CANABBAIA
Freitag, 23. September 2005
IN FLAGRANTI
Schon in früheren Eintragungen hatte ich in anekdotischer Form einige Produktivitätsfortschrittsdiebe identifiziert:
"BALLA BALLA ODER DIE PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITTSDIEBE DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SAU(G)NÄPFE"
und
"KEIN 'HAPPY END' FÜR DIE HAUSHALTSKASSE" oder "WER STIEHLT UNS DEN PRODUKTIVITÄTSFORTSCHRITT BEIM TOILETTENPAPIER?"
sowie nicht zuletzt die ständig steigenden Nostalgiekosten:
RENTEN SICHERN - WEHRFRIEDHOFSMAUER ZERFALLEN LASSEN!
Im Fortune-Magazin vom 07.09.2005 fand ich nun einen Artikel unter dem Titel "The Law of Unintended Consequences". Der hat zunächst einmal zwar eine andere Zielrichtung. Der Autor (Clifton Leaf) vertritt die Meinung, dass biotechnologische Entdeckungen und Erfindungen, die mit Unterstützung durch staatliche Fördergelder in Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen gemacht wurden, an jeden Interessenten lizenziert werden sollten, und nicht im Interesse der Gewinnmaximierung und des schnellen Geldes exklusiv an eine oder wenige Firmen vergeben, was seiner Meinung nach das Entwicklungstempo der Biotechnologie verlangsamt.
"The problem is, once it became clear that individuals could own little parcels of biology or chemistry, the common domain of scientific exchange—that dynamic place where theories are introduced, then challenged, and ultimately improved—begins to shrink. What's more, as the number of claims grows, so do the overlapping claims and legal challenges."
"Now technology-transfer offices instruct faculty to go over the most embryonic of discoveries 'in-house,' to see if there is anything potentially marketable in the work before they talk to colleagues. Researchers are told, always, to file provisional patent applications before publishing a paper or speaking at a conference. (Such public disclosures, according to European patent laws, immediately nix any chance to patent the finding overseas, where much of the licensing market is.) Before sharing resources like cell lines, reagents, tissue specimens, gene expression data ... researchers at different universities are now asked to sign a 'material transfer agreement' Then there is ... the 'reach-through licensing agreement' ... . These contracts grant the owner of a patented biomedical tool the right to a royalty on any compound that's ultimately discovered through its use. Imagine a carpenter having to pay Black & Decker a percentage of every kitchen he rebuilds."
Wo Futter ist, ist Futterneid nicht weit; und dessen (juristische) Abwehr kostet Geld:
"From 1992 to September 2003, pharmaceutical companies tied up the federal courts with 494 patent suits. That's more than the number filed in the computer hardware, aerospace, defense, and chemical industries combined. Those legal expenses are part of a giant, hidden 'drug tax'—a tax that has to be paid by someone. And that someone ... is you."
So kommt die exklusive private Aneignung (privat heißt hier: Aneignung der Ergebnisse von öffentlich geförderter Forschung durch die Universitäten bzw. öffentlichen Forschungsinstitute und die jeweiligen Forscher/Erfinder) die Amerikaner (und mutatis mutandis ist es bei uns wohl ebenso) teuer zu stehen:
"... it's clear who pays for it. You do. You pay in the form of vastly higher drug prices and health-care insurance. Americans spent $179 billion on prescription drugs in 2003. That's up from ... wait for it ... $12 billion in 1980. That's a 13% hike, year after year, for two decades." [Hervorhebung von mir]
Und welche aufregend neue Heilmittel bekommen die Amerikaner (und entsprechend zweifellos auch wir) für solche gigantischen Kostensteigerungen?
"For a number of common diseases, it seems that progress has stalled. Since the advent of genetically engineered human insulin in 1977, there has been relatively little new help for diabetics. Age-adjusted death rates for those with the disease have gotten worse, not better, during the past 25 years. Patients with Parkinson's, Alzheimer's, and multiple sclerosis have waited anxiously for anything promising to appear in the pipeline. And in cancer, one remarkable study led by the FDA's cancer czar, Richard Pazdur, seems to say it all: A full three-quarters of the 71 cancer drugs approved by the agency from 1990 through 2002 did not show any survival benefit over the old, standard care." [Hervorhebung von mir]
Aus dieser wie aus zahlreichen anderen Nachrichten ziehe ich die Schlussfolgerung, dass die Wohlstandserhaltung und Wohlstandsmehrung nicht ausschließlich durch die Profite (oder ggf. die Gier) der Kapitalbesitzer (dadurch zwar auch!) und die vermeintlich undurchsichtigen Mechanismen der Globalisierung bedroht ist. Sondern in ganz erheblichem Maße auch durch die Gier derjenigen, die erst noch reich werden wollen (Stars der Filmindustrie und der Sport"industrie", Künstler, Forscher usw.), aber nicht zuletzt auch durch drastisch steigende Komplexitätskosten.
Und z. B. im Pharmabereich durch unheilige Allianzen von Kapital und Arbeit. Bei uns jedenfalls (vermutlich ähnlich in den USA) sorgt wahrscheinlich die Interessenkollusion von Arbeitnehmervertretungen und Pharmaindustrie (unterstützt durch das fehlende Kostenbewusstsein der Versicherten in ihrer Eigenschaft als Leistungsempfänger) dafür, dass die Versichertengemeinschaft teure Pillen von fragwürdigem Nutzen schlucken muss. Gut vorstellbar ist auch, dass diese Situation die Entwicklung neuer Wirkstoffe eher behindert als fördert: warum soll die Pharmaindustrie kostspielige Forschungsrisiken eingehen, wenn sie ihr Geld ebenso gut mit Placebo-Pillen verdienen kann? Da auch die Versicherten häufig nur das für gut halten, was teuer ist, haben wir es mit einer unheiligen Interessentrinität zu tun, die politisch kaum zu knacken ist (falls ein Politiker das überhaupt wollte).
Die Interessenvertretung der Leidtragenden – Arbeitgeber und Versicherte als Beitragszahler – ist so konstituiert, dass die vorhandenen objektiven Interessenkonflikte innerhalb der jeweiligen Organisationen (Gewerkschaften, Unternehmerverbände) offenbar nicht ausgetragen werden, jedenfalls nicht mit der gleichen Härte, wie die Konflikte zwischen Kapital und Arbeit. Man will ja nicht die jeweiligen Reihen schwächen – da schwächt man lieber jedermanns Portemonnaie.
Sicherlich ist es wichtig, im vertikalen Verteilungskampf den Rechtfertigungsdruck auf die Reichen (wie immer man diese Gruppe definieren mag) aufrecht zu halten.
Doch haben unsere Taschen viele Löcher, aus denen die Produktivitätsfortschritte auch horizontal wieder herausrieseln. Wirtschaftliches Wachstum in allgemeinen Wohlstand umzusetzen, erfordert (wie die Strategie der französischen Force de Frappe) eine Kampfbereitschaft "tous Azimuts". (Und manchmal sogar gegen uns selbst.)
Nachtrag 19.06.2009
Neues (bzw. tendenziell: Altes) zum Thema bringt (bzw. brachte schon vor einigen Monaten) der ZEIT-Bericht "Pharmaforschung. Schmerzhaftes Scheitern" von Volker Stollorz vom 11.02.2009:
"Nur 19 neue Medikamente wurden im Jahr 2007 in den USA erstmals zugelassen – ein historischer Tiefstand. Er zeigt eine dramatische Entwicklung in der Pharmaindustrie, die sich seit Jahren weltweit verschärft: Es fehlen neue, innovative Substanzen."
Textstand vom 19.06.2009. Auf meiner Webseite
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Dienstag, 20. September 2005
SQUEEZEOUT - squeeze in
Schade. Es war ein abwechslungsreicher Gang zur Arbeitsstelle, er mich in Frankfurt früher zweimal täglich über die Alte Mainbrücke führte. Seit ca. 2 ½ Monaten marschiere ich nun allenfalls noch über den Urselbach.
Heute jedoch ergab sich die Gelegenheit, auf dem Weg zum Gericht wieder einmal auf alten Pfaden zu wandeln. Und schwupps – war doch da auf der schmalen Maininsel nahe dem Sachsenhäuser Ufer ein schmalbrüstiges und spitzgiebeliges "gotisches" Gebäude emporgewachsen, erinnernd an (und gedanklich entlehnt von?) den schmalen "Hochhäusern" der mittelalterlichen Stadt. "Neues Ausstellungsgebäude Portikus" verkündeten die Schilder, und auch den Namen des Stifters und weiterer Geldgeber.
Mit dem erhalten gebliebenen Säulenportikus der ansonsten im Bombenkrieg zerstörten alten Stadtbibliothek auf der Stadtseite der Ignatz-Bubis-Brücke (früher Obermain-Brücke) und mit dem später dahinter errichteten Container für Kunstausstellungen hat dieser Bau keinen räumlichen Zusammenhang. Denn dort wird derzeit ein Literaturhaus errichtet. ("Hast du schon keinen Goethe mehr, muss wenigstens ein Literaturhaus her." Sagt natürlich nicht ein Dichter, sondern nur ein schlichter Wichter. - Vgl. auch meinen Blog-Eintrag "METOOSTON" vom 16.06.2005)
"Portikus" ist wohl schon eine Marke in der Kunstwelt geworden, so dass man auf den Namen nicht verzichten möchte, und in gewissen Sinne steht ja nun der neue Bau am Eingang zur alten Stadt.
Näher ans Museumsufer ist der neue Portikus ebenfalls gerückt. Politische und zuletzt juristische Bemühungen einer Bürgerinitiative, die Bebauung der Maininsel zu verhindern, schlugen fehl. Der Mensch quetscht sich rein, die Natur wird rausgequetscht, auch auf der anderen Seite der Brücke, wo ein weiterer Bau entstehen wird (Modelle hier und aus einer anderen Perspektive dort).
Schön schaut es aus, keine Frage. Trotzdem: wieder ein Stück Grün weg, und der Ruderverein will dann auch noch was abknabbern.Stück für Stück wird die Natur rausgequetscht. Und was machen wir, wenn sie eines Tages gänzlich ausgequetscht ist?
P. S.
Hier noch einige Links zum neuen Portikus:Artikel mit Bildern des HR Artikel in der FR mit städtebaulicher Tiefenperspektive. Webseite des "Portikus" Auch die Gießener werden ausführlich informiert Kurz und kernig (auch über die Gegner der Inselbebauung).
Nachtrag vom 30.07.2007:
Mittlerweile gibt es auch einen informativen Wikipedia-Eintrag über den "Neuen Portikus" in Frankfurt a. M. Diesem verdanke ich auch den Link zum Artikel "Manifest gegen die modernistische Bigotterie. Am messerscharfen Dach scheiden sich die Geister: Christoph Mäcklers Frankfurter Torhaus" in der "Welt" vom 18.04.2006.
Eine Webseite hat das Ausstellungsgebäude natürlich auch.
Textstand vom 30.07.2007. Auf meiner Webseite
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FEINDLICHE BRÜDER
"Die Bild-Zeitung ediert Bücher." Der Schock über diese Nachricht klingt ab, wenn man weiß, dass es sich um Comic Strips handelt: Neuausgaben von "Klassikern" dieses Genres.
Noch ein Schock, wenn man erfährt, dass gleichzeitig auch die FAZ eine Comic Strip Serie herausgibt.
Was sagt uns die Tatsache, dass das Massenblatt und das Anti-Massen-Blatt zur gleichen Zeit Comicserien auflegen?
Opium für das Volk auf allen Ebenen?
Andererseits sind ja beide Blätter auf ihre je eigentümliche Art dem Bild verpflichtet:
- die Bild-Zeitung schon vom Namen her (vom Layout sowieso)
- und die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt sich nicht umsonst "Zeitung für die geBILDeten aller Schichten [auch ein Bild!] und Stände".
Dürfen wir also nunmehr Beethovens Neunte im CD-Recorder schillern lassen?
Nein! Die Standesunterschiede bleiben!
Die Bild-Mickey-Maus wird von FAZ-Fritz-the-Cat gejagt (vgl. hier die Titellisten).
Und gegen Batman hat Nick Knatterton (bewunderter Begleiter meiner jungen Jahre) wohl auch keine Chancen.
Weil oder obwohl er doch geradezu ein Intellektueller ist?
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Sonntag, 18. September 2005
TRIAGE - ABER FÜR WELCHE BAGGAGE?
Nachfolgend ein Kommentar, den ich heute, am 18.09.05 in zwei englischsprachigen Blogs zum Thema "Hurrikan Katrina(http://www.ledgeofliberty.com/2005/09/katrina_timelin.htm und http://althouse.blogspot.com/2005/09/triage.html#comments) veröffentlicht habe, und den ich auch meinen Besuchern nicht vorenthalten möchte:
Here in Germany (or, for that matter, anywhere in Europe) you would probably have to use a magnifying glass to find very many followers of president Bush and his like (or ilk). (If you want to get an idea, why I personally don't care for his ideological stance, take a look at my blog - the only one in English, the rest are in German - "THE B(RAT) IN THE BOX AT THE ULTIMATE LEVER?"
- http://beltwild.blogspot.com/2005_04_01_beltwild_archive.html.)
Nevertheless, the liberal use of words like "moron", "asshole", "freeze-dried brain" [I really like that one (] etc. is not an adequate substitute for a rational analysis of the chain of causation which has led to those consequences of the natural disaster, that could have been avoided if adequate measures with a reasonable cost-benefit ratio had been taken in advance.
While nobody in their right mind would blame the hurricane itself on president Bush of his party, politics does seem to have made a few mistakes inside and outside of the timeline that has been given in the opening lines of this blog discussion. Also, mistakes seem to have been made on all three relevant political levels: local, state and federal. Therefore, if I venture a prediction, the Democrats will not be extremely eager to dig deeply into the pre-history of the disastrous consequences of hurricane Katrina.
Long before Bush came into power, the levees could have been improved on in order to withstand a hurricane of category 5 instead just category 3. With 500.000 people involved, and a lot of valuable property, any rational cost-benefit-analysis would have called for such action long before.
However, while the Democratic Administrations have not been eager to do more about this than Republican Administrations, also the people and politicians of Louisiana and New Orleans do not seem to have pressured enough (and, when it comes to co-financed measures, spend enough) to change political priorities.
And if you do not spend enough money to raise and enforce the levees, and make sure that the pumps keep working independent of central power supply, why not at least construct the Superdome as a kind of "dual-use"-building with enough toilets, generators and drinking water supplies to serve as Noah's Arc when the deluge comes?
And if you have not even done that, you still would be able to stock more supplies, if you have a 72-hour-warning for a category 5 hurricane.
From what I have read about the catastrophe, the present budget cuts of the levee program have not been the cause of the collapse of some stretches of levees. So while George Bush may have to bear the possibly belated and inadequate reaction of FEMA, it would appear to me that he cannot fairly be blamed for causing the catastrophe any more than previous administrations.
However, much as the Democrats may not be to keen to have all the political shortcomings uncovered, they will of course be happy to lay the blame on president Bush. And, ironically, the Republicans (and in particular that upper crust of society, which finds its interests well served by the Republicans) might have the very same interest, namely to see the debate focus on persons rather than on long-term political concepts.
Even if the political upsurge of the "I-know-best-what-to-do-with-my-money"-ideology did not cause the disaster, everybody in the world (not just in the USA) might take it as a lesson that the balances between those private interests, that are immediately visible, and those interests, which are termed to be the interest of society as a whole, but which are, in effect, private interests on a different time scale and a different intellectually scale (which is not easily accessible for everyone) have to be determined rather differently from what the egoists and libertarians would like to see and to a certain extent have already achieved to have.
I really do hope that the Democrats in the USA and the "Democrats" all over the world will understand this and that they will not be content with having some more or less symbolic political figure removed (or simply bashed, and not even removed).
In this context, the most strange and worrying comment on Katrina that I have read was the article "Katrina’s Triage. It is a grim but inescapable fact that not everyone in New Orleans could be saved" by Marc Gellman (http://www.msnbc.msn.com/id/9178815/site/newsweek/). I do not know which political preferences Mr. Gellman has, but to me his words sound very much like he wants to take the heat off president Bush. This is not the worst though (because, even in my own opinion, Bush gets – on this occasion – more criticism than he actually deserves). What really upsets me are his words in the last paragraph:
"Finally, I believe we are compelled to acknowledge that no possible scenario of human existence will ever free us from more than occasionally having too much need and not enough help. Killer storms, wars, famines and other natural catastrophes will test us forever. That is the most sad fact of life here on planet earth. And in the face of temporarily scarce lifesaving resources, there will always be those whose idea of helping is to scream, accuse and point fingers at people they hated before the storm. Thank God, however, there will also be people like the smiling nurse on the hospital rooftop. I am glad I am not in New Orleans now, but if I were there, I would want to be standing right next to her."
Wars are not, and famines very often not "natural catastrophes", and whether we will be having "too much need and not enough help" does depends, in many situations, on whether we have prepared for such catastrophes (or, thinking of clima change, tried to avoid them) or whether we have funneled the funds into private pockets. Even and particularly the religious fundamentalists should pay heed to the biblical simile of the foolish virgins.
And those, who do not have the money to construct their own levees around their own property (as has been suggested - ironically, I assume - in some blog comment) have any reason to question the libertarian and related ideologies.
P.S.
Zum Begriff "Triage" verweise ich auch auf die umfangreiche Eintragung in der deutschsprachigen Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Triage; der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia ist mehr praktisch orientiert).
Besonders interessant dort der Hinweis: "Ein volkswirtschaftlicher Ansatz zielt darauf ab, das 'Humankapital' der Geretteten abzuschätzen, also bei den zu Rettenden darauf zu sehen, dass ihr zu erwartendes Lebenseinkommen vom Zeitpunkt der Rettung an maximiert wird."
Wieso erinnert mich das an meinen Aufsatz " Nur die totale Entfesselung d. Kapitalismus rettet unsere Umwelt" auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_vier.htm?
Textstand vom 15.04.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Donnerstag, 15. September 2005
DIE CDU BETRÜGT DIE FAMILE

(Hinweis: durch Anklicken lässt sich das Bild vergrößern)
Vor einigen Tagen ließ Nina Hauer hier am Bahnhof Äpfel verteilen. Nina Hauer ist Bundestagskandidatin (und derzeit auch Bundestagsabgeordnete) der Sozis. Rot-grün war mein Apfel, sehr saftig, aber leider auch recht sauer. Sicherlich sind sie gesund, und vielleicht sollte Frau Hauer selbst mehr davon essen, denn auf ihren Wahlplakaten sieht sie aus, als ob sie von der Gelbsucht befallen wäre.
Heute teilten die Schwarzen aus. Süße Müsli-Riegel lockten, und natürlich gab es auch Werbung. Diese durchaus attraktiver als die kleinen Zettelchen der Roten. Unter dem Titel "Schwarz auf Weiß" preisen 4 Farbseiten (Hrsg.: CDU-Kreisverband Wetterau), den Kandidaten (ebenfalls Parlamentsmitglied) Klaus Minkel.
Klaus Minkel sagte, lesen wir auf S. 4, am 5.12.2002 in der 14. Sitzung des Bundestages:
"Eine schlimmere Politik gegen die Familien kann man nicht machen. In unserem Land wird das Saatgut nicht ausgebracht, sondern vernichtet."
Wir wissen: keiner redet mehr über "Familie" als die Schwarzen. Die Familie ist gewissermaßen das deutsche Äquivalent der "conservative compassion" in der US-Politrhetorik. Denn keiner tut weniger für sie als die Konservativen.
Lassen wir die CDU selbst zu Wort kommen, genauer: einen beigepackten DIN-A4-Zettel mit der Überschrift "Die SPD belügt die Menschen" (Hrsg.: CDU Hessen, Frankfurter Str. 6, 65189 Wiesbaden). Dort heißt es:
Wahr ist: Finanzminister Eichel hat die Katze aus dem Sack gelassen und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer angekündigt. (Tagesspiegel 07.09.2005). Nach dieser SPD-Liste werden Güter des täglichen Bedarfs wie Brot, Milch, Gemüse – aber auch Zeitungen und Bus-Tickets – um 9%-Punkte teurer. Die CDU rührt den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7% für diese Güter nicht an!
Wahr ist: die CDU entlastet die Familien.
Familie: 2.300 Euro brutto, Alleinverdiener-Ehepaar mit 2 Kindern (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 132 Euro
Wahr ist: die CDU entlastet die Krankenschwester.
Krankenschwester: 2.300 Euro brutto. Entfernung zur Arbeit: 30 km (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Senkung der Pendlerpauschale, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 804 Euro
Wahr ist: die CDU entlastet die Arbeitnehmer.
Arbeiter: 3.000 Euro brutto. Entfernung zur Arbeit: 30 km (bei Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2%-Punkte, Gesundheitsprämie, Senkung der Pendlerpauschale, Erhöhung des steuerlichen Grundfreibetrags).
Entlastung im Jahr: 216 Euro.
Und der Schluss aus alledem: "Schluss mit Lügen. Schluss mit Rot-Grün".
Ganz sicher lässt keine SPD-geführte Regierung die Preise für Lebensmittel im Wege einer Mehrwertsteueranhebung um 9% steigen. Bei Schnittblumen und Zeitungen wird das Steuer-Privileg vielleicht abgeschnitten (na und?), bei Bus-Tickets (und Bahn?) wohl kaum. Dass Eichel eine "Giftliste" vorbereiten lässt, ist recht wahrscheinlich (vgl. den Artikel "Merkel-Minus gegen Eichel-Giftliste" in der Süddeutschen Zeitung vom 13.09.05; lässt sich leider nicht verlinken). "Die Welt" hat in ihrer Internet-Ausgabe vom 15.10.05 eine solche Liste veröffentlicht ("Eichels 'Giftliste'. Der WELT vorliegende Dokumente belegen drastische Sparpläne für 120 Milliarden Euro"); von Mehrwertsteuererhöhung, gar für Lebensmittel, ist darin nicht die Rede. Trotzdem: dass die Regierung mit gezinkten Karten spielt, und die Wahrheit erst hinterher rausrücken wird, ist klar.
Mir geht es hier aber nicht um irgendwelche Spar- oder Steuererhöhungsvorschläge. Mir geht es um die Frage, wer hier, wie Minkel den Rot-Grünen vorgeworfen hatte (s. o.) eine "Politik gegen die Familien" macht.
Dass die CDU alle anderen besser stellt, als die Familien, geht schon aus ihren eigenen o. a. Zahlen hervor: niemand wird weniger entlastet, als ausgerechnet die Familie.
Dumm ist nur, dass die Politchristen uns (d. h. die Familien) für dumm verkaufen wollen. In Wirklichkeit ist es nämlich noch schlimmer, als das getürkte CDU-Beispiel offenbart.
Denn wenn jetzt jemand sagen würde: "Immerhin werden die Familien ja auch entlastet", dann müsste ich erwidern: "Schauen Sie mal etwas genauer hin!" Es gibt da nämlich einen wesentlichen Unterschied in den Rahmenbedingungen: der alleinstehende Arbeiter und die Krankenschwester pendeln zur Arbeit; der Familienvater muss direkt neben seiner Arbeitsstelle wohnen. Jedenfalls dann, wenn er in den Genuss einer Kostenentlastung nach Christenart kommen will. Muss er aber in der Realität ebenfalls 30 km zurücklegen, ist er in den A. gekniffen. Nach derzeitiger Rechtslage zahlt er für 27.600,- € Jahreseinkommen bei Steuerklasse III Lohnsteuer i. H. v. 1.124,- €. Kann er Fahrkosten i. H. v. 1.200,- € absetzen (20 km x 0,30 ct x 200 Tage), reduziert sich das zu versteuernde Jahreseinkommen auf 26.400,- €; dafür ist Lohnsteuer i. H. v. 888,- € zu zahlen. Differenz: 236,- €. Mit anderen Worten: wenn die Entfernungspauschale für die ersten 20 km wegfällt, zahlt der Familienvater 236,- € mehr an Steuern.
Der konkrete Betrag würde sich nach Realisierung der CDU-Steuerpläne natürlich ändern, aber kaum zum Besseren. Es hat schon seinen Grund, wenn die Schwarzen ihre Beispielrechnungen zinken.
Ich hoffe, dass meine Erinnerung mich nicht trügt, wenn ich den Betrugsparagraphen § 263 Strafgesetzbuch (StGB) hier aus dem Gedächtnis wie folgt zitiere:
"Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen Wahlvorteil zu verschaffen, das Denkvermögen eines anderen dadurch beschädigt, dass er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Regierungsverantwortung bis zu vier Jahren oder mit Opposition bestraft."
Nicht, dass die Roten immer die Wahrheit sagen würden. Nur sind sie vielleicht nicht ganz so zynisch wie unsere rabenschwarzen christlichen Familienfreunde.
CDU: Wer hat, dem wird gegeben werden. Wer aber braucht, dem wird genommen werden.
Oder kürzer: "Ich CDU, Milchkuh du".
... und Volkes Esel sind und bleiben die Familien!
Nachtrag 27.09.05: Schief ist er eingescannt, der Wahlzettel, aber das, behaupte ich mal kühn, war so gewollt: wg. Symbolik und so. :-)
Jedenfalls weiß ich nun, wie man (ganz einfach!) Bilder in den Blog bringt, jedenfalls in diese Blogs der Google-Gruppe, und natürlich mit dem Programm "Picasa" der Google-Gruppe.
(Ist ja alles sehr komfortabel, aber langsam habe ich doch ein bischen Bedenken, ob nicht diese warmherzige allseitige Gratis-Umarmung eines Tages in einen krakenhaften Klammergriff umschlägt? Denn von der Caritas sind die ja schließlich nicht .....).
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Montag, 12. September 2005
VOM FRIEDHOF DER UNVERWESLICHEN LEICHEN ZUM MITTAGSMENUE AUS DER SCHÄDELKALOTTE
Textstand: 25.09.05
Altstadtfest, Radlersonntag "Kinzigtal Total": erneut ist eine kleine Flucht in ruhigere Gefilde angesagt. Und erneut geht es nach Hirschhorn, dem Ort mit dem "Friedhof der unverweslichen Leichen" (vgl. mein Blog-Eintrag vom Sonntag, 03.07.05). Wieder ist aber das Städtchen für uns nur ein Nachtlager auf dem Weg zu Höherem: von hier aus lässt sich Baden-Baden mit Bahn und Bus und akzeptablem Zeitaufwand erreichen.
Abseits der Lange Str. residiert dort eine rot-grüne Buchstabenkoalition. Einem großen roten "G" folgen viele kleine grüne Buchstaben und vereinigen sich zum Firmennamen "Gondrom".
Bei Gondrom gibt's (nicht nur in Baden-Baden) Bücher, was freilich nicht weiter erwähnenswert wäre: die gibt es z. B. bei "Weltbild" ganz in der Nähe auch. Indes ist die Baden-Badener Gondrom-Filiale ein veritabler Lesetempel. Im Herzen des großen Ladens plätschern die Wasser eines grün patinierten Bronze-Brunnens mit Statue, Gründerzeit wohl. Drum herum formen bequeme Sofas einen magischen Kreis der Leselust. Wasser zum Trinken gibt es auch, und eine Kaffeemaschine komplettiert den Buchladen zum Lesecafé.
Weitere Informationen »
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Mittwoch, 7. September 2005
KIRCHHOF oder ÖLRAFFINERIE?
Ist unser zukünftiger neuer Finanzminister (?), Prof. Dr. Paul Kirchhof aus Heidelberg, mit seinem Latein schon jetzt am Ende?
Zunächst einmal sieht es nicht so aus. In dem Interview mit Andreas Hoffmann und Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung vom 30.08.05 "Der Generationenvertrag braucht eine neue Basis" sagt er zutreffend über die Rentenfinanzierung: "... entscheidend ist die Familienpolitik. Wir haben nur dann ökonomische Sicherheit bei der Rente, wenn auch in Zukunft genügend Menschen produktiv sind. Deutschland braucht Arbeitsplätze und Kinder, sonst funktionieren all unsere Reformen nicht."
Aber dann (bzw. im Text sogar schon vorher), kommt er uns lateinisch: "Die Rente muss wieder auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt werden, wie der lateinische Ursprung reddere sagt. Man gibt das Geld einer Versicherung, die legt es an und im Alter lebt man vom Ertrag."
Zugegeben, mit meinem Latein ist es nicht weit her. Und wenn ich im Online-Lateinlexikon von Prof. Dr. Gerhard Koebler unter "reddere" nachschaue, wird das Wort dort tatsächlich mit "zurück geben" übersetzt. Indes ist mir aus 7-jährigen Bemühungen um "De bello gallico" & Co. immerhin noch "Der kleine Stowasser" hinterblieben. Auch dort findet man die Übersetzung "zurück geben", aber noch eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten: z. B. "wieder geben", "vergelten", "darbringen". Und die passen sehr gut auf das, was bei den Rentenzahlungen ökonomisch wirklich passiert: die Jungen "vergelten" den Alten die Mühe, die diese mit ihnen hatten, und bringen ihnen Rente dar. Ohne Kinder funktioniert Rente nicht: nicht im Umlageverfahren, aber genau so wenig im Kapitaldeckungsverfahren.
Warum aber dann der Umstieg vom Umlage- auf das Kapitaldeckungsverfahren unsere Renten retten soll, bleibt das Geheimnis von Professor Dr. Kirchhof. Wir wollen doch nicht hoffen, dass - horribile dictu - "Professorenlatein" der Komparativ zu "Jägerlatein" ist? (Unangefochtener Superlativ bleibt aber trotz allem das "Politikerlatein").
(Die Alternative Umlageverfahren / Kapitaldeckungsverfahren für die Rentenfinanzierung habe ich sehr ausführlich in meinen Nessay "Sinn substituiert die Konjunktion: rettet er die Renten durch ökonomische Akzeleration?" auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/rentenreich.htm untersucht).
Eine faire Geste ist es, noch dazu zu Wahlkampfzeiten, dass Prof. Kirchhof die Arbeit seines Vorgängers Hans Eichel insoweit anerkennt, als er sagt, dass er "ein gut organisiertes Ministerium vorfinden" wird.
Weniger intelligent dagegen ist sein Konzept (das zwar auch schon von anderen propagiert wurde), die Gewerbesteuer abzuschaffen. Sicherlich werden die Unternehmer zunächst einmal jubeln. Aber bald werden sie feststellen, dass keine Gemeinde mehr Betriebe haben will, sofern sie nur ein wenig laut oder schmutzig oder gefährlich sind.
Believe it or not: in den USA ist seit dreißig Jahren keine neue Ölraffinerie mehr gebaut worden (vgl. Handelsblatt-Artikel vom 23.06.05 u. d. T. "USA und Europa rangeln um besten Platz an der Zapfsäule" - http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057157)!
Ich kenne das amerikanische Steuersystem nicht, vermute aber mal, dass den Gemeinden der finanzielle Anreiz fehlt, um solche Betriebe auf ihrem Gebiet anzusiedeln bzw. deren Errichtung zuzulassen.
Da ist es vielleicht doch intelligenter, die Gewerbesteuer zu behalten. Und zwar nicht unmittelbar wegen der Einnahmen (dafür könnte man andere Quellen erschließen). Wohl aber wegen der motivierenden Wirkung für die Kommunen, z. B. auch den Bau von Müllverbrennungsanlagen usw. auf ihrem Gebiet zu tolerieren. Steuern haben Lenkungswirkung; die Gewerbesteuer hat unter diesem Aspekt eine sehr positive Anreizwirkung zur Ansiedlung von Betrieben. Gut möglich, dass wir uns ökonomisch keinen Gefallen tun, wenn wir ausgerechnet diese Steuer abschaffen.
Think about it, Prof. Dr. Kirchhof, damit wir nicht eines Tages konstatieren müssen, dass wir mit der Abschaffung der Gewerbesteuer "Kirchhöfe statt Ölraffinerien" "gewonnen" haben! Denn selbst wenn wir so gebildet wären, dass wir diesen Slogan auf Lateinisch formulieren könnten, müssten wir ihn dann leider in einer Postkutsche deklamieren.
Nachtrag 23.09.05: Für andere Überlegungen zur Abschaffung der Gewerbesteuer, die allerdings bei diesem Modell u. a. durch (auch von Freiberuflern zu zahlende) Unternehmenssteuern ersetzt werden sollen (was natürlich ebenfalls einen Anreiz für die Gemeinden bieten würde, Unternehmen anzusiedeln), vgl. die Meldung "Städte halten an Gewerbesteuer fest" im Handelsblatt vom 22.09.05 (http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1109871). Sehr positiv beurteile ich auch den dort ebenfalls dargestellten Vorschlag der Stiftung Marktwirtschaft, eine Bürgersteuer mit einem (limitierten) Hebesatzrecht der Gemeinden einzuführen. Das würde auf kommunaler Ebene einen sicherlich zu Sparanstrengungen führen. Nicht mehr "wir wollen dies oder jenes, weil wir ja sowieso Steuern (in unveränderlicher Höhe) zahlen müssen" wäre die Devise des Volkes / der Wähler. Vielmehr wäre dann die reale Wahlalternative gegeben: "Wollen wir für diese Maßnahme (z. B. Fußballstadion, Opernhaus, Opernensemble usw.) Steuern zahlen, oder das Geld lieber in der Tasche behalten".
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Samstag, 3. September 2005
DER WANDERER - ZUM DRITTEN!
(vgl. dazu Blog-Eintrag vom 28.06.05 u. d. T. "Der Wanderer")
Wir Deutschen sind doch deutlich ärmer als gedacht.
Nicht nur, dass es "uns" bei aller Italienbegeisterung und Goetheverehrung erst im Jahre 1998 gelungen ist, das Tagebuch bzw. die Briefe an den Vater (und noch einiges an schriftlichem Material drum herum) des August von Goethe, Sohn von Sie-wissen-schon-wem, von seiner Italienischen Reise zu veröffentlichen.
Selbst das haben "wir", d. h. konkret natürlich die Herausgeber (Gabriele Radecke für den Text und einen Teil der Erläuterungen, Andreas Beyer ebenfalls teilweise für die Erläuterungen und allein für das Nachwort) nur mit US-amerikanischer Hilfe zu Stande gebracht: das Editionsprojekt wurde gemeinschaftlich von der Goethe-Gesellschaft in Weimar und dem Clark-Art-Institute in Williamstown, Massachusetts, gefördert.
Da freilich nicht nur die Deutschen im Allgemeinen arm sind, sondern auch ich im Besonderen nicht reich bin, haben mir die Amerikaner auch ganz persönlich unter die Arme gegriffen, damit nun auch der dritte Goethe-Wanderer in meine Bibliothek wandern konnte. Und dazu war nicht einmal "conservative compassion" erforderlich; nein: die Marktmechanismen, auf einem von den Amerikanern in dieser Form überhaupt erst geschaffenen Markt, verhalfen mir zum Goethe-Genuss.
Womit ich freilich nur wortreich die simple Tatsache umschrieben habe, dass ich jenes leinengewandete Werk (Titel: "August von Goethe. Auf einer Reise nach Süden"), welches neu nur um den Preis von 23,- Eurostücken zu haben ist, preiswert und in tadellosem Zustand (wenn auch offenbar aus einem Raucherhaushalt) bei Ebay ersteigern konnte.
Die Beschreibungen, welche die drei Goethes (Vater Johann Caspar Goethe, Sohn Johann Wolfgang von Goethe und der - stark dem Wein-Geist ergebene - Sohnessohn August von Goethe) uns von ihren jeweiligen Italienreisen (1740, 1786 - Redaktion des Reisebuches jedoch erst sehr viel später, nämlich um 1815 - und 1830) hinterlassen haben, reflektieren die Entwicklung der Gesellschaft und die veränderte Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Ich zweifle nicht, dass irgendwann ein gelehrter Kopf auf die Idee kommen wird, einen Vergleich der Reisebeschreibungen unter diesem Gesichtspunkt zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen. Allerdings gibt es hier auch eine "innerfamiliäre" Persönlichkeitsentwicklung. Großvater Goethe reist, um sein Wissen zu erweitern, Sohn Goethe, um seine Persönlichkeit in vielfältiger Hinsicht zu bereichern, aber auch um sich zu befreien. Befreien wollte sich vielleicht auch der Enkel, aber während sich sein Vater "zu" etwas befreit hatte, die Bahn für seine künstlerische Weiterentwicklung frei gemacht, konnte der Sohn nur noch versuchen, sich "von" etwas, der Dominanz seines Vaters, dem Einerlei seines Weimaraner Alltages usw., zu befreien.
Johann Caspar Goethe beschreibt (auch erst später, und mit Hilfe des italienischen Hauslehrers der Familie, aber doch wohl ganz im Geist der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts), was er in Italien gesehen hat, vielleicht auch im Sinne einer Anleitung für andere (seinen Sohn?) "Was man sich in Italien ansehen sollte". Bei Johann Wolfgang von Goethe wird es schon deutlich privater. Auch er hält sich zwar im Großen und Ganzen an den damaligen Bildungsreisekanon. Ihm geht es aber nicht darum, irgendwelche Sehenswürdigkeiten abzuhaken und deren Gesehen-Haben im Gehirn abzuspeichern. Er macht sich Italien quasi innerlich zu eigen, die Reise wird zu einem wesentlichen Element seiner Persönlichkeitsentwicklung, und das sowohl in ihrem mehr äußerlichen "informationellen" Ertrag, als auch ganz innerlich-emotional. So etwa mit seiner Initiation in unbefangene Sexualität in Rom, die dann in letztlich in Weimar in das Verhältnis zu Christiane Vulpius einmündete, welchem die Welt wiederum den Goethe-Spross der vorletzten Generation, Johann August, verdankt (der seinerseits eine Tochter und 2 Söhne hatte, die sämtlich kinderlos blieben).
Dessen Reisebriefe an seinen Vater haben eine Art Doppelnatur. So jedenfalls erscheint mir ihr Inhalt nach einem ersten Durchblättern. Eine genaue Lektüre bleibt vorbehalten und wird, obwohl die Reisebriefe einerseits etwas trocken sind, auch nicht lange auf sich warten lassen. Denn auf andere Weise sind sie, auch vom gewissermaßen "feuchten" Gehalt der zahlreichen Weinschenkenvisitationen abgesehen, als Einblick in eine spezifische private Existenz doch sehr interessant.
Goethe der Vorletzte (1830 ist August von Goethe auf seiner Reise in Rom gestorben) musste einerseits seinem Vater beweisen, dass er sich nicht nur in den Kneipen amüsieren, sondern wie der große Goethe in Italien auch bilden wollte und konnte. Dies zumindest äußerlich, in ähnlicher Weise wie Großvater Johann Caspar Goethe, durch pflichtschuldige Sehenswürdigkeitenbesichtigungsberichterstattungen. Gleichwohl ist er doch weit stärker als sein Vater mit seiner nur privaten Existenz beschäftigt, seinem biologischen (und ökonomischen) Dasein. Da wird vieles klein-klein beschrieben: was, wo und wann er gegessen, besonders aber getrunken hat. Und mit wem, denn August war kein Knauser. "Wein für alle" "commandierte" er des öfteren in den Spelunken und machte sich durch diese und andere Großzügigkeiten vermeintlich das Volk zum Freund. Ein innerlich Einsamer? Vom Besitzstreben war er andererseits aber auch nicht frei: da lässt er schon mal eine "Terracotta" (wohl eine Statue, die vielleicht in seiner Vorstellung – oder auch tatsächlich; keineswegs unmöglich in der Gegend von Pompeji - antik war) mitgehen. Einen interessanten Ausdruck hat er für solche Diebereien: "retten" nennt er das! (In Pompeji selbst wurden die Besucher von Wachen begleitet, die sie am "Retten" hinderten.).
Wo hat er nur solche Ausdrücke gelernt? Von seiner Mutter? Oder seinen (Sauf-)Kumpanen? Oder hatte – kaum wage ich es, eine solche Vermutung auszusprechen – gar sein Vater im intimen Familienkreis damit geprahlt, dass er das eine oder andere Mitbringsel aus Italien dort "gerettet" hatte? In welcher Gesellschaft verkehrte August daheim?
Gerade dieser intime Teil der Reiseschilderungen Augusts von Goethe, mit ihren manchmal umgangssprachlich-kumpelhaften Ausdrücken, lässt auf zeitweise kurzweilige Textpassagen hoffen. Der Leser penetriert – voyeuristisch, zugegeben – in den Mikrokosmos eines "Menschen wie du und ich", der im Grunde (nur noch) deshalb nach Italien reist, um seinen Spaß zu haben.
Ich glaube, ich werde Spaß an der Lektüre haben. Dagegen habe ich mich durch Johann Caspar Goethes "Viaggio per l'Italia" eher durchgequält.
Nachtrag 19.06.09
Inzwischen habe ich das Buch vor nun schon längerer Zeit gelesen und mich dabei keineswegs gelangweilt. Momentan lese ich ein Buch, dass trotz seiner unterschiedlichen Zielrichtung (nämlich von vornherei für die Öffentlichkeit bestimmt) den o a. privaten brieflichen Reisenberichten des Goethe-Sohnes August "August von Goethe. Auf einer Reise nach Süden" nicht ganz unähnlich ist, nämlich das kurze Zeit später verfasste Italienbuch "Italien, wie es wirklich ist; Bericht über eine merkwürdige Reise in den hesperischen Gefilden, als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen" von Gustav Nicolai (vgl. Blott "Hurra; hurra hurra - die Schundliteratur ist da: "Italien wie es wirklich ist" (Gustav Nicolai, 2. Aufl. 1835)"). Ein halbwegs systematischer Vergleich beider Werke könnte reizvoll sein. Das in oben konstatierte Klein-Klein in den Goethe-Junior-Briefen findet sich - freilich nicht ganz so Makrofotografisch - auch bei Nicolai.
Auf jeden Fall geben uns beide Zeitgenossen, die etwa zur gleichen Zeit gen Süden gereist sind, eine ganze Menge interessanter Informationen über das italienische Alltagsleben.
Nachtrag 22.11.2009
Wie sein Vater, interessierte sich auch der Junior August von Goethe für Geologie. Geologische Sachverhalte werden des Öfteren im Buch erwähnt. Vielleicht hilft zu einem besseren Verständnis der damaligen wissenschaftlichen Kontroversen die Lektüre eines Vortrags von Helge Martens auf der 11. Sitzung der Humboldt-Gesellschaft am 13.06.1995 u. d. T. "Goethe und der Basaltstreit". Inhalt:
A. Einordnung des Basaltstreits
B. Die Positionen
C. Die Neptunisten
D. Zwischen den Fronten
E. Die Plutonisten
F. Goethe
Textstand vom 22.11.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Buecher, Goethe, Italien(bezug)
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