Donnerstag, 12. Juli 2018

Der Kaiser ist nackt: Targeting SpiegelOnline-Voodoonomics

 
Die Volkswirtschaftslehre (VWL) heute ist ungefähr so wissenschaftlich, wie es die frühneuzeitliche Medizin im Zeitalter der Pestmasken war. Und sollte sie doch schon etwas weiter fortgeschritten sein, dann jedenfalls nicht über das Semmelweiss-Zeitalter hinaus.

 
Wie zu Zeiten der alten Scholastiker (die den Fliegen zwei Beine vorenthielten, weil Aristoteles bei denen - bzw. eigentlich nur der Eintagsfliege, wo er sooo Unrecht gar nicht hatte - lediglich vier attestiert hatte) gibt es noch heute VWL-Professoren, die ihre Lehrbuchweisheiten erbittert gegen die Realität verteidigen. Auch wenn das nicht immer so offenkundig ist wie hier. [Ich selber bin übrigens kein Volkswirt, sondern lediglich ein interessierter Laie, der sich mit einigen Aspekten der Volkswirtschaft etwas intensiver auseinandergesetzt hat.]
 
Immerhin macht der Theologie Ernst Benz auch der Wirtschaftswissenschaft Hoffnung, wenn er schreibt: "Jedes wissenschaftliche System ..... birgt in seinem Schoss seine immanenten, ihm besonders zugehörigen Irrtümer, die zugleich das Element seiner zukünftigen Selbstkorrektur und seiner inneren Verwandlung bilden und die am Ende eine Umwälzung des ganzen Systems herbeiführen."
 
Die vierbeinige Fliege der Volkswirtschaftslehre ist das Geldsystem; dieses hatten die „fortschrittlichen“ Wirtschaftswissenschaftler etwa seit der Mitte des 19. Jh. ausgeblendet, um ihre Theorien über die angebliche Funktionsweise von Volkswirtschaften streng mathematisch formulieren zu können. Dadurch sinkt deren Erkenntnis zwar häufig auf Sandkastenniveau ab; zugleich gewinnen sie jedoch an Wert als Bollwerk der Kapitalinteressen gegen unangenehme Fragen. Anders gesagt: Die totale Mathematisierung der VWL hat einen heuristischen Schein-Nutzen, aber einen sehr handfesten interessenpolitischen Nutzen. Denn unübersehbar hat sich die Wirtschaftswissenschaft im Laufe der Zeit als Dienstmagd der Kapitalinteressen positioniert.
Der Einbezug des Geldwesens wäre für die Kapitalbesitzer potentiell eine argumentative Bedrohung, weil er automatisch die reale Bedrohung des Geld-Güter-Kreislaufs durch eine potentielle Überakkumulation der Kapitalbesitzer in den Blick rücken würde.
 
Zwar hatte sich die Wissenschaftszunft bereits dadurch weitgehend gegen solche "Gefahren" immunisiert, dass sie das "Saysche Theorem" nicht nur aufgestellt, sondern auch noch zu "Says Law" hochgejubelt hatte. [Zu Begriff und Sachverhalt hier eine weitere kurze und gute - englischsprachige - Erklärung] .

Und nicht nur wurde das Problem der Interaktion von Geldwesen und Güterwirtschaft weitgehend aus der fachwissenschaftlichen Betrachtung ausgeklammert und überhaupt die Geldtheorie weitestgehend vernachlässigt.

Diejenigen, die sich wirtschaftswissenschaftlich als "Österreicher" ("Austrians") verstehen (eine historische Richtung der VWL, die heute weitestgehend auf Vulgärniveau abgesunken ist), haben für die Kapitalinteressen mittels einer umfangreichen monetärtheoretischen Heißluft-Literatur einen regelrechten Schutzwall geldsystemischer Desinformation aufgeworfen, indem sie jedenfalls bei den Laien jegliche Klarheit restlos beseitigen bzw. deren Aufkommen erfolgreich verhindern. Während sie zur wissenschaftlichen Fachdebatte oder gar zum besseren Verständnis unseres Geldwesens rein gar nichts beitragen.

Doch immer wieder gab es auch im Mainstream "contrarians". Bislang hat die zünftige Wissenschaft die Angriffe von Dissidenten allerdings erfolgreich abwehren können.

Wann immer sich ein Gulliver erkühnte, aus dem Geleitzug der Kapitalinteressen auszuscheren, fanden sich genügend Zwerge, die ihn wieder festbanden, und daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern.
Paul Davidson z. B. hat überzeugend beschrieben, auf welche Weise die Kapital(gift)zwerge selbst einen Geistesriesen wie John Maynard Keynes erfolgreich kastriert haben ("Post World War II politics and Keynes's aborted revolutionary economic theory". Keynes hätte sich vielleicht erfolgreich dagegen gewehrt, doch das war ihm leider post mortem nicht möglich.)
 
Minder große Geister, die sich vielleicht am Anfang ihrer Karriere oder ihres wissenschaftlichen Denkens gegen althergebrachte Überzeugungen aufbäumen, werden nicht wahrgenommen und verirren sich (wohl auch mangels adäquater bzw. überhaupt interessierter "Sparringspartner") an Ende doch wieder in den Heckenlabyrinthen der kollektiven Scheingewissheiten ihres Fachgebiets.
Als praktisches Fallbeispiel dafür steht mir das Problem der Seigniorage vor Augen, d. h. die Frage, in welchem Umfang der Staat an der Geldschöpfung Geld verdient. Dazu habe ich in meinem Blott "Seigniorage: Ob der Staat damit reich werden kann, hat Jens Reich untersucht" beschrieben, wie der Autor zunächst einen kühnen Anlauf nahm und die Fachüberlieferungen ganz ungeniert in den Papierkorb verschob, später dann aber doch wieder in den Bann ihrer Irrtümer geriet.
 
In dem Lehrbuch "Geld, Kredit und Banken. Eine Einführung", von drei VWL-Professoren verfasst, liest man auf S. 133 (der 2. Aufl. v. 2005) über die Seigniorage:
"Eine staatliche Zentralbank sichert das Monopol auf die Ausgabe von Bargeld, das dem Emittenten volle Kaufkraft gewährt, aber in der Herstellung nur einen Bruchteil seines Nominalwertes kostet. Diese Differenz, die Seigniorage, stellt eine wesentliche Einnahmequelle einer Zentralbank bzw. des sie tragenden Staates dar."

Das ist (wie man mit ein wenig Nachdenken leicht erschließen kann) natürlich blühender Unsinn; in normalen Zeiten sind die Zinsen aus dem Geldverleih an Banken die Haupteinnahmequelle der Notenbanken). Aber so stand es halt bei den großen Meistern geschrieben (der oben zitierte Jens Reich hat das umfangreich recherchiert), und so hat es der Autor dieses Kapitels halt nachgeplappert ohne nachzudenken.
(2012 - lt. Verlag, bei
Amazon ist 2011 angegeben - ist das Buch in einer 3. Auflage erschienen, aber diese Falschinformation ist wohl auch dort noch zu finden. Die nächste Auflage soll 2019 erscheinen; da wird es vielleicht berichtigt werden.)
 
 
Weil die Wirtschaftswissenschaft nicht wirklich versteht, was Geld ist, verstehen auch viele Volkswirte nicht, was die Target 2-Salden in ökonomischer Hinsicht sind und insbesondere, wo genau die potentiellen Probleme damit liegen.
Von daher ist es nicht gar so verwunderlich, wenn ein Journalist Mist darüber schreibt.
Was allerdings Stefan Kaiser, bei SpiegelOnline
stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und studierter Volkswirt, sich mit seinem Artikel "Geldforderungen der Bundesbank. Sitzt Deutschland wirklich auf einer Billionen-Bombe?" vom 10.07.2018 geleistet hat, das toppt viele andere uninformierte Kommentare zu den Target-Salden um Längen. 
 
Zunächst einmal allerdings stellt er an einem Beispiel die Zahlungsabläufe und die Zusammenhänge (für Fälle, bei denen die deutschen Target-Guthaben aus Exportüberschüssen resultieren) durchaus korrekt und gut verständlich dar.
Aber dann geht es los (Hervorhebungen jeweils von mir):
"Am Ende des Tages hat also die italienische Firma Geld an die deutsche gezahlt. ..... So kommt es, dass die Bundesbank schließlich eine Forderung an die EZB hat und die Banca d'Italia eine Verbindlichkeit. Das Ganze ist aber erst mal rein virtuell."

Wie tief unter 100 darf der IQ eigentlich liegen, um VWL zu studieren und dann beim SPON stellvertretender Ressortleiter zu werden?
"Rein virtuell" oder "nur auf dem Papier" oder "das Ganze sind ja nur Zahlen im Computer" sind Formulierungen, die ich sonst nur in Laienforen lese: Wo auf dem Stammtisch-Niveau von Dorfhonoratioren über das Geldsystem debattiert wird.

Der VWL-Kaiser legt aber fix noch ein Brikett nach: "Es geht ja, wie gesagt, nur um ein Buchungssystem."

Als ehemaliger VWL-Student sollte der Autor eigentlich wissen, was sogar die allermeisten Laien wissen: Dass Buchungssysteme in Soll und Haben (Passiva und Aktiva) Forderungen und Verbindlichkeiten erfassen. Und folglich sehr reale Konsequenzen haben. Wer dagegen den Eindruck erweckt, dass Buchungen unwichtig sind und Buchungssysteme reine Spielwiesen, der sollte sich vielleicht doch mal einer Gehirnuntersuchung unterziehen.
 
Kaisers o. a. Sätze münden in die 'Schlussfolgerung': "Und tatsächlich hat Deutschland Italien in diesem ganzen Prozess auch kein Geld geliehen. Schließlich hat die deutsche Firma aus Schwäbisch Gmünd ja ihr Geld bekommen - und zwar gegen Ware. Von einem Kredit kann also keine Rede sein."
Das Wort "schließlich" signalisiert, dass der zweite Satz die Behauptung des ersten logisch begründen soll. Das jedoch ist totaler Schwachsinn. Denn dass die deutsche Herstellerfirma ihr Geld bekommen hat, sagt naturgemäß gar nichts darüber aus, ob
a) die italienische Firma den Maschinenkauf aus eigenen Mitteln finanziert hat, oder aus einem Kredit, den sie bei einer italienischen Bank aufgenommen hat. Und noch weniger darüber, ob
b) der Handel zwischen beiden Ländern ausgeglichen ist, oder ob Deutschland gegenüber Italien einen Außenhandelsüberschuss hat. Denn buchhalterisch zwingend ("Saldenmechanik") sind Außenhandelsüberschüsse Kapitalexporte. Und ein Export von Kapital ist eine Vergabe von Kredit (oder ggf. ein Verschenken von Geld; z. B. in der Entwicklungshilfe).
Nachlesen kann man das z. B. in dem Skript "Makroökonomik für Betriebswirte. Eine Einführung" von Dr. Michael Paetz (Uni Hamburg - also justament dort, wo der SPON gemacht wird!). Dort erfährt man gleich auf S. 5: "Ein Exportüberschuss ..... bedeutet eine Nettoverschuldung des Auslandes. Ein Land mit Exportüberschüssen verleiht Güter an das Ausland und das Ausland verschuldet sich entsprechend in gleicher Höhe bei ihm."
 
Konkret am SPON-Text durchdekliniert:
"Die Bundesbank wiederum schreibt den Betrag der Geschäftsbank des deutschen Verkäufers gut - und verbucht eine Forderung gegenüber der Banca d'Italia."
Richtig: Und weil die BuBa der (sagen wir: ) Commerzbank einen Betrag gutschreibt, den sie selber als Forderung gegenüber der it. Notenbank offen stehen hat, ist die Bundesbank der Kreditgeber für den von Kaiser als Beispiel beschriebenen Maschinenkauf. Dafür muss sie (im Prinzip genau wie jede Geschäftsbank bei einer Kreditvergabe) Geld schöpfen. Was sie dem Konto der (beispielhaft) Commerzbank gutschreibt, ist frisch geschöpftes (Basis-)Geld. Im Prinzip vermehrt sich dadurch die Geldmenge im Inland, was tendenziell inflationär wirkt. Real war es (oder ist es vielleicht immer noch) allerdings so, dass die Geldausleihungen der Bundesbank an die deutschen Geschäftsbanken entsprechend zurückgegangen sind.
In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass es gibt zwei Arten von Geld gibt: Zentralbankgeld (universell verwendbar) und (Geschäfts-)Bankengeld. Letzteres ist nur mit gewissen Einschränkungen verwendbar und auf jeden Fall brauchen die Geschäftsbanken eine gewisse Menge an Zentralbankgeld ("Basisgeld"), um ihr eigenes (sehr viel größeres) Volumen an "Bankengeld" schöpfen zu können. Die Bundesbank hat zwar einen Kredit "an Italien" (Vorsicht: Das werde ich unten näher spezifizieren!) vergeben. Überwiesen aber hat sie das verliehene Geld direkt an die Berechtigte: Die deutsche Maschinenbaufirma. (Also nicht anders, wie das unsereinem ergeht, wenn wir beim Händler "auf Kredit kaufen".)
Das Unternehmen holt natürlich sein Geld nicht mit dem Bollerwagen in bar ab, sondern lässt es auf seinem Commerzbankkonto liegen bzw. tätigt von dort Überweisungen. Sicherlich werden die Begünstigten (z. B. die Arbeitnehmer) einiges davon in bar abheben; im Großen und Ganzen verbleibt das Basisgeld allerdings im Bankensystem. (Soweit die Geschäftsbanken dieses Basisgeld nicht bar in der Kasse liegen haben, ist es auf ihrem eigenen Konto bei der Notenbank als Guthaben verbucht.) 
 
In der Summe hat also die BuBa den Bankenapparat in Deutschland durch die Kreditvergabe "an Italien" mit Basisgeld versorgt.
Die Konsequenz ist, dass die Geschäftsbanken, die sich in normalen Zeiten das benötigte Basisgeld als Kredit von der Notenbank besorgen, nun weniger oder gar keine derartigen Kredite mehr benötigen und nachfragen. Soweit sich beide Entwicklungen ausgleichen, ist auch keine Inflation zu befürchten: Der Geldzufuhr an die deutschen Wirtschaft durch die BuBa-Kredite an Italien (usw.) entspricht dann die Abnahme der Geldzufuhr durch BuBa-Kredite an die Geschäftsbanken.
 
Dass ich oben die Kreditvergabe "an Italien" in Anführungszeichen gesetzt habe, war keine müßige Spielerei; hier gilt es vielmehr, mit einem wahrscheinlich extrem weit verbreiteten Missverständnis aufzuräumen.
Wenn nämlich von einer "Kreditvergabe an X-Land" die Rede ist, dann werden sich nicht nur Laien, sondern auch viele Volkswirte darunter einen Kredit an den jeweiligen Staat vorstellen (also salopp gesprochen 'an die italienische Regierung').
 
Genau das ist aber NICHT der Fall.
Juristisch hat hier die Bundesbank der italienischen Nationalbank einen Kredit gegeben (die bei den realen Buchungsvorgängen zwischengeschaltete EZB lasse ich außen vor, weil das ökonomisch irrelevant ist).
ÖKONOMISCH aber hat die deutsche Volkswirtschaft der italienischen VOLKSWIRTSCHAFT (also NICHT dem italienischen STAAT!) einen Kredit gegeben.
Diesen Satz sollte sich jeder, dem die Zusammenhänge bislang noch mehr oder weniger "Hekuba" waren, ganz fest einprägen; ohne diese Einsicht kann man das Wesen der Target-Salden nicht verstehen und ihre Risiken nicht korrekt einschätzen.
 
Es gibt auch eine fachliche Beschreibung für diese Vorgänge, nämlich ein Papier des Tübinger Professors Wilhelm Kohler (bereits aus dem Jahr 2011) unter dem Titel "Zahlungsbilanzkrisen im Eurosystem: Griechenland in der Rolle des Reservewährungslandes?".
Im Prinzip verhält es sich mit unseren Exportüberschüssen innerhalb der Eurozone nicht anders, als früher (und auch heute noch) mit unseren Außenhandelsüberschüssen z. B. gegenüber den USA, die ja "das" "Reservewährungsland" schlechthin sind.

Allerdings haben wohl nicht allzu viele Menschen (seine Fachgenossen eingeschlossen) den Aufsatz von Prof. Kohler verstanden. Zugegebenermaßen ist sein Text etwas kryptisch formuliert, das kann man klarer sagen. Z. B. so, wie ich das oben getan habe oder, schon anno 2012, in einer ganzen Reihe von Blogposts zum Target-2-System:
 
Danach geht es allerdings noch weiter: Letztlich sind jene Wirtschaftssubjekte die Kreditgeber, auf deren Konten das Geld am Ende landet - und nicht mehr ausgegeben wird. Diese "Sparer" können zwar theoretisch auch die Arbeitnehmer sein; praktisch sind es aber wohl eher die Unternehmenseigentümer. Wenn die mit dem Geld in Spanien Urlaub machen würden, dann wäre (für dieses Geschäft) die Bilanz ausgeglichen: DANN UND DADURCH könnte dieser Target-Saldo "zurückgezahlt" werden.
Das ist freilich auch die einzige Möglichkeit, um diese Salden auszugleichen. Außer, die italienische Zentralbank würde uns Gold im entsprechenden Gegenwert liefern, wie das die US-Zentralbank unter dem Bretton-Woods-Abkommen bis Ende der 60er Jahre der Fall war. Aber auch das wäre dann eine Warenlieferung, ökonomisch nicht anders, als der Bezug von Olivenöl aus oder der Einkauf von Urlaubsleistungen in Italien.

Nicht alle Volkswirte sind unwissend. In dem Aufsatz "Populäre Irrtümer: Die Rolle der Target-Salden" auf der Webseite Schwarz Press (wer auch immer dahinter stecken mag) wurde am 06.09.2013 absolut korrekt erklärt:
"
Können die Target-Salden zurück gezahlt werden?
Ja, das können sie. Die Begriffe sind hier allerdings etwas verwirrend. Wenn man eine Forderung an jemand anderen hat, dann wird diese Forderung normalerweise ausgeglichen, indem man von dem anderen Geld erhält.
Im Fall der deutschen Target-Forderungen haben deutsche Unternehmen das Geld aus dem Ausland bereits erhalten. Deshalb verhält es sich genau umgekehrt: Die deutschen Target-Forderungen werden nur weniger, wenn von Deutschland aus deutlich mehr Geld in den Rest des Euroraums überwiesen wird.
Das kann geschehen, indem Deutsche mehr in den Urlaub fahren oder mehr importieren. Das kann auch geschehen, indem Deutschland anderen Teilen des Euroraums Geschenke überweist
."

Und weil diese Darstellung zutreffend ist, redet Kaiser Stuss, wenn er den Eindruck erweckt, als ob bei einem Austritt aus oder Zerfall der Europäischen Währungs-Union (EWU) die Target-Salden mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren wären:
"Was also wäre, wenn Italien den Euro verließe? Stand Ende Mai wies die Banca d'Italia Target-Verbindlichkeiten von 465 Milliarden Euro aus. Diese Summe müsste sie eigentlich bei einem Euro-Austritt begleichen. Doch das scheint vielen Experten eher eine theoretische Verpflichtung. Praktisch würde sich ein Land, das den Euro im Zorn verlässt, wohl nicht mehr darum kümmern, die offenen Rechnungen an die ehemaligen Partner zu bezahlen."
Italien könnte zwar in der Tat nicht den Betrag in Euronen an Deutschland überweisen. Doch
könnte es einfach zum Stichtag umstellen von 1,- € auf 1,- neue Lira. Die Bundesbank hätte dann ein entsprechendes Lira-Guthaben - nicht anders, wie sie früher (und wohl noch) USD-Guthaben aus Leistungsbilanzüberschüssen Deutschlands gegenüber den USA hatte bzw. hat.

Das ganze Geld wäre also keineswegs weg. Die italienische Notenbank hätte auch keinen Grund, die Umstellung der Forderung auf Lira zu verweigern: Denn Lira kann sie in beliebiger Menge selber drucken; DIESE Forderungen belasten sie also nicht.
ABER (und das war ja früher auch schon beim USD der Fall): In Italien wird die Inflation deutlich höher sein als bei uns; dadurch wird die Lira entwertet. Je später wir also diese Lira wieder für Importe (auch Urlaube) in Italien ausgeben, desto weniger werden sie wert sein.
Nur werden eben die Target-Salden NICHT TOTAL WERTLOS werden, wenn ein Land (die oder wir) austritt bzw. die EWU zerfällt! Vielmehr können diese Salden in Devisenreserven in der jeweiligen Landeswährung "umgerubelt" werden, und so würde es wohl auch geschehen (eine andere Lösung sehe ich jedenfalls nicht)!

Krass falsch ist demnach auch:
"Noch schlimmer wäre es, wenn die gesamte Eurozone mitsamt der EZB auseinanderflöge: Dann nämlich würde die Bundesbank tatsächlich auf ihrer beinahe billionenschweren Forderung sitzenbleiben - und hätte ein gewaltiges Problem."
Fragwürdig ist auch der Satz
"Die Ungleichgewichte verschwinden mit der Zeit automatisch, wenn die Wirtschaft in allen Euroländern normal läuft und die EZB ihr Anleihekaufprogramm einstellt."
Denn solange wir Exportüberschüsse im Außenhandel mit den jeweiligen Ländern haben, werden die Target-Salden im Prinzip weiterhin steigen (allenfalls temporär überlagert durch Repatriierung von Fluchtgeldern in die Süd-Länder). Anders wäre das nur dann, wenn von Deutschland wieder private Kredite (von Banken, Versicherungen und ggf. auch Unternehmen und natürlichen Personen) "gen Süden" fließen würden (oder wenn der Deutsche Staat, bzw. der ESM, die Südeuropäer mit Krediten füttern würden).
Dann wären das keine Verbindlichkeiten zwischen Volkswirtschaften mehr, sondern Kredite an Wirtschaftssubjekte bzw. den Staat im jeweils anderen Land. Risikoträger wären dann die jeweiligen Kreditgeber, nicht mehr die Bundesbank.

"Wenn es keine nationalen Zentralbanken mehr gäbe, wären übrigens auch die Target-Salden irrelevant. Hätte man zum Start der Währungsunion also Bundesbank und Co. abgeschafft und alle Funktionen bei einer riesigen EZB gebündelt, gäbe es die aufgeregte Diskussion heute gar nicht."
Diese Aussage ist deshalb Schwachfug, weil hinter den Target-Salden eine gigantische Verschuldung der südeuropäischen Staaten und Banken steht. DIE hätten wir dann kollektiv am Hals, wenn es keine nationalen Zentralbanken mehr gäbe.
Und darüber gäbe es ganz gewiss eine weitaus heftigere Debatte, als derzeit über die Target-Salden, bei denen kaum jemand versteht, worum es eigentlich geht.



ceterum censeo

 Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 13.07.2018

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