Freitag, 20. März 2009

Wolfgang Münchau: was ist Wahrheit? oder Die Trompeter von Sick-ingen

Auch ich lese natürlich recht häufig englischsprachige Webseiten, zum allergrößten Teil aus den USA. Die sind meist informativer als die deutschsprachigen, was bei der Finanzmarktkrise ja auch kein Wunder ist: Seismographen im Zentrum des Bebens liefern naturgemäß die besseren Aufzeichnungen.
Manche meiner Landsleute scheinen bei einer solchen Lektüre allerdings die Orientierung zu verlieren.

Eingebettet ("embedded" oder eingebettet: so wie die "embedded journalists" im Irakkrieg) in die große Finanzwelt und die Brust mit stolzer Verantwortlichkeit geschwellt, geben sie sich damit zufrieden, als Echo-gleiche Brüllaffen fremder Interessen aufzutreten. Das gibt ihnen wohl ein Gefühl von großer weiter Welt, ähnlich wie es unsere Landesbank-Deppen überkommen haben muss, wenn sie ihre Kohlen-Koffer in London oder New York abliefern durften.

Da sind zum Beispiel jene denkfaulen Mit-Germanen, die sich von anglophonen Interessenkommentaren gleich derart ins Bockshorn jagen lassen, dass sie den armen Klinklax schnurstracks beklauen wollen.

Und da ist Wolfgang Münchau, Kommentator in der Financial Times Deutschland (FTD) sowie Leiter des Informationsdienstes "Eurointelligence.com" (Gnade uns Gott, wenn das die europäische Intelligenz sein sollte!), der den Handel mit Credit Default Swaps (CDS) regulieren will, denn "Die Zeitbombe tickt" meint er auf der TFD-Webseite vom 18.03.09. Gut, dagegen habe ich nichts einzuwenden, wobei ich allerdings eher ein Clearinghouse als enge administrative Regulierungen vorschlagen würde - vgl. dazu meinen Blott "Kipper, Wipper, Notenbanken", über das sämtliche Transaktionen abzuwickeln wären und das im Falle der Insolvenz eines Players den anderen dann den Verlust ausgleichen könnte, indem es sämtlichen Marktteilnehmern einen "Haircut" verpasst, also die nötigen Beträge anteilig von allen einsammelt. Damit wäre das System der Kreditderivate sozusagen hermetisch abgeriegelt oder anders gesagt: alle Spielteilnehmer wären "mitgefangen, mitgehangen" (und auch große Verluste sollten keinen der Player überfordern).

Was mir dagegen gewaltig auf den Geist (oder einen anderen Körperteil) geht, ist Münchaus naive Übernahme des Standpunktes (vermeintlicher) amerikanischer Steuerzahlerinteressen. (Wie auch schon in der Eurozonen-Anleihen-Debatte sein Meinungsgleichklang mit der Interessenposition der angelsächsischen Kapitalwelt; vgl. seinen Kommentar "Das nächste Spekulationsopfer" in der FTD vom 04.02.09.

Das beginnt mit einem Äpfel-Birnen-Vergleich, wenn er sagt:
"Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, würde sich bekannterweise schämen, wenn er Geld von der deutschen Regierung erhielte. Jetzt scheint es so, dass es sich für Ackermann mit amerikanischen Steuergeldern ganz ungeniert leben lässt: Deutschlands größte Geschäftsbank und die französische Société Générale haben zwischen September und Dezember 2008 jeweils knapp 12 Mrd. $ an Zahlungen aus Verträgen mit dem Versicherer AIG erhalten - also von jenem Konzern, der von der US-Regierung mit wahnsinnigen 180 Mrd. $ gestützt wird."
Klar profitiert hier (unter anderem) die Deutsche Bank (aber, wie er auch erwähnt, z. B. auch Goldman Sachs, und die sogar mit 13 Mrd. $, und viele weitere Banken) von Geldern, die der amerikanische Steuerzahler aufgebracht hat. Aber das ist ja wohl etwas ganz anderes, als wenn diese Banken durch den Ankauf waghalsiger Kredite in Schwierigkeiten gekommen wären und deshalb Hilfe vom Staat erbetteln müssten. Für mich ist es nur recht und billig dass jene, welche der Welt die Solidität ihres Ponzi-Finanztheaters sowie eine strenge Regulierung der Finanzwirtschaft vorgegaukelt haben (wobei die Überwachungsbehörde in Wirklichkeit noch nicht einmal das Verschwinden von 50 Mrd. Madoff-Dollars bemerkt hat oder bemerken wollte, obwohl sie mehrfach mit der Nase drauf gestoßen wurde), wenigstens einen Teil der Schäden tragen, die dadurch sowie von einer Kreditvergabe unterhalb von 3-Welt-Standards verursacht wurden.
Völlig unverständlich ist mir (auch wenn die in seiner Meinungstiraden enthaltenen Informationen selbstverständlich wichtig sind), Münchaus totale Identifikation mit möglichen Meinungen des US-Parlaments und der amerikanischen Steuerzahler (jeweils meine Hervorhebungen in den nachfolgenden Zitaten):
"Der US-Kongress, dem diese Information [Liste der Geschäftspartner von AIG] zunächst vorenthalten wurden, wird jetzt zu Recht toben. Schließlich hat man amerikanisches Steuergeld dazu benutzt, um Banken in Europa vor der Pleite zu retten - und dies ohne jede Gegenleistung. Nichts anderes als der Kollaps europäischer Institute wäre die Folge gewesen, hätte Washington AIG im September 2008 nicht mit amerikanischem Steuergeld gerettet."
Von der Interessenposition ganz abgesehen, ist seine Behauptung auch falsch, dass der amerikanische Steuerzahler keine Gegenleistung erhalten habe.
Er hat Steuern von AIG bekommen, vor allem aber hat er (nicht als Steuerzahler, aber als Hauskäufer) Kredite aus der ganzen Welt erhalten. Die wären sicherlich nicht in jenem großen Umfang geflossen, hätten die Banken nicht auf die Versicherung der Versicherung AIG vertraut, dass man ihnen - gegen Gebühren - eventuell eintretende Ausfälle ersetzen würde. (Rückblickend wäre es ein eingeschränktes Kreditvolumen natürlich besser gewesen, aber jedenfalls haben die Kredite die US-Wirtschaft eine Zeit lang angekurbelt.)
Die größte Gegenleistung aber, die der amerikanische Steuerzahler für den AIG-Bailout erhält, ist das Vertrauen der internationalen Finanzwelt.
Wer würde mit diesen finanzwirtschaftlichen Schmuddelkindern noch Transaktionen wagen, wenn er überhaupt kein Vertrauen in seine Gegenpartei mehr haben könnte?
Und wer vor allem würde noch US-Staatsanleihen kaufen, wenn er den Eindruck gewinnen müsste, dass Geldströme in die USA in ein Land mit finanziellem Rückschlagventil fließen, in eine Mausefalle, die alles gern reinlässt, aber nichts mehr rausrückt? (Das dürfte zwar die Realität sein, aber momentan wiegen sich die weltweiten Finanz-Investoren noch immer in der Illusion, sie würden dort "Werte" erwerben.)
[Im übrigen ist das US-Parlament im Hypothekensektor derzeit gerade dabei, einfach mal die Spielregeln zu ändern und privatrechtliche Verträge zwischen Gläubigern und Schuldner teilweise außer Kraft zu setzen; vgl. Berichte zum Thema "Mortgage ‘Cram-Down’ Bankruptcy Bill".]
Münchau selbst nennt (unbewusst) sogar wenige Zeilen später den entscheidenden Nutzen, den (u. a.) der amerikanische Steuerzahler aus der AIG-Rettung gezogen hat:
"Ohne die Rettung von AIG wäre mittlerweile der gesamte Markt für Kreditderivate zusammengeschmolzen, und es wäre zu einem Totalzusammenbruch der globalen Finanzmärkte gekommen."
Danach folgen wieder einige Passagen über die Gefahren der Credit Default Swaps, wobei mir seine Argumentation auch unabhängig von den Leiden der amerikanischen Steuerzahler wirr erscheint. Wieso soll "der Fall AIG ... der bislang klarste Beweis dafür []sein], dass die Regierungen weltweit die Probleme des Finanzsektors nur mit gemeinsamer Kraft bekämpfen können"?. Wenn doch "eine Fehlentscheidung im September ... einige der größten europäischen Banken in ernste Schwierigkeiten gebracht" hätte, der amerikanische Staat dagegen richtig entschieden hat, dann laufen doch jedenfalls die Rettungsmaßnahmen auch ohne eine enge internationale Kooperation (bei der Regulierung sieht das natürlich anders aus). Schließlich dürften auch die Bankenrettungen in Deutschland u. a. auch amerikanischen Geschäftspartnern zu Gute kommen. Nur ist die deutsche Journaille zu weich, um unsere Regierung zu Auskünften zu zwingen oder solche aus dem Apparat herauszuholen.
Und überhaupt, was hat eine evtl. bei der Regulierung erforderliche internationale Kooperation mit Irritationen der US-Steuerzahler über ein Bailout zu Gunsten (auch) der Europäer zu tun? Außer dass sie ihn motivieren könnten, die zu erwartenden Widerstände des New Yorker Finanzfilzes gegen eine Regulierung zu brechen. Aber dann muss man das nicht uns sagen, sondern eben den US-Steuerbürgern.
Mit dem Gefährdungsgrad des internationalen Finanzsystems haben die Steuerzahlerleiden ebenfalls nichts zu tun. Wenn das Risiko riesig ist, muss dem begegnet werden - durch Regulierung oder, nach meiner Vorstellung, durch eine Art von "Hedging" innerhalb eines geschlossenen Systems mit Clearinghaus. Der Fall AIG mag das Risiko illustrieren, aber er, und schon gar nicht der US-Steuerzahler, IST nicht das Risiko.
Dennoch bramarbasiert Münchau im Fortgang seines Textes erneut darüber, wie der US-Kongress die US-Steuergelder wieder zurückholen könnte und vergießt bittere Tränen, weil die US-Regierung die AIG-Vertragspartner nicht durch Kürzung ihrer vertraglichen Ansprüche geschwitzt hat:
"Was passiert jetzt? Der US-Kongress wird alle Hebel in Bewegung setzen, um Kompensationen für Zahlungsleistungen an ausländische Banken zu erreichen. Zwar werden die Parlamentarier das Geld nicht zurückfordern können. Es ist aber vollkommen unverständlich, warum man den Vertragspartnern von AIG keinen sogenannten Haircut aufgezwungen hat - eine prozentuale Verringerung der Zahlungsleistungen. Vielleicht wird der Kongress darauf bei künftigen Zahlungsströmen dringen oder das Geld von den Heimatstaaten der Banken direkt zurückfordern. Denn die CDS sind noch längst nicht abgelaufen, und die größten Pleiten könnten noch bevorstehen. ..... Wenn es dem US-Kongress gelingen sollte, diese Zahlungen auszusetzen oder gar Geld zurückzufordern, dann wird es sehr unangenehm für die betroffenen Institute beziehungsweise deren Regierungen."
Dass die USA von Deutschland Gelder zurückfordern könnten, die sie an die Deutsche Bank bezahlt haben (bei der ein sehr großer Teil der Aktionäre ohnehin in den USA sitzen dürfte!) ist eine abenteuerliche Annahme. So abenteuerlich, dass die US-Parlamentarier eine solche Idee kaum ernsthaft ventilieren werden. Denn zum Gespött der ganzen Welt wollen sie sich sicherlich nicht machen. Real ist allerdings das Risiko, dass sie zukünftig den Geldhahn zudrehen. Und wenn sie gar bei den Opfern des von ihnen einerseits deregulierten und andererseits zur Risikomissachtung (Subprime Hypotheken) getriebenen Finanzsystems so viel Verständnis finden wie bei Münchau, wird diese Gefahr sicherlich nicht kleiner.

Der Rest seines Kommentars widmet sich wieder den CDS-Risiken und den Regulierungserfordernissen.

Wenn die USA glauben, nur kassieren und sich im übrigen ihren zumindest moralischen Verpflichtungen entziehen zu können, dann ist es für die Regulierungsbehörden der anderen Länder an der Zeit, "Exposures", Risikopositionen ihrer Finanzinstitute in der US-Währung und/oder mit US-Vertragspartnern nachhaltig zu begrenzen und entweder weitgehend zu untersagen oder eine höhere Eigenkapitalunterlegung zu fordern.
DAS sollten unsere Kommentare (unsere Politik ohnehin) den USA signalisieren, anstatt bestimmte (sehr kurzsichtige) amerikanische Interessenpositionen als "Wahrheiten" zu verkünden.

That just makes me sick! Why should we weep and wail over the woes of a sick - and sickening - financial system, das Nouriel Roubini ("Dr. Doom") so beschreibt:
"Americans lived in a Made-off and Ponzi bubble economy for a decade or even longer. Madoff is the mirror of the American economy and of its overleveraged agents: a house of cards of leverage over leverage by households, financial firms and corporations that has now gone bust"?


Übrigens hat Pierre Briançon von breakingviews.com im Handelsblatt vom 16.03.2009 sozusagen im Voraus eine Replik gegen Wolfgang Münchau vorgebracht: "AIG-Finanzhilfe an Europas Banken. Europäische Banken müssen sich bei AIG nicht entschuldigen". Auszüge:
"Société Générale, Deutsche Bank, Barclays und UBS könnten viele Gründe haben, sich zu entschuldigen. Aber, dass sie Ende 2008 zusammen über 37 Milliarden Dollar von American International Group erhalten haben, gehört sicher nicht dazu. ..... In Washington werden schon Töne laut, die nur allzu leicht vorhersehbar waren: Das Geld der amerikanischen Steuerzahler musste herhalten, um europäische Banken aus der Bredouille zu befreien. ..... Der ganze Sinn der Hilfsaktion bestand ja gerade darin, zu verhindern, dass der Megaversicherer zahlungsunfähig wird und seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. ..... Schließlich waren einige Banken auch Kunden des Wertpapierleihgeschäfts von AIG - und erhielten nur Geld zurück, dass grundsätzlich sowieso ihr eigenes war. Zu den größten Empfängern zählten hier Barclays, Deutsche Bank ..... . Alle Transaktionen zeigen nur, dass AIG seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkam. ..... Die europäischen Banken haben nur getan, wozu sie verpflichtet waren - ihr Geld zurückzuholen. Woher AIG die Mittel nahm, brauchte sie nicht zu interessieren. Ausländische Banken sind nicht die Hüter amerikanischer Steuergelder."
Nein, sind sie nicht, aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit: Die amerikanische Politik und der amerikanische Steuerzahler hatten und haben ein vitales Interesse daran, Verlässlichkeit zumindest vorzutäuschen. Das war in diesem Falle zwar ein teurer Spaß, aber immer noch billiger, als wenn Amerika aus der Sicht der Fremdkapitalgeber plötzlich zur Tabuzone würde.
DAS ist die Wahrheit, jedenfalls die deutsche (europäische oder allgemein die außeramerikanische) Wahrheit!

Es ist schon merkwürdig mit meinen deutschen Mitbürgern. Allen Mist äffen sie den Amerikanern nach, aber da, wo sie sich wirklich 'ne Scheibe von denen abschneiden könnten, ziehen sie den Schwanz ein: bei jener Härte nämlich, mit welcher die Amerikaner ihre eigenen Interessen vertreten. Und nicht diejenigen fremder Völker, und schon gar nicht von solchen, welche die Welt im großen Stil reingelegt haben.

Wenn Männer wie Münchau Mumm im Mark hätten, würden sie versuchen, die Augiasställe im eigenen Lande auszuleuchten (so wie die Amerikaner, ex post, aber immerhin, das mit den ihren halten):
- Wieso haben die Bankenaufsichten in Spanien und Italien ihren Finanzinstituten die Teilnahme am weltweiten Spielkasino untersagt, die deutsche aber gepennt? Welche Personen haben das zu vertreten? Warum untersucht niemand das, wieso werden keine personellen Konsequenzen gezogen?
- Was hat es mit den Verlusten der HRE auf sich, wo kommen die her? (Zahlen wir deutschen Steuerzahler da vielleicht auch an US-Banken?)
- Was ist mit den Kreditderivaten, welche die HRE bei einem Kreditvolumen von ca. 400 Mrd. € im Bruttovolumen von 1 Bio. Euro in den Büchern stehen hat? Inwieweit ist sie dort ggf. als Sicherungsgeberin (wie die AIG) aufgetreten?
- Wieso hat auch die Europäische Zentralbank, eigentlich gegen ihren anti-inflatorischen Auftrag, in der Vergangenheit die Geldmenge stark ausgeweitet?
- Was ist mit der Restrukturierung des Landesbanken-Szene in Deutschland? Wir die derzeit ernsthaft betrieben, bzw. welche Kleinfürsten sitzen ggf. in den Bremserhäuschen?

Vieles gäbe es in Deutschland zu hinterfragen. Packt es an, Münchau und andere, anstatt mit den transatlantischen Wölfen Klagelieder zu heulen!
Wenn euch indes zur aggressiven Recherche der Biss fehlt - dann packt euch!


Nachtrag 09.04.09
Ein nüchterner Kommentar von Charles Davi vom 16.03.09 zum AIG-Bailout u. d. T. "The non-event that is AIG's counterparty list" im Magazin "The Atlantic" lässt Münchaus Meinungsäußerung alt aussehen. Auszug:
"Why is anyone surprised that AIG made substantial payments to large financial institutions? Wasn't the entire purpose of bailing out AIG to prevent the collapse of the financial system? Such a purpose would imply that without a bailout, the financial system would collapse. Therefore, we should expect the result of any bailout made with that purpose to result in substantial payments into the financial system. Since large financial institutions are at the heart of the financial system, we should expect such a bailout to result in substantial payments to large financial institutions. Is the world so devoid of news that such a trifling and obvious result warrants extensive coverage?"





Textstand vom 09.04.2009. Auf meiner Webseite
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