Samstag, 27. Oktober 2012

Sinnsuche in den Schluchten des Euro: Target-Fallen, Transferfallen, Denkfallen, Trägheits-Fallen

 
 
Am 18.02.2011 erschien in der Wirtschaftswoche ein kurzer Artikel unter der Überschrift „Kritik an Krisenhilfe der Deutschen Bundesbank“ (hier). Der „ungebremste Anstieg der Schulden des Euro-Raums gegenüber der Bundesbank ‚macht Fachleute fassungslos‘, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Wenn Länder, deren Banken die Kredite gegeben wurden, zahlungsunfähig werden, haftet Deutschland.‘ Diese Haftung wurde aber weder demokratisch legitimiert – etwa durch den Bundestag – noch von der Bundesregierung beschlossen“ las man dort. Drei Tage später, am 21.02.2011, erschien dann unter der Überschrift "Deutschland drohen neue Belastungen" der erste Aufsatz von Prof. Sinn selber in der WiWo.
Sinn hat diesen Sachverhalt zwar nicht als Erster gesehen (dazu mehr in diesem – englischsprachigen - Blog-Eintrag des Verfassers), aber mit dieser Meldung begann in Medien, wissenschaftlichen Publikationen und Blogs die „Target-Debatte“. Ihren Höhepunkt hat sie aktuell in einer Buchveröffentlichung erreicht, wiederum von Prof. Dr. Sinn: „Die Target-Falle“ (Amazon).
 TARGET2 ist „ein Zahlungsverkehrssystem, über das nationale und grenzüberschreitende Zahlungen in Zentralbankgeld schnell und endgültig abgewickelt werden“ (Bundesbank, hier). Diese Zahlungen (Transaktionen) laufen zwischen den Banken (diese werden zur Unterscheidung von Zentralbanken auch „Geschäftsbanken“ genannt) und Zentralbanken (auch Notenbanken genannt, weil nur sie das Recht haben, Banknoten auszugeben). Es geht also um Transaktionen sowohl der Geschäftsbanken untereinander, zwischen Banken und Zentralbanken und zwischen den Zentralbanken untereinander. Zentralbank für Deutschland ist bekanntlich die Bundesbank (nachfolgend „BuBa“) und darüber steht für die gesamte Eurozone die Europäische Zentralbank (EZB).
 
Genau wie wir das aus dem privaten Umfeld kennen gibt es auch Völker, die lieber sparen, und andere, die lieber einkaufen – und sei es auch auf Pump. Das ist zwar nicht nur in Europa so, sondern auch international (USA, Großbritannien!), aber in der Eurozone bringt das noch ganz spezifische Probleme mit sich. Hier sind es speziell die Länder im Süden, die gerne in (u. a.) Deutschland sozusagen auf Shoppingtour gehen. Auf unseren Urlaubsreisen tragen wir den (beispielsweise) Spaniern ihr Geld zwar wieder zurück, aber leider nur einen Teil davon. Die Differenz nennt man in der Wirtschaftswissenschaft ein „Leistungsbilanzdefizit“. Im Target-System drückt sich dieses Defizit zunächst darin aus, dass die Bundesbank einen Forderungsüberschuss gegen die spanische Zentralbank (nennen wir sie „SZB“) hat. Buchungstechnisch wird allerdings jeweils am Tagesende die EZB zwischengeschaltet. Auf dem Papier hat am Ende die BuBa eine Forderung gegen die EZB, und die wiederum gegen die SZB (umgekehrt betrachtet: schuldet die SZB der EZB Geld, und diese der BuBa).
Wirtschaftlich ist es aber natürlich so, dass Deutschland eine Ware an Spanien verkauft hat, und Spanien „uns“ eine Gegenleistung noch schuldig ist. Das prägen wir uns ganz fest ein. Die Tatsache, dass die buchhalterische Verarbeitung die realwirtschaftlichen Hintergründe nicht mehr direkt abbildet, richtet nämlich in manchen Köpfen (von Laien wie Gelehrten), und damit in der Target-Debatte überhaupt, mancherlei Verwüstungen an.
 
Auch auf einem anderen Wege können Forderungen „Deutschlands“ (hier i. S. von „deutsche Volkswirtschaft“!) gegen Spanien entstehen. Wenn die Spanier Angst haben, dass ihr Land aus der Eurozone austritt und ihr Geld anschließend weniger wert ist, können sie sich ein Bankkonto in Deutschland einrichten und es dorthin überweisen (und sich hier z. B. ein Haus damit kaufen). Das nennt man „Kapitalflucht“. Das gleiche Ergebnis tritt ein, wenn deutsche Bürger und Firmen ihr Geld aus Spanien zurückholen („repatriieren“). Geld ist ja eigentlich ein Leistungsversprechen. Wenn der Amerikaner John Doe bei mir eine Kuckucksuhr kauft, könnte er mir einen „Schuldschein“ geben mit dem Versprechen, mir dafür später 100 Hamburger zu liefern. Der Unterschied zwischen einem solchen Schuldschein und Geld liegt darin, dass Geld mir einen Anspruch nicht nur gegen John Doe, sondern gegen die gesamte (im Beispiel: amerikanische) Volkswirtschaft gibt: Mit „Geld“ ich meinen Hamburger in New York, Dallas oder Detroit einkaufen, ganz Amerika haftet mir für den „Kredit“, den ich dem Kuckucksuhrkäufer dadurch gegeben habe, dass ich statt Waren zunächst den Schuldschein „Dollars“ akzeptiert hattee. Und entsprechend haftet (oder sollte sie jedenfalls haften) die ganze spanische Wirtschaft, wenn ein Spanier in Deutschland ein Haus kauft und mit Geld bezahlt. (Ausführlicher sind die Zusammenhänge in diesem Blogposting des Verfassers dargestellt.)
 
Auf die Dauer kann es nicht gutgehen, wenn man mehr ausgibt als man einnimmt oder gespart hat: Das führt zu „Spannungen“. (Nicht nur) die Target-Debatte krankt daran, dass die Diskussionsteilnehmer mit Abstrakta wie „Spannungen“ usw. hantieren, ohne sich immer wieder zu vergewissern, welche Fakten auf der Ebene der Finanzwirtschaft und der Realwirtschaft dahinter stecken. Das wollen wir vermeiden und stellen uns also zunächst vor, was passieren würde, wenn Spanien eine eigene Währung hätte. In gewisser Weise gilt für Geld dasselbe wie für Güter: Wenn zu viel davon angeboten wird, fällt der Preis (Wert). Passiert das im Inland, spricht man von Inflation. Gegenüber dem Ausland heißt das „Verfall des Wechselkurses“ (je nachdem der eigenen oder der ausländischen Währung). Während also (als konstruiertes Beispiel) der erste spanische Kapitalflüchtling seine (gedachten) Peseten 1 : 1 in DM umtauschen konnte, beißen den letzten die Hunde: Der muss nunmehr 2 Peseten hinlegen, um eine Mark zu erhalten. Das heißt aber auch, dass „die Spanier“ mir statt bisher (gedacht) für einen Volkswagen einen SEAT zu liefern jetzt 2 SEAT rausrücken müssen, wenn sie einen VW haben wollen. Anders gesagt: Spanische Güter werden für uns billiger (und Deutschland wird mehr davon kaufen), während deutsche Waren für die Spanier teurer werden. Auf diese Weise bildet sich (in der Theorie wenigstens) wieder ein Gleichgewicht, wenn ein Land beim anderen „zu viel“ eingekauft hatte.
 
Das Problem in einer Währungsunion ist, dass der „Anpassungsmechanismus“ über den Wechselkurs wegfällt. Und dass (z. B.) die Griechen nicht einsehen, dass ihre Produkte (also z. B. Urlaubsangebote) zu teuer sind im Verhältnis zu anderen Reisezielen (Türkei!). Würden sie sie billiger verkaufen, könnten sie sich ja selbst weniger leisten. Tritt dieser Effekt über Kursänderungen ein, ist das Volk machtlos. In einer Währungsunion kann es gegen seine Regierung demonstrieren. (Bzw. letztlich, und das kapieren leider auch bei uns die Wenigsten, gegen die Steuerzahler der anderen Länder!) Über lange Jahre wurde der sozusagen „Überkonsum“ im Süden dadurch finanziert, dass die Banken im Norden Kredite gegeben haben. Teils an die Banken im Süden, welche das Geld z. B. in Spanien in Form von Immobilienkrediten an die Verbraucher weitergeleitet haben. Teils an den Staat (Griechenland!), der es in Form von Sozialleistungen und Gehältern an seine Bürger weitergeleitet hat (weswegen die Griechen heute glauben, sie selbst hätten sich ja kein Geld geliehen, und wären folglich auch nicht für die Rückzahlung verantwortlich).
 
Die Geschäftsbanken im Norden sind mittlerweile aufgewacht und haben gemerkt, dass die Südbanken und die Südstaaten nicht oder nicht mehr kreditwürdig sind. Sie verhalten sich also betriebswirtschaftlich absolut vernünftig, wenn sie ihr Geld nicht mehr gen Süden senden. (Es ist deshalb auch widersprüchlich, wenn manche Leute die Banken dafür schelten, dass sie diesen Staaten Kredite gegeben haben, ohne die Bonität zu prüfen, und im gleichen Atemzug kritisieren, dass die bösen Spekulanten den armen Staaten keine frischen Kredite gewähren. Aber auch die Widersprüchlichkeit solcher Aussagen kapieren viele nicht.) Damit gibt es für die Bürger der Krisenländer nur zwei Möglichkeiten: Entweder müssen sie den Konsum einschränken, oder sie müssen Dumme (Banken oder, besser: dumme Steuerzahler anderer Völker) finden, welche von nun an (bis in alle Ewigkeit?) die Party finanzieren.
 
Mit dem ESM haben wir Deutschen gute Chancen, uns zu solch spendablen Finanziers unserer kapitalistischen Brudervölker aufzuschwingen. Aber obwohl die 700 Mrd. Euro im Europäischen Stabilitäts Mechanismus schon die gesamten deutschen Steuereinnahmen weit übersteigen, sind sie für Bezahlung der Süd-Sause nur Peanuts. Zum Glück gibt es noch einen weiteren Weg, um an (unser) Geld zu kommen: Kredite von der EZB. Tatsächlich entstehen die Target-Forderungen weitgehend über solche Kredite, und bei einem Fortbestand der Eurozone (beim Zerfall sieht das etwas anders aus) liegt das eigentliche Problem nicht darin, dass „wir“ „unser Geld“ von „den Griechen“ zurückbekommen (wohlgemerkt: an dieser Stelle geht es um die EZB-Kredite, auch „Target-Kredite“ genannt, nicht um Kredite des deutschen Steuerzahlers an den griechischen Staat!). Sondern die Gefahr ist dass die, sagen wir, Kreterkrötenkreditbank ihre an, sagen wir, Papadopoulos Artosphagistos verliehenen Euronen nicht zurückerhält. Denn die Kreterkrötenkredit hat sich ihrerseits das Geld bei der griechischen Zentralbank (nennen wir sie: GZB) geliehen. Geht die Kreterkrötenkredit pleite, guckt die GZB in die Röhre. (Die Kreterkrötenkredit hatte zwar der GZB eine Sicherheit gegeben, aber die bestand just in jenem Kreditvertrag, für den Papadopoulos Artosphagistos jetzt die Rückzahlung schuldig bleibt: Die „Sicherheit“ erweist sich damit als wertlos.) Weil aber die GZB nicht (mehr) eigenständig ist, sondern Teil des europäischen Währungssystems (ESZB), und Gewinne und Verluste dort brüderlich geteilt werden, sind „wir“ mit von der Partie.
 
Die Verluste werden (mit Ausnahme sogenannter „ELA“-Kredite, für welche die GZB formal allein haftet, was aber natürlich bei einer griechischen Staatsinsolvenz graue Theorie wäre) nach Kapitalanteilen auf die nationalen Zentralbanken (NZBs) verteilt. Die BuBa ist dann mit ca. 30% dabei. Allerdings ist die BuBa nicht mit dem deutschen Steuerzahler identisch. Außerdem kann sie nicht pleitegehen; schließlich darf sich eine Zentralbank das Geld selber „drucken“ (bzw. heutzutage: elektronisch einbuchen). Daher kann die BuBa den Verlust „einfach ausbuchen“. Und selbst wenn sie danach tief in den Miesen steckt und als private Bank überschuldet wäre: Die BuBa geht niemals in die Insolvenz.
 
Jedoch: Die Volkswirtschaftslehre ist zwar keine Naturwissenschaft, aber auch in ihr gibt es mindestens ein eisernes Gesetz, das (auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene) ohne Ausnahme gilt: „Umsonst ist der Tod“ (in der englischsprachigen Formulierung: „There is no free lunch“).
Mit anderen Worten: Irgendwo müssen und werden die BuBa-Verluste auf die deutschen „Wirtschaftssubjekte“ (= Bürger und Unternehmen) durchschlagen. Wer das verschweigt oder verschleiert, ist entweder ein Euromantiker oder eine Rosstäuscherin. Konkret zahlt der Steuerzahler die Verluste. Nur erhält er (und das macht einen gewaltigen Unterschied) die Rechnung nicht auf einmal, sondern nach und nach. Das geschieht, indem die BuBa aus zukünftigen jährlichen Gewinnen zunächst einmal ihre Verluste ausbucht, also die Gewinne nicht mehr an den deutschen Finanzminister überweist, wie sie es sonst getan hätte. (In der Praxis erkennt auch kein Steuerzahler diese tieferen Gründe, wenn der Staat Leistungen reduziert oder – wieder einmal - die Mehrwertsteuer erhöht.) Außerdem ist anzunehmen, dass es zu Inflation kommen wird, weil das EZB-System dieses Geld nicht wieder aus der Wirtschaft zurückholen kann, sondern gewissermaßen „nachdrucken“ muss. Das wird zwar keine Hyperinflation mit zweistelligem Wertverfall des Euro, aber die Preissteigerungen werden höher sein als ohne diese Verluste. Wissenschaftlich würde man, völlig zu Recht, auch sagen, dass die Bürger eine „Inflationssteuer“ bezahlen.
 
Die Risiken der Target2-Salden lassen sich nicht mit einem konkreten Preisschild versehen, und auch nicht (was viele Debattenteilnehmer zu verkennen scheinen) mit einem „So ist das, und nicht anders“. Vielmehr können sie immer nur als „Wenn-dann-Szenarien“ beschrieben werden. Wer immer eine umfassende Risikoanalyse der Target2-Salden erstellen will, muss daher zuallererst zwei alternative Szenarien unmissverständlich unterscheiden:
·        Fortbestand der Eurozone
·        Zerfall der Eurozone.
 
Bei einem Fortbestand geht es (bei den „Target-Salden“, also vom ESM usw. abgesehen!) um Risiken der Zentralbanken aus der Bonität ihrer Geschäftsbankenpartner („counterparty risk“). Auf die Bonität der Staaten kommt es zunächst einmal nicht an. (In der Realität reißt eine Staatsinsolvenz zwar auch jene Banken in die Tiefe, die zu viele Anleihen dieses Staates im Bestand haben. Aber das werden kaum alle Banken sein). Insofern ist es falsch, wenn Prof. Sinn schreibt (Hervorhebung hier hinzugefügt): „Für Gläubigerländer, allen voran Deutschland, sind die Target-Kredite ein Risiko, wie es auch andere öffentliche Hilfskredite sind. Wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, muss man die Forderungen abschreiben, und die Güter und Vermögensobjekte, die mit dem Target-Geld in den Kernländern erworben wurden, kommen nie wieder zurück.“ (Hier in einem FAZ-Vorabdruck aus seinem Buch „Die Target-Falle“). Auch an anderer Stelle in seiner „Target-Falle“ tappt er voll in die Denkfalle seines Unterbewussten, die ihn „Land“ (i. S. von Volkswirtschaft oder Zentralbank) mit „Staat“ gleichsetzen lässt, indem er (S. 271 ff.) von „dem“ Haftungspegel spricht und dann Staatskredite und ‚Target-Kredite‘ zusammenrechnet. Selbstverständlich gibt es den oben geschilderten mehr oder weniger engen Zusammenhang zwischen Staats- und Bankpleiten. Aber zunächst einmal muss man diese beiden Sachverhalte klar trennen: Ein Staatskonkurs bedeutet nicht, dass die Banken pleite sind. Erst im Anschluss kann man einschränken: „Allerdings wird eine Staatspleite zahlreiche Bankeninsolvenzen nach sich ziehen, weil … usw.“. Wer das nicht konsequent auseinanderhält läuft Gefahr, nicht nur seine Leser zu verwirren, sondern auch sich selber.
 
Und ebenso geht es, wenn man nicht ständig die Risikoszenarien nach Fortbestand und Zerfall sortiert. Bei einem Zerfall könnte Deutschland sogar besser dastehen, indem die Bundesbank zumindest ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Gemeinschaftshaftung für weitere Kreditvergaben der nationalen Notenbanken an ihre Geschäftsbanken stände. Mit dem Hinweis auf den Zeitpunkt haben wir zugleich auf die anschließende Fragestellung vorbereitet, wie es mit der Nachhaftung für die vorher vergebenen Kredite aussehen würde. Nun, momentan ist eine Rekapitalisierung der Banken rechtlich ja immer noch die Aufgabe der einzelnen Regierungen. Zwar hat unsere Rabenmutti uns bereits verschaukelt, indem sie auf dem Brüsseler Gipfel am 28./29.06.2012 die Zusage gegeben hat, die Bankenschulden unserer „Partner“ aus dem ESM, also aus (auch) deutschen Steuermitteln zu bezahlen. Aber da hat der Bundestag noch ein Wörtchen mitzureden, und wenn er tatsächlich seine politische Gestaltungskraft so wahrnimmt, wie das Bundesverfassungsgericht das von den Abgeordneten erwartet, werden sie unseren heftig auf eine Bankenunion drängenden „Freunden“ bei der Vergemeinschaftung der Altschulden einen dicken Strich durch die Rechnung machen. (Das tun unsere MdBs allerdings nur dann, wenn wir ihnen vorher kräftig in den Allerwertesten treten. Anderenfalls wird die Berliner Hammelherde die Steuergeldveruntreuung von Gollmurcks, Gabriel und sämtlichen sonstigen gefallenen Engeln des politischen Regenbogens diskussionslos abnicken.) Also, aus einer Nachhaftung können wir (die BuBa) vermutlich entkommen.
 
Die Risiken bei einem Zerfall der Eurozone schätzt Prof. Sinn wie folgt ein: „Noch schlimmer würde es für Deutschland ausgehen, wenn der Euro zerbricht, denn in diesem Fall hat Deutschland eine Target-Forderung gegen ein System, das es nicht mehr gibt. Dann liegt der deutsche Target-Verlust auf der Basis der obigen Zahlen im August 2012 nicht bei 416 Milliarden Euro wie beim Austritt der GIIPSZ-Länder, sondern bei 727 Milliarden Euro. Mit den Forderungen aus dem offenen Rettungsschirm ESM wäre Deutschland in diesem Fall noch deutlich besser bedient, denn einerseits wäre es nur mit seinem Kapitalanteil beteiligt und andererseits blieben die Staatspapiere auch dann noch rechtsgültige Forderungstitel, wenn der Euro durch andere Währungen ersetzt werden sollte. Sie sind zwar von einem Schuldenschnitt und einem Abwertungsverlust bedroht, doch nicht vom Ausfall der Rechtsgrundlage.“ (Vorabdruck a. a. O.)
 
Im Buch (S. 276) schreibt er: „Hört das Eurosystem auf zu existieren, … [sind] die deutschen Forderungen vermutlich nicht mehr einzutreiben“.
 
In seinem jüngsten Artikel im wirtschaftswissenschaftlichen Internetportal “Vox” u. d. T. „TARGET losses in case of a euro breakup“ (s. hier) lesen wir:
If the Eurozone breaks up and the TARGET debtors go bankrupt, there is no clear legal basis for the TARGET claims, and [for example] the Netherlands would hold a claim against a system that no longer exists. Neither the ECB bylaws nor the Maastricht Treaty contain any rules for how this case would have to be handled. Should the euro break up, there will probably be a follow-up institution that inherits the ECB’s equity capital, currently about €31 billion. The Netherlands will then have to compete for this equity with Germany, Finland and Luxembourg, who together with the Netherlands hold TARGET claims currently amounting to about €1,000 billion.”
Auf Deutsch etwa:
Wenn die Eurozone zerbricht und die TARGET-Schuldner bankrottgehen, gibt es keine eindeutige rechtliche Basis für die TARGET-Forderungen, und [zum Beispiel] die Niederlande hätten einen Anspruch gegen ein nicht mehr existentes System. Weder die Regelungen für die EZB noch der Maastricht-Vertrag enthalten irgendwelche Bestimmungen für einen solchen Fall. Bei einem Eurozonen-Zerfall würde wahrscheinlich eine Nachfolgeorganisation eingerichtet werden, die das Kapital der ETB erben würde; das sind aktuell etwa 31 Milliarden €. Die Niederlande müssten sich dann mit Deutschland, Finnland und Luxemburg streiten, die zusammen ca. 1.000 Milliarden [also eine Billion] an offenen TARGET-Forderungen haben.“
 
Prof. Sinn befürchtet also offenbar, dass wir uns mit Holländern, Finnen und Luxemburgern um die 31 Mrd. € Eigenkapital der EZB i. L. balgen müssten. Eine solche Entwicklung ist zwar theoretisch nicht unmöglich; praktisch ist sie aber extrem unwahrscheinlich. Schon rein formaljuristisch ist es falsch von einem „nicht mehr existente[n] System“ zu sprechen, wenn man die Existenz einer „EZB i. L.“ zur Abwicklung der EZB postuliert. Und auf der realen Ebene verwechselt Prof. Sinn erneut Staaten und Länder (Volkswirtschaften), wenn er schreibt „und die TARGET-Schuldner bankrottgehen“. Rational kennt er als Volkswirt natürlich den Unterschied. Aber sein Unbewusstes scheint ihm Streiche zu spielen, indem es ihn in eine derartige Denkfalle lockt. Wie alle Leser(innen) wissen (müssten), die dem Text bis hierher folgen konnten, sind die TARGET-Forderungen nicht aus Kreditvergaben an Regierungen entstanden, sondern sie stellen Kredite der (u. a.) deutschen Wirtschaft an die „GIPS“-Länder (= „GIPS“-Volkswirtschaften) dar. Die TARGET-Schuldner im Sinne von Volkswirtschaften können bekanntlich nicht pleitegehen (und die nationalen Notenbanken auch nicht).
 
Wollten sich die GIPS-Länder einer Umwidmung der Target-Forderungen in Devisenansprüche verweigern (was ich nicht erwarte), würden sie vor aller Welt als Kriminelle dastehen, die uns bestehlen wollen. Wir haben ja oben gesehen, dass es sich bei den Target2-Salden ökonomisch um Schuldscheine handelt, welche die Bürger der Krisenländer der deutschen Volkswirtschaft ausgestellt hatten, um bei uns Güter (Porsche-Sportwagen mit Auslieferung in Athen oder Immobilien mit Verbleib in München) und Dienstleistungen einzukaufen. Ante anno Euro, also vor dem 01.01.2002, hätten sie diese Lieferungen mit ihren Landeswährungen, aus unserer Sicht mit Devisen, bezahlt. Dem entsprechend kann es gar nicht anders sein, als dass bei einer Auflösung das Dreiecksverhältnis mit der buchhalterischen Zwischenschaltung der EZB rückgängig gemacht wird und der deutsche Überschuss z. B. gegenüber Spanien wieder als Forderung gegen Spanien verbucht wird. Genauer: Als Devisenbestand der BuBa. Täten unsere Geschäftspartner das nicht, wären sie weltweit als Vertragspartner inakzeptabel; solchen Staaten würde auch niemand mehr Geld leihen. Zwar halten sich die Sympathien des Vf. für die Süd-Schnorrer in engen Grenzen. Einen solchen Grad an krimineller Energie, wie Prof. Sinn ihn (unbewusst, aber logisch zwingend!) annehmen muss, möchte ich unseren Freunden aber doch nicht unterstellen; das wäre wirklich das Ende der europäischen (Wirtschafts-)Einheit. (Weitere Überlegungen des Vf. zu diesem Punkt auch in seinen Leserkommentaren zu diesem Blog-Eintrag bei „soffisticated“.)
 
Vor allem haben die Regierungen auch keinerlei wahltaktischen Anreize, sich einer Umwertung der T2-Forderungen in Devisenreserven zu widersetzen. Deutschland fordert ja kein Geld von den griechischen (usw.) Steuerzahlern, sondern wird lediglich (vielleicht, irgendwann einmal) die Lieferung von 7-Sterne-Weinbrand (die Nennung eines Markennamens verkneife ich mir), Fetakäse und Oliven verlangen, oder Urlaub auf Rhodos mit diesen Drachmen bezahlen wollen. Natürlich kommt ein solches Ergebnis nicht von selbst, sondern setzt eine politische Einigung voraus. Vor allem muss man sich auch darüber einigen, ob diese Ansprüche in (Neu-DM oder Nord-€) „valutieren“, oder in Peseten, Drachmen usw.. Das ist deshalb wichtig, weil die Peseten voraussichtlich am (Mon-)Tag nach dem großen Tausch im internationalen Devisenhandel massiv an Wert verlieren werden. Diesen Verlust wird Deutschland (bilanziell: die Bundesbank) schlucken müssen; das ist halt der Preis für unser Euro-Abenteuer. Wie man liest, sollen die ‚Süd-Euros‘ um 20 – 30% überbewertet sein. Wenn sich also (bis dahin) eine Billion € an Target-Forderungen bei der BuBa angesammelt hätten, würden sich die schlagartig auf 700 – 800 Milliarden € vermindern. Ein solcher Verlust übersteigt das Eigenkapital der BuBa. Dennoch kann sie ihn, wie oben gezeigt, bilanziell problemlos schultern. Wir merken uns: Bei einer Auflösung der Eurozone gehen nach menschlichem Ermessen keineswegs die gesamten Target-Salden verloren.
 
In der längerfristigen politischen Perspektive steht diesen und weiteren Verlusten (ESM usw.!) die Gewissheit gegenüber, dass wir bei einem Fortbestand in eine Transferunion hineingezogen werden, in der man uns auspressen wird wie Zitronen. Deshalb sollte uns, wenn wir auch nur ein Fünkchen Verstand haben, ein Ende mit Schrecken allemal lieber sein als ein Transferschrecken ohne Ende.
 
Wenn Sie den vorliegenden Artikel verstanden haben (was nicht schwer sein sollte), dann wissen Sie mehr über die Target-Problematik, als wenn Sie das ganze 400-seitige Buch von Prof. Dr. Sinn über die „Target-Falle“ gelesen und seine Risiko-Behauptungen falsch verstanden hätten. Das ist nämlich, wie oben gezeigt, ebenfalls nicht schwer. Aber mit dem o. a. Hintergrundwissen darüber, worin die Target-Risiken bei einer realistischen Einschätzung eigentlich bestehen, ist Sinns Buch unbedingt lesenswert. Und in jedem Falle müssen wir Prof. Sinn dafür dankbar sein, dass er nun schon seit Jahren unermüdlich alle jene riesigen Risiken thematisiert, denen unsere Politiker unser Land über die verschiedensten Transferkanäle aussetzen.
 
Falls Sie demnächst auch noch einen „Euro-Soli“ berappen dürfen (selbst wenn man den als Finanzmarktsteuer erhebt, wird auch der am Ende auf den Kleinen Mann übergewälzt werden!), dann denken Sie an das Motto 68er-Studentenbewegung: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Leider haben alle jene, die sich heute an diesen Grundsatz erinnern müssten, die Turnschuhe der Revolution ausgezogen und sich in die samtweichen Polstersessel des Lobbyismus für Kapitalinteressen und fremde Völker fallen lassen. Und der bundesdeutschen Bionadebourgeoisie braucht man nur die Erhaltung ihrer Ersparnisse zu versprechen, dann kann man denen ungehemmt die Hosen und das letzte Hemd ausziehen. Sogar das Bundesverfassungsgericht hat sich in seiner Eilentscheidung gegen das Bailoutverbot (und pro ESM) am Einlullen der Bürger beteiligt und den Begriff „Stabilität“ als schillernde Propagandafloskel missbraucht (mehr dazu in diesem Blogeintrag d. Vf.).
 
So lassen sich denn die deutschen Schlafschafe von den Berliner Lemmingscouts fröhlich pfeifend auf die Klippen lotsen. Ihr seid ein Volk …..


Nachtrag 24.07.2016
Bei Abfassung des vorliegenden Blotts war mir der Aufsatz "Zahlungsbilanzkrisen im Eurosystem: Griechenland in der Rolle des Reservewährungslandes?" von Prof. Wilhelm Kohler (Tübingen) noch unbekannt. Erschienen war er bereits im ifo-Schnelldienst 16/2011. Und er besagt, nach meinem Verständnis, dasselbe, was ich oben gesagt habe: Dass die Target-Salden so etwas wie Devisenreserven sind, und auf jeden Fall Forderungen gegen ausländische Volkswirtschaften, nicht gegen Staaten.




ceterum censeo

Die Steuertöpfe quellen über -
Doch für Verkehr und Bildung ist kein Geld mehr über?
Kein deutsches Geld für Eurozone:
Wir leben besser "Eurotz-ohne"!
 
Textstand vom 24.07.2016. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm.
Eine vorzügliche, laufend aktualisierte Übersicht über die Internet-Debatte zur Eurozonenkrise bietet der Blog von Robert M. Wuner. Für diesen „Service“ ihm herzlichen Dank!
Für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden später z. T. aktualisiert bzw. geändert.

Kommentare:

  1. Sie haben es exakt beschrieben. "There is no free lunch!" Letztlich muss man über den Punkt, ob die Target2-Forderungen komplett verloren sind oder sein werden, wie ich meine, nicht streiten.

    Was aber wohl für die Verwirrung unter den Ökonomen sorgt, ist vermutlich etwas anderes, ich schreibe es mal als Rätselaufgabe:

    Mal angenommen die PIIGS gehen Pleite und weigern sich endgültig, die Target2-Forderungen zurückzuzahlen. Die Bundesbank (bzw. EZB) macht nun aber folgenden Trick. Sie lässt die Target2-Forderung einfach in ihrer Bilanz stehen und tut so, als ob die PIIGS weiter zahlungsfähig werden, tut also so, als ob das Geld doch -eines Tages- wieder zurückbezahlt würde, die (ohnehin niedrige) Verzinsung vernachlässigen wir für dieses Gedankenexperiment der Einfachheit halber. Kurz, die Bundesbank/EZB lässt die uneinbringlichen/faulen Forderungen einfach -wie heute schon praktiziert- in der Bilanz stehen, für die nächsten 100 Jahre, oder so. Dies bedeutet aber, dass sich an der Bilanz der Bundesbank/EZB gar nichts ändert durch den Zahlungsausfall. Keine Verluste, kein Nachdrucken von Geld, keine Inflation, es geht unverändert -wie bisher- weiter! Und jetzt kommen die schlauen Ökonomen und sagen: "Seht ihr, die Target2-Salden sind irrelevant! Das sind reine Rechengrößen! Folgt man diesen schlauen Ökonomen, so folgt dann aber auch, dass es eben doch ein "Free Lunch" gibt: Die Griechen haben nämlich einen Porsche erhalten und schlussendlich hat niemand dafür bezahlt!

    Wo ist der Fehler der schlauen Ökonomen, meine Leser? Wer hat bezahlt? Und vor allem auf welchem Weg wurde bezahlt? Die Auflösung des Rätsels folgt im nächsten Kommentar.

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  2. Auflösung der Rätselaufgabe:
    Tatsächlich haben die bereits aufgebauten Target2-Salden die Geldmenge ausgeweitet (bzw. deren Reduktion verhindert). Wenn die Target2-Kredite offiziell platzen (uneinbringlich sind sie m.E. heute schon), dann müsste die Deutsche Bundesbank eigentlich den Verlust offiziell ausgleichen (sie müsste ihre Gewinne reduzieren, ggf. müsste Schäuble Geld in die Zentralbank nachschießen.) Mit diesem Vorgang würde dann das über die Target2-Kredite an die PIIGS herausgegebene (und in Deutschland für Porsche) verprasste Geld bei den Deutschen wieder eingesammelt und damit die mit den Target2-Krediten bereits erzeugte Geldmengenausweitung rückgängig gemacht und Schäuble müsste die Steuern erhöhen (Anm.: Natürlich würde man sich das Geld beim Steuerzahler holen und nicht etwa bei den Eigentümern von Porsche und deren Kreditgebern, wo es tatsächlich ist)

    Tatsächlich würde aber wohl doch etwas ähnliches geschehen, wie in der Rätselaufgabe beschrieben. Die Zentralbank hält sich einfach nicht an irgendwelche Regeln (der Bilanzierung) und druckt das fehlende Geld einfach. Das hätte von der Geldmenge her betrachtet die gleiche Wirkung, wie wenn man die faule Forderung einfach in der Bilanz mit vollem Wert auf ewig stehen lässt und so tut, als ob man das Geld zurückbezahlt bekommt. Die Wirkung ist dann stark vereinfacht aber praktisch Null, wie im Rätsel beschrieben.

    Der "Trick" ist dabei vereinfacht folgender:

    Die Target2-Kredite sind uneinbringlich und haben die Geldmenge bereits heute ausgeweitet und Inflation(spotential) erzeugt, wovon die PIIGS (und auch deutsche Unternehmen durch Umsatzsteigerung) profitiert haben. Damit ist der Verlust für den Deutschen Steuerzahler durch Inflation bereits heute "eingefahren", wenn man unterstellt, dass die Kredite nicht zurückbezahlt werden. Verzichtet die Bundesbank nach der PIIGS-Pleite auf die Abschreibung des Target2-Postens oder gleichwertig druckt das Geld zum Bilanzausgleich einfach nach, dann bleibt es beim bereits heute gegeben Verlust durch Inflation. Praktisch passiert nichts! Schreibt die Bundesbank hingegen nach den Bilanzierungsregeln ordnungsgemäß ab, dann muss die Zentralbank Geld einziehen (oder Gewinne reduzieren). Das gleicht dann den heute schon erlittenen Verlust durch die Inflation wieder aus (weil die Inflation entsprechend "rückabgewickelt" wird), dieser Verlust taucht in diesem Fall dann aber als Steuererhöhung von Herrn Schäuble wieder auf.

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  3. Hallo RealTerm,

    anscheinend habe ich Ihre Kommentare seinerzeit übersehen, oder aus Zeitmangel nicht beantwortet.
    Jetzt, beim Aufräumen auf meinem PC, stoße ich wieder drauf.

    Ganz so verlustlos geht es denn doch nicht ab, wenn die Defizitländer die Target-Forderungen nicht zurückzahlen sollten.

    Die Target-Forderungen sind Forderungen nicht gegen die jeweiligen Staaten, sondern gegen die jeweiligen Volkswirtschaften.
    Sie können daher auch nicht in dem Sinne "zurückgezahlt" werden, wie beispielsweise Staatsanleihen: Da stehen 100,- € Nennwert drauf, und die bekommt der Anleihebesitzer bei Fälligkeit (meist ;-) ) ausgezahlt.

    Target-Forderungen dagegen sind so etwas wie Devisenreserven.
    Wenn Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den USA hat, sagen wir akkumuliert 100 Mrd. USD, dann liegen, sofern die BuBa die Dollar aufgekauft (also in DM umgetauscht) hat, dort 100 Mrd. Dollar im Tresor.
    Die 100 Mrd. Dollar haben, als Fiatgeld, natürlich keinen intrinsischen Wert (wie es etwa Gold hätte). Die USA sind auch nicht verpflichtet, diese Dollarnoten gegen irgend etwas einzutauschen; die Zeiten, wo eine Dollarnote (jedenfalls für die ausländischen Handelspartner) ein Versprechen auf die Lieferung von Gold war, sind bekanntlich lange vorbei.

    Wir (bzw. zunächst die BuBa) können (kann) damit also nur eines tun: Einkaufen gehen in den USA.
    Unter Notenbanken hat es sich (wie und warum auch immer: keine Ahnung) eingebürgert, Staatsanleihen des Schuldnerlandes anzukaufen. Soweit die BuBa das tut, ist sie natürlich im Risiko. Ebenso kann sie (tut sie?) die Dollar auch an deutsche oder ausländische Geschäftsbanken verleihen, die ihrerseits damit arbeiten.

    Die (beispielsweise: griechischen) Target-Schulden sind so etwas wie griechische Euro. Wird die europäische Währungsunion aufgelöst, dann gibt es bei der Umstellung dieser deutschen (BuBa-)Forderungen an Griechenland (wohlgemerkt: an die griechische Volkswirtschaft!) verschiedene Alternativen:
    - Die Forderungen bleiben in Euro bestehen. (Bzw., wenn die EWU aufgelöst ist, in einer synthetischen Korbwährung, die dem verschwundenen Euro entspricht.)
    - Die griechischen Euro-Schulden (und Euro-Forderungen) werden 1:1 in Drachmen umgestellt. Die werden vermutlich rasch abwerten.

    Werden die Forderungen auf Euro umgestellt, müsste die Griechische Nationalbank theoretisch Euronen, oder ggf. eine Korbwährung, an die BuBa zahlen - sofern die Target-Salden ausdrücklich als Kredite behandelt werden. Das glaube ich allerdings nicht.

    (Forts. wg. Zeichenbegrenzung im Folgekommentar)

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  4. Ansonsten können die Forderungen nur dann und dadurch zurückgeführt werden, dass Deutschland ein Leistungsbilanzdefizit gegenüber Griechenland fährt.
    Das kann eintreten durch Rücküberweisung von hier gebunkerten Griechen-Geldern nach Griechenland, durch eine starke Ausweitung des deutschen Leistungsnachfrage in Griechenland (z. B. Ausweitung des Tourismus, wenn die Drachme fällt) oder durch Reduzierung der griechischen Nachfrage in Deutschland.

    Ebenso könnte die BuBa mit diesem Geld griechische Staatsanleihen kaufen. Dann würden die Devisenreserven höher verzinst - aber dadurch natürlich auch nur ansteigen, solange D. nicht drauf zugreift. (Dieses "Problem" würde sich freilich von selber lösen, denn die nächste Griechen-Pleite käme bestimmt. ;-) )

    Gehen wir vom Szenario eines dt. Leistungsbilanzdefizits gegen Griechenland aus, sagen wir 1 Mrd. im Jahr X.
    Unterstellen wir mal, dass dieses Defizit dadurch entsteht, dass ein dt. Milliardär im G. eine Fa. zu diesem Preis kauft (d. h. die sonstigen Transaktionen zwischen D. und G. wären ausgeglichen).

    Dann muss unser deutscher Griechenland-Investor die Drachmen bei der BuBa einkaufen, die sie an die griechische Nationalbank überweist.

    Variante 1:
    Real würde dabei einfach das BuBa-Guthaben bei der GNB um 1 Mrd. Drachmen sinken. Griechenland hätte seinen Kredit bei der dt. Volkswirtschaft real in Waren an uns zurückgezahlt.

    Theoretische Variante 2:
    Hätte die BuBa KEIN Guthaben bei der GNB (also keine griechischen Devisenreserven), dann müsste sie die Drachmen am Markt kaufen, bzw. sich von der GNB leihen. Was es den Griechen wiederum ermöglichen würde, später zum entsprechenden Gegenwert in D. einkaufen zu gehen - ohne dass sie selbst (noch einmal) etwas dafür liefern müssten. (Sie waren ja schon in Vorlage getreten durch die "Lieferung" der Firma für 1 Mrd.).

    Sollte sich Griechenland also weigern, die Forderungen der BuBa gegen die GNB (= Forderungen der dt. Volkswirtschaft gegen die griechische Volkswirtschaft) anzuerkennen, träte Variante 2 ein.
    Heißt konkret: Obwohl die dt. Volkswirtschaft gegenüber der griechischen früher schon (mit vielen, vielen Porsche-Autos ;-) ) in Vorlage getreten war (was seinen Ausdruck in den Target-Überschüssen der BuBa findet), müsste die dt. Wirtschaft dann (irgendwann) noch einmal für 1 Mrd. Porsche-Autos liefern, um den deutschen 1-Mrd.-Firmenkauf in Griechenland realwirtschaftlich zu bezahlen.

    Es ist also keineswegs so, dass eine Streichung der dt. Target-Forderungen KEIN Verlustgeschäft für die dt. Volkswirtschaft wäre.
    Andererseits: Solange die Target-Salden (bzw. nach EWU-Auflösung: Drachmen- oder Währungskorb-Reserven) einfach stehenbleiben (Deutschland also keine Leistungsbilanzdefizite gegen G. fährt) scheint es zunächst in der Tat gleichgültig zu sein, ob Griechenland die anerkennt oder nicht.

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  5. Und hier (wiederum wg. Zeichenbegrenzung) der 3. Teil meines Kommentars:


    Ich vermute allerdings, dass sich das in der Realität doch etwas anders verhält. Zum einen könnte, wie gesagt, die BuBa griechische Anleihen (des Staates, oder vielleicht auch von dortigen Unternehmen) kaufen. Zum anderen könnte sie die Drachmen beispielsweise in französische Franc einwechseln. Das wäre dann sinnvoll (und würde die BuBa dann vielleicht auch tun), wenn D. gegenüber G (weiterhin) einen Leistungsbilanzüberschuss, gegenüber F jedoch ein Leistungsbilanzdefizit hätte. Dann kann sie die FF ankaufen, indem sie (potentiell inflationstreibend) DM druckt. Oder, in Deutschland geldmengenneutral, indem sie die Drachmen in FF einwechselt. (Was durchaus auch für F sinnvoll sein kann, wenn nämlich dieses Land seinerseits ein Leistungsbilanzdefizit gegen G hat.)

    Als Laie kann ich die ganzen Möglichkeiten natürlich auch nur anreißen. Aber grundsätzlich gilt auch hier: There is no free lunch. Heißt hier: Wenn G. sich weigern sollte, die Target-Forderungen anzuerkennen, dann entsteht der Bundesbank und der dt. Volkswirtschaft ein echter Verlust. Irgendwer "büßt" am Ende in D., wenn G hier quasi vorschussweise Waren kauft und hinterher "ätsch" sagt.

    Ist aber unwahrscheinlich, dass die Griechen das tun. Weil die GNB der BuBa wohl nichts zahlen muss, sondern nur die griechische Volkswirtschaft der deutschen etwas. Und das kann der GNB zunächst einmal egal sein.

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