Dienstag, 31. März 2009

Landgraf, werde Zeisig! Kommentare zum kommenden G-20-Gipfel in London in Handelsblatt und Financial Times Deutschland (FTD)

Lucas Zeise erklärt in seinem Kommentar in der FTD vom 31.03.2009 "Warum sich nichts ändert".
Zu meinem Erstaunen macht er ausgerechnet die Bundesregierung dafür verantwortlich, dass bei der Londoner Tagung der G20 vermutlich in Sachen Bankenregulierung nicht allzuviel herauskommen wird. Hat nicht gerade unsere Regierung öffentlich und lautstark ein mehr an Regulierung verlangt?
Zeise zufolge hat sie jedoch ganz bewusst, geradezu vorsätzlich, "den Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) Otmar Issing zum Vorsitzenden ihres Beratungsgremiums ... [gemacht]. Sie [Angela Merkel] und Steinbrück wussten, was sie taten: Issing ist bekennender Deregulierer."
Entsprechend negativ beurteilt Zeise die Vorschläge des Beratungsgremiums:
"Beide, Issing wie Tietmeyer, waren bisher aktive Vertreter des Lehrsatzes, die Politik sei den Märkten zu unterwerfen. Von keinem der beiden ist bekannt, dass er diesen Standpunkt revidiert hätte.
Es verwundert also wenig, dass das Beratungsgremium unter Issings Vorsitz den wahrhaft revolutionären Vorschlag in die internationale Debatte einbrachte, ein grenzüberschreitendes Großkreditregister zu entwickeln. Es soll Banken und Aufsehern erleichtern, besondere Risiken (hohe Verschuldung von Kreditnehmern) zu erkennen. Die Aufsichtsbehörden könnten dann ganze "Risikolandkarten" erstellen. Ein solcher Informationsaustausch ist kein Fehler. Um das Finanzsystem zu reparieren, ist er aber in etwa so hilfreich wie das Einsetzen von neuen Fensterscheiben im zweiten Stock, wenn man ein Gebäudefundament festigen will.
Verglichen mit den deutschen Vorschlägen sind die der Briten, der EU, ja sogar der USA erstaunlich konsequent. .....
Gibt es also Anlass zum Optimismus? Leider nein. In keinem der Dokumente wird als wesentliche Ursache der Krise die unglaubliche Aufblähung des Finanzsektors benannt. Der Grund für diese historisch wohl einmalige Blasenbildung wird mit der von Ben Bernanke stammenden Kurzformel der weltweit hohen Sparquote verharmlost. Richtiger wäre es, von einer weltweit auseinander klaffenden Einkommensverteilung zu sprechen. Auch fehlt in den Vorschlägen die Erkenntnis, dass sich der Finanzsektor effektiv nur abspecken lässt, indem die Kreditvergabe begrenzt und an das Eigenkapital gebunden wird. ....."

Das sind klare Aussagen, Worte mit Biss, von denen mir insbesondere der Vorwurf des "Aufpäppelns" glaubwürdig erscheint.
Wie anders soll ich den folgenden Satz in einer gemeinsamen Erklärung der US-Notenbank (Fed) und des US-Finanzministeriums (Treasury) vom 23.03.2009 deuten:
"Actions taken by the Federal Reserve should also aim to improve financial or credit conditions broadly, not to allocate credit to narrowly-defined sectors or classes of borrowers"? Das klingt doch verdammt nach dem alten US-Politik-Motto "Kredite für alle" - auch wenn sie subprime sind. Zwar heißt es in einer Erklärung der Fed vom 19.03.2009 (meine Hervorhebung):
"Under the TALF, the Federal Reserve Bank of New York extends three-year loans secured by AAA-rated ABS backed by newly and recently originated loans."
Aber wenn ich dann lese,dass die Fed nunmehr u. a. sogar "ABS backed by mortgage servicing advances" beleiht, und erklärt bekomme, was diese Dinger sind:
"Mortgage servicing advances are loans extended by residential mortgage servicers to cover payments missed by homeowners. Accepting ABS backed by mortgage servicing advances should improve the servicers' ability to work with homeowners to prevent avoidable foreclosures. The additional new ABS categories complement the consumer and small business loan categories that were already eligible--ABS backed by auto loans (including auto floorplan loans), credit cards loans, student loans, and SBA-guaranteed small business loans" (hier noch eine bessere Erklärung)
dann habe ich erhebliche Zweifel an der Tripple-A-Qualität. Bzw. daran, dass die Rating-Agenturen zwischenzeitlich verlässlicher urteilen.

Auch wenn ich im Obama-Interview der Financial Times vom 30.03.2009 lese:
"FT: Mr President, given the rising tendency to populism on Capitol Hill and elsewhere, do you feel confident that at a time like this you can go to Congress and ask for the kind of backing of capitalisation that most economists say will be required in the near future?
Obama: I think it is very important for us to show that the money that has already been authorised is being well spent. That it is helping to result in loans going to small business and large business that are in turn investing and creating jobs. If voters perceive that it’s a one way street that we are just pouring more and more money into institutions and seeing no return other than avoiding catastrophe then it’s harder to make an argument for further intervention.
If on the other hand people start saying that they can refinance their house, and their child can get a student loan and that small business is able to retain its credit line, so that there is a tangible and meaningful result from our measures, then I think we can win back the confidence of the American public
"
wird klar, worum es in den USA geht: Kredit, Kredit, Kredit. Oh Shit! (Nicht dass ich die ökonomische Logik hinter den Maßnahmen der Fed und den Äußerungen Obamas nicht verstehen könnte, die kurzfristige jedenfalls. Aber letztlich war es doch diese Einstellung, nicht die Gier der Banker usw., die uns zuerst einen Scheinaufschwung beschert hat, mit wenigen Gewinnern und vielen Verlierern, und jetzt den total Abschwung.)

Zeise dagegen (meine Hervorhebung):
"Gibt es ... Anlass zum Optimismus? Leider nein. In keinem der Dokumente wird als wesentliche Ursache der Krise die unglaubliche Aufblähung des Finanzsektors benannt. Der Grund für diese historisch wohl einmalige Blasenbildung wird mit der von Ben Bernanke stammenden Kurzformel der weltweit hohen Sparquote verharmlost. Richtiger wäre es, von einer weltweit auseinander klaffenden Einkommensverteilung zu sprechen. Auch fehlt in den Vorschlägen die Erkenntnis, dass sich der Finanzsektor effektiv nur abspecken lässt, indem die Kreditvergabe begrenzt und an das Eigenkapital gebunden wird."

Dass Lucas Zeise im übrigen die deutsche Regierung kritisiert, weil sie sich auf die Forderung nach einem grenzüberschreitenden Großkreditregister beschränke, ist insofern nicht ganz verständlich, als er gleichzeitig auf EU-Vorschläge zur Etablierung eines Gremiums für die Analyse von makroökonomischen Problemen und Risiken verweist und diesen Ansatz lobt. Deutschland gehört ja immerhin zur EU, und wenn die Europäische Union insgesamt eine Forderung aufstellt, dann steht ja wohl auch Deutschland dahinter. Und kann sich seinerseits darauf beschränken, ggf. ergänzende Vorschläge zu machen.



Wie auch immer: Im Handelsblatt vom 30.03.2009 diagnostiziert Robert Landgraf "G20: Die Angst vor großen Schritten".
Darin lobt Landgraf genau das, was Zeise tadelt:
"... der große Wurf, der die Aufsicht in eine neue Ära katapultiert. Die klugen Köpfe um den ehemaligen Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, werben für die Risikolandkarte. Sie soll erstmals das Netz der Beziehungen sichtbar machen, das die großen Finanzakteure untereinander verbindet. Damit könnten die Aufsichtsbehörden erkennen, welche Risiken durch Wechselwirkungen entstehen. Das wäre ein sinnvoller, ein bitter nötiger Schritt. .....
Die Risikolandkarte würde Schwächen im Finanzsystem schonungslos aufdecken. Es bliebe Zeit, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Von den Daten her ist das alles kein Problem: Sie liegen bereits heute vor, nur sitzen die einzelnen Staaten auf ihnen und geben sie nicht heraus. Über diesen Schatten müssen sie springen. Nur so können Risikoballungen frühzeitig erkannt werden
."

Klingt für mich nicht besonders überzeugend.
Schon gar nicht, wenn ich zur Financial Times Deutschland zurück gehe und dort im Meinungsartikel von Professor Paul J. J. Welfens "Was sich ändern muss" lese:
"Die amerikanischen, aber auch die europäischen Bankenaufseher haben Fehlentwicklungen lange ignoriert. In den USA begegneten sie 2002 bis 2006 der Anomalie sinkender Risikoprämien - bei zweistellig wachsenden Kreditvolumina - nur mit Gleichgültigkeit und Unverständnis. Man braucht kein neues komplexes Frühwarnsystem zu entwickeln, wenn schon mit bloßem Auge sichtbare Anomalien am Kapitalmarkt bei Aufsichtsbehörden nur gleichgültiges Schnarchen zur Folge haben." Und:
"Bankenaufseher müssen künftig professionell arbeiten und ein nachweisbar fundiertes Risikomanagement von Banken einfordern. Hierzulande ist die Lage schwierig: Ein Chef der deutschen Bankenaufsicht, der im Vorwort des Jahresberichts 2008 formulierte, dass er von den Ereignissen in den USA weithin überrascht worden sei, ist untragbar. Überhaupt ist die jetzige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) mangels ausreichender Kompetenz und Professionalität nicht glaubwürdig und Teil des Problems."

Das sind klare Sätze, Formulierungen mit Biss.

Liebes Handelsblatt, wenn ich in den letzten Tagen deine Artikel, insbesondere die Meinungsartikel, mit denen der Financial Times Deutschland vergleiche (z. B. den Kommentaren von Kenneth Rogoff; aktuell der letzte: "Das Schulden-Endspiel"), oder z. B. auch mit dem Kommentar "Notfalls ohne Obama" von Jean Heuser (Zeit Online 26.03.09) enttäuschst du mich ziemlich! Irgendwie bist du mir zu brav, zu lieb, zu laff. Auch von dir hätte ich mir kompetente Kritik erwartet. Sicherlich gibt es kritische Artikel und Passagen. Aber insgesamt habe ich das Gefühl, dass du dich nicht so recht traust, heftiger gegen den Stachel zu löcken. Und wer, außer der Wirtschaftspresse (und allenfalls noch den großen Tageszeitungen), könnte das kompetent tun? Gerade in einer Krise wie der gegenwärtigen, und besonders natürlich im Vorfeld des G20-Gipfels, hätte ich von dir mehr, wie soll ich sagen - spiritual guidance? - erwartet!
Oder erlegt dir die Kooperation mit dem Wall Street Journal Zwänge auf, die Interessen der Finanzwelt nicht allzu heftig zu attackieren? Noch hast du lt. Wikipedia 50% mehr Auflage (ca. 150.000) als die FTD (gut 100.000). Aber wenn du so weiter machst, verlierst du vielleicht auch andere treue Leser (selbst wenn es, wie ich, nur Online-Lau-Leser sind).
Oder versteckst du die besten Artikel in der Printausgabe? Das wäre schade - für mich; am Ende aber wohl auch für dich?
Ergänzung 18.03.10: Auf der Webseite der IVW ("Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.") sind die Auflageziffern aktuell verfügbar.
Auf der Webseite von www.medienmagazin.de erfahren wir etwas über die Nutzerzahlen der Online-Portale der verschiedenen Printmedien. Für Februar 2010 wurde dort gemeldet: "ONLINE-IVW 02/10. "Handelsblatt" fällt online hinter die "FTD" zurück". Was mich nicht überrascht: auch ich selbst lese mittlerweile sehr viel häufiger und intensiver auf der FTD-Webseite als auf derjenigen des Handelsblattes.
Am 18.03.2010 erfahren wir über die "ONLINE-REICHWEITEN: AGOF: "Welt.de" trumpft auf, "Bild.de" zieht davon". Tatsächlich war auch ich recht häufig auf dem WELT-Portal unterwegs; insbesondere wegen der recht ausführlichen Berichterstattung (und breiten Leserkommentierung) in Sachen Griechenland-Bailout.
[AGOF " ist die Abkürzung für die "Arbeitsgemeinschaft Online Forschung", welche die Zahl der Internetzugriffe ermittelt.]






Textstand vom 15.03.2011. Auf meiner Webseite
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