Dienstag, 9. Dezember 2008

Guten Morgen Bundesbank! Auch schon ausgeschlafen?

Das scheue Kapitalreh zu vertreiben, sollte eine der leichtesten Übungen für Banken sein. Einfach keine Rendite anbieten, und wenn der Nullzins nicht hilft, notfalls noch Strafzinsen verlangen.

Wenn die Zentralbanken nicht einmal fähig sind, unwillkommene Geldeinlagen zu verjagen - wie wollen die dann die Wirtschaft ankurbeln?
Während bei den Geschäftsbanken Geldeinleger in der Regel willkommen sind, ist es für eine Konjunkturbelebung erforderlich, dass die Anleger kein Geld bei der Notenbank deponieren. "Anleger" sind hier allerdings nicht Privatpersonen, auch nicht irgendwelche Firmen, sondern eben die Geschäftsbanken. Die werden derzeit von den Zentralbanken mit Geld vollgepumpt bis zum Geht-nicht-mehr, in der Erwartung, dass sie es in die Wirtschaft durchreichen. Doch was tun die? Parken es bei den Zentralbanken!

Die Klagen darüber (vgl. z. B. hier den Artikel "Banking crash hits Europe as ECB loses traction" von Ambrose Evans-Pritchard vom 30. Septemver 2008), in zahlreichen Meldungen spätestens seit dem Ausbruch der Bankenkrise im September / Oktober dieses Jahres ständig wiederkehrend, habe ich allerdings nie verstanden. Die Notenbanken hätten es doch selbst in der Hand, den Geldfaulenzern das Parken bei sich zu verleiden? Ist ja schließlich ein nahe liegender Gedanke, dass man, wenn man das Geld nicht haben will, die Einlagenzinsen auf Null senkt (an Strafzinsen hatte ich noch nicht einmal gedacht).

Ich frage mich, warum es so lange gedauert hat. Bereits am 01.12.2008 hatte ich im ZEIT ONLINE Blog "Herdentrieb" (im Kommentar Nr. 26 zum Eintrag "Niemand hat Angst vor Inflation" von Dieter Wermuth die Frage aufgeworfen, aus welchen Gründen es die Notenbanken zulassen, dass dass Geschäftsbanken, die ihre Reserven dort deponieren, überhaupt Zinsen erhalten.

Jetzt endlich kommen unsere Zentralbanker langsam auf den Trichter:
"Nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen werden neben einer Clearingstelle weitere Ergänzungen diskutiert. In der Bundesbank wie im Finanzministerium hält man es für denkbar, die Konditionen für Einlagen bei der Zentralbank so zu verschlechtern, dass die Banken keinen Anreiz mehr haben, ihr Geld bei den Notenbanken zu parken. Im Gespräch sind ein Nullzinssatz und eine Strafabgabe für solche „Parkguthaben“ bei der Bundesbank, erfuhr das Handelsblatt " berichten Sven Afhüppe und Daniel Goffart im Handelsblatt vom 08.12.2008 unter dem Titel "Strafabgabe für „Parkguthaben“. Berlin prüft neue Banken-Garantie". Der Bürger darf jetzt darüber rätseln, warum es den Bankern nicht eher aufgefallen ist, dass man unerwünschte Gelder fernhalten kann.
Eine weitere Frage ist, ob die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbanken in anderen Ländern (auch das Federal Reserve System - Fed - in den USA, falls dort ebenfalls Banken Geld bunkern) ebenfalls einschlägige Maßnahmen ergreifen werden. Denn die Geldparkerei ist kein spezifisch deutsches Phänomen:
" 'Banken legen ihre überschüssige Liquidität lieber zu niedrigeren Zinsen bei der Zentralbank an, als sie einer anderen Geschäftsbank zu leihen', hieß es in den Kreisen. Diese Vertrauenskrise sei kein typisch deutsches Phänomen, sondern auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten."


Und schließlich bleibt die Frage offen, ob und wann solche Maßnahmen bei uns tatsächlich ergriffen werden, bzw. aus welchen Gründen ggf. nicht?


Im übrigen könnten die Zentralbanken den Konsum auch in einer sehr viel direkteren Form ankurbeln, als über Offenmarktoperationen, Diskontfenster usw. Sie bräuchten lediglich den Geschäftsbanken Billigstkredite zu geben, z. B. zu 1% Zinsen (oder zu dem Satz, der sich bei einer Versteigerung ergibt) und diese mit der Auflage zu versehen, sie für Verbraucherkredite, mit einem bestimmten festen Zinssatz, zu verwenden. Natürlich müssten die Notenbanken ihrerseits den Zinssatz auch für die gesamte Kreditlaufzeit stabil halten; die Banken müssten diese Kredite bei den Notenbanken im gleichen Rhythmus abtragen wie sie von ihren Kreditnehmern ratenweise Rückzahlungen erhalten. Die Zentralbanken könnten auch, um Mitnahmeeffekten vorzubeugen, die Ausleihungen an weitere Kriterien knüpfen, z. B. sie nur denjenigen Banken geben, die schon aus eigenen Mitteln Verbraucherkredite in Höhe von, sagen wir, 80% oder 90% ihres längerfristigen Durchschnitts vergeben haben. Knauserbanken würden dann leer ausgehen und hätten einen Wettbewerbsnachteil.
Notfalls könnte man die Geschäftsbanken mit ähnlichen langfristigen Anreizen auch dazu bringen, wieder mehr und günstigere Kredite an Firmen zu vergeben.

Das Kreditrisiko müsste selbstverständlich bei den Geschäftsbanken bleiben; schließlich wollen wir ja keine Subprime-Blasen erzeugen.

Ich selbst stehe jeglichen Ankurbelungsmaßnahmen zwar skeptisch gegenüber, weil uns ein kräftiger Konjunkturaufschwung binnen kurzem wieder in die Ressourcenfalle führen würde. Aber wenn man partout Konjunkturmaßnahmen für erforderlich hält, wäre es m. E. besser, dafür die Kreditnehmer zahlen zu lassen anstatt den Staat, also letztlich die Steuerzahler, Konjunkturpakete über Staatsschulden - Deficit Spending - finanzieren zu lassen.

Nachträge 26.12.08:

Dass die EZB sich kurzfristig bemühen wird, kreative Methoden der Kreditzufuhr zu entwickeln, anstatt stur auf die traditionellen Notenbankinstrumente zu setzen, kann man sich aber vermutlich abschmincken:
"Nach Ansicht von DekaBank-Chefökonom Ulrich Kater dürfte eine Geldpolitik jenseits des Leitzinses die EZB anders als deren US-Kollegen derzeit noch nicht beschäftigten. 'Sie werden erst darüber nachdenken, wenn sich die Konjunktur in Europa ab Mitte 2009 überhaupt nicht belebt' " erfahren wir im Handelsblatt-Bericht "Druck auf EZB steigt. EZB-Ratsmitglied: Zinssatz unter zwei Prozent möglich" vom 17.12.08.

Immerhin will die EZB aber nun wohl zumindest (gewissermaßen) die Gebühren für das Geldparken erhöhen: "Kreditklemme. EZB prüft Senkung des Einlagezinses" berichtet das HB vom 16.12.08.


Nachtrag 28.1.09:
Sie ist wirklich (halb) wach geworden, die Europäische Zentralbank (EZB): hat jetzt (am 15.01.09) die Leitzinsen sehr differenziert (nicht) geändert. Wie in dieser Aufstellung (Zeitreihe ab 1999) auf der EZB-Webseite ersichtlich, hat sie den Hauptrefinanzierungssatz um 0,50 Prozentpunkte gesenkt und den Spitzenrefinanzierungssatz gleich gelassen. Die Zinsen der Einlagefazilität, also den Zinssatz für Gelder, welche die Banken (vorübergehend) bei ihr anlegen wollen, hat sie dagegen von 2 Prozent auf nur noch 1 Prozent abgesenkt. Jetzt sollte es eigentlich äußerst unattraktiv für die Banken sein, ihr Geld bei der EZB zu parken.


Nachträge08.02.2009

Es scheint sich etwas zu bewegen bei der 'Euro-Fed' der Europäischen Zentralbank. Diesen Eindruck muss man jedenfalls gewinnen, wenn man den Zeit-Online-Artikel "Zinspolitik. Furcht vor der Liquiditätsfalle" von Alexandra Endres vom 5.2.2009 liest:
"Die EZB lässt den Zins unverändert. Sie sollte direkt Kredite an Firmen vergeben, um die Konjunktur zu stützen, fordern Ökonomen. Doch EZB-Chef Trichet hält sich zurück." Das macht noch keinen sehr bewegten Eindruck, aber am Schluss wird Trichet zitiert (meine Hervorhebung):
"Die Debatte dürfte sich nach dem EZB-Treffen am Donnerstag fortsetzen – auch innerhalb der Zentralbank. Ihr Chef Trichet deutete jüngst an, die EZB sei bereit, auch unorthodoxe Mittel gegen die Krise einzusetzen. Welche das sein könnten, ließ er jedoch offen. "Bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt tun wir Dinge, die nicht mehr Standard sind, und man könnte noch mehr tun. Wir werden sehen. Ich kündige nichts vorab an und ich schließe auch nichts aus", sagte er."

Einige im vorliegenden Diskussionszusammenhang wichtige Bemerkungen (die mir überhaupt in der öffentliche Debatte unterbelichtet scheinen) finde ich in einem ganz anderen Kontext (Kritik an Einflussnahme der Politik auf Kreditvergabe) in dem Handelsblatt-Aufsatz "US-Banken: Wer die Musik bezahlt ..." von Rolf Benders. Dort erfahren wir einiges über das Verhältnis von Bankkrediten zu Gesamtkrediten (meine Hervorhebungen):
"Blagojevich & Co stützen sich bei ihren Forderungen auch auf den in der breiten Öffentlichkeit als gesichert geltenden Befund, dass die Banken zu wenige Kredite vergeben und damit Schuld an der sich vertiefenden Rezession tragen. Tatsächlich zeigen die Statistiken der US-Notenbank Fed, dass die US-Geschäftsbanken trotz der Rezession ihre Kreditvergabe 2008 sogar um 5,6 Prozent ausgedehnt haben. Vergessen wird bei diesen Diskussionen regelmäßig, dass die traditionellen Institute seit einiger Zeit für die Kreditversorgung der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Ihr Anteil sank seit 1982 von 40 Prozent auf 22 Prozent. Den Rest stellten Geldmarktfonds und die Verbriefungsmaschinen der Investmentbanken bereit."
Im Zusammenhang mit den von mir im o. a. 1. Nachtrag angeführten Forderungen nach direkter Kreditvergabe durch die EZB ist Benders Folgerung relevant (auch wenn sie konkret nur die US-Verhältnisse im Auge hat) :
"Da es derzeit faktisch unmöglich ist, Darlehen, in Anleihen verbrieft, am Markt weiterzuverkaufen, ist diese Kreditquelle weitgehend versiegt. Daher sind die Ankaufprogramme der Fed für diese Bonds, mit denen der Verbriefungsmarkt wieder in Schwung gebracht werden soll, so wichtig."


Nachtrag 05.08.2009
Wie die Privatbanken von den Stützungsmaßnahmen des Staates und der Notenbanken auch indirekt profitieren, erläutern Henny Sender und Tobias Bayer in dem Artikel "Geldmaschine Rezession. Staatsschulden machen die Banken reich" vom 03.08.2009.
"2500 Mrd. $ werden die USA diese Jahr an Schulden machen. Die Platzierung der entsprechenden Anleihen ist ein hochlukratives Geschäft. Doch auch die Notenbanken lassen Geld regnen: Denn ihre Ankündigungen treiben Bonds stets in vorhersehbare Richtungen. .....
Die Finanzinstitute verdienen dabei nicht nur mit dem Staat, sondern auch mit den Notenbanken. Die US-Notenbank kauft Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere im Umfang von 1750 Mrd. $ auf. Da sie ihre Pläne stets im Voraus bekannt gibt, bieten sich für die Wall Street automatisch Gewinnchancen: Vor dem Kauf durch die Notenbank steigen die Kurse, vor der Emission durch das Finanzministerium fallen sie. Beides ist gut für die Banken
."






Textstand vom 05.08.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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