der Zeit zwischen 1945 und 1951 die Weltbevölkerung um 12% gestiegen ist, die weltweite Nahrungsmittelproduktion dagegen nur um 9%. Und nicht nur wächst die Weltbevölkerung schneller als die Welternährungsproduktion; der Zuwachs der Agrarproduktion vollzieht sich darüber hinaus in den ohnehin schon wohlgenährten Hochenergieländern anstatt in den unterernährten Niedrigenergieländern, wo Nahrung am meisten fehlt.

Ich denke es bedarf keiner weiteren Beispiele um uns die Bedeutung der Energiequellen für unsere eigene Zukunft vor Augen zu führen. Unsere Zivilisation beruht auf einer technologischen Basis, welche den Einsatz von riesigen Mengen an fossilen Brennstoffen erfordert. Welche Gewissheit haben wir, dass unser Energiebedarf auch zukünftig durch fossile Energieträger befriedigt werden kann? Die Antwort lautet: auf längere Sicht gibt es dafür keinerlei Sicherheit.

Die Erde ist endlich. Fossile Energieträger sind nicht erneuerbar. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen der Energiebasis aller früheren Zivilisationen und der unseren. Jene hätten ihre Energieversorgung mit entsprechender Pflege dauerhaft erhalten können, wir nicht. Einmal verheizt, ist Brennstoff für immer weg. Brennstoff ist sogar noch flüchtiger als Metalle. Auch Metalle sind nicht erneuerbare Ressourcen, die eines Tages erschöpft sein werden, doch kann der Schrott teilweise wiederverwertet werden. Brennstoff hinterlässt beim Verbrauch keinen Schrott und es gibt nichts, was die Menschheit tun könnte, um einmal erschöpfte fossile Energievorräte zu erneuern. Die Energie der Sonne hat sie vor 500 Mio. Jahren geschaffen und es hat unermesslich lange Zeiträume gedauert, bis sie zu ihrem jetzigen Umfang angewachsen waren.

Angesichts der unumstößlichen Tatsache, dass der Vorrat an fossilen Energieträgern begrenzt ist, interessiert die genaue Dauer ihrer Verfügbarkeit nur in einer Hinsicht: je länger die Vorräte halten, desto mehr Zeit bleibt uns um Wege zu finden, von erneuerbaren oder alternativen Energiequellen zu leben und unsere Wirtschaftsweise auf jene gigantischen Veränderungen vorzubereiten, die wir von einem solchen Wechsel zu erwarten haben.

Fossile Energieträger ähneln dem Kapital auf der Bank. Vorausschauende und verantwortungsbewusste Eltern werden dieses so wenig wie möglich angreifen, um ihren Kindern ein möglichst großes Erbe zu hinterlassen. Selbstsüchtige und verantwortungslose Eltern werden das Geld in einem verschwenderischen Lebensstil verprassen und sich nicht um das Wohl ihrer Nachkommen scheren.

Ingenieure, die beruflich mit Energiestatistiken zu tun haben, weitsichtige Industrielle, die wissen, dass Energie der entscheidende Faktor in jeglicher Zukunftsplanung ist, verantwortungsbewusste Regierungen, die erkannt haben, dass der Wohlstand ihrer Bevölkerung und die Macht ihres Staates von einer adäquaten Energieversorgung abhängen: sie alle haben begonnen, sich Gedanken über die Energieversorgung zu machen. Insbesondere in diesem Lande wurden in den letzten Jahren zahlreiche Studien erstellt, in denen versucht wurde, genaue Informationen über die Vorräte an fossilen Energieträgern und den vorhersehbaren Brennstoffbedarf zu gewinnen.

Statistiken, welche den Faktor Mensch einschließen, sind selbstverständlich niemals völlig exakt. Die Menge der nutzbaren Reserven hängt von der Fähigkeit der Ingenieure ab, die Wirksamkeit der Brennstoffgewinnung und des Brennstoffeinsatzes zu steigern. Gleichfalls hängt sie von der Entwicklung neuer Verfahren ab, mit denen Energie aus weniger ergiebigen Quellen zu Kosten gewonnen werden kann, die ohne eine gravierende Absenkung des Lebensstandards verkraftet werden können. Schätzungen des zukünftigen Energiebedarfs legen ihrerseits Schätzungen der Bevölkerungsentwicklung zu Grunde, die mit einem hohen Maß an Unsicherheit behaftet sind; dies gilt um so mehr, als der Mensch nunmehr einen Punkt erreicht, wo er seine eigene Art zu leben mehr und mehr kontrollieren wird.

Aktuelle Schätzungen der fossilen Brennstoffreserven variieren in einem erstaunlichen Ausmaß. Teilweise differieren sie deshalb, weil die Förderungskosten oder – bei der Berechnung der zeitlichen Reichweite – das Bevölkerungswachstum nicht einkalkuliert wird. Schließlich wird häufig nicht berücksichtigt, dass durch eine Bearbeitung minderwertiger Erze oder Ersatzmetalle ein erhöhter Brennstoffbedarf entstehen wird. Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit jenem Punkt, wo die Erschöpfung der höherwertigen Erzvorräte uns zur Verwendung geringer wertiger Konzentrate zwingen wird; das erfordert in den meisten Fällen einen größeren Energieeinsatz pro gewonnener Menge an Metall.

Doch der wesentlichste Unterschied zwischen optimistischen und pessimistischen Reserveschätzungen liegt im Zeithorizont begründet: Optimisten sprechen im allgemeinen über die nahe Zukunft; etwa die nächsten 25 Jahre, während Pessimisten die kommenden 100 Jahre im Blick haben. Mir erscheint es vernünftig, in dieser langfristigen Dimension zu denken, auch wenn das zur Folge hat, dass wir unangenehmen Tatsachen ins Auge sehen müssen.

Denn unerfreulich ist es in der Tat, dass nach unseren besten Schätzungen die gesamten Vorräte an fossilen Energieträgern, die sich mit den maximal zweifachen derzeitigen Kosten pro Einheit fördern lassen, sehr wahrscheinlich irgendwann in den Jahren zwischen 2000 und 2050 erschöpft sein werden, wenn man den gegenwärtigen Lebensstandard und die gegenwärtigen Wachstumsraten der Weltbevölkerung zu Grunde legt. Erdöl und Erdgas werden als erste verschwinden, Kohle zuletzt. Natürlich steckt dann immer noch Kohle in der Erde. Aber zu deren Förderung wäre ein enormer Energieeinsatz erforderlich, so dass es notwendig werden könnte, entweder neue Energiequellen zu entdecken oder den Lebensstandard drastisch abzusenken.

Mehr als 100 Jahre lang haben wir eine ständig wachsende Zahl von Maschinen mit Kohle gefüttert; seit fünfzig Jahren pumpen wir Gas und Öl in unsere Fabriken, Pkws, LKWs, Traktoren, Schiffe, Flugzeuge und Wohnungen, ohne jemals an die Zukunft zu denken. Vereinzelte Kassandrarufer wurden zum Schweigen gebracht, wenn wieder einmal eine glückliche Bohrung unsere geschätzten Rohöl-Reserven nach oben revidierte, oder wenn in irgendeiner entlegenen Gegend ein neues Kohlevorkommen entdeckt wurde. Für die Zukunft sind weniger solcher Glücksfunde zu erwarten, besonders in den industrialisierten Ländern, wo die Ressourcen weitestgehend kartographisch aufgenommen sind. Dennoch wollen uns gewisse Vulgärwissenschaftler weismachen, dass die Reserven noch für Tausende von Jahren reichen und dass die Wissenschaft wahre Wunder vollbringen wird, bevor die Energieträger ausgehen. Unsere Geschichte und die bisherige Sicherheit unserer Energieversorgung erfüllen uns mit der naiven Vorstellung, dass jene Ereignisse, vor denen wir uns fürchten, nicht wirklich eintreten werden, dass am Ende doch alles gut ausgehen wird. Kluge Menschen jedoch werden solche Beruhigungspillen verschmähen und lieber den Tatsachen ins Auge schauen, um so für die Bedürfnisse ihrer Nachkommen intelligent vorausplanen zu können.

Wenn wir aus der Mitte des 20. Jahrhunderts in die Zukunft schauen, können wir uns nicht besonders sicher fühlen, dass unser derzeitiger hoher Lebensstandard auch im nächsten Jahrhundert und darüber hinaus noch fortbestehen wird. Die Kosten für fossile Energieträger werden bald unumkehrbar steigen, wenn die letzten und am leichtesten zugänglichen Reserven ausgebeutet sind und die gleiche Energiemenge nur mit größerem Aufwand aus den verbliebenen Ressourcen zu gewinnen ist. Ebenfalls ist es damit zu rechnen, dass die aus Kohle verflüssigten Synthesekraftstoffe teurer sein werden. Können wir wirklich zuversichtlich sein, dass die Wissenschaft bis zu dem Zeitpunkt, wo die rentabel abbaubaren Energievorräte verbraucht sein werden, Wege gefunden haben wird, um einen dauerhaft hohen Lebensstandard auf der Grundlage von erneuerbaren Energien zu ermöglichen?

Wir wären gut beraten davon auszugehen, dass die hauptsächlichsten Quellen erneuerbarer Energien, die wir voraussichtlich bis zum Zeitpunkt der Erschöpfung fossiler Energieträger anzapfen können, lediglich 7 – 15% unseres zukünftigen Energiebedarfs abdecken werden. Die fünf wichtigsten dieser erneuerbaren Energiequellen sind Holz, landwirtschaftliche Abfälle [Anm. des Übersetzers: "Abfälle": das also hat Rickover denn doch nicht vorausgesehen, dass irgendwelche Perversen vollwertige Nahrungsmittel verfeuern würden, wie es heute tatsächlich geschieht.], Wind, Wasserkraft und Sonnenwärme.

Ob wir Holz und landwirtschaftliche Abfälle als zukünftige Energielieferanten nutzen können ist fraglich, weil wir mit einem steigenden Nahrungsmittelbbedarf rechnen müssen. Die Anbauflächen werden wahrscheinlich für die Nahrungsmittelproduktion dringender benötigt als für Holzernten, und landwirtschaftliche Abfälle könnten eher für die Bodendüngung erforderlich sein denn als Treibstoff für Maschinen.

Windkraft und Wasserkraftkönnen lediglich einen geringen Prozentsatz unseres Energiebedarfs decken. Darüber hinaus müssten, genau wie bei der Sonnenenergie, aufwändige Strukturen errichtet werden, was den Verbrauch von Bodenfläche und Metalle einschließt, die ebenfalls knapp sein werden. [Im Grunde könnte man fast alles in Rickovers Rede als brandaktuell hervorheben, aber bei den o. a. Textstellen erscheint dies besonders gerechtfertigt, weil der Mirabilienglaube hinsichtlich alternativer Energien heute im Gegensatz zu damals eine mutmaßlich flächendeckende Erscheinung ist.]
Nach unserem heutigen Kenntnisstand erscheint es auch keineswegs gerechtfertigt, etwa auf die Solarenergie größere Hoffnungen zu setzen, obwohl es wahrscheinlich möglich sein wird, damit in geeigneten Gegenden Wohnungen zu beheizen sowie in warmen Regionen wie Indien, wo es an Holz mangelt, mit Sonnenenergie zu kochen.

Besser sind die Aussichten bei den nuklearen Brennstoffen. Diese sind nicht im eigentlichen Sinne erneuerbare Energiequellen, jedenfalls nicht bei dem gegenwärtigen Stand der Technologie. Aber ihre Fähigkeit zu "brüten" und die sehr große Energieausbeute aus kleinen Mengen an spaltbarem Material zusammen mit der Tatsache, dass solche Substanzen relativ häufig vorkommen scheinen es zu rechtfertigen, Kernbrennstoffe in eine eigenständige Kategorie getrennt von den erschöpflichen fossilen Brennstoffen einzuordnen. Allerdings ist die Beseitigung der radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken ein Problem das gelöst werden muss, bevor man an irgendeine großmaßstäbliche Verwendung von Kernenergie denken kann.

Eine weitere Beschränkung der Verwendung von Atomkraft liegt darin, dass wir sie bislang lediglich in großen Kraftwerken zur Erzeugung von Elektrizität und Heizwärme einsetzen können. Wegen ihrer spezifischen Eigenschaften eignen sich Kernbrennstoffe nicht für eine direkte Verwendung in kleineren Maschinen wie Personenwagen, Lastkraftwagen oder Traktoren. Es ist zweifelhaft ob sie in naher Zukunft als wirtschaftlicher Kraftstoff in zivilen Flugzeugen oder Schiffen dienen kann, sehr große ausgenommen. Statt Lokomotiven mit Nuklearantrieb könnte es sich als vorteilhaft erweisen, elektrische Züge zu verwenden, für welche der Strom zentral in Nuklearkraftwerken zu erzeugen wäre. Wir stehen mit der Nutzung der Kernenergie erst am Anfang; daher ist es schwierig, deren weitere Entwicklung vorauszusagen.

Das Transportwesen – Lebensblut jeder technologisch fortgeschrittenen Zivilisation – dürfte gesichert sein, sobald wir die hohen Anfangsinvestitionen für die Elektrifizierung von Eisenbahnen und den Ersatz von Bussen durch Straßenbahnen oder einen elektrifizierten Nahverkehr aufgebracht haben. Solange aber die Wissenschaft nicht das Wunder vollbringt, Automobiltreibstoff aus irgendwelchen derzeit noch völlig unbekannten Energiequellen zu destillieren, oder solange nicht elektrische Oberleitungen die Automobile auf allen Straßen und Autobahnen mit Strom versorgen können wäre es klug, die Möglichkeit eines Verschwindens von Pkws, LKWs, Bussen und Traktoren einzukalkulieren. Noch ehe das letzte Erdöl aufgebraucht und die Kohleverflüssigung zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen eingestellt ist, könnten die Treibstoffpreise so stark gestiegen sein, dass das Autofahren für Privatleute zu teuer und der öffentliche Personenverkehr wieder ein einträgliches Geschäft wird.

Heute ist das Automobil der verschwenderischste Energieverwender. Seine Energieeffizienz liegt bei 5% im Vergleich zu 23% bei der dieselelektrischen Eisenbahn. Es ist als gefräßigster Verschlinger von fossiler Energie für mehr als die Hälfte des Erdölverbrauchs in diesem Land verantwortlich. Und zur Schaffung des Öls, das wir in den Vereinigten Staaten in einem Jahr verbrauchen, hat die Natur 14 Millionen Jahre benötigt! Passender Weise könnte es eben das Automobil sein, diese größte einzelne Ursache für die rapide Erschöpfung der Ölreserven, welches als erster Brennstoffverbraucher bei einer Verknappung in Mitleidenschaft gezogen würde. Eine Reduzierung der Automobilnutzung würde eine außerordentlich kostspielige Neuorganisation der Lebensweise in den Industrieländern erfordern, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Es wäre klug, wenn wir diese Zukunftsperspektiven bei der Planung von Städten und Industriegebieten schon jetzt im Auge behalten würden.

Unsere gegenwärtig bekannten Vorräte an spaltbarem Material sind um ein Mehrfaches größer als unsere wirtschaftlich abbaubaren Kohlenvorräte. Bevor dieses Jahrhundert zu Ende geht werden wir einen Punkt erreichen, an dem die Kosten für die Gewinnung fossiler Energieträger so weit gestiegen sind, dass Kernbrennstoffe damit konkurrieren können. Zuvor werden wir jedoch große Anstrengungen unternehmen müssen, um unsere gesamten wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse auf eine höhere Ebene zu heben. Ebenso müssen wir sehr viel mehr junge Amerikaner dazu bringen, metallurgische und nukleartechnische Ingenieursberufe zu ergreifen. Anderenfalls werden uns das Wissen und die Menschen fehlen, um jene atomaren Kraftwerke zu bauen, die eines Tages vielleicht den Hauptanteil unseres Energiebedarfs werden liefern müssen. Wenn wir jetzt mit den entsprechenden Planungen beginnen, können wir vielleicht das erforderliche wissenschaftlich-technologische Niveau erreichen, doch bleibt uns dazu nicht mehr allzu viel Zeit. Diese Überlegungen stehen unter der Annahme, dass es nicht zu einem Atomkrieg kommt und dass das Bevölkerungswachstum nicht die heute von den Demographen prognostizierten Werte übersteigt.

Ein Krieg würde selbstverständlich alle menschlichen Kalkulationen über den Haufen werfen. Selbst wachsende weltweite Spannungen unterhalb der Schwelle zum Krieg hätten weit reichende Auswirkungen. In diesem Land könnten sie einerseits dazu führen, dass die heimischen Energieressourcen sparsamer verwendet und mehr Öl importiert wird. Ebenso wäre eine Beschleunigung der wissenschaftlichen Forschung denkbar, die ganz unerwartete neue Energiequellen erschließen könnte. Dem gegenüber würde jedoch das aus den Spannungen folgende Wettrüsten die Erzreserven schneller abschmelzen lassen und so die Herankunft jenes Tages beschleunigen, wo geringer wertige Erze genutzt werden müssen, mit der Konsequenz eines gesteigerten Energieeinsatzes. Unterentwickelte Länder mit fossilen Brennstoffen könnten sich gezwungen sehen, diese der freien Welt vorzuenthalten, oder sie könnten von sich aus auf die Idee kommen, sie für den zukünftigen eigenen Bedarf zu reservieren. Die Auswirkungen auf Europa, das von Kohle- und Rohöleinfuhren abhängig ist, wären katastrophal und wir müssten entweder unsere eigenen Vorräte teilen oder würden unsere Verbündeten verlieren.

Von dem Szenario eines Atomkrieges oder einer unerwarteten Pfadänderung des Bevölkerungswachstums abgesehen dürfen wir ein Anwachsen der Weltbevölkerung von heute 2,5 Milliarden auf 4 Mrd. im Jahre 2000 erwarten. Die USA werden ihre Einwohnerzahl im 20. Jh. voraussichtlich vervierfachen – von 75 Millionen im Jahre 1900 auf 300 Mio. im Jahr 2000 und werden schließlich im Jahr 2050 mindestens 375 Millionen erreichen. Dies käme ziemlich genau der derzeitigen Einwohnerzahl Indiens gleich, welche dort auf etwas weniger als der Hälfte unserer Fläche ernährt werden.

Die Kurve des Bevölkerungswachstums seit vorgeschichtlichen Zeiten – zehntausende von Jahren in der Vergangenheit bis übermorgen, etwa bis zum Jahr 2000 -, bietet einen atemberaubenden Anblick. Wenn wir uns diese Kurve als eine Straße vorstellen, die auf Meereshöhe beginnt und im gleichen Verhältnis wie die Weltbevölkerung ansteigt, bleibt sie für eine endlose Strecke fast eben, entsprechend 99% des Zeitraumes seit Beginn des menschlichen Lebens. Um 6000 vor Christus, bei Beginn der dokumentierten Geschichte, verläuft diese gedachte Straße auf einer Höhe von ca. 20 Metern [70 feet] über dem Meeresspiegel; das entspricht einer Bevölkerung von 10 Millionen. Siebentausend Jahre später, im Jahr 1000 n. Chr., hat die Straße eine Höhe von 560 Metern [1.600 feet] erreicht. Dann wird der Anstieg steiler und 600 Jahre später hat die Straße eine Höhe von 830 m erklommen [2.900 feet]. Im kurzen Folgezeitraum der anschließenden 400 Jahre – von 1600 – 2000 – steigt sie plötzlich scharf, beinahe senkrecht, auf eine Höhe von 8.300 m [29.000 feet] an; das ist die Höhe des Mount Everest, des welthöchsten Berges überhaupt. [Anm. d. Ü.: Der Mount Everest ist etwas höher, nämlich 8.848 Meter. Im Vergleich mit der Realität, wo die Weltbevölkerung auf 6 Mrd. Menschen angeschwollen ist, stellt sich Rickovers leichte ‚Übertreibung' ex post aber sogar noch als krasse Untertreibung heraus.]
In den 8000 Jahren seit Beginn der Geschichte bis 2000 nach Christi Geburt wird die Menschheit von 10 Millionen auf 4 Milliarden Köpfe angewachsen sein, wobei 90% des Bevölkerungswachstums auf die letzten 5% des Zeitraumes – 400 Jahre – entfallen. 3000 Jahre hat die erste Verdoppelung der Weltbevölkerung seit Beginn der geschriebenen Geschichte gedauert; noch 100 Jahre die letzte. Zur nächsten Verdoppelung wird es in lediglich 50 Jahren kommen. Man hat errechnet, dass schätzungsweise jeder 20. aller überhaupt jemals geborenen Menschen in der Gegenwart lebt.

Die Geschwindigkeit des Bevölkerungswachstums hat uns nicht genug Zeit gelassen, um unser Denken anzupassen. Vor wenig mehr als 100 Jahren war eben dieser Fleck auf dem ich jetzt stehe eine Wildnis, wo ein Pionier gänzlich unbehelligt von anderen Menschen und von einer Regierung leben konnte. Wenn es ihm zu eng wurde, d. h. wenn er den Rauch aus dem Kamin seines Nachbarn aufsteigen sah, hatte er die Möglichkeit seine Habe zusammen zu packen und weiter nach Westen zu wandern, und tat das häufig auch. Unsere Existenz als eigenständige Nation begann 1776 mit weniger als 4 Millionen Menschen, verteilt über einen riesigen Kontinent mit scheinbar unerschöpflichen Schätzen der Natur um uns herum. Wir nutzten sparsam, was knapp war - die menschliche Arbeitskraft – und verschwendeten, was in Hülle und Fülle vorhanden schien – die natürlichen Ressourcen – und genau dasselbe tun wir heute noch immer.

Große Teile jener Wildnis, welche die dynamischsten Elemente im amerikanischen Charakter geformt hat, sind nun unter Städten, Fabriken und Vororten begraben, wo jeder Blick nach draußen nichts inspirierenderes vorfindet als den Hinterhof des Nachbarn, wo der aufsteigende Rauch des Feuers aus dessen Feuerkorb deutlich sichtbar ist.

Unsere Existenzweise in dicht gedrängten Gemeinschaften kann nicht die gleiche sein wie das Leben an der Grenze zur Wildnis. Uns steht es nicht länger frei, wie einst den Pionieren, nur für unseren eigenen unmittelbaren Bedarf zu sorgen, unbekümmert um die Zukunft. Wir sind nicht mehr in derselben Weise unabhängig von unseren Mitmenschen und von der Regierung, wie es die Amerikaner vor zwei oder drei Generationen waren. Ein ständig wachsender Anteil unseres Einkommens wird zur Lösung jener Probleme benötigt, die durch ein engeres Zusammenleben der Menschen entstehen: für größere Regierungsapparate, größere Budgets der Städte, Staaten und der Bundesregierung. Allein die Versorgung mit Frischwasser und die Entsorgung unserer Abfallprodukte wird täglich schwieriger und aufwändiger. Um die Beziehungen der Menschen untereinander in industrialisierten verstädterten Gesellschaften und auf überfüllten Autobahnen zu regeln, benötigen wir mehr Gesetze, mehr Polizei und einen größeren Justizapparat als das Amerika zu Zeiten von Thomas Jefferson.

Natürlich zahlt niemand gerne Steuern, doch müssen wir uns daran gewöhnen, dass das größere Amerika von morgen höhere Steuern erfordert.

Ich denke, jetzt ist die Zeit gekommen um nüchtern über unsere Verantwortung gegenüber unseren Nachkommen nachzudenken, jenen Nachkommen, in deren Lebenszeit die fossilen Energieträger erschöpft sein werden. Unsere größte Verantwortung als Eltern wie als Staatsbürger ist es, Amerikas Jugend die bestmögliche Erziehung zu geben. Wir brauchen die besten Lehrer, und in ausreichender Zahl, um unsere jungen Menschen auf eine Zukunft vorzubereiten, die unendlich viel komplexer sein wird als unsere Gegenwart und die eine ständig wachsende Zahl von gut ausgebildeten und hochqualifizierten Männern und Frauen benötigen wird. Das bedeutet, dass wir unverzüglich mehr Schulen, Hochschulen und Spielplätze bauen müssen. Es bedeutet auch, dass wir uns mit einer steigenden Steuerbelastung abfinden müssen um eine deutlich vergrößerte und deutlich besser ausgebildete und anständig bezahlte Menge an Lehrern heranzubilden und zu unterhalten, selbst wenn wir dafür auf momentane Befriedigungen wie den Kauf eines neuen und größeren Autos, oder eines Fernsehers oder eines Haushaltsgerätes verzichten müssen. Solche kleinen Opfer würden, da bin ich ganz sicher, im Amerika von morgen überreiche Früchte tragen. Wir könnten sogar, wenn wir es wollten, jener Jugend den Übergang erleichtern, indem wir unseren Verbrauch an Kraftstoffen und Metallen hier und da etwas zurückschrauben, um einen Sicherheitspuffer zu gewinnen für die erforderlichen Anpassungen, die eines Tages in einer Welt ohne fossile Brennstoffe unumgänglich sein werden.

Noch einen letzten Gedanken möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben. Ein hoher Energieverbrauch war immer die Grundvoraussetzung für politische Macht. Derzeit geht die Tendenz zur Konzentration der Macht auf wenige Länder. Am Ende wird diejenige Nation dominieren, welche die größten Energievorräte kontrolliert. Wenn wir dem Problem der Energiereserven die nötige Aufmerksamkeit schenken, wenn wir klug und rechtzeitig handeln um das zu bewahren was wir haben, und uns sorgfältig auf notwendige Veränderungen einstellen, werden wir unserem eigenen Lande diese beherrschende Position sichern.

    
 

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Nachbemerkungen:

    
 

Der "United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit" hat in einem Rechtsstreit (dito hier) "Public Affairs Associates, Inc. vs. [gegen] Rickover" (fachliche Zitierweise: "Public Affairs Associates, Inc. v. Rickover, 284 F.2d 262 (D.C. Cir. 1960)") am 20.10.1960 im Ergebnis entschieden, dass u. a. die o. a. Rede (die in Fußnote 3, Nr. 10 auch ausdrücklich erwähnt wird) gemeinfrei ist. Der Grund dafür war, dass Rickover selbst seine Reden bis zu einem gewissen Zeitpunkt umfangreich vervielfältigt und kostenlos und ohne Hinweis auf einen Copyrightsvorbehalt verteilt hatte:

"The agreed statement of facts in the case under consideration shows no effort to limit distribution of the speeches delivered prior to December 1, 1958, but rather a willingness to make them available to all who might be interested. Certainly when all of Admiral Rickover's acts of distribution are considered together-- performance, distribution to the press, the copies sent to individuals at the recipient's request and those sent unsolicited, the copies sent in batches of 50 for distribution by the sponsors of speeches-- it is difficult to avoid the conclusion that these acts, in their totality, constitute publication of the speeches and their dedication to the public domain. There is no effort shown to protect the author's private right in any way, no limitation upon who might obtain copies. That these speeches were open to the entire world could not have been more clearly manifested unless the author had printed upon the copies, 'All claims to copyright waived " heißt es in dem Urteil.

Erst später schloss Rickover einen Vertrag mit einem Verlag über die Veröffentlichung seiner Reden und versah diese mit einem Copyright-Vermerk; die ab diesem Zeitpunkten gehaltenen Vorträge gelten denn auch nicht mehr als gemeinfrei. (Zu einer Publikation ist es anscheinend nicht gekommen; schade.)

"Gail the Actuary" (Gail Tverberg) hat den Text am 30.06.2007 auf der Webseite "The Oildrum" reproduziert [sowie am 02.07.2007 auch in seinem Blog "Our Finite World"]. Unter den 71 Kommentaren der Leser der Webseite ‚Das Ölfass', sind nicht allzu viele interessante, doch ist bereits der erste (von "damfino") der beste und in gewisser Weise abschließende Eintrag: "There was a prophet among us, and we did not know" (etwas frei übersetzt: "Ein Prophet weilte in unser Mitte und siehe, wir erkannten ihn nicht").

In direkter Antwort dazu weist "engineer-poet" darauf hin, dass (wie ich oben bereits ausgeführt habe) Rickover nicht der einzige Mahner jener Zeit war:

"We've had many [prophets]. Farrington Daniels was in the nuclear business before he changed his focus to solar energy, and Vannevar Bush's post-WWII book was eerily prescient." (Die Links habe ich eingefügt)

"westexas" fasst nach meinem Eindruck die allgemeine Debatte über Rickovers Bedeutung für die US-Nuklearmarine gut zusammen in dem Satz: " There is wide disagreement in the nuclear Navy about the Rickover legacy, but it's hard to argue with the Navy's nuclear power plant safety record. "

"mbnewtrain" weist darauf hin, dass Rickovers den Bevölkerungszuwachses sogar weit unterschätzt hat: "Rickover was quite a vissionary genius. Only error in his predictions were being overly optimistic about our population and energy use situation. He predicted 4 billion people on earth in 2000, but it ended up as 6 billion." Und liefert eine m. E. zutreffende Einschätzung der Hoffnungen auf alternative Energien: "Alternative & renewable energy sources are available, but the cost will be very high and result in lower standard of living and eventually lower life expectancy, putting both much closer to the world average."

In einem späteren Beitrag spricht "mbnewtrain" das Problem der ausreichenden Verfügbarkeit von naturwissenschaftlich-technischer Intelligenz an, das auch uns auf den Nägeln brennen sollte: "The changes needed are not just political. Admiral Rickover stressed the need for better education to meet the needs of a country where energy scarcity threatened its standard of living. Today we need more students interested in science and engineering and less in finance and law. The US schools still graduate far too many lawyers and not enough engineers. And increasing numbers of IT degree graduates won't help either - more people manipulating bits and inventing 'iphones' won't save us."

Auch "mididoctors" weist darauf hin, dass Rickover mit seinen Warnungen damals nicht allein stand: "
Hyman wasn't the only admiral in on the act. [James] Forrestal was there as well. ..… A host of names appears in the post war period ranting on about depletion geopolitics. ".

"John Macklin" zweifelt ein wenig (auch mir kam dieser Gedanke), ob diese auf uns so brandaktuell wirkende Rede wirklich in dieser Form gehalten wurde: "Gail, Thanks for posting this speech. Its power to persuade those still unconvinced of the coming train wreck would be greatly increased if we were highly confident these words were actually spoken. Anyone out there know if the words in this speech are accurate, i.e. so we don't find future sleuths from the dark side who show the work was annotated and informed by modern times. If his words are accurate, what clarity of vision he had...."

Daraufhin meldet sich Rick Lakin, welcher die Rede zuerst ins Internet gestellt hatte (im Energy Bulletin – s. o.) und bestätigt deren Authentizität: "With regard to the veracity of the document, I must contribute here. I was the one who first read the Christian Science Monitor article and began the search for the speech. I sent out emails to several of Rickover's biographers including Dr. Theodore Rockwell, who worked in Naval Reactors under Admiral Rickover from 1949 to 1964. Dr. Rockwell quickly responded and then sent me a copy of the speech from his research files. From him, I received a copy of an 18 page typewritten document dated May 14, 1957. A cursory look at the document led me to believe that it was manually typed, not printed and therefore I have no reason to believe that the date is not valid. Over his entire career, Rickover routinely distributed copies of his speeches to Congress and other interested parties so that would most likely be the origin of this document. With the assistance of a student, I scanned and OCRed the document and created a PDF. From there I posted on EnergyBulletin.net. I made only one editorial change. The Admiral used a word that would today be considered racially insensitive so I changed it to "Chinese Farm worker". That is the only change from the original document. Admiral Rickover's clarity of vision was exceeded only by his tenacity and determination to see the vision achieved. Remember that this was a low-level Captain who single-handedly drug the United States Navy kicking and screaming into the nuclear age."

Antwort "John Macklin: "Thanks, Rick. I appreciate your comments and efforts to get the speech recognition. Forgive my concerns, but when someone sees the future so clearly, a reader must be cautious these were his words and vision."

"Alexis1956", der sich als "former vice Chairman of an international airline" bezeichnet, äußerst sich gleichfalls sehr positiv über die Rede: "Admiral Rickover was an incredible genius, despite his personal shortcomings. He's a genuine American hero in every sense of the word. It is too bad that we have very few men of his courage, dedication, integrity and brains to help us in what may soon be an energy collapse in which none of us are truly prepared. ….. If the Peak Oil theory turns out to be an undeniable fact, which many of us believe, the specter of Global Warming will soon fade giving rise to a world with a growing thirst for oil products that cannot be quenched." (Hervorhebung von mir)

Das glaube bzw. fürchte ich auch: Das der menschengemachte Klimawandel uns bald als ein sehr kleines Problem im Verhältnis zum Energiemangel erscheinen könnte.

    
 

Weitere Fundstellen für den Text auf / in / bei:

Webseite des US-Abgeordneten "Congressman Roscoe G. Bartlett". Bartlett ist Republikaner, macht sich aber dennoch große Sorgen um "Peak Oil". In einer Ansprache u. d. T. "Commemorating Admiral Rickover's 1957 speech on energy" vom 14.05.2007 an das House of Representatives trug Bartlett große Teile der Rickover-Rede mit einigen aktualisierenden Anmerkungen und verbindenden Bemerkungen erneut vor. Rhetorischen Glanz hat das Ganze nicht; das hätte man besser machen können (z. B. die Daten und einige Textpassagen aktualisieren und sie als eigene Rede vortragen; hinterher den zweifellos begeistert applaudierenden Zuhörern sagen: ‚war gar nicht von mir, das hat man uns schon vor 50 Jahren gesagt!'). Anerkennenswert ist aber die Sachkenntnis und das energiepolitische Engagement von Bartlett, und einige seiner Äußerungen verdienen es, hier festgehalten zu werden:

"…the peak oil crisis is one we won't make it through "

"And in spite of increasing evidence from the engineering and scientific world [für die Erschöpfung der fossilen Energiereserven], a large percent of our people and, unfortunately, of our leadership, are effectively in denial of this."

"When we found this incredible wealth under the ground, and Admiral Rickover understood how incredible it was, we really should have stopped and asked ourselves the question, what can we do with this to provide the most good for the most people for the longest time? That clearly is not what we did. With no more responsibility than the kids who found the cookie jar or the hog who found the feed room door open, we just have been pigging out, and we want to continue to do that."

"Now the urge is just to find what little remains as quickly as we can. Where is the moral responsibility for our kids and our grandkids? Where is the moral responsibility for generations yet unborn? [Zitat Rickover:] `'Engineers whose work familiarizes them with energy statistics; far-seeing industrialists who know that energy is the principal factor which must enter into all planning for the future; responsible governments who realize that the well-being of their citizens and the political power of their countries depend on adequate energy supplies; all these have begun to be concerned about energy resources.' [Zitat Ende] Boy, if that was true then, why, something happened, because far too few people today are concerned about energy resources."

"Waste energy is a really great idea, but remember that these enormous piles of waste are the result of profligate use of fossil fuels. In a fossil fuel deficient world, there will be diminished piles of waste."

"There is a lot of hype today about biomass, …"

(Hervorhebungen von mir)

    
 

theGlobalist (Teil 1; Teil 2-),

EV World (mit einigen Leserkommentaren),

Blog Isis' Library

Swans Commentary (mit Einführung)

raiazome ("An An-archist's Companion")

(Das muss mal genügen; wer weitere Webseiten mit der Rede findet, mag sie in den Kommentaren posten.)

    
 

Der Christian Science Monitor hatte am 05.06.1957 in einem Artikel (hier im Energybulletin abgedruckt und dort als Bilddokument verfügbar) mit der Überschrift "The Future of Fossil Fuels. An Intimate Message from Washington" über die Rede Rickovers berichtet.

    
 

Man kann einiges an Symbolgehalt in den Umstand legen, dass Rickover seine historische Rede in einer Stadt namens "St. Paul" (in Minnesota) gehalten hat. Man könnte hier von einer energiepolitischen Heidenmission sprechen. Hinsichtlich der Nutzung von Kernkraft war sie ja zunächst auch erfolgreich. Bei der Forderung nach sparsamer Energieverwendung haben jedoch schon damals alle die Ohren zugehalten.

Heutzutage müssten zunächst die KKW-Gegner missioniert werden; Energie sparen will ja angeblich jeder. Allerdings bezweifle ich, dass es uns Menschentieren bio-strukturell überhaupt möglich ist, Energie auf freiwilliger Basis dauerhaft einzusparen.

Wenn wir Energie durch hohe Investitionen (z. B. in Wärmedämmung) einsparen, kosten diese Maßnahmen (zunächst jedenfalls) selbst Energie. Haben wir dagegen energetisch einen "high return on investment", dann schlägt sich das auch finanziell positiv nieder: wir sparen Geld. Doch was machen wir damit? Natürlich geben wir das Geld wieder aus und schaffen somit eine zusätzliche Nachfrage nach Gütern oder Dienstleistungen; deren Befriedigung kann wiederum nur mit zusätzlichem Energieaufwand erfolgen. Wir können bzw. der Staat kann unsere Kröten natürlich auch hungerhemmend oder entwicklungsfördernd gen Süden schaffen: da verbrauchen halt andere die Energie. (Wohl die meisten der Energiesparstrategen sind edle Menschen, welche ( auf dem Papier zumindest; in der Realität rücken auch die ihr Geld nicht freiwillig raus) unser Wohlstandsniveau freudig über die weite Welt verteilen wollen. Was natürlich die Ressourcen noch weitaus rascher dahin schmelzen lassen würde.)

Wie auch immer: der größte Apostel der Energieheiden ist heute St. Poil (Peak Oil). Der hat, vermittelt über den Geldbeutel, die ersten bereits wieder zum Atomstrom bekehrt. Und wenn die Energiepreise weiterhin kräftig steigen, wird man eine wahre Stampede der Reuigen (auch) zurück zur Atomenergie erleben. Das könnte allerdings zu spät sein, um zumindest auf kurze Sicht den Bedarf zu decken; der Bau von KKWs dauert selbst dann längere Zeit, wenn wir von den zahlreichen politischen und administrativen Hindernissen einige aus dem Weg räumen.

    
 

Quellenmaterial über Rickover findet man im Web bei dem US Naval Institute; eine umfangreiche Bibliographie, auch z. B. mit Zeugenaussagen vor dem US-Kongress usw., im "Worldcat". Aus diesem "Interview" werde ich nicht recht schlau.

    
 

Weiterführende Links zur Debatte um die Kernenergie hat z. B. die Redaktion der "Zeit" zusammengestellt (Brauchen wir die Atomenergie?), und zwar nicht nur aus den eigenen Artikeln, sondern auch zu Institutionen usw. und sogar zur Konkurrenz (FAZ usw.).


Nachtrag 28.07.2008
"Admiral Rickover: Lessons for Business Leaders" ist ein sehr langer Artikel über Rickovers Qualitäten als Manager.

Ein Bild (eine anspruchsvolle s/w-Porträtaufnahme des Admirals im Alter) präsentiert uns das Buch (oder nur die Webseite?) "Unsere Bombe". Und Futter für die Kernkraftgegner dazu, denn hier werden von Rickover (in deutscher Übersetzung) Aussagen zitiert, die er in einer Anhörung vor dem Verteidigungsausschuss des US-Kongress am 28.01.1982 gemacht hat (also kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Dienst am 31.01.82):
"Ich finde auf lange Sicht - ich rede jetzt von der Menschheit - wäre das Dringlichste, dass wir zu einer internationalen Übereinkunft kommen und zuerst Atomwaffen verbieten und dann auch Atomreaktoren."
"Ich glaube nicht, dass Kernkraft sich lohnt angesichts des Strahlenrisikos, das man damit auf sich nimmt. Nun könnten Sie mich fragen, warum ich dann atomgetriebene Schiffe habe. Das ist ein notwendiges Übel. Ich würde sie alle versenken . . . ich bin nicht stolz auf die Rolle, die ich dabei gespielt habe. Ich tat es, weil es notwendig war für die Sicherheit dieses Landes."
"Ich glaube, dass sich Kernkraft in der zivilen Energieversorgung als wirtschaftlicher erweist, aber das ist ein falsches Denkschema, weil wir dabei nicht die potentiellen Schäden berücksichtigen, die das Freisetzen von Strahlung bei zukünftigen Generationen anrichten kann."

Das Problem (für Kernkraftgegner, die etwa Rickovers Zeugnis für sich reklamieren möchten) ist nur, dass er gerade vor dem letzten der o. a. Statements (in der Reihenfolge im Text übrigens den anderen vorangehend) das genaue Gegenteil gesagt hatte:
Proxmire: "Admiral, die zivile Nutzung der Kernenergie ist in diesem Land beinahe zum Stillstand gekommen. Wird sie in der Zukunft jemals zu einer brauchbaren Energiequelle werden?"
Rickover: "Ich denke, dass wir letzten Endes auf Kernenergie angewiesen sein werden, weil wir unsere nichterneuerbaren Ressourcen allmählich erschöpfen. Ich meine, dass sie weit schneller zur Neige gehen werden, als wir glauben, und die Erschliessungskosten steigen jetzt schon ständig."

Schlussfolgerung: Der alte Admiral muss zu diesem Zeitpunkt - mit 82 Jahren und 3 Tage vor seinem unfreiwilligem Ausscheiden - ganz kurz die Kontrolle über die Kohärenz seiner Aussagen verloren haben, oder er fing einfach an, tüddelig zu werden. Auch seine Bemerkung (genau im Satz davor, aber in einem anderen Zusammenhang) "Wie finden Sie das, Senator Proxmire? Sehen Sie? Ich habe ihn kalt erwischt . . " macht einen leicht infantilen bzw. senilen Eindruck.
Trotzdem sind einige seiner Bemerkungen gegen den Schluss der Befragung hin köstlich; auch wenn sie in meinem vorliegenden Argumentationskontext funktionslos sind, möchte ich sie doch für mich und meine Leser/innen hier aufbewahren:
"Ich denke, wir werden unsere Vernichtung wahrscheinlich so oder so herbeiführen, also welchen Unterschied macht das? Eine neue Gattung wird entstehen, die vielleicht klüger ist. Wir halten uns für klug, weil wir - [unterbrochen]
...............
Ich weiss es nicht. Sie fragen mich, was ich denke - als einer, der von diesen Dingen wahrscheinlich mehr weiss und mehr über sie nachgedacht hat als sonst jemand auf der Welt.
[Die Fragen von Proxmire betrafen die Möglichkeit oder Notwendigkeit von Abrüstung; die Antwort von Rickover ist nicht frei von Arroganz.]

Ich glaube, ich habe einen guten Verstand und kann diese Dinge durchdenken, und ich weiss um das Wesen des Menschen auf dieser Erde und die Rolle, die er auf ihr spielt. Ich glaube nicht an eine Hilfe von oben.
Ich denke, wir machen uns unser eigenes Bett, und in dem müssen wir liegen. Wir können jeden Sonntag in die Kirche* gehn und beten, aber der Herr wird auch noch von vielen anderen Welten beansprucht, und in seinen Augen sind wir nicht das Wichtigste im Universum."
(Hervorhebungen von mir)
* Rickover war ursprünglich Jude, konvertierte aber (wohl 1931; "shortly after marrying" heißt es in der englischen Wikipedia-Version), zur anglikanischen Kirche (Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika).


Nachtrag 29.07.2008
Am 12.05.1982 hielt Rickover die 2. der jährlichen "Morgenthau-Gedächtnis-Vorlesungen" ("Second Annual Morgenthau Memorial Lecture"; mit anschließenden Fragen des Publikums) des "Council on Religion & International Affairs" unter dem Motto "Thoughts on Man's Purpose in Life". Auch dieser Vortrag (übrigens weitgehend identisch mit einer Ansprache Rickovers "at a Luncheon Meeting of the San Diego Rotary Club, San Diego, California", vom 10.02.1977) hat nicht direkt mit meinem vorliegenden Blott-Thema zu tun, ist aber wiederum allzu faszinierend, um nicht einige Zitate daraus festzuhalten. Diese Eigenschaften sieht Rickover als Voraussetzung für ein innerlich erfülltes und für die Gemeinschaft (i. d. R.) nützliches Leben an:
Resposibility, perseverance,excellence, creativity und courage.

"Liberal learning" fordert er, um u. a. die "capacity to understand complexity" zu fördern: "You don't go to heaven if you die dumb".
Ein interessanter Gedanke (den aber vielleicht andere auch schon hatten) über Religion und Ethik in ihrer gesellschaftlichen Funktion:
"We are now living on the accumulated moral capital of traditional religion. This is running out, and we have no other consensus of values to take its place. This is partly because man can now obtain on earth what previously was vouchsafed him in heaven."
"Life musst be felt, not observed."
Keine hohe Meinung hatte Rickover von den Präsidenten, unter denen er gedient hatte. Auf die Frage "Have any of our presidents fulfilled the requirements you have described for man's purpose in life" kam die kürzeste und direkteste seiner Antworten: "No". (Zu diesem Zeitpunkt war er ja auch schon pensioniert; vorher hätte er wahrscheinlich die gleiche Meinung gehabt, aber so kompromisslos denn vielleicht doch nicht in aller Öffentlichkeit geäußert.)
Seine Sicht der Menschheit: "Only a third of the people in the world are asleep at any one time. The other two-thirds are scheming about how to take advantage of those who are asleep."


    
 

Nachtrag 03.08.2008:

Das Time Magazine vom 14.03.1983 brachte einen kurzen Bericht (Abs. 2) über die o. a. Abschiedsparty der drei Ex-Präsidenten (Richard Nixon, 70, Gerald Ford, 69, and Jimmy Carter, 58) für Rickover.

 Hier wurde er in die ‚Ruhmeshalle der verrückten Chefs' ("The crazy boss Hall of Fame") aufgenommen.

Hier eine kurze Lebensbeschreibung.

Diese Buchbesprechung u. d. T. "The Admiral vs. the Navy" aus der N. Y. Times vom 31.01.1982 (also genau am Tag von Rickover Ausscheiden aus dem Dienst) von JOHN W. FINNEY ["JOHN W. FINNEY, WHO REPORTED ON THE PENTAGON FOR MANY YEARS, IS NEWS EDITOR OF THE WASHINGTON BUREAU OF THE NEW YORK TIMES"] des Buches "RICKOVER" von Norman Polmar and Thomas B. Allen ["Illustrated. 744 pp. New York: Simon & Schuster"] vermittelt dem Leser einen tiefen Einblick in die Persönlichkeit und das Wirken von Rickover.

Informationen über das weltweit erste atomar getriebene Unterseeboot, die USS Nautilus (SSN-571), in der Wikipedia: dt.; USS Nautilus (SSN-571) - Wikipedia, the free encyclopediaengl.; sowie hier anlässlich der Feier des 50. Jubiläums.

Schon 1962 war Rickover der (verdeckte) "Held" eines Musicals "The Captains and the Kings", das aber wohl nicht erfolgreich war (it "departed after seven performances" heißt es in dieser Kurzbesprechung "Popgun Salute" des Time Magazine vom 12.01.62).


Nachtrag 02.09.2008
Wer sich dafür interessiert, wie die Menschen - nicht Goethe + Co., sondern die Masse - in der Vorölzeit wirklich lebten, oder wer einfach der literarischen Horrorstories überdrüssig geworden ist und sich mal wieder richtig gruseln möchte: solchen Suchenden empfehle ich einen Aufsatz des verstorbenen Hamburger Hygieneprofessors Stefan Winkle über die sanitären Verhältnisse im Paris des "Ancien Régime": "Paris am Vorabend der Französischen Revolution. Städtehygienisches und Sozialmedizinisches aus Merciers 'Tableau de Paris'
." (Auch hier zu finden.)



Textstand vom 21.12.2008. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.


Ein Post-Scriptum vom 31.08.2008:
Hier meditiert, an einem lauen Juli-Abend, der Blogger (bzw. just zu dieser Zeit "Übersetzer") in einem Gasthausgarten in Allendorf an der Werra (Bad Sooden-Allendorf) über die Energiefrage - oder über was auch immer.
(Das Copyright für dieses eindrucksvolle Foto liegt, nur vorsorglich sei es gesagt, bei meiner Ehefrau Joann Brinkmann.)

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