Mittwoch, 7. März 2007

Das Kurbad in Königstein (Taunus): Sprudelliegen mit Festungsblick

Auch in Königstein im Taunus gibt es ein Wetter. Am Samstag, den 03.03.2007, ist es kalt, sehr windig, der Himmel grau verhangen, manchmal nieselt es.

Wo Wetter waltet, ist das Klima nicht weit. Aufbauend auf Erkenntnissen, welche der Frankfurter Mediziner Heinrich Hoffmann bereits im Jahre 1860 in seinem bis heute grundlegenden Werk über das Kur- und Bäderwesen in Deutschland publiziert hatte, richtete man einen "Heilklima-Park Hochtaunus" ein (der natürlich auch eine eigene Webseite hat).
Hoffmann hatte u. a. erkannt, dass gesund ist, was hart macht. Entsprechend hoch veranschlagt er das Klima ("Reizklima" nennt man diesen Bio-Klimatyp heute; aber außer der Fortentwicklung der Terminologie ist vieles im Kurwesen heute noch genau so wie zu Hoffmanns Zeiten) in dem von ihm beschriebenen Badeort:
"Es wäre ein leichtes für den Verfasser gewesen, auch seinen Badeort hermetisch gegen alle Nord- und Ostwinde zu schließen, wie dies fast alle Kollegen mit ihren Badeorten versuchen; allein er tut gerade das Gegenteil und erklärt: Boreas und Eurus blasen lustig und mutig durch das Tal und die Gasse. Er erklärt ferner dies für einen großen Vorteil und Vorzug von Salzloch; es kann stolz darauf sein, und gerade in dieser kräftigen Beschaffenheit seiner Atmosphäre liegt ein Teil seiner tonischen Heilkraft. Bäder sollen ja keine Verweichlichungsorte, sondern wahre Turnanstalten für die Gesundheit sein, und alles, was Haut und Lungen abhärtet, heißen wir mit Jubel willkommen, und somit sind auch Nordwind und Ostwind unsere therapeutischen Kollegen. Luft bleibt eben ja doch das erste Lebensbedürfnis. Wir essen 3 bis 4mal im Tag, aber wir atmen ungefähr 20 168mal in 24 Stunden, und für gute Luft sorgt der ... Wind am allerbesten.
Durch diese Erklärung aber und die folgende haben wir einen neuen Beweis unserer offenherzigen Ehrlichkeit abgelegt. Warum sollten wir nicht ebensogut berechtigt sein, das Klima unseres Bades auf dem Papier zu vermildern ... wie andre Badeärzte, die aus ihren Schneelöchern von Tälern den Winter ganz wegleugnen, die im Januar und Februar eine Junisonne herbeilügen ... . Wir tun es nicht – obgleich uns ... niemand daran hindern würde –, teils weil es nicht wahr wäre, und teils weil es gar nicht in unseren Kram paßt. Wir haben kalt, recht kalt. Das ist uns aber gerade lieb, denn dafür sind die Konversations- und Spielsäle bei uns geheizt und sehr behaglich. Wir betrachten die Kälte als ein Tonicum, sie ist das Eisen der Atmosphäre. Und somit eignet sich unser Bad ebensogut als andre zu den jetzt viel empfohlenen Winterkuren; ja wir gehen weiter und glauben, daß die meisten Kurgäste wenig oder keinen Unterschied zwischen unserem Bade und den verschiedenen belobten »Nizzas von Deutschland« verspüren werden.
Die klimatischen Verhältnisse sind überhaupt hier die dem menschlichen Organismus zusagendsten, die größte Hitze nämlich fällt in die Sommermonate ..., die stärkste Kälte haben wir im Winter. Auf heiße Nachmittage folgt im Sommer wie in den meisten Tälern abends rasche Abkühlung ..., so daß auch hierdurch für heilsame Abhärtung gesorgt ist. An Feuchtigkeit und Niederschlägen fehlt es auch nicht, in einem früheren Sommer zählten wir auf 90 Tage etwa 30 Regentage. ... Mit einem Worte, das Klima unseres Bades ist so, daß, wer sich daran gewöhnt hat, zuversichtlich sagen kann, er könne jetzt etwas Gehöriges vertragen.
"

In oder an diesem Heilklima-Park liegt auch Königstein im Taunus. Die Stadt erhielt bereits 1935 das Prädikat „Heilklimatischer Kurort“ (zu einer Zeit also, in der das Leben in Deutschland teilweise recht ungesund war). Das Klima in Königstein ist übrigens "aktinisch, reizarm", [mein altes dtv-Brockhaus-Lexikon bietet nur "aktinische Krankheiten" an, die durch Lichtschäden hervorgerufen wurden; der "Pschyrembel" übersetzt "aktinisch" mit "durch Strahlen bewirkt": hmm, mag ja sein, dass die Sonne in Königstein etwas häufiger zu sehen ist als in Frankfurt - aber Mallorca & Co. sind zweifellos noch weitaus "aktinischer"] während im Hochtaunus "gut dosierbare Kältereize" auf den Kurgast warten. "Kältereize ... gibt es reichlich" wirbt die Webseite der Heilklimatiker. "In der Höhe treten sie von Oktober bis Mai auf, in den unteren Lagen etwa von November bis in den April. Ihre Intensität kann je nach Aufenthaltsort recht unterschiedlich sein, so dass eine Dosierung gut möglich wird."

Der Kurort Königstein hebt dagegen lieber den Unterschied zum Hochgebirge hervor: "Höhenreiz und Strahlungsfaktoren sind im Mittelgebirgsklima gegenüber dem Hochgebirgsklima deutlich abgeschwächt."
Unheilige Dinge halten die Klima-Heiler fern von ihren Seiten: Die Google-Webseiten-Suche zeitigt Treffer für den Begriff "Ozon" bei Königstein lediglich im Zusammenhang mit der Erwähnung eines "Bio-Monitors" (s. a. unten) im Kurbad, und der Heilklima-Park nur als Messwerte ohne jede Wertung bzw. gesundheitliche und lokalklimatische Einordnung.

So viel kann man aber doch über das Klima in Königstein und in den verschiedenen Höhenlagen des Taunus sagen: wo es kalt ist, ist es gut, wo es warm ist, ebenfalls und auch dort, wo es weder warm noch kalt ist, leben - teils gesunde, teils kranke - Menschen. Genau wie zu Zeiten von Heinrich Hoffmann!

Jedenfalls hat aber Königstein einen schönen und vor allem verkehrsfernen Kurpark und darin ein hübsches Kurhaus, wohl aus der Zeit um 1900, in einer Art Schweizer Stil.

Nicht im Kurpark, aber recht nahe am Stadtkern liegt das Kurbad (welches übrigens das Zentrum des Heilklima-Parks ist und deshalb auch einen "Bio-Monitor" besitzt, auf den ich noch zurück kommen werde). Denn nicht des wohltätigen schlechten Wetters wegen waren wir gekommen, nein: in warmen (wenn auch nicht mineralhaltigen) Wässern wollten wir plantschen!

Das Wasser im Innenbecken (Vorsicht Nichtschwimmer: dieses Becken wird gegen die äußere Schmalseite hin zu tief für euch!) ist 29 Grad warm.
Draußen wird es noch wärmer: 32 Grad. In diesem Becken kann man überall stehen; hier sind auch die sprudelnden und blubbernden Attraktionen versammelt, welche das Publikum heutzutage erwartet.

In solch warmem Wasser kann man es auch dann aushalten, wenn der interaktive Bio-Klima-Monitor im Eingangsbereich zum Schwimmbad die gemessene Temperatur mit 6,5 Grad angibt, die gefühlte aber mit minus 2,5 Grad. (Übrigens wird uns von diesem Monitor bestätigt, was wir irgendwie bereits geahnt hatten: dass nämlich die Sonneneinstrahlung aktuell praktisch nicht vorhanden ist und kein Sonnenbrandrisiko besteht.)

Sehr schmal sind die Umkleidekabinen, und das ist offenbar nicht nur für meine alten und ungelenkigeren Knochen ein Problem.
Jedenfalls sehe ich beim Verlassen des Bades, dass eine muntere junge Mutti sich im Barfußgang ankleidet. Eine gauguineske Genreszene, so recht zur Südseetemperatur des Badewassers passend und mit tonisierender Wirkung auf den Kreislauf.
3 Kleiderhaken stehen in den Kabinen zur Verfügung, und die nicht ausschließlich über der Sitzbank; man kann also auch die nasse Badehose aufhängen.

An den Duschkabinen bieten Türen in Rumpfhöhe Sichtschutz. Haken für die Badehose hat man hier allerdings vergessen und ebenso wenig an eine zusätzliche Ablage für den Seifenbehälter gedacht. Die Seifenablage ist leider auch nicht gänzlich unerreichbar für Wasserspritzer vom Duschen.

Drinnen halten wir uns hauptsächlich draußen auf :-).
Zwar schwimme ich ein paar Mal im Schwimmerbecken in der Halle, aber da es draußen wärmer ist, die ganzen Attraktionen dort sind und außerdem für mich ein wesentlicher Anreiz für den Besuch eines Thermalbades gerade in dem Kontrast zwischen schlechtem oder kaltem Wetter und dem warmen Badewasser liegt, verbringen wir die meiste Zeit im Freibecken. Das dort gebotene vielfältige Geblubber, Gestrahle und Geplätscher ist den Eintrittspreis (5,50 € für 2 Stunden) allemal wert. Sogar Kinder (bzw. deren Eltern)können sich das leisten, und entsprechend zahlreich ist der Nachwuchs in diesem Badebecken versammelt. Trotzdem ist das Becken, jedenfalls bei unserem Besuch, nicht überfüllt. (Dass allerdings einige Kinder im Wasser Ball spielen, ist nicht unbedingt kurgemäß.)

Am Ende des Außenbeckens warten (wie in der Cassiopeia-Therme in Badenweiler) die Höhepunkte: der Strömungskanal, der einen Whirlpool umschließt. In beiden ist (ebenfalls wie in Badenweiler) das Wasser sogar noch wärmer als im sonstigen Außenbecken.

Und noch etwas erinnert mich an die Cassiopeia-Therme: auch hier im Königsteiner Kurbad schwimmt man mit Blick auf eine Burg (militärtechnisch ist in Königstein die Burg zur Festung weiterentwickelt, aber die Festungswerke kann man vom Thermalbad aus nicht sehen). Der Burgblick in Badenweiler ist malerischer (weil die Ruine näher an der Therme und relativ zu diesem höher liegt), aber immerhin.

Eine lange Sprudel-Liegebank hat es hier (wie im Thermarium in Bad Schönborn bzw. Bad Mingolsheim). Sie ist wohl bewusst an der Schmalseite des Außenbeckens positioniert, um den Nutzern den schönen Burgblick zu spendieren. Für die Schwimmer verengt das allerdings ihren Aktionsradius allzu sehr, speziell dann, wenn im Bereich gegenüber den Sprudelliegen die Bodendüsen blubbern und entsprechend zahlreiche Nutzer anziehen. Insoweit wäre es zweckmäßiger gewesen, die Liegen an der Schmalseite aufzumauern.

Sehr angenehm sind die 3 Nackenduschen: kräftig und erfreulich breitstrahlig massieren sie die Schultermuskulatur ordentlich durch. (Wünschenswert wäre allerdings eine Haltestange am Beckenrand an dieser Stelle, damit man den Körper unter den Strahlen halten kann und nicht weggedrückt wird.)
Mit Unterwasser-Massagedüsen ist natürlich auch dieses Bad (draußen) ausgestattet.
Und über die Einschalt-Häufigkeit der Düsen im Strömungskanal, Whirlpool, Nackenduschen usw. kann man sich wahrhaftig nicht beklagen.

Alles in allem also ein Thermal-Bad, das wir sicherlich öfter besuchen würden - wenn es nur näher an Wächtersbach läge.

(Dies ist ein Beitrag meiner in loser Folge erscheinenden Serie über die "Thermenwelt: Thermen der Welt".)


Nachtrag vom 12.03.07:
Der Königsteiner Steuerzahler weiß es offenbar zu schätzen, dass wir das dortige Kurbad mit unserem Besuch beehren: 1 Mio. € buttert der Stadtkämmerer jährlich rein, berichtet Bernhard Biener in seinem Artikel "Hoffen auf den finanzstarken Retter" im FAZ.Net vom 26.02.2007.

Mehr Informationen über den Heilklima-Park (und über einen aufschlussreichen Vergleich zwischen der Luftqualität an der Frankfurter Hauptwache und auf dem Kleinen Feldberg, zu dem ich ansonsten leider nichts Näheres im Netz finde) bietet das Interview "Wandern im Heilklima-Park Hochtaunus" der IKK Frankfurt mit Rainer Kowald, Geschäftsführer des Taunus-Touristik-Service, vom Juni 2005.


Nachtrag 04.04.2010:
Die Reichweite der "Tägs" ist leider eng begrenzt; wer unten den Täg "Thermalbaeder" anklickt, bekommt lediglich die neuesten Einträge zu sehen.
Aus diesem Grunde habe ich meine Thermen-Schilderungen (die allerdings nicht immer sehr detailliert sind, bzw. bei denen die Blotts nicht immer auf die Thermenbesuche fokussieren) in einem eigenen Blott "Thermenwelt: Thermen der Welt (well: meiner Welt, also Thermalbäder in Deutschland)" verlinkt.






Textstand vom 04.04.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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