Sonntag, 28. Februar 2010

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein denke!

Nicht die Einsicht in diesen Sachverhalt und ein daraus rational abgeleitetes Handeln waren allerdings der Grund, weshalb ich mich jetzt (nach langer Zeit wieder einmal) intensiv an der Debatte in einem Fremdblog beteiligt habe.

Vielmehr war das Thema allzu reizvoll, welches Mark Schieritz in seinem Beitrag "Die Mär von der Entstofflichung" 23. Februar 2010 in dem viel (und von teilweise sehr kenntnisreichen Lesern) besuchten Blog "Herdentrieb" präsentierte.

Am Anfang stand freilich ein Missverständnis meinerseits, denn ich dachte, dass sich der "Entstofflichung" auf eine Änderung unserer Wirtschaftsweise hin zu einem geringeren Rohstoffverbrauch bezöge, wie es in der englischsprachigen Wikipedia (freilich neben anderen Wortbedeutungen) unter dem Stichwort "Dematerialization" beschrieben wird, oder im Dictionary of Sustainable Management).

Tatsächlich geht es dem Zeit-Redakteur Schieritz aber um etwas anderes, was bei mir gedanklich unter dem Begriff "Derivatewirtschaft" läuft, nämlich die Vorstellung, dass das Geld in der Welt zunehmend in einem selbstreferenziellen Kreislauf innerhalb der Finanzmärkte zirkuliert (vgl. z. B. meinen Eintrag "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" vom Mai 2006):
"Als ich – es ist inzwischen lange her – an die Universität kam, war gerade die so genannte Entstofflichungsthese populär. Elmar Altvater und andere argumentierten, die Finanzwelt habe sich ganz und gar von der realen Wirtschaft entkoppelt und führe ihr destruktives Eigendasein" berichtet Schieritz und hält diese Vorstellung für widerlegt:
"Doch um mit einem früheren Bundesaußenminister zu sprechen: I am not convinced.
Nehmen wir das Beispiel Subprime: Da wurden also Kredite vergeben an Menschen, die es sich nicht leisten können, die Darlehen wurden zerstückelt und verpackt, auf der ganzen Welt verteilt und viele Banker sind dabei unermesslich reich geworden – aber es waren dennoch Kredite. Sie wurden verwendet, um Häuser zu bauen und Vorgärten anzulegen. Mehr Realwirtschaft geht nicht. Auch das Kapital, das nach Spanien, Irland und Griechenland floss, blieb nicht in der Finanzsphäre stecken. Damit wurden Flughäfen gebaut, Straßen und so weiter.
Ein Finanzprodukt mag noch so komplex sein – am Ende der Kette steht fast immer ein Kredit an die reale Wirtschaft. Der beste Beweis: Vor der Krise gab es einen ganz realen Boom, und zwar fast überall auf dem Globus.
"
Daraus schlussfolgert Schieritz:
"Es war also nicht zu viel Kredit oder was auch immer da, sondern er wurde schlicht nicht an den richtigen Ort gelenkt. Man hat Häuser gebaut, statt das Produktionsvermögen zu erhöhen.
Wir müssen also nicht das Wachstum von Geldmenge und Kredit begrenzen, sondern die Ressourcen effizienter zuteilen.
"

Vorliegend will ich nicht alle meine Kommentare (Nrn. 2, 3, 28, 52, 53 und 57) wiederholen, sondern lediglich die Nr. 53. Dort habe ich ein Projekt realisiert, das mir schon lange im Hinterkopf herumgeisterte und erst des Anstoßes von Mark Schieritz bedurfte, um aus seiner Dornröschen-Existenz zu erwachen.

Wenn man davon ausgeht, dass die aktuelle Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise nicht eine Konjunkturkrise ist wie viele andere, sondern dass sie nur aufgrund tief sitzender Strukturprobleme, Verwerfungen, in der Weltökonomie entstehen konnte, muss man zwingend versuchen, die im Rahmen einer Krisenerklärung wesentlichen Elemente zu identifizieren. Wenn es gelingt, diese in einem in sich widerspruchsfreien Denkmodell zu vereinen, können wir hoffen, die krisenhafte Entwicklung in einer Weise erklärt zu haben, die zielführende Eingriffe zur "Heilung" ermöglicht. (Wünschenswert wäre natürlich auch eine empirischen Verifikation der Krisenrelevanz der verschiedenen Elemente. Jedoch dürfte eine solche wegen der grundsätzlichen Probleme - Nichtwiederholbarkeit, Rückkoppelung historischer Ereignisse bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen - schwierig zu realisieren sein.).

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Nachfolgend also, in leicht geänderter Form, meine Aufstellung im Kommentar Nr. 53. Dieses sozusagen "Forschungsprogramm" zur Wirtschaftskrise werde ich ergänzen, vielleicht auch abändern, sobald mir dazu neue Ideen kommen:


Welche Fakten bzw. Tendenzen müsste eine ökonomische sozusagen Weltformel, vielleicht in einem Paradigmenwechsel zu einem Denkmodell jenseits von Adam Smith und Karl Marx, erklären?
Ich versuche hier mal eine Auflistung und freue mich auf Kritik und/oder Ergänzungen:

1) Fakt: Das Geldmengenwachstum war in den letzten Jahrzehnten erheblich stärker als das Wirtschaftswachstum.
Ergänzendes Faktum (zugleich Erklärungsproblem in den herkömmlichen Modellen): Die eigentlich zu erwartende massive Inflation ALLER Preise ist ausgeblieben. (Es gab Inflationen bei Asset Preisen, aber diese Blasen sind auch wieder geplatzt bzw. noch am Platzen.)
Fragen:
- War ein derartiges Überschießen des Geldmengenzuwachses aufgrund des Zinsmechanismus letztlich unvermeidbar?
- Wer ist bei der gestiegenen Liquiditätsversorgung Treiber, wer Getriebener? Nehmen wir an, Alan Greenspan und die EZB (als, wie ich sie mal genannt habe, geldpolitische Schattensegler) hätten nur auf Marktsignale reagiert (vgl. die in meinem Kommentar Nr. 52 zitierte Meinung von Norbert Trenkle): wie genau ist das abgelaufen / läuft so etwas ab?
- Weshalb ist es bisher trotz des überproportionalen Geldmengenwachstums noch nicht zu einer Preisinflation gekommen (bzw. wo hat die größere Geldmenge ggf. zu einem sektoralen Preisanstieg geführt)?

2) Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen (Japan, China, USA, Deutschland/aber: Euro-Zone waren zeitweise ausgeglichen!) und wohl in diesem Zusammenhang zu sehen die Theorie von der internationalen Sparschwemme (Saving Glut)

3) Wohin fließt das überschüssige Geld (bzw. ist es geflossen): Realwirtschaft – Finanzwirtschaft? Welche Mechanismen können für welche Zeiträume Geld innerhalb des Finanzkreislaufs halten? Was macht, bzw. wieso sind diese Mechanismen für die Betreiber rational; inwieweit (bzw. ggf. aufgrund welcher Illusionen) ist oder erscheint es für die geldbesitzenden Wirtschaftssubjekte rational, Mechanismen zu füttern, die ihr Geld nicht vermehren, sondern (durch Reibungsverluste) vermindern? Oder, wenn bzw. insoweit als es doch vermehrt wird: durch welche Mechanismen geschieht das (aktuell durch Staatsverschuldung?). Warum lassen sich diese Zusammenhänge (falls real) gesellschaftlich nicht so vermitteln, das in unserem politischen System eine Änderung im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Nutzenmaximierung möglich ist?
Wäre es denkbar, dass
a) eine Geldvermehrung durch den Zinsmechanismus unvermeidlich ist, dass jedoch
b) die “Derivatewirtschaft” ein sozusagen vom Markt selbst entwickeltes Korrektiv darstellt, mittels welcher dem Geldmengenzuwachs großenteils die inflationierenden Zähne gezogen werden?

4) Fakt: Zunehmende Kapitalkonzentration und Einkommensspreizung
Erklärungsbedarf aus meiner Sicht:
- Anteil der leistungslosen Einkommen (u. a. Zinseszinsmechanismus)
- Anteil der komplexitätsbedingt steigenden Einkommensspreizung (vgl. dazu den Eintrag von Dieter Wermuth Einkommensverteilung in den USA : wie in der dritten Welt vom 18.8.09)

5) Fakt: Alterung der Industriegesellschaften (und absehbar auch in China)
Frage: Welche Auswirkungen? (vgl.z. B. Christopher Deutschmann, Soziologie kapitalistischer Dynamik).

6) Fakt (?): Produktivitätssteigerungen kommen “unten” nicht mehr an. (In den reifen Industriegesellschaften; in den Schwellenländern dagegen wohl schon.)
Das erscheint fast wie eine Wiederholung von Punkt 4 aus anderer Sicht. Indes: auch wenn ich selbst kein unmittelbares ökonomisches Interesse daran habe, einem “Kapitalistenbashing” entgegen zu treten, halte ich es für gefährlich, andere Erklärungsmöglichkeiten auszuschließen (sonst fällt man u. U. fürchterlich auf die Nase, wenn man die Kapitalbesitzer ausgeschaltet hat, aber der Laden noch immer – oder erst Recht – nicht rund läuft). In diesem Zusammenhang halte ich die These von Joseph Tainter (und vielleicht auch anderen?) für bedeutsam, wonach die zunehmenden Komplexitätskosten einer Gesellschaft in deren Spätstadium die Produktivitätsgewinne auffressen. (Allerdings scheint auch im spätrömischen Reich dieses Phänomen eng mit einer steuerlichen Privilegierung der Besitzenden verknüpft gewesen zu sein.) Beispiele für Komplexitätskosten: Steuerrecht, Umweltschutz, Gesundheitswesen; Verrechtlichung aller Lebensverhältnisse; die (von Ben Bernanke so häufig gelobte) “Tiefe”, “sophistication” und Innovationsfreude (CDO, CDO squared, CDS) der Finanzwirtschaft usw.. [Gegenläufig: Rationalisierung in der Verwaltung, Zusammenlegungen von Gemeinden (leider nicht von Bundesländern!) usw.)

7) Exorbitantes Wachstum des und exorbitante Gewinnsteigerungen im Finanzwesen (gehört vermutlich als Subkategorie zur Nr. 1).
Frage: real oder (bzw. inwieweit) nur scheinbar? Stützt der Staat (finanziell, aber auch durch Änderung der Buchungsregeln) jetzt die (Schein)gewinne? Wer zahlt (gestiegener Zinsspread? Zahlen Neugläubiger für anderer Leute Altschulden?), wer profitiert?
Wenn (großen- oder größtenteils) Scheingewinne: auf welche Weise könnte man das enthüllen und die Enthüllung für den einzelnen Anleger in einer Weise sichtbar machen, die ihn davon abhalten würde, immer aufs Neue als Haifischfutter ins Becken zu springen?

8) Ressourcenverknappung:
Ach ja, irgendwo steht da ein Elefant im Zimmer herum, den wir uns zwar meistens mit erstaunlicher Eloquenz wegreden, der aber doch immer deutlicher Konturen annimmt (wie z.B. bei Bruno Kern mit gleich vehementer Beredsamkeit in Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Energiewende zwischen infantilen Phantasien und Ernüchterung, Streifzüge, 1.7.09).


Nun, für den Moment mag das reichen. Wer mag, mag mir – bzw. uns allen – mit Kritik oder Ergänzungen helfen diejenigen Elemente der gesellschaftlich-wirtschaftlichen "Großwetterlage" zu identifizieren, die wir erklären, bzw. insbesondere für die Zukunft einplanen müssen.

Es schwant mir freilich schon selbst, dass meine Punkte Nr. 1 – 7 nichts als hübsche Glasperlenspiele sein könnten angesichts der brutal heraufdämmernden Verwirklichung der Nr. 8.


Welchen praktischen Nutzen eine solche "Tabelle" haben kann, zeigt schon die Anwendung auf den Text von Mark Schieritz. Das Faktum Nr. 1 - Geldmengenzuwachs stärker als Wirtschaftszuwachs scheint im Widerspruch zu Schieritz' Annahme zu stehen, dass wir es hier mit einer falschen Ressourcenallokation von einem Typus zu tun haben, bei dem man die Mittel relativ einfach umlenken und dann gute Ergebnisse erzielen kann.

(U. a.) diesen Gesichtspunkt hatte ich in meinem Kommentar Nr. 28 angesprochen:

"Welche Phänomene müssen wir widerspruchsfrei erklären? Den unverhältnismäßigen Anstieg der Geldmenge (Danke an “ich” für den Hinweis im Kommentar Nr. 9).
Nehmen wir der mnemotechnischen Einfachheit wegen an, die Produktion habe sich seit 1980 verdoppelt und die Preise hätten sich verdreifacht: dann bräuchten wir die 6-fache Geldmenge, um (bei gleich bleibender Umlaufgeschwindigkeit) die Wirtschaft in Gang zu halten. Da wir auch sonst aufgerundet haben, dürfen wir die tatsächliche Erhöhung auf das 18-fache ansetzen.
Ein 12-facher Geldmengenzuwachs, doppelt so hoch wie das nominale Wirtschaftswachstum hängt damit in der Luft. Wo ist die Differenzgeldmenge geblieben?
"

Auf diese Weise wären alle Erklärungen daraufhin zu untersuchen, ob sie die o. a. Fakten vollständig und widerspruchsfrei zusammenführen können.
Diejenige Theorie, die das schafft, wäre dann mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zutreffende Krisenerklärung.




Textstand vom 24.11.2011. Auf meiner Webseite
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