Sonntag, 29. August 2010

Wenn des Pawlows Hunde lüllen. Zur Lexikographie des deutschen Politiker-Wortschatzes in der Debatte um Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab

Die prägnanteste Beobachtung zu dem, was ich hier mal ganz grob als "Sarrazin-Debatte" etikettieren will, kam aus des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse. Mitten in der Mark Brandenburg wunderte sich die in Potsdam erscheinende Märkische Allgemeine am 27.08.10 (meine Hervorhebung):
"MIGRATION: Thilo Trotzig. Bundesbanker Thilo Sarrazin löst allseits Empörung aus – nur worüber, sagen die Empörten nicht".

Dieses Phänomen hatte ich an anderer Stelle bereits als "Asymmetrie in der Debatte" apostrophiert (Kommentar Canabbaia, 27. August 2010 - 20:28).
Den gleichen Eindruck hat die Soziologin Necla Kelek gewonnen. In ihrem FAZ-Artikel "Integrations-Debatte. Ein Befreiungsschlag" vom 31.08.2010 schreibt sie dazu (meine Hervorhebungen):
"Ich würde gern eine inhaltliche und keine moralische Debatte über Sarrazins Thesen führen. Keiner seiner Kritiker hat bisher inhaltlich auf die Vorschläge reagiert, geschweige denn seine Thesen widerlegt. ... Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden. ... Bei einigen Politikeräußerungen habe ich den Eindruck, hier werde ein deutscher Haider oder Geert Wilders oder das Erstarken der NPD herbeigeredet. ... Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin (hier eine Serie mit Aufnahmen von ihm) und sein Buch taugen zu diesem Feindbild nicht ... "
Auch Olaf Henkel hat das Phänomen notiert (und erkannt, dass hier nicht zuletzt auch die Meinungsfreiheit auf dem Spiel steht), wenn er auf TheEuropean unter "Sarrazin und die Meinungsfreiheit. Spieglein, Spieglein in der Buchhandlung" am 01.09.10 schreibt: "Auffallend bei der Debatte ist nämlich, dass noch keiner gesagt hat, Sarrazin lüge. Offensichtlich hat man Schwierigkeiten, die von ihm vorgelegten Fakten zu widerlegen. Es scheint bequemer, die Person auseinanderzunehmen; ein bei uns inzwischen klassisches Muster."
Dieselbe Wahrnehmung bei Henryk M. Broder im Interview "Sarrazin spricht aus, was andere ahnen" vom 29.08.2010: "Ich finde es absolut bedenklich, dass eine ganze Gesellschaft querbeet durch die Parteien und Verbände über einen Mann herfällt und nicht einmal den Ansatz von Bereitschaft zeigt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er schreibt." Und auf die Interviewer-Frage "Es ist ja auffällig, dass der so genannte Stammtisch auf Seiten Sarrazins ist, während fast alle Politiker empört aufschreien. Wie erklären Sie das?" präzisiert Henryk M. Broder für den Politikbereich: "Das ist ja nicht nur in diesem Fall so. Wir haben eine zunehmende Kluft zwischen der Basis und den Eliten. Ich beobachte seit Jahren, dass das einfache Volk klüger ist, als die Politiker, die in seinem Namen sprechen. Das haben Sie in ganz vielen Bereichen. Die Leute ahnen, dass was schief geht."
Und auch im Ausland wundern sich manche über den Umgang von Deutschlands Partei-Dinos mit Sarrazin: "Thilo Sarrazin und der Krieg der Korrekten" titelt Jürg Dedial seinen Kommentar vom 01.09.2010 in dem Qualitätsblatt der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Einleitung: "Deutschland empört sich über den vorlauten ehemaligen SPD-Politiker Sarrazin. Dabei sollte es froh sein, dass es noch solch kritische Stimmen gibt." Auszüge: "... hat sich unseres Wissens bis jetzt keine dieser führenden politischen Figuren ernsthaft mit den tiefer liegenden Fragen auseinandergesetzt, die Sarrazin schon seit längerer Zeit aufwirft. Dabei ist die Politik die eigentliche Adressatin von Sarrazins Streitschrift. ... er fragt, wie angesichts der von ihm gebrandmarkten und kaum widerlegten Tendenzen, bei denen die Integration nur eines der Probleme darstellt, das wirtschaftliche, politische und soziale Gewebe der deutschen Nachkriegsdemokratie überleben kann. Dies sind Fragen, um deren Beantwortung Deutschland nicht herumkommt. Die grosse Gefahr liegt darin, dass die Politik (einmal mehr) nicht erkennt, wie sie an einem breiten Unbehagen und Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung vorbeiagiert. Man kann sich in Empörung und Entrüstung ergehen; aber man darf dabei nicht blind werden."


Man könnte also sagen, dass es "eine" Debatte gar nicht gibt, sondern dass hier momentan -2- Diskursstränge nebeneinander her laufen:


- Einerseits die vielfältig faktenunterlegten Meinungsäußerungen von Thilo Sarrazin (und einigen anderen; ohne deren Gehalt näher zu kennen verweise ich als Beispiele auf die Bücher der kürzlich tragisch verstorbenen ehemaligen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig "Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter) zur Einwanderung in Deutschland" und von Udo Ulfkotte "Kein Schwarz. Kein Rot. Kein Gold. Armut ist für alle da – die verschwiegenen Kosten der Zuwanderung", der freilich schon als Autor des Kopp-Verlages nicht unbedingt meine ideologische Kragenweite ist) (hier bei Amazon wohl noch einige weitere einschlägige Werke) und

- andererseits die substanzleeren Reaktionen der deutschen Parteienoligarchie, deren intellektueller Nährwert ungefähr demjenigen des Geifers pawlowscher Hunde entspricht, welche auf Speichelabsonderung beim Ertönen eines Klingelzeichens konditioniert wurden.

Leider fehlt mir derzeit die Zeit, die aktuelle Sarrazin-Debatte in der gleichen Intensität und Ausführlichkeit zu bebloggen, wie im Herbst des vorigen Jahres das Sarrazin-Interview in der Zeitschrift Lettre International (vgl. die Blotts "Feigheit siegt! Thilo Sarrazin und die deutsche Verlogenheit", "Medien verkürzen Interview von Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin im "Lettre International" zur "Emser Depesche" der Ausländerdebatte!", "Volltext des Interviews von Lettre International (Frank Berberich) mit Thilo Sarrazin: Ausgerechnet die Bild-Zeitung publiziert den Gesamttext!" und "Weitere Links zu Sarrazin-Interview "Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten" im Lettre-International").

Das waren damals wahre 'Quotenbringer' für meinen Blog, und wenn auch das Interesse im Laufe der Zeit nachgelassen hat: es ist, zu meinem Erstaunen, niemals völlig erloschen und aktuell ist (nicht ganz so überraschend) die Googelei nach "sarrazin lettre international interview" wieder voll in Schwung.

Wenn auch nicht in einem eigenen Blog-Eintrag (der bei einem derart sensiblen Thema gewissermaßen eine ex-cathedra-Qualität haben sollte) habe ich mich immerhin (von Dr. Werner Jurga bei dem Duisburger Nachrichtenportal xtranews) dazu anstacheln lassen, mich auch inhaltlich ein wenig vertieft zu äußern, nämlich in der Form eines (dennoch recht umfangreich geratenen) Leserkommentars (Canabbaia, 28. August 2010 - 10:17) zu dem Bericht "Grünen-Chefin Claudia Roth: "Brandstifter" Sarrazin für Bundesbank und SPD untragbar." (Der datiert übrigens bereits vom 11.06.10 und bezieht sich auf einen anderen Vorgang als die aktuelle Buchveröffentlichung Sarrazins, aber aktuell hat die Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen ihr linksfaschistoides Berufsverbotsbegehren wiederholt: "Es ist unerklärlich, wie lange sich die Bundesbank schon von Thilo Sarrazin auf der Nase herumtanzen lässt.").
[Unter anderem habe ich dort die Interessenfrage in einer Weise analysiert, welche marxistische Migrationssympathisanten eher weniger goutieren werden:
"Noch etwas zur Interessenfrage. Die Freunde der Zuwanderung glauben, dass sie für die reine Menschlichkeit eintreten. In Wirklichkeit liegt es im Interesse der Sachkapitalbesitzer, den Raum möglichst dicht zu bevölkern. Ohne Menschen ist das Realkapital (Fabriken usw.) absolut wertlos." (Allerdings tritt anscheinend auch Sarrazin für ein Mehr an Vermehrung der deutschen Population ein; ich als Ressourcenpessimist halte das für weniger sinnvoll.)]

Vorliegend will ich mich im Wesentlichen auf die Debattenbeobachtung beschränken, insbesondere auf die Beobachtung des Anti-Sarrazin-Debattenstrangs.

Es war nicht unmittelbar sein Buch "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" (soeben erst erschienen, doch bereits am 29.08.10, ca. 19.30 h, von 33 Amazonkunden rezensiert*!), welches die Debatte um Sarrazins Thesen (die übrigens - wie ausgerechnet die rechtsorientierte "Junge Freiheit" hier und dort dokumentiert, keineswegs neu sind) lostrat. Vielmehr hatten (vermutlich) die Marketing-Strategen seines Verlages (der das Buch mittlerweile übrigens vor dem ursprünglich geplanten Erscheinungstermin 30.08.10 freigegeben hat) für eine Vorveröffentlichung von Auszügen in denjenigen beiden Medien gesorgt, welche bundesweit die maximale Aufmerksamkeit garantieren.
[30.08.10, ca. 18.45 h: 65 Rezensionen; 1.9., ca. 21.10 h: 121 R'n; ]

Damit meine Leserinnen und Leser nicht ebenso oberflächlich an die Sache herangehen wie eine Reihe von Journalisten seinerzeit an das Sarrazin-Interview, das sie be-schreiben wollten ohne den Text gelesen zu haben [vgl. dazu die Informationen von Frank Berberich in einem Interview mit dem Magazin brandeins, Heft 05/10, Themenschwerpunkt "Irrationalität" (sic!): "Die Aufregungsmaschine". (Einleitung: "Ein Skandal ist immer gut. Zumindest für die Auflage von Zeitungen, die über ihn berichten. Frank Berberich und Thilo Sarrazin haben erlebt, dass es dabei nicht unbedingt um Argumente geht.")], hier zunächst einmal die Links zu den Vorabdrucken der Buchauszüge:

"Was tun?" überschreibt (aus linker Sicht müsste man wohl sagen: in exquisiter Perfidie justament mit dem entlehnten Titel des Hauptwerks des Marxisten Wladimir Iljitsch Lenin!) der Spiegel den Auszug, der dort am 23.08.2010 erschienen ist.

Die Bild-Zeitung hat bekanntlich etwas weniger Seiten als der Spiegel und daher musste sie ihre (dazu in der Summe wohl noch längeren) Auszüge auf sechs Folgen (23.08.10 ff.) verteilen:
1) "Deutschland wird immer ärmer und dümmer!"
2) "Will ich den Muezzin hören, dann reise ich ins Morgenland" (hier apostrophiert das Massenblatt Sarrazin als "Klartext-Politiker")
3) "Thilo Sarrazin: Jeder Schüler sollte eine Uniform tragen!"
4) Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt und Terrorismus so fließend
5) Es wächst eine weitgehend funktions- und arbeitslose Unterklasse heran und
6) "Deutschland in 100 Jahren – Traum oder Albtraum?"


Und hier auf der Webseite von Randomhouse (also des Verlages dva) sind die ersten 40 Seiten als Leseprobe online.

Meine Weitschweifigkeit mag meine Leserinnen und Leser leicht nerven; wer's kürzer will, kommt z. B. beim SWR (mit beiden Positionen: pro und kontra) auf seine Kosten. Bei mir kann es schon mal vorkommen, dass mein Meditation über ein Buch länger ist als diese selbst (vgl. "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft"). Aber nun komme ich doch endlich zur Sache, zum Lexikon unserer sozusagen politischen Übermenschen. Das Begriffsrepertoire der Sarrazin-Gegner ist ein eher beschränktes; daher müssen Sie auch nicht befürchten, dass dieser Blott länger wird als die 464 S. von Sarrazins Buch.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wollen wir einige Begriffe herausgreifen (im Laufe der Zeit sind auch mehr und mehr pro-Sarrazin-Begriffe hinzugekommen sowie einige weitere, die sich nicht in das Pro-Kontra-Schema einfügen lassen) und diese im Prinzip (von dem ich allerdings im Laufe der Texterweiterung immer mehr abgewichen bin) wie folgt 'lexikalisch' erfassen:
- BEGRIFF
- Bemerkungen dazu
- Begriffsverwender, bei mehreren in alphabetischer Reihenfolge. (Ursprünglich hatte ich vorwiegend Politikeräußerungen im Visier, aber im Zuge meiner fortschreitenden Textbearbeitung hat sich mein Blickwinkel sehr verbreitert.) Darauf folgt die linkunterlegte Datumsangabe des jeweiligen Medienberichts, der die Äußerung wiedergibt; außerdem werde ich dort gelegentlich spezifische Kommentare zu der zitierten Person oder zum Zusammenhang einfügen.
(Einige Begriffe sind ohne nähere Angaben notiert, mehr pro memoriam für mich selbst; vielleicht werde ich später noch Details dazu nachtragen ergänzen.)


AUSLAND - WAS WIRD DAS AUSLAND VON UNS DENKEN?
So etwas liebt das Volk, wenn seine Volksvertreter ihm mit fremden Zeigefingern drohen, wie das z. B. getan haben (meine Hervorhebungen):
Bundeskanzlerin Angela Merkel (): "In der ARD hatte Frau Merkel die Äußerungen Sarrazins „vollkommen inakzeptabel“ genannt. „Ganze Gruppen“ in der Gesellschaft habe Sarrazin „verächtlich“ gemacht. Sie forderte die Führung der Bundesbank auf, bei der Behandlung der Personalie auch daran zu denken, dass sie im Ausland ein „Aushängeschild“ Deutschlands sei."
Bundespräsident Christian Wulff (02.09.2010): "Bundespräsident Christian Wulff äußerte sich am Mittwoch im TV-Sender N24 zwar diplomatisch, aber doch eindeutig zum Fall Sarrazin: 'Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet – vor allem auch international'."
Auf ZEIT ONLINE vom 17.09.10 schätzt Christoph Bertram "Steinbach- & Sarrazin-Debatte. Deutschlands Außenpolitik ist erschlafft" das ausländische Interesse an (u. a.) der Sarrazin-Debatte so ein (meine Hervorhebung): "Auf unsere jüngsten Erregungsthemen hat "das Ausland" im übrigen recht gelassen reagiert. In allen europäischen Ländern drückt die Frage der Zuwanderung, nicht nur bei uns. ..... Weder Thesen und Vokabular von Sarrazin oder Steinbach, wenn man sie überhaupt wahrnimmt, werden jenseits unserer Grenzen als Gefahr für die deutsche Demokratie verstanden oder schmälern das Ansehen Deutschlands. Wer sich dort in den letzten Wochen ein wenig umsah, konnte keinerlei anti-deutsche Aufregung spüren, ... . ..... Deswegen sollte endlich Schluss sein mit der Vereinnahmung des Auslands als Munition im deutschen Meinungsstreit ...". Exakt!

Ausländerkriminalität
Im Zusammenhang mit Netzrecherchen betr. Meinungsfreiheit (genauer: wie die Berliner Weichei-Sozis unliebsamen Äußerungen des Oberstaatsanwalts Roman Reusch, früher Chef-Ermittler gegen Intensivtäter bei der Berliner Staatsanwaltschaft, mit dessen Strafversetzung geahndet haben - vgl. z. B. hier, da und dort sowie auch in der WELT) fiel mir der BILD-Artikel "Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen! Das fordert Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt" vom 03.01.2008 in die Hände. Auszüge:
"Laut Reusch gibt es allein in Berlin derzeit 495 Intensivtäter mit mindestens zehn schweren Straftaten. Ein Viertel sind Jugendliche, etwa 44 Prozent Heranwachsende. 80 Prozent der Täter sind Ausländer oder haben mindestens ein ausländisches Elternteil [stammt die Zahl von 80% bei Sarrazin aus diesem Vortrag des Oberstaatsanwalts Reusch vor der CSU-nahen Hanss Seidel Stiftung, der übrigens auf deren Webseite noch vollständig verfügbar ist)?]. 20 Prozent sind Deutsche oder Russlanddeutsche. ... „Nicht etwa die Türken als kopfstärkste Migrantengruppe stellen die relativ meisten Täter, sondern die Araber, die an der Berliner Bevölkerung nur einen verschwindend geringen Anteil haben. Diese wiederum setzen sich überwiegend aus (...) Palästinensern sowie Angehörigen hochkrimineller Großfamilien mit türkisch-kurdisch-libanesischen Wurzeln zusammen, die arabische Muttersprachler sind und in Berlin weite Bereiche des organisierten Verbrechens beherrschen.“ „(...) Bei den bereits beschriebenen türkisch-kurdisch-libanesischen Großfamilien muss zudem davon ausgegangen werden, dass dort keineswegs selten eine konsequente Erziehung zur professionellen Kriminalitätsausübung stattfindet. ..... Mädchen und junge Frauen, die diesen Tätern im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände fallen, müssen immer auch damit rechnen, Opfer sexueller Übergriffe zu werden, meist einhergehend mit wüsten Beschimpfungen wie ‚deutsche Schlampe, deutsche Hure‘ etc. Generell ist zu konstatieren, dass in jüngerer Zeit ausgesprochen deutschfeindliche – wie übrigens auch antijüdische – Übergriffe zunehmen.“ ..... „Nachdem mittlerweile Täter mit Migrationshintergrund bzw. Ausländer den Löwenanteil der sogenannten gewöhnlichen Kriminalität stellen, bedarf es daher speziell auf diesen Personenkreis abgestimmter Maßnahmen.“ (...) „Es muss erreicht werden, dass besonders auffällige ausländische Kriminelle außer Landes geschafft oder sonst ‚aus dem Verkehr‘ gezogen werden können, damit sie – insbesondere für nachwachsende Kinder und Jugendliche – kein Beispiel mehr geben und andere zur Nachahmung animieren können.“ „(...) Es ist schließlich nicht einzusehen, weshalb in anderen Fällen, in denen Bürger ihren Rechtspflichten nicht nachkommen, dies auch durch Anordnung von Haft durchgesetzt werden kann und ausgerechnet die aufgrund Straffälligkeit ausgesprochene Ausweisung nicht. Ferner müsste für diejenigen generell nicht abschiebbaren Ausländer schlussendlich – soweit sie gefährlich sind – über Sicherungshaft nachgedacht werden, die im Falle freiwilliger und kontrollierter Ausreise aufzuheben wäre“."
Aber Herr Wowereit und seine Berliner Genossen halten es offensichtlich für wichtiger, Thilo Sarrazin zu schurigeln als die Organisierte Kriminalität zu bekämpfen.
Dem Wikipedia-Stichwort "Ausländerkriminalität" entnehme ich den Link zu einem Dokument "„Gewalt von Jungen, männlichen Jugendlichen und jungen Männern mit Migrationshintergrund in Berlin“ Bericht und Empfehlungen einer von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt eingesetzten Arbeitsgruppe" aus dem Jahr 2007. (Zu einer Lektüre fehlt mir, wie üblich, die Zeit.)

BERUFSVERBOT
Taucht (jedenfalls bei den Sarrazin-Kritikern) nicht als Begriff auf, wird aber im Ergebnis gefordert.
Patrick Döring, FDP (27.08.10; allerdings in etwas gemäßigter Form, indem er Sarrazin noch die Chance zu tätiger Reue geben will); NN in der Financial Times Deutschland (26.08.10 und erneut am 30.08.10); Renate Künast, Bündnisgrüne (27.08.10; beim nächsten Urnengang nicht vergessen, Wählerinnen und Wähler, wie hier die linksfaschistoiden grünen Kosovo-Krieger gegen die Meinungsfreiheit mobilisieren!) Ruprecht Polenz, CDU (27.08.10; da Polenz Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag ist, unterstelle ich ihm - und seiner 'Chefin' Angela Merkel -, dass die CDU-Führung die politische Landschaft in Deutschland für eine Aufnahme der Türkei in die EU fit machen will; 'Mutter Merkel' wird dort die wohlverstandenen deutschen Interessen genau so verraten, wie sie das beim Griechenland-Bailout durchgezogen hat); Claudia Roth (29.08.10; nach meiner Erinnerung auch schon vor einigen Tagen; meine Diagnose: linksfaschistoid. Beiläufig bemerkt: Der SPD gereicht es zur Ehre, dass ich von dort diese Forderung noch nicht vernommen habe; dass man Sarrazin aus der Partei ausschließen will, findet dagegen zwar nicht meinen Applaus, ist aber immerhin aus der SPD-Perspektive nachvollziehbar.)

BESESSENHEIT siehe WAHN

BILANZ
Eigentlich müsste man von "Bilanzen" sprechen, denn je nachdem, wann man den zeitlichen Schnitt ansetzt, wird das Ergebnis anders aussehen.
Ich selbst habe allerdings das Stichwort jetzt (30.01.2011) zunächst nur deshalb eingesetzt, um zu Sarrazins eigenem Resümee "Thilo Sarrazin zieht Bilanz. Ich hätte eine Staatskrise auslösen können" auf FAZ.NET vom 25.12.2010 zu verlinken - und noch einmal zu bedauern, dass Thilo Sarrazin sich einem Showdown mit unserer Politkruste oder politischen Krustenklasse (oder gar Krustenkaste?) entzogen hat.

BIOLOGISMUS (bzw. 'Biologischer Determinismus') (s. a. RASSISMUS)
Ist in Deutschland ein politischer Killer-Vorwurf, und entsprechend massenhaft und rein reflexmäßig schleudert das politische Establishment dieses Anathema gegen Sarrazin. In einem einzigen Falle wird es mit einiger Substanz vorgebracht, nämlich von
Frank Schirrmacher in seinem FAZ-Artikel "Sarrazins Konsequenz. Ein fataler Irrweg" (30.08.10). Auszüge (meine Hervorhebungen): "Sarrazin argumentiert aus einer Position der Verzweiflung heraus. Die demographischen Prozesse sind so träge, dass die Transformation unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten ist. Und er hat recht damit, dass eine verfehlte Einwanderungspolitik Deutschland gleichsam ein Mittelalter importierte, das die Stabilität des Gemeinwesens in Frage stellen kann - umso mehr, als Politik zunehmend unfähig ist, das Problem zu adressieren. Aber er will Lösungen. Da er, der die Kultur verteidigen will, in Wahrheit selbst nicht mehr an ihre bindende und verbindliche Kraft glaubt, geschieht das, was grundsätzlich geschieht, wenn Gesellschaften um ihre Identität fürchten und ihren eigenen Werten misstrauen: die Flucht in den Biologismus. ..... Es stimmt nicht, dass, wie Frau Merkel meint, Sarrazins Buch nicht „hilfreich“ ist. Es ist sehr hilfreich und wird einen Wendepunkt markieren. Es ist hilfreich, um wirklich zu verstehen, was auf dem Spiel steht." Wie auch immer Frank Schirrmacher das "hilfreich" und den "Wendepunkt" gemeint haben mag: auch nach meiner Überzeugung werden wir eines Tages im Rückblick auf diese Debatte eine Richtungsentscheidung konstatieren. Nicht in der Einwanderungspolitik (das wird, wenn es überhaupt kommt, noch länger dauern). Sondern in der Frage der Meinungsfreiheit! Und vorher der Informationsfreiheit, denn wer eine "kultursensible Sprache" fordert, der intendiert oder bereitet den Boden für die Unterdrückung nicht erst von Meinungen, sondern schon von Fakten. Aber die ist in der Einwanderungsdebatte auf Regierungsseite offenbar ohnehin bereits Standard. Jedenfalls: Auch wenn er recht kritisch gegenüber Sarrazin ist: dieser Artikel hat Substanz, den sollte man unbedingt lesen!
Man kann Thilo Sarrazin nicht vorwerfen, dass er sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern drückt. Jeden Falls hat er Frank Schirrmacher von der FAZ ein ausführliches Interview gegeben (auf der Webseite finde ich kein Datum; es wurde aber wohl am 01.10.10 veröffentlicht): "Thilo Sarrazin im Streitgespräch. Die große Zustimmung beunruhigt mich etwas".
Nachtrag 02.05.11: Hier noch Links zu einigen Debattenbeiträgen, die ich nicht oder nur kursorisch gelesen habe: 
- Veronika Lipphardt, "Die Bequemlichkeit des Erbes", UT: "Ist Thilo Sarrazin ein Rassist? Eine Betrachtung über Wesen und Verwendung des biologischen Determinismus in unserer Zeit", "Der Freitag", 15.09.10;
- Ingo Bading, Einträge in verschiedenen Blogs:  02.09.10 "Thilo Sarrazin: Der wissenschaftliche Paradigmenwechsel hinter seinen Sachargumenten";  03.09.10 "Stiefellecker der Political Correctness versuchen, Thilo Sarrazin auszubremsen";  15.09.10 "Thilo Sarrazin ist Jared Diamond"; 18.09.10 "Die Wissenschaftsblog-Szene und Thilo Sarrazin" (hört sich viel versprechend an!); 08.10.10 "Sarrazin und etwaige gruppenevolutionäre Strategien des intelligentesten Volkes auf Erden - heute". Seinem Blogpost "Volkmar Weiß zu Thilo Sarrazin" vom 06.09.10 entnehme ich auch den Link zur Sarrazin-Buchbesprechung "Volkmar Weiss: Rezension: Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Die bisher unveröffentliche öffentliche Meinung?" (die ich jedoch ebenfalls nicht gelesen habe).


BLÖDSINNIG
Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (31.08.2010)

BÖHMER, MARIA. Wikipedia: "... als Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin")
Ausnahmsweise erscheint mir hier ein personenbezogenes Stichwort gerechtfertigt.
Die Äußerungen von Frau Böhmer gehören zu den dümmsten Beiträgen der Debatte; ich habe den Eindruck, dass die Dame ein politischer Versorgungsfall war. Nicht abzustreiten ist allerdings, dass sie immer brav die Stimme ihrer Herrin (Angela Merkel) rezipiert. Zum Intelligenztest bei Frau Staatsministerin Böhmer:
Dem Artikel "Buch von Thilo Sarrazin "Diffamierend und verletzend" in der Süddeutschen [der selbst schon extrem schwach ist, wenn er bei Maria Böhmer und bei Sigmar Gabriel schreibt, dass "sogar" diese sich gegen Sarrazin wenden, oder wenn er die 2. Folge der Bildzeitungs-Serie als die 1. bezeichnet] entnehme ich, dass sie den Thesen von Thilo Sarrazin zur Bildungsferne islamischer Immigranten mit folgenden Argument entgegen tritt:
Wie falsch die Pauschalurteile von Sarrazin seien, zeige eine am Montag vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung veröffentlichte Studie zur Bildung türkischstämmiger Migranten. Danach wechseln bei gleicher Leistung und ähnlichem sozialen Hintergrund türkische Kinder häufiger auf die Realschule oder das Gymnasium als deutsche Kinder.
Diese Form der Logik ist die gleiche, wie Sarrazin sie seinem Buch (bzw. diesem Textauszug) aufgespießt hat: “In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen, eine Bevölkerungsgruppe, die 0,3 Promille der gesamten Berliner Bevölkerung stellt. Aber im Integrationsbericht der Bundesregierung wird deren Kriminalität relativiert. Es heißt dort: „Zumindest für die Gruppe junger Menschen gehen Kriminologen davon aus, dass bei einem Vergleich der Gruppe mit gleichen familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingen SOWIE ÜBEREINSTIMMENDEN WERTORIENTIERUNGEN eine höhere Belastung von Nichtdeutschen letztlich nicht mehr feststellbar“ sei.
In beiden Fällen wird letztlich nur ausgesagt, dass sich in einem wesentlichen Kriterium - Bildungsinteresse bzw. Werte - gleiche Gruppen gleich verhalten: eine sensationelle Erkenntnis!
An anderer Stelle in dem o. a. Artikel der Süddeutschen bringt es Frau Böhmer noch doller: "Vor allem aber seien Sarrazins Thesen wissenschaftlich nicht haltbar: 'Es gibt keine Studien, die eine grundsätzliche mangelnde Integrationsbereitschaft der Muslime in Deutschland belegen'.
Mit anderen Worten: Was nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist, ist auch nicht wahr. Ist die Frau derart beschränkt (bzw. kann man sich mit einem derartigen Logikverständnis an unseren Universitäten habilitieren?) oder hält sie das Volk für bescheuert?
Zumal sie im Ergebnis eine (zumindest bislang) mangelnde Integrationsbereitschaft selbst bestätigt wenn man liest: “Böhmer betonte, Integration sei keine Einbahnstraße. Beide Seiten müssten aufeinander zugehen. Wer dauerhaft in Deutschland leben wolle, müsse seinen Willen zur Integration deutlich machen.” Ach ja? Entweder haben sie den Integrationswillen schon deutlich gemacht, dann bedarf es dieses Hinweises nicht. Oder Frau Böhmer hat selbst ein aktuell doch noch bestehendes Defizit an Integrationsbereitschaft identifiziert: dann, und nur dann, wird der Satz verständlich und macht Sinn. Faktenfern, logikfern – aber stark in der Placebo-Medikation des Volkes, das ist die deutsche Politik (natürlich nicht nur:) bei der Einwanderungsdebatte.
Ihre in der Bild-Zeitung (29.08.10, "Sarrazin nennt stets nur die halbe Wahrheit") wiedergegebenen Stellungnahmen sind zwar nicht schon in sich widersprüchlich, liegen aber voll neben der Argumentation von Sarrazin: "Was ist mit den 600 000 Unternehmerinnen und Unternehmern aus Zuwandererfamilien, viele mit türkischen Wurzeln? Auch ­ihre Leistung und ihr ­Engagement sind Sarrazin keine Silbe wert." Tja, wie viele von diesen Unternehmern haben denn bitte türkische Wurzeln, meine liebe Halbwahrheitsfreundin? Und dass es auch Erfolgsgeschichten gibt, bestreitet Sarrazin doch gar nicht; im Gegenteil: bei den Vietnamesen z. B. stellt er sehr deutlich das Bildungsstreben heraus. Wer darauf nicht eingeht, hat offenkundig keine Gegenargumente - und versucht, das Volk mit Zehntelwahrheiten darüber hinweg zu täuschen.
"Frau Böhmer sagt nur, was die Politik ihr erlaubt" stellt Tayfun Keltek, SPD-Integrationsrat von Köln, in einem Gespräch mit Sandra Schulz auf Deutschlandradio vom 08.09.2010 fest. Nachdem mittlerweile klar geworden ist, dass das Volksbelügen und Volksbeschwichtigen nicht mehr funktioniert, hat Mutti Merkel ihr wohl ein wenig mehr Realismus erlaubt. Auszüge aus dem Gespräch "Schulen müssen zu Orten der Integration werden" mit Jürgen Liminski auf Deutschlandradio vom 13.09.2010: "Ich habe sehr deutlich gemacht, dass Sarrazin eine verzerrte Darstellung der Integration in Deutschland gibt, er spricht Halbwahrheiten nur aus, und vor allen Dingen war mein Vorwurf, er hätte als Senator in Berlin viel für eine bessere Integration tun können. Das hat er nicht getan. [Das mag ja zutreffen, bestätigt aber im Ergebnis nur die Richtigkeit seiner Diagnose. Im übrigen liegen Sarrazins Forderungen, z. B. nach Zuzugsbegrenzung und verschärften Sanktionsmöglichkeiten - z. B. bei Schulschwänzern Leistungen bis unter das Sozialhilfeniveau absenken zu dürfen - auf bundespolitischer Ebene: dafür ist der Bundesgesetzgeber zuständig.] Was richtig ist: Wir müssen die Integration nach vorne bringen und wir müssen an Tempo zulegen. ..... wir haben ein eklatantes Umsetzungsproblem... ." Interviewer: "Wenn die Probleme alle seit so langer Zeit bekannt sind, warum hat man dann so wenig dagegen getan und alles treiben lassen?" Antwort Böhmer: "Wir haben mit Riesenversäumnissen zu kämpfen ... . Noch sind Schulabbrecher, die Migranten sind, in doppelter Höhe bei uns vorhanden. ..... Dort, wo Parallelgesellschaften entstanden sind ... sind die Probleme natürlich massiv. ..... Sarrazin hat uns nicht geholfen, weil er die Integration in Deutschland verzerrt dargestellt hat. Aber was ihm gelungen ist: er hat eine Debatte ausgelöst und diese Debatte muss als Tempobeschleuniger dienen bei der Integration. Wir haben keine Zeit zu verlieren und Integration muss oben auf der Tagesordnung bleiben." Ach ja? Eine Debatte hat Sarrazin ausgelöst, und die können wir als Tempobeschleuniger gut gebrauchen - aber geholfen hat Sarrazin nicht? Ist die Frau lediglich leicht verwirrt, oder schwimmt sie bereits total desorientiert im Wörtersee umher?

BUCHHANDEL, Verhalten des Buchhandels zum Sarrazin-Opus
Zufällig stieß ich jetzt (15.01.11) auf eine Information über das Verhalten einiger Buchläden, die dem Buch von Thilo Sarrazin kritisch gegenüberstehen.
Insbesondere wird die Buchhandlung "Dichtung und Wahrheit" hier in Wächtersbach erwähnt. Über deren Reaktion berichtete das Gelnhäuser Tageblatt am 04.09.2010:
„An Thilo Sarrazins menschenverachtenden Äußerungen wollen und werden wir nichts verdienen.“ So nehmen Andrea Euler und Stephan Siemon von der Wächtersbacher Buchhandlung „Dichtung & Wahrheit“ Stellung. ..... „Wir sind keine Zensoren, werden unseren Kunden das Buch also beschaffen“, sagt Buchhändlerin Andrea Euler. Indessen „widert es uns geradezu an, mit dem Verkauf solch rechtspopulistische Schriften Geld zu verdienen“. ..... Euler und Siemon kündigen an, die Buchhandlung werde das durch den Verkauf des Sarrazin-Buches erwirtschaftete Geld dem türkisch-islamischen Kulturverein Wächtersbach zur Verfügung stellen." (Mehr darüber im Blog eines "Frieder" , anscheinend aus der hiesigen Gegend.)
Unter "Politisch korrekter Ablaß" berichtete die "Junge Freiheit" am 18.09.10 über einen ähnlichen Fall (in den Leserkommentaren wird auch der Wächtersbacher Vorgang erwähnt):
"Manch braver Buchhändler gerät durch Thilo Sarrazin in ärgste Gewissensnöte. So verkauft Wolfgang Meny von der Buchhandlung Eulenspiegel im schwäbischen Wiesloch den Bestseller „nur mit Unbehagen“, wie er in einem Leserbrief im aktuellen Börsenblatt. Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel kundtut......„Von jedem verkauften Exemplar werde ich fünf Euro an die Organisation Pro Asyl spenden.
Wenn ein Buchhändler 5 € spendet bei einem Endverkaufspreis (Buchpreis) von 22,99 Euro, dann gibt uns das übrigens auch einen kleinen Hinweis auf die Gewinnspanne des Buchhandels.

BUCH lesen
Ob ich selbst das Buch von Sarrazin kaufen und lesen werden? Weder noch: mein Bücherschrank ist voll mit ungelesenen Büchern. Und um sein Buch kritisch zu würdigen, müsste ich mir wiederum jede Menge weiteren Informations-Krill durch die Barten ziehen: dafür fehlt mir nicht nur die Zeit, sondern auch der Antrieb. Denn für mich ist die Sarrazin-Debatte nur ein Mosaikstein im großen Gemälde der gesellschaftlichen Entwicklung, die ich zu beobachten versuche. Der mögliche Wert liegt für mich zum größten Teil auf einer ganz anderen Ebene: Dass wir uns zum einen auf die Legitimität eines interessengeleiteten Handelns besinnen. Und dass wir - vielleicht, hoffentlich - anfangen, Feinden (die Piraten vor Somalia sind ein aktuelles Beispiel) eine Neue Härte entgegen zu setzen, statt jener dekadenten Fettwanstmoral, wie sie sich in den Zeiten der Fülle entwickelt hat. Diese Zeiten werden schon sehr bald vorbei sein (vgl. PEAK OIL). Und dann - kommt Thilo Sarrazin. Oder jedenfalls Leute wie er. Hoffentlich. Ansonsten: Gute Nacht, schönes Deutschland!

BUNDESBANK, DEUTSCHE
Dass und auf welche Weise die Deutsche Bundesbank ihr Ansehen lange vor der Sarrazin-Debatte, selbst demontiert hat, und zwar in ihrem ureigenen Fachgebiet, schildert Nicolaus Fest auf der Webseite der BILD-Zeitung in seinem Kommentar "Ansehen beschädigt?" vom 11.09.2010 (meine Hervorhebung): "Die Bundesbank ist Sarrazin los. Dass er ihr Ansehen beschädigt habe, behauptet sie nicht mehr. Recht hat sie. Denn mit ihrem Ansehen war es ohnehin nicht mehr weit her. Denn wo war die Bundesbank, als die Finanzmärkte dereguliert wurden? Gab es da irgendeine ­Warnung von den hochbezahlten Frankfurter Finanzexperten? Warum hörte man keinen scharfen Protest der Bundesbank, als die Bundesregierung mal eben den Maastrichter Vertrag brach und Griechenland mit deutschen Steuergeldern rettete – oder richtiger: die Zockerbanken, die Griechenland Milliarden geliehen hatten? Und warum knickte die Bundesbank so eilfertig ein, als die Europäische Zentralbank beschloss, Staatsanleihen der Krisenstaaten zu kaufen – also deren Schulden vor allem auf deutsche Steuerzahler abzuschieben? Die Bundesbank lebt vom Ansehen längst vergangener Zeiten."

DÄMLICH
Sigmar Gabriel

DIFFAMIEREND, DIFFAMIERUNG
"Als Diffamierung (v. lat.: diffamare = Gerüchte verbreiten) bezeichnet man heute allgemein die gezielte Verleumdung Dritter. Dies kann durch die Anwendung von Schimpfwörtern oder durch diverse Unterstellungen geschehen. Vor allem im Bereich der Politik bezieht sich die Diffamierung auf die Ehrverletzung, Hetze sowie die Gerüchteverbreitung gegen partei- oder staatspolitische Gegner" lesen wir in der Wikipedia. Und zu "Verleumdung": "Verleumdung bedeutet in Deutschland und der Schweiz, dass jemand über eine Person ehrverletzende Behauptungen aufstellt, obwohl er weiß, dass sie unwahr sind." Ich habe noch nicht keine Sarrazin-Kritik gelesen, in welcher der Vorwurf der "Diffamierung" substantiiert und dargelegt worden wäre, dass Sarrazin Gerüchte verbreitet oder wissentlich die Unwahrheit sagt.
Angela Merkel (25.08.10. Frau Merkel kocht dabei nicht zuletzt auch ein parteipolitisches Süppchen, wie Christian Böhme in "Düsteres aus Thilostan" auf "TheEuropean" am 30.08.10 feststellt.)

EINSAM, EINSAMKEIT (intellektuelle)
Diesen Begriff bringt der FAZ-Autor Nils Minkmar in die Debatte, auf Thilo Sarrazin gemünzt. In "Fernseh-Frühkritik: „Hart aber fair“. Ein Mann auf verlorenem Posten" (02.09.10) schreibt er: "Sarrazin hat sich bemüht diesen ganzen Kram zu bewältigen, alles in eine schlüssige Form zu bringen - aber auf eine Art und Weise, die auf eine große intellektuelle Einsamkeit schließen lässt. ... diese mehrfache, die intellektuelle und politische Einsamkeit Sarrazins deutlich. Vollends tragisch wurde seine Position ..." So sehr ich Sarrazin für seinen einsamen Kampf verehre (und ihn, soweit ich überhaupt eine halbwegs präzise Vorstellung davon habe, in vielen Punkten auch für richtig halte): ganz Unrecht hat Minkmar wohl nicht. Die gleiche Beobachtung hatte ich selbst in dem Buch von Manfred Pohl gemacht, dass ich unter "Das Ende des Wei(s)sen Mannes. Polit-Plädoyer ohne Leidenschaft" extensiv (um nicht zu sagen: exzessiv) rezensiert habe. Nur ist natürlich Thilo Sarrazin ein ganz anderes intellektuelles Kaliber, und seine Thematik auch sehr viel fokussierter. Und deshalb umweht ihn auch in meinen wohlwollenden Augen ein Hauch von Tragik.

EITEL, EITELKEIT
Wer sucht, der findet: Auch (oder vielleicht sogar gerade) große Leute haben kleine Schwächen!
NN im Tagesspiegel (28.08.10)

ENTFREMDUNG ZWISCHEN BÜRGERN UND POLITIKERKASTE (Politikentfremdung)
Diese beschreibt mein Wörterbuch. Anderenorts finde ich sie (jedenfalls soweit es um ganze Artikel mit ausschließlich dieser Thematik geht) heute erstmalig beschrieben, nämlich in einem "Zwischenruf" von
Nikolaus Blome: "Warum fallen alle über Sarrazin her?" (31.08.2010. Ausgerechnet die Bildzeitung hat hier das Ohr nicht nur am Puls des Volkes, sondern am Puls der Gesellschaft - meine Hervorhebung -: "Ganz selten nur ist die Politik so einmütig - und zugleich so weit entfernt von Meinung und Stimmung einer ganz großen Mehrheit der Deutschen. Die sagt: Sarrazin hat recht! Endlich spricht einer mal die Wahrheit aus! Endlich traut sich einer mal was! Und wenn Sarrazin tatsächlich Amt und SPD-Parteibuch verliert, wird er endgültig zum „Märtyrer”. ... Zwischen Politikern und Bürgern steht ein großes Missverständnis, ein umfassendes, dramatisches Nicht-Verstehen. Sarrazins Thesen und die Reaktionen darauf sind wie ein Brennglas: Gut möglich, dass der Graben zwischen Wählern und Gewählten bald in Flammen steht. Dabei darf man unterstellen, dass Politiker aller Parteien sehr wohl ein wachsames Auge darauf haben, was die Leute im Land denken und meinen. Aber in diesem Fall ist es ihnen egal. Denn für die Politiker geht es ums Ganze – um sie selbst. ... Für die Bürger geht es aber genauso ums Ganze – nämlich ebenfalls um sie selbst. Zuwanderer mit muslimischem Hintergrund sind überproportional in der Kriminal-Statistik vertreten, bei den Schulabbrechern, bei den Hartz-IV-Empfängern. Amtliche, statistische Daten decken sich mit persönlichen Eindrücken, Sorgen und Ängsten. Deshalb bejahen sie vor allem das Unverblümte, Radikale an Sarrazins Bestandsaufnahme. ... Fakt ist: Nach heutigem Stand ist die Integration bestimmter Zuwanderer-Gruppen trotz mancher Fortschritte an anderer Stelle gescheitert. Die Wut der Bürger darüber ist die berechtigte Wut über die Misserfolge der Politiker. Eine Politik, die das beschweigt oder leugnet, erntet nichts als Verachtung".
Berthold Kohler, FAZ vom 31.08.10: "Entfremdet von der Politik": "Man wünschte sich, nur ein Bruchteil dieser gewaltigen Erregungsenergie flösse in den Versuch, die Probleme eines alternden, in Parallelgesellschaften zerfallenden Einwanderungslandes zu lösen, die Sarrazin auf den Punkt brachte wie jedenfalls kein Politiker vor ihm. Wird sich, wenn die Raserei vergangen ist, die Politik wenigstens diesmal fragen, welche Schlüsse aus der Causa Sarrazin zu ziehen sind? Mit seiner Entsorgung in das Lager der Rassisten und Antisemiten ist wenig gewonnen. Die Spaltung der Gesellschaft und die Abwendung von der Politik, die zu vertiefen man Kritikern wie Sarrazin anlastet, wird voranschreiten, wenn eine sich bedrängt und ausgenutzt fühlende Mehrheitsbevölkerung sich nicht mehr von den Parteien verstanden und vertreten fühlt. Die Debatte um Sarrazin macht deutlich, welches Ausmaß diese Entfremdung schon angenommen hat. Auch dafür muss er nun büßen."
In der "Preussischen Allgemeinen Zeitung" ("Das Ostpreußenblatt") rückt Hans Heckel in seinem Kommentar "Front gegen das Volk" vom 01.09.2010 auch den Gesichtspunkt der Debattenqualität auf Seiten der Sarrazin-Befürworter (im weitesten Sinne) ins Blickfeld: "Kennzeichnend für die Stimmen aus dem Volk ist vor allem die Qualität der Beiträge. Es ist eben nicht „dumpfes Stammtischniveau“, das dort zutage tritt, wie einige Politiker, Lobbyisten und Medienmacher reflexhaft behaupten. Was sich in den massenhaften Reaktionen äußert, ist die ernste Sorge von Menschen, die sich durchaus differenziert und kenntnisreich mit den Problemen auseinandersetzen, die sie durch die muslimische Einwanderung hervorgerufen sehen. Nichts davon will man „oben“ wissen: Mit aller Unerbittlichkeit soll Thilo Sarrazin an den Rand gedrängt, gesellschaftlich abgeurteilt werden. ... Angesichts der Menge an Sarrazin-freundlichen Reaktionen aus dem Volk erscheint es allerdings zum derzeitigen Stand fraglich, ob die „Spirale“ hier noch wirkt. Der Unwille, den bisherigen Bahnen der offiziellen „Integrationsdebatte“ zu folgen, hat kaum geahnte Ausmaße angenommen. Es hat sich eine innere Distanz zwischen „unten“ und „oben“ aufgebaut, die in den Zentralen der Macht offenbar lange nicht wahrgenommen wurde. Doch wenn die „Repräsentanten des Volkes“ in einer so existenziellen Frage wie Immigration und Integration per Einheitsfront gegen eine Mehrheit des Volkes auftreten, dann werden bald Fragen laut, wie „repräsentativ“ unser Parteiensystem überhaupt noch ist. Die Debatte ist Wasser auf die Mühlen derer, die sagen, dass unser Parteienspektrum das Meinungsspektrum der Deutschen längst nicht mehr angemessen widerspiegelt."
Es wäre sicher übertrieben zu sagen, dass sich sogar schon die Frankfurter Rundschau auf Sarrazins Seite schlägt. Aber dass Peter Schneider in einer Kolumne "Thilo Sarrazin - blamiert haben sich andere" vom 13.09.2010 die Gegner Sarrazins kritisieren darf ist, in dieser Zeitung, schon eine kleine Sensation:
"Plötzlich wimmelte es in den Talkshows von Musterbeispielen gelungener Integration, die man dreißig Jahre lang in der Medien-Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekommen hatte. Aber von Ehrenmorden und gekauften Bräuten redet niemand mehr."
Malte Lehming spielt in der Kolumne "Kontrapunkt" vom 21.09.10 im Tagesspiegel sogar "Die kluge Masse" [Groupthink, Schwarmintelligenz] gegen die Meinungsmacher aus: "Malte Lehming erläutert, warum der Stammtisch öfter recht hat, als seinen Kritikern lieb ist".
Äußerst massiv, sogar unter Verwendung des Tabubegriffs "Umerziehung", zeigt noch einmal Berthold Kohler in seinem FAZ-Beitrag "Christian Wulff. Präsident aller Menschen" vom 07.10.2010 die Kluft zwischen Politik (bzw. Politikerorientierung) und Volksmeinung auf: "... der neue Bundespräsident [will] nicht eines Tages enden ... wie sein Vorgänger: vom Volk geschätzt, vom politischen Establishment, dem er entstammt, aber isoliert. In seiner einzigen öffentlichen Äußerung zur Causa Sarrazin sorgte sich Wulff, wie so viele vor und nach ihm, um das Ansehen Deutschlands im Ausland, wo nicht einmal das „Juden-Gen“ besonderes Interesse fand. Der vielstimmige Aufschrei der Deutschen - gegen die Hexenjagd auf einen Mann, der dem Volk offenkundig aus der Seele spricht, und gegen die Bevormundung von Politikern, die sich lieber mit Umerziehung beschäftigten - war Wulff dagegen kein Wort wert."


FAKTENCHECKS
Davon gibt es einige in den Medien; meist sind sie aber ziemlich dünn und teilweise von fragwürdiger Qualität. Diese Behauptung müsste ich natürlich im Detail belegen, doch fehlt mir dafür derzeit die Zeit.

FRAGMENTISMUS
Mein Begriff für eine "gutmenschliche" Betrachtungsweise, welche die Zusammenhänge (z. B. auch die Kosten) aus den Augen verliert.

FREIHEIT
Wenn das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisiert (17.08.2010), dass der Rassismusbegriff in Deutschland zu eng gefasst sei, oder wenn "die Streichung einer Klausel im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, welche Möglichkeit rassistischer Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt eröffnet" gefordert wird (so dass also die Besitzer eines 2-Familien-Hauses sich ihre Mieter nicht mehr aussuchen dürften), dann sieht man, dass die Menschenrechtsfreunde die Rechte der indigenen Population in Deutschland immer mehr beschneiden wollen. Auch die Menschenrechte haben aber ZWEI Seiten!

FUNKTIONSLOS, FUNKTIONSLOSIGKEIT (des Sarrazin-Buches)
Der Begriff selbst taucht nicht auf; hier subsumiere ich vielmehr Stellungnahmen wie diejenige von Steffen Seibert, Regierungssprecher (meine Hervorhebung): "Es gebe in der Tat Probleme bei der Integration von Migranten, sagte Seibert. Aber es bedürfe nicht der Äußerungen Sarrazins, um daran erinnert zu werden." (26.08.10. Der letzte Halbsatz ist unzutreffend: wer sonst wenn nicht Sarrazin hätte uns mit gleicher Intensität und mit einem derartigen Widerhall die Probleme ins Bewusstsein gerufen? Und aufgezeigt, dass die deutsche/n Regierung/en ihr Volk nach Strich und Faden und mit den Methoden von Joseph Goebbels belügen bzw. ihm unangenehme Wahrheiten vorenthalten?)
Auch hier strahlt wieder der Intellekt von Frau Böhmer mit der Energie einer Tranfunzel: "Es ist unbestritten, dass es gerade bei der Bildung vieler Migranten großen Nachholbedarf gibt! Um dies festzustellen, bedarf es nicht der Aussagen Sarrazins." (29.08.10) Nein, um das festzustellen nicht - aber vielleicht, um solche Zustände abzustellen?
Dass Sarrazins Buch, bzw. mehr noch die Vorabdrucke uns seine Interview-Äußerungen, eine notwendige Debatte losgetreten haben, beweisen Äußerungen (03.09.2010) von Angela Merkel (" 'Man muss Probleme klar benennen, aber man darf Fortschritte auch nicht verschweigen' ... . Für Deutschland sei es eine Schlüsselaufgabe, die Zuwanderer aktiv in die Gesellschaft hineinzuholen. 'Aber in gleicher Weise erwarten wir natürlich, dass sie das auch wollen und sich aktiv darum bemühen'. Die Migranten müssten zugleich „bereit sein, sich auf ein Leben in unserer Gesellschaft einzulassen und unsere gesamte Rechtsordnung vorbehaltlos zu akzeptieren“, sagte Merkel. Dies erfordere Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft"), Christian Wulff („Die Mehrzahl neu angekommener Bürger nimmt erfolgreich an Integrationskursen teil“, sagte er der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“. Wulff gestand zugleich Defizite: „Versäumte Anstrengungen bei der Integration müssen nachgeholt werden“, forderte der Bundespräsident. Andererseits müssten aber auch 'klare Forderungen an Zuwanderer formuliert werden'.") [Zu den Äußerungen von Wulff s. a. hier in der Allgemeinen Zeitung; wenn das Blatt ein Interview mit Wulff veröffentlicht haben sollte, dann wohl nur in der Printausgabe.] Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU). Der "sprach von millionenfach gelungener Integration. Aber es gebe „auch zu viele Fälle von Integrationsverweigerung“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Als Beispiel nannte Bosbach die Sprachkurse für ausländische Bezieher von Sozialleistungen. „Fast ein Drittel derjenigen, die zu Sprachkursen verpflichtet wurden, damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen, kommen nicht oder brechen den Kurs vorzeitig ab.“ Hier bestehe eine Bringschuld der Migranten."
Na, Thilo: erholst du dich noch von den Strapazen der vergangenen Tage - oder schnippelst du schon? Zeitungsausschnitte mit derartigen Politikeräußerungen, meine ich: Wenn die keine Steilvorlage für deinen Rechtsstreit sind, weiß ich es auch nicht! Insbesondere wenn jetzt derselbe Bundespräsident, der dich schon vorher demissioniert hat und demnächst formal entlassen wird, Defizite eingesteht: dann war es ja wohl nicht Unrecht von dir, die Debatte zu entfachen. Denn ansonsten hat man allenfalls leise Stimmchen vernommen, die Probleme beklagt haben.
Freilich: Lösungsvorschläge hat keiner anzubieten, und das ganze Getöse (oder eher: Getue) der politischen Klasse dient zweifellos in der Hauptsache dem schäbigen Zweck, von deiner Forderung nach einem Zuwanderungsstopp, bzw. zumindest nach einem Abhängen der sozialen Hängematte für Neuzuwanderer, abzulenken! Wenn du auf diese Weise argumentierst (und deine Überlegungen zu Intelligenz und Vererbung in der Schublade lässt) sehe ich durchaus Chancen für ein erfolgreiches arbeitsrechtliches Showdown zwischen dir und unserer Partitokratenkaste.
Aber auch unter den Medienfeinden Sarrazins finden sich Stimmen, welche die Notwendigkeit eines Debattenanstoßes im Ergebnis bestätigen. So lässt etwa Stephan Hebel in seinem Leitartikel "Der Ruf des Rattenfängers" in der Frankfurter Rundschau vom 01.09.2010 kein gutes Haar an Sarrazin. Doch am Schluss schreibt er: "All denen aber, die sich mit Recht erregen, sei gesagt: Ja, Sarrazin muss weg. Bundesbank und SPD tun gut daran, die Trennung zu suchen. Aber die Gesellschaft der Gutwilligen sollte nicht wieder einschlafen, wenn der Lärm vorüber ist. Sie muss die Hilferufe, die Sarrazin aufgreift und verzerrt, endlich hören. Sie muss zeigen, dass passives Zusehen bei Bildungsmisere und Sozialhilfe-Karrieren samt ihren Folgen ein Ende hat. Dass man eine liberale Gesellschaft und ihre Politiker nicht am Nichtstun erkennt, sondern an so konsequentem wie demokratischem Handeln. Und niemand sollte vergessen: Wenn nichts geschieht in den Beinahe-Gettos unserer Städte, dann gründet der nächste Sarrazin vielleicht eine Partei. Und nimmt uns die Arbeit auf seine Weise ab." Ach ja?
Es ist übrigens wieder einmal die Märkische Allgemeine, welche den aktuellen Debattenstand auf den Punkt bringt (03.09.10): "Sarrazin-Thesen entfachen Integrationsdebatte". In der Tat: seine Thesen, die ganze Aufregung, waren nötig, um die Politikkaste (wenigsten scheinbar) in Bewegung zu setzen.
Auch Günther Nonnenmacher wirft sich in der FAZ massiv in die Bresche - nicht für Sarrazin, wohl doch für dessen Anliegen. "Thilo Sarrazin. Die Verbannung" (03.09.10) (meine Hervorhebungen): "Die Zustimmung, die Sarrazin aus dem Publikum entgegenschlägt, im Gegensatz zu dem fast einstimmigen offiziellen Scherbengericht, gilt nicht seinen schrägen oder falschen Thesen. Sie gilt einer Zustandsbeschreibung von Sozialstaatsmissbrauch und Integrationsverweigerung, für die fast jeder Beispiele kennt. ... Das Argument, dies sei alles bekannt und müsse nicht noch einmal auf provozierende Art wiederholt werden, ist lächerlich. ... Wenn Sarrazins Beschreibungen altbekannt sind, warum wurde dann so wenig gegen die Missstände getan? ... [Politikversagen:] Nicht anders steht es um Sarrazins Kritik der Einwanderung aus muslimischen Ländern. Dass es da ein besonderes Problem gibt, ist offiziell anerkannt – wozu gäbe es sonst eine Islamkonferenz? ... Sarrazin hat Streit gesucht und bekommen. Wenn seine Verbannung dazu führt, dass über die von ihm benannten Probleme nicht nur gesprochen, sondern dass auch gehandelt wird, hätte der Streit einen Sinn gehabt."
Die Wirkung von der Provokationen von Thilo Sarrazin beleuchtet auch Georg Paul Hefty in dem FAZ-Artikel vom 21.09.2010 "Integrationsdebatte. Ein Stück weiter nach Sarrazin":
"Obwohl SPD-Chef Gabriel noch an dem Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin festhält, fängt er bereits an, seine vier Wochen alten Brandurteile gegen seinen Parteifreund vergessen zu machen. Noch ein Stück weiter ist die Integrationsbeauftragte der Kanzlerin."
"Schule und Integration. Das Gift der muslimischen Intoleranz" ist ein Aufsatz von Regina Mönch in der FAZ vom 04.10.2010 betitelt: "Folgenschwere Fehlentwicklung: Die Berliner Lehrergewerkschaft warnt vor den Folgen des Erziehungsnotstands in muslimischen Familien. Die Schulbehörde warnt im Gegenzug Lehrer vor „moralischer Überwältigung“ mit westlichen Freiheitswerten."
Die Autorin weist u. a. nach, dass erst das Buch von Sarrazin eine solche Diskussion in der GEW ermöglicht hat:
"... erst der Streit um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ [bringt] solche und ähnliche Veranstaltungen hervor ... und nicht der real seit Jahren schwelende Konflikt überbordender, häufig gewalttätiger Intoleranz an Schulen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schülern. Natürlich berief sich die GEW nicht auf Sarrazin, sondern auf eine eigene Analyse, die in der verbandseigenen „Berliner Lehrerzeitung“ erschien. Dass der nun diskutierte Artikel „Deutschenfeindlichkeit in Schulen – Über die Ursachen einer zunehmenden Tendenz unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen“ bereits vor fast einem Jahr in der Zeitung stand – unbeachtet –, wurde dabei unterschlagen."
Die Berliner Behördenmaschinerie freilich fährt vorerst weiter auf ihrem altem Kurs:
"Der Hauptschullehrer Wolfgang Schenk etwa, einst Sprecher der Alternativen Liste, hat einschlägige Erfahrungen sammeln müssen, wie Gewerkschaft und Schulbehörde ihn abwiegelten, wenn er sich wegen frauenfeindlicher Übergriffe auf Lehrerinnen oder Beschimpfungen wie „Nazi“, „Schlampen“, „Rassist“ oder der drohenden Zwangsverheiratung einer Schülerin an sie wandte. Man bedeutete ihm, sich ruhig zu verhalten, um den Rechtsradikalen keine Vorlage zu liefern. Diese erbarmungslose Ignoranz wird durchgehalten bis heute. ..... Die Berliner Schulbehörde hat gerade eine Handreichung zum Islam an die Schulen verschickt. Das Heftchen, vielfach überarbeitet und jetzt wenigstens bereinigt von den klandestinen Empfehlungen eines Predigers, der an einem französischen Scharia-Institut ausgebildet wurde, ist eigentlich ein Skandal. Es kommt ohne Aufklärung über die Folgen islamischer Geschlechtertrennung und Sexualität aus und warnt Lehrer vor allem vor „moralischer Überwältigung“ mit westlichen Freiheitswerten."
Vielleicht wecken ja die Berliner Wähler die Wowereit-Wandler mal auf.


GESINNUNGSETHIK (Zu: GUTMENSCHEN sowie INTERESSEN)
Ohne dass ich das hier näher begründen könnte, steht im Hintergrund der unterschiedlichen Positionen zur Einwanderung bzw. Einwanderungspolitik zweifellos auch der Fundamentalgegensatz zwischen der gesinnungsethischen und der verantwortungsethischen (ergebnisorientierten) Betrachtungsweisen von Gesellschaft.

GUTMENSCHEN
Ist ein Ausdruck, den zwar auch Thilo Sarrazin verwendet, den ich jedoch nicht goutiere. Er verharmlost die Folgen dessen, was diese nur scheinbar guten (wenn auch vielleicht etwas beschränkten) Menschen durchgesetzt haben. Wir müssen hier mit kräftigeren Begriffen operieren: FRAGMENTISTEN (SEGMENTHIRNE), oder MENSCHISTEN! Letztlich steht hier und bei den Interessen auch der Gegensatz Gesinnungsethik - Verantwortungsethik im Hintergrund.

HASS, HASSPREDIGER
Klingt immer gut, wenn man einen Kontrahenten niedermachen will, ohne sich der Mühe unterziehen zu müssen, spezifische Sätze zu zitieren.
Michel Friedmann (29.08.10). Die Frage muss erlaubt sein, ob Herr Friedmann vor der Verwendung dieses Epithetons für Thilo Sarrazin gerade wieder gekokst hatte, oder ob seine Zuschreibung einer Entzugserscheinung zuzuschreiben ist?

HEXENJAGD
Ein pro-Sarrazin-Terminus.
Henryk M. Broder (29.08.10. So kann man in der Tat die Kampagne der Politoligarchie (und von Teilen der Medien) gegen Thilo Sarrazin beschreiben; allerdings hat die Hexenjagd nicht schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts geendet, sondern, auch wenn man den Begriff im Wortsinne nimmt, erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, also in der Spätzeit der Aufklärung! Für Arno Widman von der Frankfurter Rundschau sind die Dämonen allerdings auch heute noch lebendig - s. Stichwort "WAHN".)

IDENTITÄT, IDENTITÄTSWAHRUNG
Sollte doch auch ein Menschenrecht sein? Für uns?!!
[Zur Problemstellung vgl. auch meinen älteren Blott "UNSYSTEMATISCHE FRAGEN UND NOTIZEN ZUR BILDUNG (UND ZUM ZERFALL) VON GESELLSCHAFT(EN) oder KANN MAN SOZIALE DYNAMIK(EN) ABSTRAKT BESCHREIBEN UND VERSTEHEN?"]
In seinem Kommentar in der Neuen Zürcher Zeitung vom 01.09.2010 u. d. T. "Sarrazin, die Muslime und das Grimmsche Wörterbuch" reißt der Schriftsteller Richard Wagner den Menschisten ihre nur einseitig menschenfreundlichen Masken vom Gesicht (meine Hervorhebung):
"Die Kontroverse verläuft nicht, nach dem üblichen Schema, zwischen rechts und links oder konservativ und liberal. Sie verläuft zwischen denen, welche die realen Gefährdungen erkannt haben, die es in Deutschland gibt und die erwiesenermassen mit der muslimischen Einwanderung und den damit verbundenen demografischen Verschiebungen zusammenhängen, und jenen, die weiterhin auf der Wolke schweben und die die von ihnen zumindest in ihren Köpfen eingerichtete schöne neue Welt nicht preisgeben wollen. Sie würden um der hehren multikulturalistischen Theorie willen alles in Kauf nehmen, selbst den Verzicht auf das Grimmsche Wörterbuch, auf die Meinungsfreiheit und letzten Endes auch auf den Rechtsstaat. Ihnen ist nicht zu helfen. Zu helfen aber ist Deutschland, wenn seine Bürger bereit sind, ihre in Jahrhunderten erworbenen Freiheiten zu verteidigen."
Dass professorale Interventionen die Qualität einer öffentlichen Debatte nicht zwangsläufig verbessern, demonstrieren nicht nur Prof. (==> Stichwort "Statistiklügen") und die (zwar nicht Professorin, aber immerhin ebenfalls habilitierte) Ausländerbeauftragte Maria Böhmer (s. d.). Den Vogel schießt bislang der Essener Sozialpsychologie Harald Welzer in dem Zeit-Interview "Sarrazin-Debatte. 'Da geht die Demokratiesirene an' " vom 16.09.2009 ab. Der demonstriert seine gesellschaftliche Laubenpieperperspektive, wenn er den Stuttgartern zubilligt, ihre Identität objektfetischistisch an den Steinhaufen ihres Hauptbahnhofsgebäudes zu hängen:
"Es wird etwas zerstört, woran auch Identität hängt. Hier kristallisiert sich dieser Unmut unter der politischen Benutzeroberfläche. Die Leute wollen es nicht, aber die Politik will es durchdrücken. Das wirkt wie ein Verstärker. Je starrer die Seite der Politik ist, desto vitaler werden die Gegner."
Dafür, dass sehr viele Deutsche ihre kulturelle Identität insgesamt bedroht sehen, und sie verteidigen wollen, und dass viele dass Gefühl haben, dass die Politik ein Multikultigemenge "durchdrücken" will, hat er nicht das geringste Verständnis; derartige Tendenzen denunziert er sogar - am Beispiel Sarrazins - in wüster Agitprop-Manier als "rassistisch" (mehr dazu s. d.).

INFORMATIONSSTAND DER DEBATTENTEILNEHMER
Die allgemeine Wahrnehmung war und ist noch*, dass zu Anfang der Debatte niemand Thilo Sarrazins Buch gelesen hatte (haben konnte), sondern lediglich die Vorabdrucke. Diesen Eindruck erweckt Sarrazin auch selbst, wenn er in einer in München geführten Diskussion, die auszugsweise im Handelsblatt vom 01.10.2010 u. d. T. "Integrationsdebatte: Sarrazin versus Steingart – ein Streitgespräch" wiedergegeben ist, sagt (meine Hervorhebung): "... diese Diskussion hat mich ... verändert. Nicht nur wegen der breiten, teilweise emotionalen Zustimmung, die ich bekommen habe, sondern mehr noch wegen der harschen und teilweise hasserfüllten Kritik. Diese Kritik kam größtenteils gar nicht von den Lesern, denn es hatte ja zu diesem Zeitpunkt noch keiner etwas gelesen, es gab nur den Vorabdruck; etwa sechs Stunden später waren zirka 100 Prozent der politischen Klasse und 70 Prozent der veröffentlichten Meinung ganz klar gegen das Buch und wussten auch genau weshalb."
Steingart stellt dagegen klar, dass zahlreiche Persönlichkeiten zu dieser Zeit das Buch längst bekommen hatten: "Herr Sarrazin, Sie wundern sich, wie Journalisten und Politiker vom ersten Tag an wissen konnten, was in Ihrem Buch steht. Ich kann das Rätsel aufklären: Alle Menschen, die Sie und Ihr Verlag für wichtig genug hielten, bekamen ein Vorausexemplar. Die Druckfahnen Ihres Buches lagen auf Hunderten von Schreibtischen, auch auf meinem. Und zwar Wochen vor der Veröffentlichung. Ich habe – im Unterschied zur Bundeskanzlerin – auch alles gelesen."
* So fragt z. B. Volker Zastrow in seinem FAZ-"Streitgespräch" "Wenn Sarrazin die Diskussion überlassen wird, werden Konservative verlieren" mit dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch diesen noch am 03.10.10: "Nur hatte zu dem Zeitpunkt, als alle über Sarrazin herfielen, noch niemand das Buch gelesen, geschweige denn die letzten Kapitel."
(Vgl. über die Münchener Veranstaltung jetzt auch den Zeit-Artikel "Integration.
Mein Abend mit Sarrazin
. Warum eine Münchner Diskussion im Desaster endete. Ein Erklärungsversuch"
des Soziologie-Professors (und Luhmann-Schülers) Armin Nassehi vom 08.10.2010.

INTERESSEN
http://www.bild.de/BILD/politik/2010/08/29/thilo-sarrazin-schlacht/hg-streitgespraech-im-doener-restaurant/mit-hatice-akyuen.html (Sarrazin argumentiert intelligent für legitime Interessenwahrung; hier zunächst nur als Memo eingestellt, hoffe, das Thema später noch auszuführen.)
Letztlich steht hier und bei den Interessen auch der Gegensatz Gesinnungsethik - Verantwortungsethik im Hintergrund.
Ein sanftes Säuseln sind, wenn man mehr auf den Gehalt als auf die Präsentation schaut, die Äußerungen von Thilo Sarrazin im Vergleich zu dem Meinungsartikel "Ausländerdebatte. Trennung ist ebenso wichtig wie gute Integration" des Managementberaters Reinhard K. Sprenger auf Welt Online vom 10.10.10. Auszug:
"Der Mensch lebt über seine Verhältnisse, wenn er das Ende tabuisiert. Das kann man schließlich beobachten beim aktuellen Handgemenge zu Sarrazins Thesen. Sowohl im Buch (!) wie in der Diskussion erscheinen Muslime vorrangig als Objekte fürsorglicher Belagerung. Da wird integriert, gefördert und geholfen, dass sich die Sozialkassen biegen; da ruft man „Bildung!“ und „Sprache!“ – und verkennt die Verhältnisse: Warum soll ich Deutsch lernen, wenn die mich umgebende Mehrheitsgesellschaft aus Muslimen besteht, die auch kein Deutsch sprechen?
Auf einem Auge blind ist man jedoch vor allem im Grundsätzlichen: Denn zur Einschließung gehört die Ausschließung wesenhaft dazu, zum gemeinsamen Weg der getrennte. Bringt man ihn jedoch ins Spiel, befindet man sich mit dem Stigma des Rechtsradikalismus reflexhaft außerhalb der intellektuellen Sperrzone. Eine vernünftige Diskussion ist so nicht möglich. Noch nicht. Erst wenn uns schon in wenigen Jahren die Sozialsysteme um die Ohren fliegen, werden wir wie selbstverständlich die Lebenslehren der Leistung und Gegenleistung einführen, die in neosozialistischen Ländern wie Dänemark und Schweden schon heute Praxis sind.
..... schon Tucholsky wusste[,] ... dass das Gutgemeinte das Gegenteil des Guten ist. Denn der Islam ist eine fremde Religion, die aufgeklärtem europäischem Denken immer fremd bleiben wird. Das weiß jeder, der die integrationsfeindlichen Suren und Verse des Korkens gelesen hat. Und natürlich kann jeder fremd bleiben wollen, und niemand muss Deutsch lernen, und jeder kann auch mehr nehmen als geben wollen – außerhalb der Grenzen.
"
Interessen sind in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu verteidigen. Die oben schon zitierte Regina Mönch tut das ohne falsche Furcht in ihrem FAZ-Beitrag "Rassismus. Das Schweigen der Schulen über Deutschenfeindlichkeit" vom 15.10.2010 für die Schulsituation.
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt" war mal die Parole der Romantik-Linken. Die sie, weil sie ihnen dort nicht passt, in Sachen Einwanderung schon seit langem zu "Wer sich wehrt, lebt verkehrt" verdreht haben.

ISLAMFEINDLICHKEIT (bzw. ISLAMOPHOBIE)
Sarrazin-Gegner, die einen solchen Vorwurf erheben, verfälschen mit einem geradezu Goebbelschen Zynismus die begrifflichen Koordinaten der deutschen Sprache, wenn sie Gegnerschaft als Feindschaft bezeichnen. Islamgegner muss jeder sein, dem sein laizistisches Leben lieb ist. Nicht weil der Islam Islam ist, sondern weil er eine Religion ist, eine richtige - im Gegensatz zum Christentum, dem wir in jahrhundertelanger Arbeit die Giftdrüsen soweit herausoperiert haben, dass wir es uns heute als eine hübsch handzahme Folklorereligion halten können. Ob wir Islamgegner eines Tages auch zu Islamfeinden werden müssen, hängt vom Islam selbst ab; zunächst einmal aber davon, ob wir diese Religion hier soweit hochkommen lassen, dass sie uns massive Probleme in unserem eigenen Land machen kann. Nicht dass die Moslems böse Menschen wären: die sind in der großen Masse genauso lieb und nett wie (mutmaßlich) die ersten Christen im alten Rom - solange diese dort noch in der Minderheit waren. Danach wurden sie dreist und frech, und dasselbe wird mit den Muslimen passieren, wenn wir nicht den Daumen auf dem migrativen Zulaufschlauch halten. (Nicht auszuschließen übrigens, dass es irgendwann auch zu Konversionen von Christen, Agnostikern usw. zum Islam im größeren Umfang kommen könnte.)
Ruprecht Polenz, CDU, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses (26.08.10: "Polenz warf dem früheren Berliner Finanzsenator "islamfeindliche und menschenverachtende Tiraden" gegen muslimische Migranten vor"). Die klare Botschaft für euch, liebe Leserinnen und Leser: Schnauze halten in derartigen Dingen! Sonst seid auch ihr ganz schnell Islamfeinde, dann Verfassungsfeinde, vielleicht eines Tages Volksfeinde ... .
Richard Wagner (nein, nicht DER Wagner, sondern ein zeitgenössischer deutscher Schriftsteller aus Rumänien) denunziert in seinem (auch sonst sehr lesenswerten) Debattenkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung vom 01.09.2010 u. d. T. "Sarrazin, die Muslime und das Grimmsche Wörterbuch" den Ausdruck "Islamophobie" als Kampfbegriff in der Strategie der Diskussionsverhinderung: "Der Bann, mit dem man in den Anfängen belegt wurde, nannte sich «Ausländerfeindlichkeit». Inzwischen hat man in der einschlägigen Wortwahl aufgerüstet. «Islamophobie» heisst es nun. Es sind Formeln der Einschüchterung."

-ISMUS, -ISTEN
Immer gut für Kampfbegriffe: Biologismus, Klassismus, Kulturalismus, Populismus, Rassismus, Sozialdarwinismus. Und weil die Endung so ekelbesetzt ist, spreche ich meinerseits die Gutmenschen ja auch als Menschisten an, bzw. das Gutmenschentum als Menschismus ;-) . [Eine vergleichbare Wortbildung für einen anderen gesellschaftlichen Bereich ist "Geldismus". Dieses Wort fand ich in der Druckausgabe der Augsburger Allgemeinen (bzw. Allgäuer Zeitung) vom 11.09.2010 in dem Interview "Dieser Kapitalismus schafft sich ab" von dem Managerberater (Managementberater) Malik geprägt. (Der Artikel ist wohl nicht online; vgl. aber hier im Forum der Zeitung.)]

MEINUNGSFREIHEIT
Die Debatte hat, wie ja auch aus der Art deutlich wird, in welcher die Politiker sie führen, nicht nur zwei Diskursebenen (inhaltliche vs. politisierende Diskussion), sondern auch zwei Wirkungsebenen:
- diejenige der inhaltlichen (Nicht-)Auswirkungen auf die deutsche Einwanderungs-, Sozial- und Integrationspolitik und
- den Grad an real existierender Meinungsfreiheit in unserem Lande.
Was auf dem Spiel steht, aber auch wie hinterhältig manche Diskutanten argumentieren, lässt sich an Äußerungen von
Dieter Graumann,Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegenüber Handelsblatt Online (31.08.10) aufzeigen. Der schmiert den Lesern nur demokratischen Honig ums Maul, wenn er sagt: "Es sei zwar das gute Recht von Sarrazin, seine Meinung zu äußern, so sehr man sie auch ablehnen möge und ablehnen müsse". Denn indem er im gleichen Atemzug ein Berufsverbot für Thilo Sarrazin fordert, enttarnt er sein eigenes Grundrechtspathos als verlogen: "Die Meinung von Herrn Sarrazin hat nichts mit der Bundesbank zu tun. Daher sollte die Bundesbank auch besser nichts mit Herrn Sarrazin zu tun haben." Meinungsfreiheit will Graumann angeblich einräumen - aber in der Realität will er diejenigen, welche sie in Anspruch nehmen, zur Strafe unter der Brücke schlafen lassen. Bezogen auf Sarrazin ist das natürlich nur symbolisch zu verstehen. Bei anderen jedoch könnte so etwas durchaus Realität werden. Und wenn wir dann noch eine Äußerung von Graumann aus dem Handelsblatt-Artikel "Kritik an Amazons 'Komplizenschaft mit Faschisten' " vom 05.06.2009 hinzunehmen, sehen wir, wohin die Reise gehen soll, oder jedenfalls sehr schnell gehen könnte: "In diesem Zusammenhang forderte Graumann den Online-Händler auf, „auch gleich das gesamte rechtsradikale, antisemitische und faschistische Sortiment, das man außerdem noch im Angebot hat, gründlich“ zu entsorgen. „Bei Amazon muss offenbar doch manches ausgeräumt und aufgeräumt werden. Spätestens jetzt – und wann, wenn nicht sofort?“, sagte Graumann." Ergänzen wir noch die im Artikel vorgeschaltete Information "Das Versandhaus [also der Bücherversender Amazon] stand bereits Anfang dieses Jahres in der Kritik, da sich im Sortiment auch rechtsradikale Literatur befand. Laut Amazon seien diese Titel jedoch nicht auf dem Index und daher der Vertrieb rechtlich in Ordnung", dann erkennen wir, dass die Meinungsfreiheit wirklich das Letzte ist, wofür Hr. Graumann eintritt. Den einen Kritiker schickt er unter die Brücke, den anderen entzieht er die Distributionskanäle für ihre Werke, obwohl diese nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Dass solche Äußerungen ausgerechnet aus dem Zentralrat der deutschen Juden kommen, ist pikant, aber nicht der Grund, weshalb ich seine Äußerungen hier herausstelle. Vielmehr führte ein glücklicher Zufall mir beide Artikel gleichzeitig vor Augen. Gegen die Meinungsfreiheit, zunächst die von Thilo Sarrazin, kämpfen natürlich auch alle anderen, die ein Berufsverbot für seine Tätigkeit als Vorstand bei der Deutschen Bundesbank fordern. Aber an Dieter Graumann lässt sich durch die Zusammenstellung seiner beiden Forderungen (wenn auch in unterschiedlichen Zusammenhängen aufgestellt; aber was hindert ihn oder andere, auch das Buch von Sarrazin als "faschistisch" zu etikettieren, wenn seine Thesen ihre Kreise stören?) der Mangel an Glaubwürdigkeit der angeblichen Meinungstoleranz, der für zahlreiche andere Sarrazin-Kritiker gleichfalls zu unterstellen ist, besonders deutlich sichtbar machen.
Aktuell erleben wir die Absage von Lesungen mit Thilo Sarrazin, wegen physischer Drohungen oder Boykottdrohungen (z. B. 01.09.10 für Hildesheim, 02.09.10 - am Textende - betr. München und ebenfalls 02.09.10 dasselbe für Potsdam). Die Macht der Meinungsterroristen ist groß, obwohl es sich quantitativ nur um eine sehr kleine Gruppe handeln dürfte.
Malte Lehming lässt im Tagesspiegel vom 01.09.2010 unter "Debatte um Sarrazin. Mein Krampf" die Fetzen fliegen - von den Leibern der Monopol-Demokraten. So knallhart könnte nicht einmal ich das bringen: "Thilo Sarrazin wollte mit seinem neuen Buch auf Lesereise gehen. Die ersten Termine wurden abgesagt, aus Angst vor Randale und um die Sicherheit des Autors. Keiner im Land protestiert. Als dagegen im November 2006 eine Wiederaufnahme der Idomeneo-Inszenierung (Regie: Hans Neuenfels) an der Deutschen Oper abgesagt wurde, weil sie eine Szene einschließt, in der der abgeschlagene Kopf von Mohammed zu sehen ist und deshalb "ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausgang" sei (Intendantin Kirsten Harms), war die Empörung groß. Kulturstaatsminister Bernd Neumann mahnte, "Probleme lassen sich nicht durch Verschweigen lösen", der kulturpolitische Sprecher der Unionsfraktion sprach von einem "Kniefall vor Terroristen", SPD-Fraktionschef Peter Struck geißelte die "Kapitulation vor einer möglichen Gefahr", und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ließ sich mit dem Satz zitieren: "Unsere Vorstellungen von Offenheit, Toleranz und Freiheit müssen offensiv gelebt werden. ... was ist aus integrationspolitischer Sicht eigentlich fataler - wenn Thilo Sarrazin aus seinem Buch liest, oder wenn der abgeschlagene Kopf von Mohammed gezeigt wird? Die Antwort der meisten Muslime in Deutschland dürfte klar sein. Ums gedeihliche Zusammenleben geht es den Sarrazin-Kritikern offenbar nicht. Wer Plakate mit der Aufschrift "Halt's Maul, Sarrazin" trägt, verhält sich zwar ungleich ziviler als jene wütenden Muslime, die während des Karikaturenstreits dänische Fahnen verbrannten, aber strukturell durchaus ähnlich. ... Das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft brachte im Mai 2005 eine lange Studie heraus mit dem Titel: "Ausländer bereichern die deutsche Wirtschaft". Die Zwischenüberschriften zu einigen Kapiteln lauten: "Ausländer beleben alle Branchen!"; "Ausländer stützen den Arbeitsmarkt!"; "Ausländer stützen das soziale Netz!"; "Ausländer investieren in Deutschland!"; "Ausländisches Kapital sichert deutsche Arbeitsplätze"; "Ausländer stärken die Kaufkraft!". Keiner regte sich damals darüber auf, dass hier Menschen in erster Linie nach ihrem ökonomischen Nutzen bewertet werden, dass solche Nützlichkeitsargumente einen darwinistischen Unterton haben und so weiter. Ein Haupteinwand gegen Thilo Sarrazin ist sein angeblich menschenverachtendes Weltbild. Dabei unterscheidet sich das Weltbild derer, die den Nutzen bestimmter Menschengruppen positiv beurteilen, insofern kaum vom Weltbild jener, die den Nutzen negativ beurteilen, als dass in beiden Fällen die Messlatte der Nützlichkeit angelegt wird. ... Thilo Sarrazin gefällt sich in der Pose der verfolgten Unschuld. Er behauptet, eine elitäre politische Klasse verhindere den Dialog über seine Thesen, würde Menschen wie ihn mundtot machen, kujonieren. Und wie reagiert die politische Klasse? Sie tut alles, um diese These zu bestätigen. Lesungs-Absagen, Parteiausschlussverfahren, eine mögliche Abberufung von seinem Vorstandsposten bei der Bundesbank."
Siehe auch Bild-Artikel "Neun unbequeme Meinungen und die Fakten Diese Sätze muss man sagen dürfen, weil..." vom 04.09.10.
Im Hamburger Abendblatt vom 01.09.10 fragt Armgard Seegers: "Nach Thilo-Sarrazin-Thesen. Was darf man heute sagen, was nicht? Was meinen Sie?"
Nikolaus Blome in BILD vom 04.09.10 (meine Hervorhebungen): "Diese Politiker fürchten die Brisanz seiner Worte (der klugen wie der saudummen) und malen schlimmste Folgen an die Wand. Doch die meisten Bürger sind weiter. Sie wollen, dass diese Debatte ausgetragen und ausgehalten wird; frei, ohne Sprechverbote. Nur so erklärt sich das riesige Interesse an Sarrazins Buch. Wer die Debatte trotzdem am liebsten sofort beenden möchte, unterstellt den Deutschen, sie seien nicht reif dafür. Der unterstellt, man müsste sie immerzu an die Hand nehmen, damit sie nicht rechten Rattenfängern folgen. Es ist genau diese Bevormundung, die die Menschen wütend macht – und sie viel eher in die Arme einer neuen Partei treibt, als es selbst die härtesten Worte Sarrazins je könnten."
In der FAZ vom 09.09.2010 wirft sich Berthold Kohler mit seinem Kommentar "Meinungsfreiheit. Die roten Linien" erneut in die Bresche (meine Hervorhebung): "Die Methode Ausschlussandrohung. Das ist das Metathema, das den Erregungspegel des Volkes im Fall Sarrazin hoch hält: Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende „Menschenverachtung“ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können? Und wer bestimmt die Grenzen des Meinungskorridors? Beides war jahrzehntelang geklärt: Die Linke in Politik und Publizistik zog die roten Linien, von der Ausländerpolitik bis zur Vergangenheitsbewältigung. Hinter dem autoritären Gebaren der Antiautoritären zeigt sich ein tiefes Misstrauen dem Urteilsvermögen des Volkes gegenüber."
Und noch einer ficht in der FAZ für die Freiheit (der Meinung): Volker Zastrow in seinem Kommentar vom 12.09.10 "Der Fall Sarrazin. Körperzellenrock":
"Im Milieu der [Schleim/er-]Schnecken sind Säure und Seife nicht artgerecht, was ätzt oder klärt, wirkt schleimlösend. Aber wie immer ist es zu einfach, alles auf die Politik zu schieben. Deutschland hat kein Verhältnis zur Freiheit. Es straft Meinungen mit Berufsverboten, mit der öffentlichen Todesstrafe, dem Ruf-Mord. ..... Wobei freilich ein wachsender Teil der Gesellschaft ins Schweigen oder Grummeln driftet, Nichtwähler und Nichtschnecken, Stumpfe und Stolze. Bei der Meinungsfreiheit geht es ja nicht um Abstraktes. Sondern um Macht. Darum, wer anderen das Maul verbieten kann - schon klar, nicht verbieten, nur verdreschen - und wer es verboten, verdroschen kriegt. Diese Macht haben und nutzen die Lobbyisten und Meinungszüchtiger, die Mönchskrieger der öffentlichen Sprach- und Denkwirtschaft. Und natürlich die Nacktschnecken in ihrer weltanschaulich gefestigten Neutralität."
Langsam wird es eng für den Sozi-Schwertengel Gabriel (der übrigens in der ZEIT Sarrazins Buch bespricht): Auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat sich nun gegen einen Parteiausschluss von Thilo Sarrazin ausgesprochen. "Verstehen Sie das, Herr Schmidt?" ist das Zeit-Interview vom 16.09.2010 überschrieben, das Giovanni di Lorenzo mit Helmut Schmidt geführt hat:
"Dass seine Partei, der er 30 oder 40 Jahre angehört, die Sozialdemokraten, mit dem Gedanken umgeht, ihn aus der Partei rauszuschmeißen. Das finden viele Leute nicht in Ordnung.
ZEITmagazin: Und Sie?
Schmidt: Ich finde es auch nicht in Ordnung
".
In der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" vom 02.09.10 verteidigt Tobias Kaufmann "die Redefreiheit, selbst für Thilo Sarrazin" u. d. T. "Einspruch. Irrungen und Wirrungen":
"Allerdings irrt sich Sarrazin in einem entscheidenden Punkt nicht. Sein Buch spiegelt ein Unbehagen in breiten Teilen der Bevölkerung wider. Die Phänomene zu leugnen, die dieses Unbehagen verursachen, und Sarrazin als Mini-Hitler zu brandmarken, ist eine Reaktion, die der Debatte nicht nützt. Zu einer freien Gesellschaft gehört, dass Menschen Falsches äußern dürfen. Es ist ein großer Fehler, jemanden wie Sarrazin zum Meinungsmärtyrer zu machen. Wer an Demokratie glaubt, muss bessere Argumente vorbringen. Im Falle Sarrazin wäre das einfach. Denn er irrt sich."
In einem in der ZEIT Nr. 41 vom 07.10.2010 erschienenen (und hier - mit weiteren einschlägigen Links - auch online verfügbaren) Essay "Ein Buch trifft ins Schwarze" diagnostiziert auch der bekannte (emeritierte und zuletzt an der Uni in Bielefeld wirkende) Historiker Hans Ulrich Wehler (hier ein Porträtfoto) "eine von politischen Machtträgern derart massiv vorgetragene Attacke gegen die Meinungsfreiheit ....., wie sie die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten noch nicht erlebt hat. Insofern handelt es sich bei dieser Debatte in der Tat auch um die Grenzen von Freiheitsrechten."
Sogar Frank Schirrmacher von der FAZ, den wir oben als scharfen Gegner von Sarrazin (bzw. von dem biologistischen Teil des Sarrazinschen Denkens) kennen gelernt haben (s. Stichwort "Biologismus"), wirft sich in seinem Artikel "Sarrazins ungelesenes Buch. Frau Merkel sagt, es ist alles gesagt" vom 20.09.10 massiv für die Meinungsfreiheit - auch für Sarrazins Meinungsfreiheit - in die Bresche.


MENSCHENWÜRDE, ANGRIFF AUF
Stellt sich die Frage, welchze konkreten Äußerungen Sarrazins damit gemeint sind. Verletzt schon eine Tatsachenbehauptung wie "Relativ zur Erwerbsbevölkerung leben bei den muslimischen Migranten viermal so viel Menschen von Arbeitslosengeld und Hartz IV wie bei der deutschen Bevölkerung" die Menschenwürde? Dieser Auffassung scheinen Regierungskreise - auch auf Länderebene - zu huldigen, wenn z. B. die Information "in Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen" ersetzt durch die Desinformation: „Zumindest für die Gruppe junger Menschen gehen Kriminologen davon aus, dass bei einem Vergleich der Gruppe mit gleichen familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingen sowie übereinstimmenden Werteorientierungen eine höhere Belastung von Nichtdeutschen letztlich nicht mehr feststellbar“ ist. (Wenn Sie es jetzt irgendwo rumpeln hören kann das nur daran liegen, dass gerade ein neidzerfressener Klumpfuß in seinem Grab rumort.) In Berlin macht die Politik diejenigen Beamten, die nicht den Rang eines Thilo Sarrazin haben, schnell mal einen Kopf kürzer, wenn sie durch Tatsachenäußerungen die Menschenwürde gefährden. Zumindest lese ich hier: "Längst vergessen scheint der zuvor geschasste Berliner Oberstaatsanwalt, Roman Reusch, immerhin damals Leiter der Intensivtäterabteilung. Er war es, der in einem Vortrag bei der Hanns-Seidel-Stiftung im Dezember 2007 mit Zahlen und Statistiken seiner Abteilung öffentlich machte, dass 80% der Intensivtäter, mit denen er es zu tun hatte, einen Immigrationshintergrund haben. Von diesen 80% seien 90% türkisch- oder arabischstämmig." Und der Tagesspiegel meldete damals: "Reusch hatte sich den Unmut der Justizsenatorin ... zugezogen. So sprach er in einem – genehmigten – Interview mit dem „Spiegel“ darüber, dass Untersuchungshaft für die besonders gewaltbereiten unter den Intensivtäter eine sinnvolle Erfahrung sein könne. Daraufhin wurde es dem Oberstaatsanwalt schwerer gemacht, sich öffentlich zu äußern. Mit einem Vortrag über „Migration und Kriminalität“ provozierte Reusch vor allem linke und sozialdemokratische Politiker. Er kritisierte darin ein Rechtssystem und eine politische Kultur, die die Abschiebung auch schwerkrimineller Jugendlicher und Berufsverbrecher unmöglich machten." Ja, unsere Würde-Wahrer haben den Wahrheits-Wahn schon weitgehend eingedämmt! Bald darfst du wieder aufstehn, Jupp, denn an der "Mediencharta Integration" des niedersächsischen Sozialministeriums hättest du doch gewiss deine heimliche Freude, und auf den Begriff, die offenbar den Medien abverlangte Verharmlosung von Sachverhalten als "kultursensible Sprache" zu bezeichnen, darauf wärst nicht einmal du alter Lügenfuchs gekommen!
Arno Widman (27.08.2010 und viele andere).

MENSCHISMUS ==> GUTMENSCHEN

NACHWIRKUNGEN (Nachtrag 06.01.2011
Dr. Markus Günther [Guenther], Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, hat die Sarrazin-Debatte von Anfang an mit einer ganzen Reihe von Kommentaren begleitet und dabei von Anfang an die deutsche Debattenkultur kritisiert, wie sie sich im Umgang der Politik (fast geschlossen) und der Massenmedien (zu großen Teilen - vgl. z. B. diese Zusammenstellung von Pressestimmen in der Augsburger Allgemeinen vom 25.08.10) mit dem Buch bzw. den Meinungen von Thilo Sarrazin geäußert hat:
"Sarrazin und seine Kritiker machen es sich zu leicht" titelte er am 27.08.10 und schrieb dort u. a.: "Den deutschen Charakter? Was genau ist das? Schon da hat sich Sarrazin völlig verrannt. Das heißt aber nicht, dass man seine Thesen verteufeln sollte. Es lohnt sich, sich auf diese Debatte einzulassen. Deutschland ..... hat keine gute Debattenkultur; Meinungen außerhalb des breiten Stroms in der Mitte werden zu wenig toleriert. Schon so gesehen sind Sarrazins Streitschrift und die neue Debatte ein Gewinn."
 Am 31.08.10 kritisierte Günther Sarrazins Äußerung über ein angebliches "Judengen" unter "Sarrazin ist von Sinnen", ermahnte aber gleichwohl zur Sachlichkeit in der Auseinandersetzung mit ihm: "Man sollte sich nicht beirren lassen und in der hitzigen Debatte einen kühlen Kopf bewahren. Weder den Gesinnungspolizisten noch aber Sarrazin darf man auf den Leim gehen. Wo Sarrazin sich gedanklich verrennt, muss man ihm energisch widersprechen (ohne ihn mundtot machen zu wollen); wo er wichtige Fragen aufwirft, muss man sich auf die Debatte einlassen."
 Durchgängig negativ war (vermutlich unter dem Einfluss des in dem Kommentar auch angeführten FAZ-Artikels von Frank Schirrmacher) der Kommentar "Sarrazins Deutschland" vom 06.09.10, in dem Günther den angeblich wesentlich biologistisch bestimmten Hintergrund von Sarrazins Buch kritisierte.
Günthers letzter Kommentar im unmittelbaren Zusammenhang mit der damaligen öffentlichen Debatte war wohl "Sarrazin-Debatte: Was man sagen darf", wo er pro und kontra abwägt, um am Schluss aber sogar seine eigene Beurteilung zu relativieren:
"Sarrazin hat, zum Teil, Dinge ausgesprochen, die oft aus Angst und Schamgefühl unausgesprochen bleiben. ..... Und dann hat Sarrazin Dinge gesagt, die grundfalsch sind. .....Doch auch dies ist kein Urteil letzter Instanz; es ist ein subjektiver Kommentar. Man kann auch anderer Meinung sein. Und man darf das auch sagen. "
Während andere die Debatte wohl abgehakt haben, untergegangen in der Flut der (Schein-)Ereignisse, rückt Markus Günther die Relationen an herausragender Stelle, nämlich sozusagen in einer Betrachtung zum Jahreswechsel 2010/2011, mit seinem Leitartikel "Der Sarrazin-Komplex" vom 30.12.2010 in die angemessene Perspektive (und gelangt zu einer letztlich sehr positiven Einschätzung der Rolle, die Thilo Sarrazin hier inhaltlich - Ausländerintegration - wie formal - Aufbrechen der verengten deutschen Debattenkultur - gespielt hat):
"Wenn Thilo Sarrazin in den Sendungen und Magazinen zum Jahresende als ein Kapitel unter vielen vorkommt, irgendwo zwischen Käßmann-Rücktritt und Kachelmann-Prozess, dann wird seine Bedeutung weit unterschätzt. Käßmanns Rücktritt ist eine Fußnote der Geschichte, Kachelmanns Prozess ist noch nicht einmal das; die Sarrazin-Debatte aber ist eine Zäsur.Denn nie zuvor haben sich in einer einzigen Debatte so viele fundamentale Fragen der deutschen Gegenwart zu einem Komplex verbunden: Kinderlosigkeit und demografische Wende, der Aufstieg des Islam in Deutschland und die Probleme der Integration, die Frage nach der deutschen Identität – all das ist Teil dieser Debatte.
Und durch die Art, wie diese Debatte geführt worden ist, kommt noch eine andere, vielleicht sogar noch wichtigere Dimension hinzu: die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit, nach dem, was man in diesem Land sagen und nicht sagen darf, und die Frage nach unserer Streit- und Debattenkultur. ..... 
Hat Sarrazin der Debatte gutgetan? Ja – wenn nicht als Ergebnis die Angst vor der offenen Auseinandersetzung zurückbleibt. Der Sarrazin-Komplex, das wäre dann nämlich nicht nur die vielschichtige Debatte, es wäre auch die psychologische Verfassung einer Gesellschaft, in der man sich nicht traut, seine Meinung zu sagen."

PAUSCHAL, PAUSCHALIEREND, PAUSCHALISIERUNG (meist in Verbindung mit diffamieren, diskreditieren, Diffamierung oder Diskreditierung verwendet)
Wenn ich - nur als hypothetisches Beispiel - feststellen würde, dass 70% einer bestimmten Volksgruppe oder Religionszugehörigkeit Alg II beziehen, gegenüber meinetwegen 20% im Durchschnitt: dann sage ich zugleich aus, dass 30% der 'pauschal' Kritisierten eben keine Sozialhilfeempfänger sind. Und Textpassagen bei Sarrazin, in denen dieser etwa behaupten würden "ALLE Türken (oder 'alle türkischen Immigranten in Deutschland') sind dumm", kann keiner der Kritiker zitieren: es gibt sie nicht.
Aygül Özkan, niedersächsische Integrationsministerin aus der CDU (28.08.10. Frau Özkan ist übrigens nur eine von unzähligen Sarrazin-Kritikern, die den Pauschalisierungs-Vorwurf erheben; ich habe sie hier nur deshalb - zunächst allein - zitiert, weil mir der Focus-Artikel im Zusammenhang mit "verletzend" gerade in die Finger gekommen war.)

PEAK OIL (ÖLFÖRDERMAXIMUM)
Häh? Was hat'n das mit der Einwanderung zu tun? Und/oder mit Sarrazin? Nun, Sarrazin will anscheinend Deutschland bevölkern: etwas deutscher zwar als bislang, aber eben auch intensiver, oder zumindest will er wohl die aktuelle Bevölkerungsdichte erhalten. Das will ich nicht, wegen Peak Oil. Dazu ist soeben eine Bundeswehrstudie erschienen, zum Glück noch nicht von unseren amtlichen Regierungsfälschern redigiert. Und diese Studie ist im Grunde weitaus wichtiger als die Sarrazin-Debatte, die andererseits aber vielleicht als ein Teil davon angesehen werden kann: so langsam merken einige, dass das Füllhorn sich leert - und sind bereit, unsere Interessen zu verteidigen, statt eine antiquierte Schönwettermoral. Links: Linksammlung zur Studie; Spiegel Online Bericht vom 31.08.10 und die Studie selbst.

POLITIKENTFREMDUNG ==> ENTFREMDUNG ...

POPULIST, RECHTSPOPULIST
Dieser Vorwurf gehört zu denjenigen verbalen Kieselsteinen, welche offenbar besonders zahlreich in den Politikerhirnen herumliegen. Sachlich ist er völlig falsch. Ein Populist ist ein Politiker, der dem Volk gegen seine eigenen Überzeugung nach dem Maul redet, oder der z. B. den Staatshaushalt strapaziert bzw. ruiniert, und sich die Gunst breiter Volksschichten und damit Wählerstimmen zu erkaufen. Horst Seehofer z. B. agiert populistisch, wenn er den Beamten eine Verringerung der kurz zuvor von seinem Amtsvorgänger Edmund Stoiber durchgesetzten Arbeitszeitverlängerung verspricht, um Wahlstimmen zu gewinnen, obwohl er weiß, dass das erhebliche Belastungen für den Landeshaushalt mit sich bringt. Wer Überzeugungen der Massen (richtige oder falsche) mit diesen teilt, kann kein Populist sein. Das hindert aber natürlich die verbalen Fliegendreckhersteller nicht daran, auch diesen Begriff in die Gegend zu sch(m)eißen. Insbesondere fasziniert sie daran wohl die Endung -ist, die sich so schön in die sonstigen -ismus-Beschuldigungen einreiht.
Stephan Kramer; Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland (26.08.10 und viele, viele andere).

PROFILNEUROSE
Sarrazin bringt seine Thesen sehr wirksam unters Volk; wer sich darüber ärgert (und keine sachlichen Gegenargumente hat), kann den Thilo auch mit diesen Begriff bewerfen. Immerhin nimmt dieses Schimpfwort der Kritiker-Kanonade (von Qualmy) insofern etwas von ihrer Eintönigkeit, als es nicht auf -ismus endet.
Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin (26.08.10).

RASSISMUS (s. a. "BIOLOGISMUS")
Weil dieser Blott, wie anfänglich schon angedeutet, eher eine allenfalls oberflächlich (nämlich lexikalisch) systematisierte Beobachtung der Sarrazin-Debatte leisten kann, habe ich die vielfältig gegen Sarrazin erhobenen Vorwürfe des Rassismus hier nicht näher dokumentiert.
Thilo Sarrazin selbst verwahrt sich in einer Erwiderung auf eine Rezension seines Buches von Sigmar Gabriel in der ZEIT (15.09.10) in gegen den expliziten oder, wie bei Gabriel, eher impliziten (explizit dort sogar geleugneten) Rassismus-Vorwurf (bzw. auch gegen den damit eng verbundenen Biologismus-Vorwurf). Obzwar es am Ende des Artikels heißt "Eine Entgegnung Thilo Sarrazins auf Sigmar Gabriel erfolgt an gleicher Stelle", kann ich derzeit (17.09.10, ca. 17.00 h) dort keine Erwiderung finden. Diese ist vielmehr in der FAZ vom 17.09.10 erschienen, unter der Überschrift "Sarrazin antwortet auf Gabriel. Die SPD-Spitze kann nicht lesen". Auszug: "Die Fragen, die ich aufwerfe, gründen nicht in erster Linie auf Erkenntnissen der Genetik, sondern vorrangig auf kulturellen Entwicklungen: Ich kritisiere eine überproportionale Zunahme bildungsferner Schichten (auch durch Teile der Migration) in unserem Land, und weil diese Schichten deutlich mehr Kinder bekommen als die bildungsnahen, entstehen Leistungsprobleme im Land. Um dies zu verändern, fordere ich in meinem Buch (Seite 328/329) unter anderem: ab dem dritten Lebensjahr Kindergartenpflicht, um die Bildungsnähe aller Schichten zu fördern; Verschärfung der sprachlichen Anforderungen bei Immigration, damit auch die Kinder der sogenannten „Unterschicht“ die Schule bestehen können; Zuwanderung von Qualifikationen abhängig zu machen, um auch so die Bildungsschichten zu verstärken, die wir für die Zukunft unserer Gesellschaft brauchen. Das alles würde nicht nur die bildungsnahen Schichten fördern, sondern eben auch den Aufstieg aus den bildungsfernen."
Der Essener Sozialpsychologie Harald Welzer (Zeit-Interview "Sarrazin-Debatte ... " vom 16.09.2009) hat Sarrazins Buch erkennbar nicht gelesen: "Spätestens als das jüdische Gen ins Spiel kam, war das Buch für mich nicht mehr diskutabel", lies: "Fühle ich mich berechtigt, das Buch, auch wenn ich seinen Inhalt gar nicht kenne, als rassistisch zu bezeichnen". Mit einer Unterscheidung zwischen Biologismus und Rassismus [s. dazu Frank Schirrmacher in der FAZ: "Ist er [Sarrazin] deshalb, wie manche behaupten, ein Rassist? Gewiss nicht."] hält sich der Agitprop-Wälzer nicht auf: "Dieses Buch hat einen klar rassistischen Kern. Allein der Titel "Deutschland schafft sich ab" zeigt ein biologistisches Nationenverständnis." Es bleibt Welzers Geheimnis, wieso schon der Titel "biologistisch" sein soll, und biologistisch identisch mit rassistisch. Gesinnungsstramm deutet er allerdings sogleich einen Weg an, auf dem man solche Bücher zukünftig aus der Öffentlichkeit zu verbannen sollte: er nennt es einen "Skandal, ... dass ein renommierter Verlag nur des Marktes wegen ein im Kern rassistisches Buch veröffentlicht". Das lese ich als eine Boykottaufforderung. Doch könnten dann andere mit gleichem Recht die Bücher von Harald Welz, oder auch dessen Verlage, boykottieren. Denn wenn man seine Meinungsäußerungen in dem o. a. Zeit-Interview als charakteristisch ansieht, ist dieser Mann zu einer rationalen Auseinandersetzung ja offensichtlich nicht bereit (oder nicht in der Lage).

SCHLUSS MIT LUSTIG
Jeder nimmt halt seine eigene Botschaft als das ihm selbst am Wichtigsten Erscheinende aus der Debatte mit, und ich halte vor allem diesen Aspekt für wichtig und zukunftsschwanger: Wir brauchen in meinen Augen eine Neue Härte, um für die vielleicht schon sehr bald kommenden Härten des Lebens gerüstet zu sein (s. PEAK OIL!).

SOZIALDARWINISMUS
Ein von zahlreichen Kritikern erhobener Vorwurf.

STATISTIKLÜGEN [und nicht-statistische WAHRHEITEN]
Der Vorwurf einer missbräuchlichen Verwendung von Statistiken wird sehr häufig gegen Sarrazin erhoben; implizit auch von Klaus J. Bade, Prof. Dr. phil. habil., der sich auf seiner Webseite u. a. als "Migrationsforscher" bezeichnet. Unter anderem ist er auch Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Der Wikipedia-Eintrag bezeichnet ihn als "Politikberater und Migrationsexperte", und seine Äußerungen in dem Spiegel-Interview "Sarrazin-Debatte. 'Es gibt keine Integrationsmisere in Deutschland' "  (07.09.2010) zeigen, dass er sich offenbar die Politik gewogen halten möchte, auch um den Preis, das Volk (subtil) zu belügen. Nachdem er zunächst auf die Frage von SPIEGEL ONLINE: "Was taugen denn die statistischen Belege, die Sarrazin vorlegt?" großspurig tönt: "Daten bieten immer nur Ausschnitte, Einzelinformationen oder Aussagen unter bestimmten Annahmen und dürfen deshalb nicht verallgemeinert werden", missbraucht er selbst die Statistik. Ein Dialog wie der Folgende ist es, den das Volk zum Kotzen leid hat:
SPIEGEL ONLINE: "Glaubt man Sarrazin, dann sind muslimische Arbeitnehmer gar nicht in der Lage, modernen betrieblichen Anforderungen zu genügen. Hat er recht?"
BADE: "Nein, die Unterschiede haben wesentlich mit sozialen Milieus, mit Bildung beziehungsweise Ausbildung und gar nichts mit der Glaubenszugehörigkeit zu tun. Bei Männern ohne Migrationshintergrund sind 50,3 Prozent, bei Frauen 37,5 Prozent erwerbstätig. Bei türkischen männlichen Zuwanderern sind etwa 45,1 Prozent und bei Frauen 23,5 Prozent erwerbstätig. Hinzu kommt bei vielen kleinen Familienbetrieben eine hohe Zahl von mithelfenden Angehörigen, die in der Statistik nicht erfasst werden. Die Muslime sind also genauso gut oder schlecht ins Arbeitsleben integriert wie andere Einwanderer." Die Zahlen als solche will ich gar nicht bezweifeln, und 10% Differenz bei den Männern ist nicht so arg viel. Bei den Frauen allerdings ist der Unterschied schon deutlich höher. Selbst wenn man die nicht erfassten Fälle familienhafter Mithilfe im Betrieb recht hoch ansetzt, und die Berufstätigkeit der Frauen mit 30% annimmt, macht die Differenz zur Frauenbeschäftigung bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ca. 20% aus; das ist durchaus signifikant. Der Trick, mit dem der Polit-Forscher die Leser hintergeht, liegt aber ganz woanders. Die nach meinem Eindruck ausgesprochen Sarrazin-feindliche Münchener Abendzeitung meldete am 26.08.10 u. d. T. "Stimmt das? Sarrazin im Fakten-Check" u. a.: "Die Arbeitslosenquote der Türken liegt bei 25 Prozent.*" Die Arbeitslosenquote insgesamt (also unter Einschluss der hohen Quote in der türkischen Bevölkerung!) betrug lt. Wikipedia-Eintrag im Juli 2010 lediglich 7,6% für Gesamtdeutschland. Damit ist Bades Behauptung "Die Muslime sind also genauso gut oder schlecht ins Arbeitsleben integriert wie andere Einwanderer" klar als Lüge entlarvt (ganz abgesehen davon, dass er die Begriffen "Türke" und "Muslime" wie identische Sachverhalte behandelt). Unterstellt, dass beide Daten richtig sind - geringe Diskrepanzen bei der Zahl der Erwerbstätigen im Verhältnis zur jeweiligen Gesamtpopulation, gigantische Diskrepanzen bei den Arbeitslosenzahlen -: wie löst man diese Widersprüche auf? Ich vermute, dass sie durch die vermutlich völlig andere Alterspyramide ergeben. Wenn es bei den Deutschen proportional sehr viel mehr Rentenempfänger gibt, dann ist es logisch, dass das Verhältnis (der Quotient) Erwerbstätige : Gesamtbevölkerung allein schon durch diese demographische Struktur abgesenkt wird. Bei der verhältnismäßig jungen türkischen Bevölkerung dagegen entspräche selbst ein gleich hoher Quotient (z. B. von 50,3 Prozent, wie Bade ihn für die Männer ohne Integrationshintergrund angibt) einem weitaus geringer Anteil erwerbstätiger Personen an der Gesamtpersonenzahl im erwerbsfähigen Alter. Offenbar haben aber die Sarrazin-Gegner solche Verschleierungen nötig, um ihre Behauptungen einer gut verlaufenden Integration "beweisen" zu können. [Was freilich beweist, dass Sarrazin doch nicht Recht hatte, wenn er die Dummheit vorwiegend bei den Muslimen verortet. In Deutschland schrecken nicht einmal veritable Professoren vor intellektuellem Klippschulniveau zurück, wenn sie nur das Volk (und gar sich selber?) damit täuschen können!] Rosstäuscherei betreibt Bade auch mit spitzfindigen Definitions-Taschenspielertricks in dem folgenden Dialog:
SPIEGEL ONLINE: "Sarrazin behauptet auch, die verschiedenen Migrantengruppen integrierten sich unterschiedlich in die deutsche Gesellschaft. Lässt sich das tatsächlich beobachten?"
Bade: "Migrantengruppen als solche gibt es nicht. Vielmehr lassen sich innerhalb der verschiedenen Herkunftsgruppen Milieus ausmachen, die ebenfalls bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund zu finden sind. Türkische Zuwanderer schneiden in ihren schulischen Leistungen zwar im Schnitt schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund. Das gilt aber auch für andere Herkunftsgruppen wie zum Beispiel Italiener, die in der Bildungsstatistik sogar noch schlechter dastehen. Andererseits finden sich auch unter Zuwanderern Personen mit besonders stark ausgeprägter Aufstiegsorientierung, gerade auch bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund."
Selbstverständlich kann man Migranten (wie auch alle anderen Menschen) nach bestimmten Kriterien in Klassen einteilen (und die Klassen kann man auch "Gruppen" nennen, wenngleich es sich natürlich nicht um Gruppen im soziologischen Sinne handelt bzw. handeln muss): das tut Bade sogar selbst, wenn er (wohl zutreffend) feststellt, dass die "Italiener ... in der Bildungsstatistik sogar noch schlechter dastehen" (und entsprechend bei seinem Vergleich der - schlechteren - Durchschnittsnoten türkischer Schüler mit denen von Schülern ohne Migrationshintergrund). Wie sonst sollte denn auch die Migrationsforschung als Wissenschaft betrieben werden können, wenn eine Typisierung von vornherein ausgeschlossen wird? Wenn er meint, zur Widerlegung statistischer Feststellungen Einzelfälle als Gegenbeweise heranziehen zu müssen bzw. zu können ("Andererseits finden sich auch unter Zuwanderern Personen mit besonders stark ausgeprägter Aufstiegsorientierung"), dann ist er voll im Täuschungsmorast der Politik versunken. Als Wissenschaftler ist, wer in seinem eigenen Fachgebiet derart unwissenschaftlich argumentiert, nicht ernst zu nehmen.
Erg. 07.07.2011: Über den Prof. em. Klaus Bade schreibt Thilo Sarrazin heute in der FAZ "Die Lücken eines Gutachtens". Dabei geht es um den Inhalt des im April veröffentlichten Jahresgutachten 2011 des (privaten) Sachverständigenrats für Migration, dessen Vorsitzender Bade ist. Während er Bade menschlich eher milde beurteilt ("... liebenswürdiger Mann und sicherlich ein seriöser Wissenschaftler, gehört zu den Menschen, die nicht gern anecken und es möglichst vielen recht machen wollen") kritisiert er Lücken des Gutachtens:
"Zu den Fragen der Demographie, der Abwanderung Hochqualifizierter und der unerwünschten Zuwanderung in den Sozialstaat liefert das Gutachten aber außer Appellen keine Lösungsansätze. Zu den gruppenbezogenen Unterschieden im Integrationsverhalten äußert es sich gar nicht. Zu den besonderen Integrationsschwierigkeiten beziehungsweise zum mangelhaften Integrationswillen eines Teils der muslimischen Einwanderer enthält das Gutachten keine Analyse und folglich auch keine Therapie."
Vor dem Hintergrund solcher Defizite des von Prof. Bade zu verantwortenden Gutachtens kritisiert er dessen Einstellung:
"In einem Punkt allerdings unterscheiden wir uns: Ich halte es nicht für schädlich und integrationsfeindlich, sondern für geboten und für einen Dienst an der Integration, vorhandene Integrationsdefizite, deren Ursachen und Lösungsmöglichkeiten klar und offensiv anzusprechen und dabei auch gruppenbezogene Verhaltensdefizite sowie kulturelle Ursachen wie die Religion nicht auszuklammern. Es ist ein Irrtum, zu meinen, gesellschaftliche Probleme seien dadurch besser beherrschbar, dass man sie gar nicht oder nur auf Samtpfoten anspricht und nur ja keine Schuldigen benennt."

Die Hoffnung auf eine auch für Probleme offene Immigrationsforschung müssen wir freilich nicht aufgeben, denn sogar in der staatlich geförderten Migrationsforscherbranche gibt es integere Persönlichkeiten. In dem Interview des Deutschlandradio "Integration "ist eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft" vom 13.09.2010 sagt "Buchautor und Migrationsforscher Stefan Luft" ohne Umschweife, was Sache ist (meine Hervorhebungen):
"Wir haben ... in der Vergangenheit sehr stark Scheinlösungen debattiert, die Politik hat sich festgelegt auf interkulturelle Öffnung, auf Diversity Management, in der vergangenen Woche war die Rede davon, dass es jetzt die zentrale Herausforderung sei, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund einzustellen. All das läuft ja darauf hinaus, die einheimischen Institutionen kulturell zu öffnen, als sei das die zentrale Herausforderung. Das ist zu bestreiten, denn die zentrale Herausforderung besteht darin, dass die Zuwanderer sich in wesentlichen Aspekten, vor allem Sprache und interethnische Kontakte, der Aufnahmegesellschaft angleichen.
Liminski: Herr Luft, wo sind denn die Probleme der Integration?
Luft: Die Probleme der Integration bestehen in der Hauptsache darin, dass die sozialräumliche Spaltung der Städte in den vergangenen zehn, 15 Jahren stark zugenommen hat, dass sich in den Städten ethnische Kolonien, oder, wenn man es etwas differenzierter ausdrücken will, ethnisch-soziale Unterschichten-Konzentrationen gebildet haben, was zur Folge hat, dass festzustellen ist, dass dort, wo die meisten Ausländer leben, statistisch betrachtet die meisten armen Inländer und die meisten Kinder leben. Und diese wohnräumliche Konzentration ethnischer und sozialer Gruppen wird noch in seiner Bedeutung verstärkt durch die starke schulische Segregation. Die schulische Segregation ist noch mal stärker ausgeprägt und beides zusammen hat sehr starke negative Aspekte auf den Spracherwerb, der ja Voraussetzung ist für die Integration in Bildungswesen und Arbeitsmarkt. .....
Ich glaube, dass die Politik in den 80er- und 90er-Jahren zu stark davon ausgegangen ist, dass Integration ein Selbstläufer ist. ..... Und es gab einen zweiten Gesichtspunkt: Das war die Fixierung auf die Identität von Zuwanderern, die unbedingt zu bewahren sei, und das ist eben ein sehr schwieriger Drahtseilakt. Auf der einen Seite muss das kulturelle Gepäck, das Zuwanderer mitbringen, in weiten Teilen geachtet werden, aber es muss natürlich auf der anderen Seite eine erhebliche Anpassungsleistung vonseiten der Zuwanderer an die Aufnahmegesellschaft erfolgen, und das ist zu wenig thematisiert worden. ..... [Auf die Frage, ob Integration steuerbar ist:] Zentrale Voraussetzung ist zunächst mal, dass man die Zuwanderung nach Qualifikation steuert, wie das in den von Ihnen genannten Einwanderungsländern [Kanada, USA, Australien] erfolgt ist. ..... Wenn wir ethnische Gruppen, die gleichzeitig sozial schwach sind, immer stärker abdrängen in einzelne Stadtteile, in einzelne Schulen und sagen, damit sind wir im Prinzip zufrieden, dann stören sie die anderen nicht, dann wird das auf Dauer zu einem Problem, das sich möglicherweise wie in Nachbarländern schon geschehen gewalttätig entlädt. Der einzige tatsächliche große Hebel, den der Staat hat, ist die Mischung an vorschulischen und schulischen Einrichtungen. Hier könnte in der Tat viel bewegt werden und hier ist Integration eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft.
"
Auch wenn sich Luft von Sarrazin eher distanziert ("Ob die Diskussion nach dem Sarrazin-Hype in sachlichere Bahnen gelangt, ist eine Frage, da bin ich skeptisch."): Inhaltlich stimmt er in vielen Punkten mit dem überein, was ich in den Vorabdrucken von und in den Äußerungen anderer über Sarrazins Buch gelesen habe.
[* Gesinnungstüchtig aber rechenschwach hat die Abendzeitung gemeint, selbst aus dieser Prozentangabe noch Honig saugen zu können. Der ganze Textabschnitt lautet:
"[Zitat Sarrazin:] „Die zum großen Teil arbeitslosen männlichen Familienoberhäupter“...
[Bewertung Abendzeitung:] "Die Arbeitslosenquote der Türken liegt bei 25 Prozent. Das ist höher als im Bevölkerungsdurchschnitt – ein Problem. Aber wenn ein Bundesbank-Vorstandsmitglied ein Viertel als „zum großen Teil“ bezeichnet, sollte er seine mathematischen Qualifikationen überprüfen." Ob solcher mathematischen Intelligenz staunt der Leser-Kommentator Frank Poiger am 27.08.10: "25 % Arbeitslosigkeit bei den Türken sind für die AZ also k e i n großer Teil. Was denn bitte dann, bei 7,5% Beschäftigungslosen im Bundesdurchschnitt (Juli 2010)??? Die AZ täte gut, daran, die journalistischen Qualitäten ihrer "Redakteure" zu überprüfen. Artikel von so mieser Qualität sind einfach nur peinlich"]
Zum Thema Verwendung von Statistiken teilt Hans Wolfgang Brachinger, Ordinarius für Statistik an der Universität Freiburg (Schweiz, also Fribourg), Leiter des dortigen Forschungszentrum für Wirtschaftsstatistik (CEStat.CH) und Präsident der (schweizerischen) Bundesstatistikkommission, nach allen Seiten aus. Den Gegnern Sarrazins wirft er in seinem NZZ-Artikel "Amtliche Daten zwischen Klamauk und Ignoranz" vom 10.09.2010 (von der Neuen Zürcher Zeitung wohl nur in deren Druckausgabe veröffentlicht, aber hier auf der Webseite des CEStat.CH reproduziert) eine unzulässige Verallgemeinerung von (positiven) Einzelfällen vor: "Solches Verhalten ist Ausdruck der Schönfärberei, die viele «Anti-Sarrazins» in Politik und Medien verbindet". Über Sarrazin sagt er (leider ohne das zu beweisen oder auch nur mit einem einzigen Beispiel zu unterlegen: "Die vielen Tabellen in der Mikrozensus-Publikation sind rein deskriptive, beschreibende Statistik, also Statistik der einfachsten Art. Sie stellen einen Sachverhalt vereinfachend dar. Sie geben etwa an, wie gross der Anteil von Frauen ohne Schulabschluss an einer bestimmten sozioökonomischen Gruppe ist. Sie sagen aber nichts über die Gründe dafür aus. Das ist Sarrazins Problem: Er zieht Schlussfolgerungen aus einem einfachen deskriptiven Befund, er nutzt ihn für aus den Daten nicht begründbare Inferenzen". Sein Fazit (meine Hervorhebung):
"An [der] methodischen Kompetenz mangelt es Herrn Sarrazin ... . Besäße er sie, hätte er dieses Buch so nie geschrieben. Besonders deutlich wird der statistische Analphabetismus aber dann, wenn in den Medien versucht wird, Sarrazins pseudowissenschaftliche Argumente mit Einzelfällen gelungener Integration zu entkräften. Man merkt nicht, dass es unsinnig ist, in der Diskussion eines Massenphänomens wie der Integration von Migranten und ihren Nachfahren mit Einzelfällen zu argumentieren. Wie auch immer man «Integration» statistisch erfasst, die Realität zeigt sich immer in einer Verteilung unterschiedlicher Integrationsgrade. Deshalb muss immer mit Durchschnittsaussagen argumentiert werden. Durchschnittsaussagen müssen mit anderen Durchschnittsaussagen verglichen werden. Und dann ist statistisch zu testen, ob es signifikante Unterschiede gibt." [Dass die Einzelfallpropagandisten die statistische Irrelevanz ihrer Argumentationsweise nicht kennen, glaube ich eher weniger. Die versuchen in meinen Augen vielmehr ganz bewusst, das Publikum zu täuschen.]
Weit ausholende Untersuchungen zu den von Thilo Sarrazin einerseits und seinen Gegnern andererseits verwendeten Zahlen bietet (nach flüchtiger Durchsicht mir Pro-Sarrazin-Resultaten) der Blogger mit dem Pseudonym "Zettel", nach eigenen Angaben (glaubhaft angesichts des Niveaus der Texte) ein emeritierter Naturwissenschaftler.

UNDIFFERENZIERT siehe PAUSCHAL

UNTERBESCHÄFTIGT
Das wird irgendwie gegen Sarrazin ins Feld geführt, ohne dass allerdings er selbst für seine angebliche Unterbeschäftigung (in seiner Position als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank) verantwortlich gemacht wird.
Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin (26.08.10. Es ist heuchlerisch, wenn Politiker den o. a. Sachverhalt behaupten ohne zu erwähnen, dass es der Vorstand der Deutschen Bundesbank war, welcher Sarrazin im Herbst 2009 nach seinem Interview in der Zeitschrift Lettre International Kompetenzen weggenommen hatte: "Weber forderte Sarrazin zum Rücktritt auf. Als Sarrazin dies ablehnte, beschnitt der Vorstand der Bank am 13. Oktober 2009 die Zuständigkeiten Sarrazins und entzog ihm die Verantwortung für den Bereich Bargeld,[43] so dass er lediglich für „Risiko-Controlling und das Ressort Informationstechnologie“ zuständig bleibt" erfahren wir darüber in der Wikipedia.)

VERALLGEMEINERUNGEN ==> siehe auch PAUSCHAL usw.
Ruprecht Polenz, CDU, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages (26.08.10; statt einer Belegstelle fügt Hr. Polenz lieber das ein Adjektiv an: "bösartig". Hr. Polenz dürfte sich Sorgen um das deutsche Ansehen in der Türkei machen - und/oder darüber, dass die herrschende Politclique die von Sarrazin losgetretene Debatte möglicher Weise nicht mehr stoppen kann. Dann wäre es unmöglich, die Türkei in die EU aufzunehmen. Und das ist nach meiner Einschätzung das Ziel der Merkelei, welches sie freilich genau so hinterlistig bis zum letzten Moment hinter dem Rücken hält, wie seinerzeit ihre Bereitschaft zur Versüdung deutscher Steuergelder nach Griechenland.

VERANTWORTUNGSETHIK (Zu: GUTMENSCHEN sowie INTERESSEN)
siehe oben unter "Gesinnungsethik".

"VERBÜNDETE" (in Anführungszeichen, weil ich unter diesem Stichwort alle jene erfassen will, die - ggf. auch schon früher - ähnliche Thesen wie Sarrazin vertreten/haben)
  • Heinsohn, Gunnar, Professor an der Universität Bremen, vertrat z. B. in dem Interview "Sand in den Augen" in der rechtsintellektuellen Zeitschrift "Sezession" (Ausgabe vom 15.10.2006) hinsichtlich der Gefahren, die Deutschland aus der demographischen Entwicklung einerseits und der ungesteuerten Zuwanderung andererseits erwachsen, ähnliche Ansichten wie Thilo Sarrazin.

VERDUMMUNG DEUTSCHLANDS
(erg. 12.01.2011) Bei (umzugsbedingten) Aufräumarbeiten fiel mir heute der Handelsblatt-Artikel "Deutschland droht zu verdummen" vom 13.07.2004  in die Hände:
"Denn die Kinder, die noch geboren werden, kommen überwiegend aus „bildungsfernen Schichten“, wie Bundesfamilienministerin Renate Schmidt sagt. „Die Elite trägt nicht zur Reproduktion bei“, sagt Professor Wassilios Fthenakis, Direktor des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik. „Das Gebärverhalten unterscheidet sich nach nationaler Herkunft, Familienstand und Bildungsstand“, stellte der Wirtschaftsweise Bert Rürup kürzlich in einer Studie im Auftrag von Renate Schmidt fest. „Deutsche bleiben häufiger als Ausländerinnen kinderlos, Ledige häufiger als Verheiratete und höher Gebildete häufiger als Personen mit niedrigem Bildungsniveau“, so das Fazit."
Man sieht: die Diskussion gab es schon vor der Buchveröffentlichung von Thilo Sarrazin!

VERLETZEND
Klar, auch Fakten können verletzen, wenn sie öffentlich bekannt werden. Die Frage ist nur, ob man sie deshalb unterdrücken darf (vgl. z. B. oben bei "Menschenwürde")? Beziehungsweise, soweit sich die Begriffsverwender auf Meinungsäußerungen beziehen: Darf sich Sarrazin (bzw. dürfen wir uns alle!) gegen eine wahrgenommene oder befürchtete Überfremdung der deutschen Kultur (unabhängig davon, ob seine diesbezüglichen Annahmen nun zutreffen bzw. wahrscheinlich sind oder nicht) nicht zur Wehr setzen - nur weil das diejenigen verletzen könnte, die offenbar ihre eigene Kultur (bei der ich mir übrigens als das wesentliche - und für eine rationale Gesellschaftsordnung besonders gefährliche - Charakteristikum weniger die islamische Religion als vielmehr den - freilich wohl mit der Religion amalgamierten - 'Clanismus' vorstellen kann) bei uns pflegen wollen - und sie, ohne dass sie das derzeit intendieren müssten, unter geeigneten Bedingungen auch durchsetzen würden. (Ein - wenn auch nicht absolut analoges - Beispiel wäre die jüdische Unterwanderung Palästinas vor der israelischen Staatsgründung! Die war freilich schon von vornherein in ihrer Logik - wenn auch nicht notwendig im individuellen Bewusstsein aller Siedler - auf eine Machtübernahme angelegt.) [Zu Israel allgemein vgl. auch meinen -dem Titel zum Trotz deutschsprachigen - Webseitentext "IN THE MACCHIA OF SPECIAL INTERESTS - A WELL OF CLEAR-CUT ANALYSIS?" sowie verschiedene Blog-Einträge unter dem Täg "Palästina-Konflikt".]
Angela Merkel (25.08.10); Aygül Özkan, niedersächsische Integrationsministerin aus der CDU (28.08.10)

WAHN, BESESSENHEIT
Die sicherste Methode, um dem politisierten Wahnvorwurf zu entgehen, ist eine bloß oberflächliche Beschäftigung mit den Dingen. Ansonsten hilft nur die rechte politische Gesinnung. Vom Wahn ist per se befallen, wer auf 464 Buchseiten die Fülle der Probleme ausbreitet, welche die Einwanderung - auch nach Meinung von Nicht-Sarrazinianern - uns bringt. Wahnfrei darf sich dagegen wähnen, wer einer unbegrenzten Zuwanderung - mit entsprechender Belastung des deutschen Steuerzahlers - das Wort redet.
Arno Widman (27.08.2010, und ausgerechnet in der Frankfurter Rundschau. Widman weiß, wie man die Feinde des Humanismus therapiert: nämlich so, wie man Abweichler von der korrekten politischen Linie in der einzig wahren humanistischen Gesellschaftsordnung - welche dann leider dem Ansturm des kapitalistischen Bösen erlegen ist - geheilt hat. Widman hat seinen Astralleib zu Sarrazin die die Stube disloziert, damit dieser beobachte "wie das Denken umschlägt in Wahn, und wie der Wahn wieder nach Zahlen sucht, um sich den Schein der Vernunft zu geben". Dämonologisch versiert diagnostiziert Widman: "Dieses Buch ist das Buch eines Besessenen." In summa: "[Thilo Sarrazin ist] Ein Besessener. Einer, der seinen Wahn, der der Wahn von der grenzenlosen Überlegenheit des eigenen Lebensentwurfes ist, mit Zahlen füttert, ihn für die Logik selbst hält und dem alles dient als Bestätigung für das, was er schon weiß. Thilo Sarrazin ist ein Fall. Für die Gerichte schon lange und immer wieder. Wer sein Buch liest, der denkt an „Volksverhetzung“, an den Paragraphen 130 des Strafgesetzbuches. Er sanktioniert den „Angriff auf die Menschenwürde anderer“. Sarrazin genießt diesen Angriff. Er glaubt, das gehört zu seinem Wahn, die Wissenschaft, die Logik, die Intelligenz auf seiner Seite. Sarrazin ist ein Fall nicht nur für die Justiz." Tja, Meister Widman, so viel solltest du, neben dem Volksverhetzungsparagraphen, vom deutschen Rechtssystem denn doch noch kennen, dass man beides zugleich nicht haben kann: zwischen Knast und Klapsmühle musst du dich schon entscheiden. Ich tippe drauf, dass du für die Anstalt votieren wirst: ab mit Thilo Sarrazin ins laizistischen Exorzismus-Exerzitienhaus der einzigen wahren Menschenfreunde! Mit Polit-Psychiatrie haben die Linksextremen schließlich eine jahrzehntelange Erfahrung, und es wäre doch schade, wenn man solche wertvollen Traditionen einfach so über über Bord werfen wollte?)





Nachträge 02.09.2010 ff.
Zu der heute angekündigten Abberufung von Sarrazin als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank vgl. meinen Eintrag
"DEUTSCHLAND HAT FERTIG! ..." .....
Und zu seinem Rücktritt:
"Tief enttäuscht vom Noch-Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin: 'Hier schaffe ich - ich kann aber auch anders' ".
Weit ausgreifende Mutmaßungen versucht der Blott "Beseitigung von Widerständen gegen Türkei-Beitritt der EU als wahres Motiv der Politiker-Kampagne gegen Bundesbank-Vorstand Dr. Thilo Sarrazin?".


Nachtrag 22.04.11
Wie ist die Sache mit dem beabsichtigten Parteiausschluss von Thilo Sarrazin aus der SPD ausgegangen?
FAZ.net meldete am 21.04.11 unter der Überschrift "Berliner Schiedskommission. Sarrazin wird nicht aus der SPD ausgeschlossen": "Die SPD-Spitze wollte Sarrazin nicht länger in der Partei dulden. Doch dann endete es mit einer gütlichen Einigung in Berlin. Sarrazin bleibt SPD-Mitglied. Von seinen umstrittenen Thesen zur Integrationspolitik distanziert er sich aber nicht."
Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 22.04.11 den gleichen Sachverhalt, allerdings mit offenkundigem Bedauern, dass Sarrazin nicht ausgeschlossen wurde: "Der seltsame Osterfriede mit Thilo Sarrazin": "Mit seinen Thesen zu Muslimen hatte Thilo Sarrazin die SPD herausgefordert, nun darf der Provokateur Sozialdemokrat bleiben, obwohl er kaum etwas zurückgenommen hat. Es bleibt der Eindruck, die SPD-Führung sei eingeknickt."
Die ZEIT hatte auf einen Ausschluss von Sarrazin gehofft: Michael Schlieben hatte am 20.04.11 gefordert "Keine Gnade für Sarrazin" und mit dem ebenso ZEIT-üblichen wie zeitüblichen Wenn-und-Aber-Rumgeeiere formuliert: "Parteiausschlüsse schaden der Demokratie. Dennoch kann die SPD den Provokateur Thilo Sarrazin nicht in ihren Reihen dulden." Da war die Enttäuschung in der Redaktion wohl groß, als man bereits einen Tag später melden musste: "Sarrazin darf SPD-Mitglied bleiben".
Tja, so blöd sind die halt doch nicht, die Sozis: nachdem ihr Wählerreservoir ohnehin arg zusammengeschmolzen ist, werden sie jetzt nicht noch einen Volkshelden aus der Partei werfen. Oberhalb der 20-Prozent-Marke wollen sie ja doch ganz gerne bleiben.
Veit Medick meint auf SpiegelOnline am 22.04.11: "Parteiausschluss abgeblasen. Sarrazin blamiert die SPD". Jedenfalls mit seiner Feststellung "die Partei muss sich fragen lassen, was das ganze Theater sollte" liegt er nicht ganz falsch. Zumal vor dem von ihm rekapitulierten Hintergrund: "So viel Kraft wie in das Parteiausschluss-Verfahren von Thilo Sarrazin hat die SPD zuletzt in wenige Dinge investiert. Im Willy-Brandt-Haus wurde ein eigener Stab eingerichtet. Anwälte wurden angeheuert. Die unterschiedlichsten Ebenen der Partei stimmten die Begründung penibel ab. Am Ende stand ein Ausschlussantrag, der ... halb so lang war, wie das SPD-Grundsatzprogramm."
Mehrheitlich hätte man sich wohl auch bei SPON über einen Ausschluss gefreut. So werden denn Einzelstimmen aus der SPD (insbesondere von Jusos), die sich gegen den Verbleib von Sarrazin wenden, aufgebauscht zu der Überschrift "Parteiausschluss abgeblasen. Genossen rebellieren gegen Deal mit Sarrazin".
Aber die Medienmeute ist wohl generell unzufrieden, wenn sie sich irgendwo um einen schönen Rabbatz 'betrogen' wähnt.
Eine "Riesen-Blamage für die SPD-Spitze" sieht auch die Bild-Zeitung. Zuvor hatte sie am 19.04.11 recht ausführlich über die technischen Aspekte des Verfahrens informiert: "Partei-Ausschlussverfahren Der Sarrazin-Prozess".


Nachtrag 24.04.11:
In der ZEIT vom 23.04.11 (bzw. ursprünglich im Tagesspiegel) legt Lorenz Maroldt unter "Thilo Sarrazin Eine Frage der Integration" noch einmal nach: "Sarrazin bedauert – aber was? Nur wer sein Buch tatsächlich nicht kennt, kann damit zufrieden sein, wie der Streit mit der SPD beigelegt wurde".


Nachtrag 30.04.2011:
Unter "Thilo Sarrazin. Mehrheit der Deutschen begrüßt Verbleib in der SPD" meldet Focus Online heute: "In einer tns-Emnid-Umfrage für FOCUS sagten 52 Prozent der Befragten, sie fänden es richtig, dass der umstrittene Bestseller-Autor in der SPD bleiben dürfe. 27 Prozent sagten, sie fänden es nicht richtig. Während die Grünen-Anhänger den Verbleib Sarrazins in der SPD mehrheitlich falsch finden, begrüßen ihn die Sympathisanten der anderen Parteien mit Mehrheit. Am stärksten ist die Zustimmung unter den FDP-Anhängern: 71 Prozent sprachen sich für Sarrazin aus. Sympathisanten von Linkspartei und Union votierten mit 63 Prozent und 61 Prozent für den ehemaligen Bundesbanker. Ein ausgeglichenes Bild ergibt sich bei den SPD-Anhängern: 52 Prozent sprachen sich in der Umfrage für eine weitere Mitgliedschaft Sarrazins aus."






Textstand vom 14.05.2012. Auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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