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CANABBAIA
Donnerstag, 29. Juni 2006
 
Marktwirtschaft, Milchwirtschaft, Fremdenverkehr
Ob mein anthropologischer Crash-Course bei dem Texaner R.W.B. McCormack (vgl. dazu den Eintrag "Back to the World" vom 28.06.06) mich nunmehr zu eigener ethnographischer Analyse befähigt hat, werden die nachfolgenden Zeilen erweisen müssen.


Jedermann (und natürlich auch jede Frau) kennt die Feststellung
"Auf der Alm da, auf der Alm da, auf der Alm da gibt's kei' Sünd" (auch: "koa Sünd" oder "ka Sünd" geschrieben).
Dieser Satz ist aber keineswegs deskriptiv gemeint, in dem Sinne, dass es dort droben kein Verhaltensweisen gäbe, welche von der Gesellschaft als sündhaft geächtet werden.
Ganz im Gegenteil setzt diese Redensart das Wissen um eine almentypische Promiskuität bereits voraus, die lediglich normativ vom Sündenurteil freigestellt wird, weil sie räumlich in einem Bereich stattfindet, wo die gesellschaftlichen Sittenurteile suspendiert sind.

Freilich setzt die Gültigkeit der hier zu analysierenden Proposition das Vorhandensein von Rindviechern auf den Almen voraus. Insoweit gilt der Satz: "Ohne Rindvieh keine Sünde auf der Alm".
Dabei ist freilich das Vieh weder Sündensubjekt noch (zumindest hoffe ich das) Sündenobjekt. Rindviecher sind lediglich insoweit eine conditio sine qua non für sündenfreies Almentreiben, als das Vorhandensein der Sennerin (und ggf. des Senners, der freilich - wie in dem oben verlinkten Volkslied - auch durch andere Besucher substituiert werden kann) notwendig mit dem Almauftrieb von Rindvieh gekuppelt ist.

Und da liegt der Hase im Pfeffer oder vielmehr liegen die Rindviecher heutzutage auf Gummibetten faul im Stall herum und "lohnen" dem Menschen einen Almauftrieb mit einer Milchminderleistung.

"Sag mir, wo die Kühe sind" titelte der Münchner Merkur in der Ausgabe vom 12.06.2006 auf der Seite MM3 und erläutert im Untertitel: "Immer seltener auf der Weide - Bayerische Tourismusämter bangen." "In Oberbayern und im Allgäu werden heute maximal noch 20% der Tiere auf die Weide geführt" erfahren wir aus einem separaten Interview ("Man wird viel weniger Tiere auf der Weide sehen") mit Norbert Bleisteiner, Dozent für Agrarökonomie an der FH Weihenstephan. Und weiter: "... in Nordbayern sind es vielleicht noch 5%".
Denn: "Wer die Tiere grasen lässt riskiert, dass sie Verdauungsprobleme bekommen" berichtet der Reporter Martin Zöller im Hauptartikel. [In der Tat waren mir schon immer zahlreiche Verdauungsprodukte von Rindviechern wie Produkte von Verdauungsproblemen vorgekommen.]
Den optimalen Ertrag liefert nur eine mit TMR - Total Mixed Ration - gefütterte Milchspenderin: Gras zusammengemischt mit Klee, Mais, Heu, Getreide und Sojaschrot, dazu Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine [aha: deswegen also haben - u. a. - Betriebe aus der Viehwirtschaft (vergeblich) versucht, ein Kartell der Vitaminwirtschaft in den USA in einem class-action Rechtsstreit an die Hammelbeine zu kriegen: hier das nach Rückverweisung vom US Supreme Court ergangene Schlussurteil des Berufungsgerichts. (Ich wollte eigentlich aus dem recht umfangreichen Material, das im Internet zu diesem Prozess verfügbar ist, einen Blogeintrag zum Thema "Legal Imperialism" machen, doch hätte eine sachadäquate Darstellung und Analyse mehr Zeit erfordert, als ich dafür aufbringen kann.)]

Back to the cows, though:
Bei denen hilft auch jenes Glücksgefühl der Milchlieferleistung auf, das ein moderner Laufstall den Tieren vermittelt: Regen, Sonne und Luft spüren sie dort, haben Auslauf und können ihren Herdentrieb ausleben.
Geräte zur Massage und Selbstreinigung können sie mit einem Kopfstoß selbst einschalten (ausgeschaltet wird es von einer Zeitschaltuhr): diese Reibemaschinen ersetzen die Bäume. Besser als alles, was die Natur bieten kann (und was die Zenzi und ihr Toni je in ihrer Almhütte hatten) sind Gummibetten im Liegebereich. Welches Rind mag da noch den Stall verlassen?

Die Fremdenverkehrswirtschaft macht indes so viel Stallkomfort nervös. Denn die Touristen fragen bereits in den Fremdenverkehrsämtern: "Hier waren doch mal Kühe! Wo kann ich Kühe fotografieren?" [Kein Wunder also, wenn Kinder Kühe lila malen - kriegen ja nicht mal mehr auf dem Land welche zu sehen!]
Deshalb fordern die Verkehrsbüros: "Wir brauchen Kühe auf den Wiesen. Sie bringen uns Alm-Flair."
Und außerdem bringen die Kühe die Zenzi und den Toni hoch zum sorgenfreien Almensündigen. Ohne Kühe keine Sennerin auf der Alm, ohne Sennerin gibt es dort kein sündenfreies Sündenleben mehr.

Mit anderen Worten: durch die marktinduzierten Veränderungen in der Milchwirtschaft verändert sich der Bedeutungsgehalt des Satzes "Auf der Alm da gibt's koa Sünd" vom normativen zum deskriptiven Inhalt. Die Marktwirtschaft hat jegliches Nicht-Sündenpotential auf den grünen Bergmatten zunichte gemacht!

Recht hat somit auch der eingangs erwähnte texanische Anthropologe und Professor für Ethnolinguistic R.W.B. McCormack, wenn er in seiner Ethnographie "Tief in Bayern" feststellt, dass "ein [Peter] Rosegger ... in diesem Milieu nicht mehr gedeihen wird" (S. 102 der Goldmann-Taschenbuchausgabe von 1993).
Vergeblich werden wir nun darauf warten, dass uns ein genialer Heimatdichter die Geschichte seiner Jugendjahre erzählt unter einem Titel wie "Als ich noch der Sündalmenbankert war" . Aus und vorbei, die Almensünderei.

Und alle Fremden, die früher zum Kühe-Fotografieren nach Bayern gereist sind, jetten zukünftig in den Serengeti-Park zum Elefantenknipsen.

Da schaut's her, welch weit reichende Schäden an Tieren und Menschen die Agro-Technologie nach sich zieht: die Tiere bleiben im Stall, und die Menschen müssen deshalb weit in die Ferne ziehen!


Textstand vom 13.07.2006. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Hexenkälte oder Hexenhitze?
Nicht nur die Lektüre von Wilhelm Abels 'Hungerkrisen' stand in einem gewissen Widerspruch zu unserem realen Urlaubs-Leben in Garmisch-Partenkirchen (vgl. "Back to the World" vom 28.06.06).Auch "The Catcher in the Rye" des amerikanischen Schriftstellers Jerome David (J. D.) Salinger (hier ein deutschsprachiger Essay zu diesem Werk von einem gewissen Peter Oefele; eine umfangreiche Interpretation – in Englisch – findet der oder die einschlägig Interessierte dort; biografische Infos in weit größerer Ausführlichkeit als die deutschsprachige Wikipedia bringt naturgemäß das englischsprache Lexikon; dort auch ein längerer Artikel zum Buch; bitte aber ggf. die "Spoiler warning" beachten!), den ich allerdings nur angelesen habe (in einer Penguin-Taschenbuchausgabe von 1972) kontrastierte jedenfalls insoweit mit der aktuellen Situation, als er im Dezember spielt und es eiskalt ist, während es in unserem Urlaub im Juni 2006 ziemlich warm war.

Die meteorologische Beschreibung in Salingers Buch ist mir deshalb in Erinnerung geblieben, weil sie einen mir vorher gänzlich unbekannten Ausdruck verwendet: "... it was cold as a witch's teat" heißt es dort (Hervorhebung von mir).
Ein merkwürdiger Vergleich, dessen Hintergründe ich nach länger Internet-Recherche zwar nicht aufklären, aber doch amüsiert erhellen konnte, nämlich auf einer Webseite mit dem viel versprechenden (und durchaus haltenden) Titel "The Vulgar Comparative Metaphor FAQ" (dort z. t. in der Schreibweise " cold as a witch's tit").

Aber ganz unabhängig von und zeitlich vor dieser Recherche brachte ich jene Realität eines feuchtwarmen Urlaubswetters in die Form eines ebenfalls englischsprachigen, parallelisierenden Ausdrucks.
Die Frage war: "Humid and hot – as what?"

Meine Lösung (welche zu übersetzen freilich etwas unschicklich wäre): "Humid and hot as a witch's twat".



Textstand vom 14.07.2006. Auf meiner Webseite
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Mittwoch, 28. Juni 2006
 
"Back to the World" ....
..... sagen die US-Soldaten, wenn sie nach längerer Zeit im Ausland wieder dorthin zurück kehren, wo zwar auch nicht Milch und Honig gratis fließen, aber doch wenigstens unbegrenzte Kaffeemengen aus der "bottomless cup" (vgl. Eintrag "Amerika, du hattest es besser!" vom 10.07.20005).

Wir nun sind gleichfalls heimgekehrt: von einem Urlaub tief in Bayern 'back to the Bildschirm', welcher die Welt zwar nicht bedeutet, aber doch bedeutend näher bringt (oder nur zu bringen scheint?).
Zurück gewissermaßen aus "Grüssgottanien" nach "Gutentagien".
Mir als agnostizistischem Preußen kommt das "Grüß Gott" zwar deutlich schwerer über die Lippen als meiner multikulturellen Gattin, aber, wie das Sprichwort sagt: "When in Rome, do as the Romans do". Oder: "Paese che vai, usanze che trovi". Auf Deutsch: "Andere Länder, andere Begrüßungsformeln".
Also: man will nicht auffallen (und außerdem kann ich mir als reservatio mentalis ja immer noch ein "wenn du ihn siehst" hinzudenken). So stimmte auch ich mit meinem unbayerischen Akzent ein in jenes fröhliche "Grüß Gott", mit welchem sich z. B. auch die Wandersleute unterwegs begrüßen.

Nicht gesehen haben wir Bruno, alias JJ1, den Braunbären, der u. a. auch die Gegend um Garmisch-Partenkirchen unsicher gemacht hatte. Ehrlich gesagt, waren wir auch nicht sonderlich scharf auf eine Begegnung.
Trotzdem: In der Nacht vom Sonntag, 25.06.06 auf Montag, 26.06.06 habe ich fast gar nicht geschlafen. Wegen der bevorstehenden Abreise? Oder wegen telepathischer Einfühlung in Bruno den Bären, der im Morgengrauen starb? "Eine Kugel zerfetzte seine Lunge" unter-titelt die Bild-Zeitung ihren Aufmacher ("Der tote Bär") vom Dienstag, 27.06.06. Eine Zeichnung mit flammendem Mündungsfeuer erweckt den Eindruck eines Computerspiels.

Ja, auch mir tut Meister Petz leid, besonders wenn ich das herzige Foto auf S. 10 der Ausgabe sehe. Alles zum Ableben des Bären kann man im Münchner Merkur nachlesen (http://www.merkur-online.de/regionen/bayern/baer/index.html) – jedenfalls dann, wenn man sich (kostenlos) registrieren lässt. "Bild"-reif ist die Überschrift "Die Rotwand war sein Schicksal".

Billig ist die Kritik an den "Bürokraten"; erschreckend, dass "Tierfreunde" nunmehr Morddrohungen gegen die Jäger ausstoßen. Erschreckend, aber eigentlich nicht verwunderlich. Einige üble Nazi-Menschenquäler hätten einem Tier nie etwas zu Leide tun können – Juden aber haben sie auf grausamste Arten zu Tode gequält. Ist also gar kein Wunder, dass manche dieser lieben Menschen auch heute wieder Mordlust verspüren. Was aber nicht zu dem logisch unzulässigen Umkehrschluss verführen soll, dass Tierfreunde etwa mehrheitlich solche Typen wären. [Übrigens war auch Richard Wagner, als Mensch nicht unbedingt ein Muster an Redlichkeit und Rücksichtnahme - sowie ein übler Antisemit – ein großer Tierfreund: vgl. z. B. die Biographie von Robert Gutman "Richard Wagner. Der Mensch, sein Werk, seine Zeit."]

Wie auch immer: durch einen Braunbärenverseuchten Wald – egal, ob Problembären oder nicht – möchte ich nicht wandern.
Der Staat ist nicht nur ganz allgemein wegen der "Gefahrenabwehr" in der Pflicht, mich zu schützen, sondern nicht zuletzt auch deswegen, weil er das Gewaltmonopol beansprucht. Ich hätte ja nichts dagegen, in bärenverseuchten Gegenden herum zu laufen, wenn der Staat seinerseits nichts dagegen hätte, dass ich dann 'ne Knarre dabei habe.
Wer aber die Bürger entwaffnet, muss sie entsprechend schützen: nicht nur vor anderen Menschen, sondern ebenso vor potentiell gefährlichen wilden Tieren.
Nicht gänzlich unwichtig ist übrigens auch der finanzielle Aspekt. Die Fressgewohnheiten des kleinen Bärleins lasten teuer auf meiner Steuer, wenn der Staat Entschädigungen zahlen muss. Und das muss (und hat der auch) wohl tun, wenn er den Bürgern verbietet, 'die Sache selbst in die Hand zu nehmen'.

In ihren ganzseitigen Berichten zum Bärentod auf S. 10 der Ausgabe vom 27.06.06 zeigt die Bild-Zeitung oben ein großes "süßes" Foto vom Braunbär – und unten ein ganz kleines von einem der vielen Schafe, die dieses schnuckelige Kuschelbärchen "gerissen" hat, wie der Fachausdruck lautet, oder, wie man anschaulicher sagen müsste, denen der Bär den Körper blutig aufgerissen und die er regelrecht ausgeweidet hat.
Wie würden wohl die Leser reagieren, wenn beide Bilder nach Position und Größe vertauscht wären? Wäre ein echt interessantes mediensoziologisches Experiment: Wenn z. B. -2- Zeitungen oder Fernsehsender über ein emotional besetztes Ereignis "gegenläufige" Bilder dieser Art zeigen und anschließend eine Forumsdiskussion eröffnen würden: wie viel Prozent Ablehnung bzw. Zustimmung ergäben sich dann beim Vorherrschen von (z. B.) "bärenfreundlichen" bzw. "bärenfeindlichen" Illustrationen?

Die Lektüre zahlreicher Leserbriefe und Kommentare stellt einige Passagen aus einer Rede des US-amerikanischen Schriftstellers Michael Crichton (Autor von "Jurassic Park", "Welt in Angst" und zahlreichen weiteren Bestsellern) wieder vor mein geistiges Auge. Zwar habe ich die Argumentation seines Vortrages "Environmentalism as Religion", bekannter als "Remarks to the Commonwealth Club" vom 15.09.2003 in meinem Eintrag vom 26.04.05 (The (b)rat in the box at the ultimate lever?) mit aller mir verfügbaren Schärfe angegriffen. Auch seine Bemerkungen über die sentimentale Naturferne der verstädterten Menschen habe ich kritisiert, allerdings nur insofern, als sie in seiner (rein rhetorisch übrigens brillanten) Rede für eine logisch fehlerhafte Beweisführung herhalten müssen.
Inhaltlich hat er aber völlig Recht mit Sätzen wie:
"... the romantic view of the natural world as a blissful Eden is only held by people who have no actual experience of nature. People who live in nature are not romantic about it at all." Den Satz "And if you, even now, put yourself in nature even for a matter of days, you will quickly be disabused of all your romantic fantasies" möchte man allen jenen zurufen, die gemütlich am heimischen Herd darüber phantasieren, wie ungefährlich das liebe Brunolein doch war.
"The truth is, almost nobody wants to experience real nature. What people want is to spend a week or two in a cabin in the woods, with screens on the windows." In der Tat glaube ich nicht, dass allzu viele der sentimentalen Bärenfreunde allein oder gar mit ihren Kindern einem Bären in freier Wildbahn begegnen möchten!


Indes: es gibt noch andere wichtige Ereignisse auf der Welt außer dem Geschehen um den Braunbär Bruno.
Was, außer der lokalen Tageszeitung, liest man sonst also noch, wenn man im Urlaub endlich mal wieder Zeit hat, ganze Bücher zu lesen?


In Bayern natürlich "Tief in Bayern", eine stammeskundliche Studie eines (angeblich) texanischen Ethnologen R.W.B. McCormack. In der Amazon-Kundenrezension sagt eine Leserin treffend: "Allerdings setzt es doch gewisse Grundkenntnisse des bayerischen Lebens und der (jüngeren) bayerischen Geschichte voraus, weil man ohne sie einige der Spitzen und Anspielungen überhaupt nicht versteht- so konnte ein Bekannter, dem ich das Buch ausgeliehen hatte, als absoluter Nichtbayernkenner damit nicht sooo viel anfangen."
Die außerordentlich intimen Landes-Kenntnisse sind freilich nicht mehr ganz so verwunderlich, wenn man weiß, dass das Buch von dem Münchener ehemaligen Amerikanistik-Professor Gert Raeithel geschrieben wurde (hier die Amazon-Gesamtliste seiner Werke). Auch ich habe nicht alle Anspielungen verstanden, aber lustig war's doch.
Nur dass auch hier (zum "auch" vgl. mein Eintrag " PISTOLE ODER DEGEN? ICH FORDERE SATISFAKTION" vom 13.11.05) ein Münchner sich wieder erdreistet, meine Heimatstadt Bielefeld zu schmähen, das ist stark! Auf S. 193 (der Goldmann-Taschenbuchausgabe vom Juli 1993) heißt es nämlich: "Eine Frittenbude in Bielefeld mag ihr Ambiente haben, aber der Bayer hält seine eigene Gastronomie für überlegen." (Hervorhebung von mir) Dieses Scheinlob kann doch nur als hinterhältige Kritik an den Bielefelder Frittenbuden gemeint gewesen sein? Ist ja auch selbst Schuld, der Mann, wenn er in Bielefeld Fritten frisst – statt der guten westfälischen Bratwurst, nach welcher es mich im hessischen Exil so sehr verlangt! (Nach den sonstigen Bielefelder Gastronomiekünsten sehne ich mich freilich eher weniger – Grünkohl mit Schweinebauch bei Karstadt einmal ausgenommen.)

Nevertheless: wo er recht hat, hat er recht, der ehemalige Amerikanistik-Professor Gerd Raeithel. So z. B. auf S. 161, wo er über die Sportarten der Bayern (in diesem Falle allerdings – leider – mit Gültigkeit für ganz Deutschland) schreibt:
"Einige ziehen das passive Sonnenbaden vor und lassen sich an den Stränden ... braun rösten, wobei bei Frauen über 50 nach Badeschluss oft nur eine pergamentene Hülle auf dem Bootssteg liegen bleibt." (S. 161; Hervorhebung von mir)
Cangrande wäre natürlich nicht der große Hund, der er nun einmal ist, hätte er nicht auch an dieser Stelle etwas an dem texanischen Anthropologen R.W.B. McCormack zu kritteln.
In Wirklichkeit handelt es sich bei dieser Strahlenexposition nämlich gar nicht um Sport, sondern vielmehr um eine umweltfreundliche Form der Ledergerbung!


Kehren wir jedoch zurück zu den kulinarischen Erfreulichkeiten in Bayern, einem guten Schweinebraten mit Knödeln z. B., so passt als kontrapunktische Lektüre dazu besonders ein agrar- und sozialgeschichtliches kleines Büchlein von Wilhelm Abel: "Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland" (2. Aufl. Göttingen 1977).
Was ich darin allerdings (um jetzt mal wieder ernsthaft zu werden) vermisse, ist ein Hinweis auf die "Industrialisierung" und die Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft. Denn ohne diese hätte sich auch die gestiegene Produktivität der Industriearbeit nicht in erhöhter Kaufkraft niederschlagen können. Bei gleich bleibender bzw. wachsender Bevölkerungszahl hätten (wenn man von Importmöglichkeiten einmal absieht) wären die Nahrungsmittel zunehmend knapper geworden und hätten deshalb (in einem mehr oder weniger freien Markt) ständig teuerer werden müssen, wäre es nicht gelungen, auch in diesem Wirtschaftssektor die Produktivität gewaltig zu steigern.


Abschließend noch einmal zurück zum Bruno Bär.
"Schnappauf" (Werner) heißt der zuständige bayerische Umweltminister.
Wo hatte ich diesen immerhin recht auffallenden Namen gerade gelesen? Richtig, in der o. a. Wagner-Biographie des Amerikaners [dieser hier ist tatsächlich ein Amerikaner!] Robert Gutman, S. 375 der 5. Auflage der Heyne-Taschenbuchausgabe ist von "Cosimas Faktotum, ein Friseur" die Rede. Und dessen Spuren lassen sich sogar noch heute im Internet verfolgen.


Nachtrag 01.08.2007:
Irgendwo muss ich ihn doch unterbringen, meinen heutigen Linkfund zu GAP:
Kurzgeschichten u. d. T. "Abenteuer eines Amtsarztes. Unglaublich wahre Kurzgeschichten" hat Dr. med. Volker Juds vom Gesundheitsamt Garmisch-Partenkirchen online gestellt.




Textstand vom 01.08.2007. Auf meiner Webseite
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Die Botschaft der Taube
To buy or not to buy: das war die Frage angesichts des neuesten Aldi Digitalkamera-Angebots.

Eine Traveler DC 8600 mit traumhaften 8,1 Megapixeln, einem unwiderstehlichen 6-fach optischem Zoom und 2,8-Zoll Monitor und die ganze Herrlichkeit für 259,- €.

Das Herz (oder der Spieltrieb?) sagte "ja", der Verstand (= das urlaubsgeplünderte Bankkonto) sagte "nein".

In dieser Situation erblickte ich die Taube.

Von der "Treffeteria" (Cafeteria) im Globus-Supermarkt, wo wir frühstückten (mit der bekannten "bottomless cup of coffee") konnte ich sie beobachten, wie sie auf einer Deckenverstrebung im Laden oberhalb der Kassen saß und spähte. Als "Zugabe" (vom fotografischen Standpunkt gedacht) hing darunter [wie auch an den anderen Kassen] ein Plakat mit der Aufschrift "Belohnung" (der weitere Text war kleiner und aus der Distanz nicht lesbar).
Das wäre eine Fotoaufnahme gewesen; mit Teleobjektiv gar kein Problem ... . Wenn ich jetzt eine kleine Digitalkamera aus der Tasche ziehen könnte ... .

So kam denn die Botschaft der Taube zu mir nicht als Friedensbotschaft, sondern vielmehr als Schlachtruf: Zieh' in den Kampf mit deinem Konto, zage nicht vor den Tücken der Technik!

Und so geschah es denn, dass ich gestern "Bescherung" feiern konnte – obwohl doch Weihnachten noch lange hin ist.


Immerhin: vielleicht meistere ich sogar bis zum nächsten Weihnachtsfest die verwirrend vielfältigen Funktionen einer solchen Digitalkamera.


Nachtrag vom 13.07.06:
Nachdem ich in meinem StatCounter feststelle, dass sich der eine oder andere Interessierte an der Traveler DC 8600 zu meiner vorliegenden Eintragung "verirrt", hier ein Link zu einem speziellen Forum für diese Kamera, in dem es wertvolle Informationen und nette Menschen gibt.


Nachtrag 27.06.10:
Auch wenn ich inzwischen auf eine andere Marke umgestiegen bin, habe ich den Kauf der "Aldi-Knipse" nicht bereut, weil ich mit der Traveler in der Zwischenzeit viel Freude hatte (und auch der Service vorzüglich war).


Nachtrag 07.11.10
Meine Frau hatte etwa 1 Jahr später das Nachfolgemodell, die Traveler CD-X 26, gekauft: 10 Megapixel, Speicherkarte bis 4 GB, ansonsten in etwa gleich. Irgendwo bei 200,- € kostete sie noch, in 2007.
Ab morgen gibt es diesen Fotoapparat in den Globus-Warenhäusern (also auch bei uns in Wächtersbach). Anders ist wohl nur der Name: "Maginon DC-X-Z6" heißt die Kamera dort. Wenn ich den Preis sehe, muss ich beinahe weinen: 59,99 €, also nur noch rund 60 Euronen, muss man jetzt auf den Tisch legen, um diese Digitalkamera (uralte), hat, dem kann ich einen raschen Zugriff nur empfehlen!






Textstand vom 07.11.2010. Auf meiner Webseite
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Montag, 26. Juni 2006
 
MULTIKULTIKULTIMULTI
Ziemlich am Ende der Ludwigstraße (Nr. 9) in Garmisch-Partenkirchen gibt es einen Laden, der sich großspurig "Mall of Bavaria" nennt.

Sonderlich groß ist er nicht, schon gar nicht ein Einkaufszentrum ("Mall") - und mit dem "Bavarian" hapert es auch:

Im Schaufenster bzw. in der Eingangstür der "Bavarian Mall" hängen Flyer, ansprechend mit Alpenlogo im Kopf und Fuß. Der Werbetext dazwischen preist an:

"Wunderschöner Schmuck aus Peru".

Macht aber nichts: vielleicht soll das ja Multi-Kulti sein.

Ähnlich jenem Kulti-Multi, wie wir es schon des Öfteren daheim in Wächtersbach erlebt haben:

- "Italienische Nacht" auf der Straße mit amerikanischer (usw.) Rockmusik;
- "Italienischer Abend" im Italienischen Lokal mit Akkordeonspieler, der die Gäste u. a. fragte: "Warum ist es am Rhein so schön"
- oder auch ein "französisches" Fest des Vereins für die Kontaktpflege mit der französischen Patengemeinde - ebenfalls mit amerikanischer (usw.) Rockmusik.

Nur Doppel-Whopper haben mir auf diesen Festen zum vollkommenen Glück gefehlt.

Textstand vom 27.06.2006. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 8. Juni 2006
 
Avere un Santo in der Zeitungsredaktion
Roland Tichy ist des Handelblattes gesundheitspolitischer Drachentöter. Oder wäre es doch zumindest, wenn er Gesundheitspolitiker wäre.

Denen zeigt er mutig, wo's lang geht:
"... die Politik [ist] nicht in der, die kostentreibenden Strukturmängel, die Verschwendung und Ineffizienz im Gesundheitssystem als eigentliche Ursachen der Kostensteigerung zu beheben"
schimpft er (völlig zu Recht!) in seinem Handelsblatt-Kommentar vom 08.06.2006 u. d. T. "Entschieden unentschieden".

Er selbst steht dagegen entschieden - auf Seiten der Pharma-Industrie.
"Und natürlich wird nicht vergessen, der Pharmaindustrie noch eins überzuziehen: Die angekündigten schärferen Kosten-Nutzen-Analysen bedeuten nur, dass Versicherte auf neue, innovative Medikamente länger warten müssen"
schimpft er (als Schutzheiliger der Placebo-Pillen-Produzenten).

Wasch die anderen - und mach mir ja meine Freunde nicht nass!

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Samstag, 3. Juni 2006
 
Der kleinste Wochenmarkt der Welt – in Wächtersbach!



Wenn Sie ein "Guinness Buch der Rekorde" zur Hand haben, können Sie es überprüfen: der kleinste Park der Welt soll dort eingetragen sein.
Er heißt "Mill Ends Park", ist sogar in der (englischsprachigen) Wikipedia aufgeführt und hat eine Größe von 29 cm². Mitten in der Stadt Portland liegt er, im US-Bundesstaat Oregon. Sollten Sie dort einmal vorbeikommen, und den Mill Ends Park sehen, so grüßen Sie ihn schön von mir.

Dass wir die Amerikaner bei Rekorden nach oben kaum übertreffen können, wissen wir ja. Aber müssen die jetzt auch noch in der Nano-Parkologie führen? Und Wächtersbach jegliche Weltrekordchance rauben? Da soll doch der Grey goo ... !

Es hat mich nächtelang nicht ruhen lassen, und ich war schon drauf und dran, drei Pflastersteine auf dem Marktplatz auszugraben, um dort den wirklich allerkleinsten Park der Welt zu gründen.
Das hätte mir aber vermutlich Schwierigkeiten mit Parkplatzsuchern und Stadtverwaltung eingebracht. Zum Glück war eine derartige Bemühung gar nicht nötig.

Denn was wir allsamstäglich genau dort, auf dem Marktplatz, von unserem Fenster aus erblicken, ist bereits Weltrekordreif: der kleinste Wochenmarkt der Welt!

Genau -2- Stände warten dort auf Kunden: eine Imbissbude und ein Honig- und Brotverkaufsstand. Während man sich bei den Parks immer noch einen kleineren vorstellen könnte – 25, 20, 15 cm²... usw. - , sind -2- Stände schon per definitionem die absolute Untergrenze: ein Stand allein macht keinen Markt.

Und weil unser Wächtersbacher Wochenmarkt aus genau -2- Marktbuden besteht, ist er notwendiger Weise der kleinste Wochenmarkt der Welt.

Was beweist, dass Wächtersbach außer freundlichen Wildschweinen noch unzählige andere Attraktionen zu bieten hat. Das jedenfalls behaupten die Wildschweine, und die sind tierisch klug: sie können nach Trüffeln schnüffeln, rasend schnell laufen oder die besten Maisfelder finden. Der Jäger kann auf sie zielen und in den hiesigen Wäldern auf zahlreiche Bestände zählen.

Die Wildschweine können natürlich nicht zählen.

P. S.: Zum Einkaufen fahren wir natürlich nach Mainz auf den Wochenmarkt.


Textstand vom 03.06.2006. Auf meiner Webseite
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