Montag, 23. Oktober 2006

Wohltätige Gewissenserpressung?

"Moment bitte, Sie haben sich mit Schulbüchern eingecremt. Pflegeprodukte kaufen oder Zukunft schenken":
Gegenüber der alle Jahre wiederkehrenden nachweihnachtlichen Neujahrs-Feuerwerks-Miesmache "Brot statt Böller" hat diese Werbung den Vorteil einer saisonunabhängigen Verwendbarkeit.




















Die Seele in den Himmel springt, wenn die Münze im Sammelkasten klingt. Mehr oder weniger gilt immer noch dasselbe Prinzip wie beim alten Ablassprediger Johann Tetzel.







Nachtrag vom 12.11.06:
"Entschuldigung, Sie haben da einen Brunnen am Ohr hängen. Schmuck kaufen oder Zukunft schenken":

Diese Abart der oben gezeigten Werbung fand ich heute auf einem Plakat in Aufenau (ein Ortsteil von Wächtersbach).








Das Foto konfrontiere ich kommentarlos mit einem Handelsblatt-Bericht vom 10.11.06:
"Teuerste Auktion aller Zeiten bei Christie's. Kunst-Preise explodieren":
"Beim Auktionshaus Christie’s sind bei der teuersten Auktion aller Zeiten binnen zwei Stunden Bilder für fast 500 Mill. Dollar unter den Hammer gekommen."
Nein, eine Randbemerkung kann ich mir denn doch nicht verkneifen:
Wenn die Elite Kunst kauft, ist das natürlich ganz etwas anderes, als wenn sich der Pöbel mit Halbedelstein-Klunkern behängt.

Kein guter Vergleich? Okay, nehmen Sie meinetwegen den Handelsblatt-Artikel "Synthetische Finanzprodukte. Derivate-Boom mit zahlreichen Facetten" vom 07.11.06:
"... ist die Zahl der an den globalen Terminbörsen gehandelten Kontrakte seit dem Jahr 1975 von 32 Millionen Kontrakten pro Jahr inzwischen auf fast 12 Mrd. Kontrakte gestiegen. Die Branche dürfte in Zukunft weiter um rund 25 Prozent pro Jahr zulegen ..."
Ich fürchte, mit Derivaten wird mehr Kapital in Brunnen versenkt, als wenn wer ein Stück Schmuck oder Modeschmuck zu Weihnachten kauft.

Jedenfalls finde ich die vorweihnachtliche Spendenwerbung der Kindernothilfe e. V. ausgesprochen abstoßend. (Die Kampagne besteht aus 3 verschiedenen Motiven. Der Text des dritten Plakats lautet: "Verzeihung, Ihr Sparschwein hat gerade eine Krankenschwester verschluckt".)


Nachtrag vom 16.11.06:
Erfinder dieser Werbekampagne ist übrigens die Werbeagentur Scholz & Friends in Hamburg.
Was die wohl denken, wenn Sie meine Blog-Einträge über ihre Börsenmassage lesen? Wahrscheinlich: "Diese verdammten Klowände des Internets".


Nachtrag vom 24.11.06:

Wie man sieht (übrigens auf genau der gleichen Plakatwand am Frankfurter Südbahnhof wie das erste Foto) kann man auch auf andere Weise um Spenden für wohltätige Zwecke werben!











Nachtrag vom 15.11.06:
Du bist nicht allein ... wenn du klagst über (diese) Werbung ... :
In seinem Blog "E pluribus unum" äußert ein Daniel Fallenstein u. d. T. "Frikadelle ans Ohr" die gleiche Meinung über die Schulbücher-Gesichtscreme-Kampagne. U. a. schreibt er:
"Du darfst nicht genießen, ohne zu bereuen! Eine nette Philosophie. Allemal, wenn man Leute dazu bringen will, sich für ihr Glück und ihren Wohlstand zu schämen. [.....] Es sei denn, man kauft sich einen Ablassbrief (Patenschaft) der Kindernothilfe… ".


Nachtrag vom 14.01.07:
So, jetzt hat meine Digitalkamera auch die Krankenschwester geschluckt: durch die Zugtür, am Bahnhof Hanau.
Es ist leider keine absolut scharfe Aufnahme, und ziemlich schräg außerdem. Aber für meine Zwecke ist sie scharf genug.


Nachtrag 13.05.2009
Über eine ganz fiese Werbemasche des "World Children’s Fund" berichtete Stefan Winterbauer in seinem Konsumenten-Blog am 27.04.2009: "Bettelbriefe mit Rosenkranz".











Nachtrag 27.05.11
Zum weiteren Themenumfeld Entwicklungshilfe / Nothilfe / Katastrophenhilfe / Hilfsorganisationen vgl. auch das Buch "Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen" von Linda Polman. "Der Freitag" hat dazu eine eigene Seite "Buch der Woche: Die Mitleidsindustrie" mit zahlreichen Artikeln und Videos eingerichtet.



Textstand vom 27.05.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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