Freitag, 24. Februar 2006

Von der Atombombe zur Frauenemanzipation ...

... ist eine Überschrift, die keine gesellschaftlichen Kausalzusammenhänge beschreibt (wenn man von Lise Meitner einmal absieht). Und nicht einmal meinen Pfad zur Erkenntnis, denn das Denken über Emanzipation treibt mich schon seit langem um.

Als gewesener Bodenverteidigungssoldat der Deutschen Luftwaffe ("Z-Schwein" oder "W24" – das ist hier die Frage!) weiß ich natürlich, dass das Schanzen Blut spart.
Wenn ich gleichwohl nicht in die Schützengräben des Geschlechterkampfes steigen möchte, dann nicht so sehr deshalb, weil auf dem Feldherrnhügel meist deutlich weniger Blut vergossen wird als im Schützengraben. Ich meine: die Aussicht ist dort einfach besser.
Und wenn ich es beim Militär nicht zur Stellung auf dem Feldherrnhügel gebracht habe, kann ich doch wenigstens im Reich des Geistes den Adler rauslassen.

Prof. Dr. Martin van Creveld ist an allem Schuld. Der führte mich, wie ich in einem Nachtrag zu meinem Blog-Eintrag über die "Scholz-Bombe ... " näher beschrieben habe, von der Atombombe zur Frauenemanzipation und gibt mir auf diese Weise eine Veranlassung, dem geneigten (oder auch ungeneigten) Publikum schon länger gedachte Gedanken zu präsentieren. Eine Senfstaumauerbombe, so zu sagen, war, was ich über sein Buch "Das bevorzugte Geschlecht" (hier der ursprüngliche Publikationsort) las.

Eines zumindest habe ich von Oswald Spengler gelernt, und das sind zwei ganz allgemeine gedankliche Ansätze im Bemühen um das Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen:

- Zum einen die Philosophie der gesellschaftlichen (kulturellen, zivilisatorischen) Relativität (ein Aspekt des Spenglerschen Denkens übrigens, der m. E. viel zu wenig gewürdigt wird, obwohl er doch schon aufgrund der Kontemporaneität mit Einsteins physikalischer Relativitätstheorie ins Auge fallen müsste und obwohl er in meinen Augen das eigentlich Zukunftsträchtige in Spenglers "Untergang des Abendlandes" ist. Aber natürlich überdeckt Spenglers apodiktischer Stil seine inhaltlich relativistische Denkweise.)

- Zum anderen die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der 'großen' Entwicklungen.
Spengler verwendet nicht den Begriff "gesellschaftliche Funktion". Aber indem er die Vorstellung entwickelt, dass z. B. eine bestimmte Kunst, sagen wir mal, die Bildhauerei, einer ganz anderen Kunst – z. B. der Musik – in einer anderen Gesellschaft 'funktional äquivalent' (auch kein Begriff von oder bei Spengler) ist, stellt er die Frage nach dem Stellenwert, mathematisch gesprochen (Spengler war ja eigentlich Mathematiker!) kann man vielleicht sagen, die Frage nach der "Funktion" der – jeweiligen – Kunst, Philosophie, Technik usw. innerhalb eines Kulturkreises.

Und das ist, denke ich, die eigentliche Frage, die wir uns, wollen wir Wissen gewinnen, vorlegen (oder vornehmen) müssen: welchen Stellenwert innerhalb unserer kulturellen Entwicklung hat die Emanzipation (oder z. B. auch die starke Fixierung auf die Sexualität und der entsprechenden Tabuabbau).

Nicht ob Frauenemanzipation "richtig", "gerecht" oder "gut" ist, interessiert mich. Da sie gekommen ist, musste sie kommen. Und dass sie von den Befreiten als positiv empfunden wird, würde ich, müsste ich das Thema juristisch angehen, ohnehin "streitlos stellen".

But however: dass Kinder Spaß am Spielen haben schließt nicht aus, dass diese Spiele 'dazu dienen', die Kids auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. In gleicher Weise ist auch, nach meiner Vorstellung, die gesellschaftliche Zahl der Emanzipationsmünze eine ganz andere Seite als der vom Individuum jeweils wahrgenommene Kopf.

Adesso: welches Spiel spielt unsere Gesellschaft hier mit uns? Ich denke, dass die Frauenemanzipation, wohlgemerkt unter dem Blickwinkel ihrer gesellschaftlichen Funktion, nicht aus demjenigen der individuellen Wahrnehmung betrachtet, eine Form der Ressourcenausbeutung ist.

Die Frauen sind das große Arbeitskräftereservoir, dass die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts noch aufgestaut hatte (die proletarische natürlich weniger: da mussten die Frauen immer schon schaffen).

Hier sind noch Intelligenz und vor allem Kraft vorhanden, welche das Kapital auf seine Mühlen leiten kann, indem es die Frauen in seine "Mills" steckt (präziser: "lockt"!). Natürlich haben Frauen auch in agrarischen Gesellschaften voll mitgearbeitet (bzw. tun das noch heute). Und als einfache Fabrikarbeiterinnen waren sie, zumindest in bestimmten Industriezweigen (Textilindustrie, wohl auch Tabakindustrie usw.) ebenfalls bereits früher 'zugelassen'.
Aber das gesellschaftliche System des "Abendlandes" hat sie (wie in anderen Hochkulturen wohl auch) für 'höhere' Funktionen wenig oder gar nicht 'genutzt'.
Und selbst im 20. Jahrhundert hat es noch einmal Jahrzehnte gedauert, bis aus der militanten Suffragetten-Bewegung eine (mehr oder weniger) selbstverständliche Gleichberechtigung auch in Bildung, Erziehung und der Berufung in Führungspositionen wurde.

Nicht nur schöpft die "Gleichberechtigung" oder Emanzipation dieses brach liegende Potential aus. Darüber hinaus stellt sie Männer und Frauen auch in eine Konkurrenzsituation gegeneinander und treibt beide vielleicht auch dadurch zu höheren Leistungen an (wobei man hier nicht an Muskel-Leistungen à la Stachanow oder Hennecke denken darf, sondern an jene geistigen Leistungen, welche die moderne Arbeitswelt allen teils mehr, teils weniger abverlangt).

Wenn man (wie Spengler und andere) Hochkulturen als eine Art Organismen mit einer begrenzten Lebensdauer versteht, dann liegt die Annahme nahe, dass diese (auch) inneren Abnutzungsprozessen unterliegen, die u. a. aus dem Verbrauch von nicht-materiellen Ressourcen (also Werten usw. liegen), welche diese Systeme jeweils in ihrer Wachstumsphase aufgebaut haben.

[In gleicher Weise darf man übrigens vielleicht auch die sonstigen derzeit auf der legislativen und anderen Ebenen geführten Anti-Diskriminierungsaktivitäten anderer Art - Anti-Rassismus usw. - aus dem Interessengesichtspunkt (der Kapitalbesitzer, aber auch der Gesellschaft insgesamt) einer optimierten Humankapitalverwertung im Produktionsprozess begreifen. Und auch die - scheinbar zur Emanzipation gegensätzliche Erotisierung der Gesellschaft - begleitet von oder ermöglicht bzw. gesteigert durch entsprechendem Abbau von Tabus - darf man vielleicht in dieser Weise deuten. Wie ich schon in meinem Blog "Magonza, da capo" vermutete, könnte es sein, dass die blanken Brüste der Magazin-Titelseiten eine analoge Funktion haben wie einst bei den Germanenfrauen in der Wagenburg: Uns im Kampf - diesmal im ökonomischen Konkurrenzkampf - anzustacheln.] [Erg. 13.3.09: Etwas anders, tendenziell aber wohl vergleichbar, sieht das der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. Der sagt in dem Interview vom 08.03.09 "Weltverschwörung der Spießer" (zur Finanzmarktkrise 2008 ff.) im Manager-Magazin: "Der amoralische Äther unserer Kultur verlangt die Umkehrung der Diskretionsgebote. Darum sollst du, wenn möglich, die Ehe brechen, das lockert die Stimmung und stimuliert den Konsum. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist die Erotisierung unserer Kultur mit der wirtschaftlichen Liberalisierung verknüpft. Die eine Lizenz zieht die andere nach sich."]

Kann man die Frauen als eine solche früher brach liegende Ressource ansehen, und könnte es sein, dass der 'Sinn', oder, korrekter und nicht-teleologisch gesprochen, die gesellschaftliche Funktion der Gleichberechtigung darin liegt, zum einen die Ressource 'Frauen' für die weitere Entwicklung zu nutzen, zum anderen aber auch die 'Ausbeutung' (den Begriff hier nicht marxistisch, und überhaupt nicht irgendwie voluntaristisch verstanden) der Männer durch Konkurrenz zu verschärfen?
Und wird dies auf Dauer auch die Abnutzungsprozesse beschleunigen, oder kompensiert oder überlagert das Anzapfen dieses Potentials noch einmal (und ggf. wie lange?) bereits eingetretene Erschöpfungstendenzen?
Haben wir es hier mit einem Prozess des Abbaus von früher akkumulierten nicht-materiellen Ressourcen aus dem gesellschaftlichen "Überbau" zu tun, der die zivilisatorische Entwicklung beschleunigt, aber dabei gleichzeitig an seiner eigenen Basis nagt (ähnlich wie viele vom Kapitalismus behaupten, dass er die moralischen Grundlagen gefährde, auf denen er aufgebaut ist, und ähnlich wie es vielleicht mit den Rohstoffressourcen derzeit geschieht)?

Derartige Überlegungen mögen als spekulativ erscheinen, könnten sich jedoch im Sinne einer (kultur-)wissenschaftlichen Arbeitshypothese als durchaus lohnend erweisen.
Wenn aber wer was Besseres dazu weiß, rücke sie oder er damit raus!
Nur: was der Soldat im Schützengraben sieht, ist nicht 'die Frontlage'.
Und was wir als positiv wahrnehmen, und was uns (bzw. die Frauen) motiviert (z. B. für Gleichberechtigung einzutreten), ist nicht notwendig mit der gesellschaftlichen Funktion derartiger Prozesse identisch.

Sicher ist allerdings, dass in solchen menschheitsgeschichtlichen Dimensionen der Entwicklungs-Kampf selber dennoch in den Schützengräben ausgetragen wird, von jenen Ameisen, die nicht sehen können, was in der weiten Welt vorgeht.

Doch könnten selbst Feldherrnhügel bei derartigen Problemstellungen sich als bloße Maulwurfshaufen erweisen.


Hier der Link zu van Crevelds Welt-Essay
"Das arme starke Geschlecht: Schon vor der Geburt diskriminiert. Männer arbeiten schwerer, sterben früher und haben weniger Rechte als Frauen"
wo er uns als tapferer Vorkämpfer der wahrhaft geknechteten und entrechteten Männer sagt, wie es ist.

Und was ist die Antwort? Hohn und Spott der Gegenseite:
"Don Crevelds allerletzter Kampf" titelt Heide Oestreich in der taz vom 08.11.03.

Na also: ich wusste doch, dass wir Männer keine Chance haben. Und deswegen halte ich mich auch aus den Schützengräben raus ;-).


Nachtrag vom 09.03.06:

Emanzipation, Teil II:

......ooops: da fällt mir beim Ausmisten meiner Dateiordner heute, am 09.03.06, der vorliegende Text (vom 27.06.05 ff.) ins Auge, der logisch dem ersten Teil voran zu stellen wäre, nun aber hinten angeschlossen sei (denn zum Wegwerfen ist er eigentlich zu schade – meine ich; Leser können das natürlich anders sehen).


"DUAL USE ETHICS" oder "ÜBER DEN DOPPELTEN GESELLSCHAFTLICHEN NUTZEN MANCHER MORALEN"

"Is There Intelligent Life on Earth?" titelte der Biologe William Rees einen Vortrag im Jahre 2000 (http://aurora.icaap.org/talks/parklandrees.html). Rees, der das Konzept des "Ecological Footprint" entwickelt hat (wie viel Hektar Bodenfläche pro Person / Stadt / Land benötigt werden, um die Güter für einen bestimmten Lebensstandard herzustellen; vgl. dazu auch das Interview http://aurora.icaap.org/talks/rees.html), wundert sich darin, dass wir Menschen als vermeintlich intelligente Lebewesen unsere eigene Umwelt zerstören. [Damit wären wir übrigens dümmer als die Marienkäfer, welche nach den Beobachtungen meiner Frau von den Blattläusen auf ihren Balkonpflanzen immer welche übrig gelassen haben. Marienkäfer sind also nicht ohne guten Grund Glückssymbole.]

Ich will seine Fragestellung hier nicht direkt aufgreifen (Rees ist letztlich doch optimistisch), sondern nur einen Satz herausgreifen, in dem er (wie viele andere Autoren auch) soziale Herrschaftsstrukturen mit Umweltzerstörung in Zusammenhang bringt:
"Human domination over nature has its parallel, in fact, some would say it's structurally almost organically related to male domination over females, the domination of the west over the east, domination of the north over the south, there is a whole complexity of dominance in this paradigm that emerges in these ways." (Hervorhebung von mir.)

Sehr viel ausgeprägter ist diese Verbindung z. B. bei Fritjof Capra in seinem Buch "Wendezeit". Seine Ideen gründen, nach meiner Einschätzung, auf –3- Fundamenten: Thomas Kuhns Lehre von den wissenschaftlichen Revolutionen ("Paradigmenwechsel") (Einstieg auf Deutsch z. B. über: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Samuel_Kuhn; auf Englisch über http://en.wikipedia.org/wiki/The_Structure_of_Scientific_Revolutions), die außer Capra auch zahlreiche andere Autoren auf die gesellschaftliche Entwicklung übertragen haben, ein allgemeines Krisengefühl und eben der Feminismus; freilich in jener recht ursprünglich-naiven Form (das Buch wurde erstmalig bereits 1982 veröffentlicht), welche seinerzeit in Verbindung mit den antiautoritären Bewegungen eine bessere Welt errichten zu können glaubte (die damals verbreitete Lehre vom physiologischen Gutsinn des Weibes ist, wenn ich das richtig sehe, heute auch nicht mehr gar so weit verbreitet).

Das alles aber nur als Einstieg oder Beispiele, um die Frage nach der historischen Funktion der Frauenemanzipation aufzuwerfen. (Hier http://www.muellerscience.com/SPEZIALITAETEN/Varia/LiteraturMenschenbilder.htm übrigens eine interessante chronologische Bibliographie zum Thema Menschenbilder / Frauenbilder). Die kulturhistorische Dimension einer breiten gesellschaftlichen Bewegung wird man kaum anhand der rationalen Beschreibungen und der emotionalen Befindlichkeiten der Handelnden selbst verstehen können. Diese Überlegung lässt sich am Beispiel des Kinderspiels anschaulich illustrieren.

Warum spielen Kinder? Darauf gibt es, ganz grundsätzlich, zwei Antworten:

1) Weil es Spaß macht.
2) Weil sie sich auf das (Arbeits-)Leben vorbereiten wollen.

Die 2. Antwort ist in dieser Form allerdings irreführend, weil sie suggeriert, dass Kinder mit dem Ziel einer Lebensvorbereitung spielen. Objektiv bereiten sie sich vor, aber ohne dass subjektiv zu wollen oder auch nur zu wissen. Richtig müsste man also etwa sagen "weil die Natur das Spiel als Einübung in das Erwachsenenleben entwickelt hat".

Es liegt nahe zu vermuten, dass Doppelgesichtigkeit auch in anderen gesellschaftlichen Entwicklungen wirksam ist.

Das Spiel ist lustbetont; die Emanzipation auch. Nun sollte man vermuten, dass die Emanzipation, wenn sie denn (nur) Befreiung ist, einfach eine logische Fortsetzung der politischen Entwicklungen in den abendländischen Gesellschaften darstellt, zumal nach der expliziten oder impliziten Grundannahme in unserer Kultur jeder Mensch nach Freiheit strebt. Insoweit könnte man es zwar verstehen, wenn Männer der Emanzipation Widerstand entgegen setzen; das solcher Widerstand von Frauen ausgehen kann, bereitet allerdings schon Erklärungsmühen. Man kann z. B. annehmen, dass die Frauen derart lange von den Männern unterdrückt wurden, dass sie sich an ihre Rolle gewöhnt haben (wie sich Individuen auch an Gefangenschaft gewöhnen können und, wenn in Freiheit entlassen, desorientiert sind).
Andererseits: auch in der französischen Revolution haben ja Adelige gegen ihre eigenen Interessen gekämpft – oder jedenfalls gegen Institutionen und Regelungen, die ihre Interessen, wie sie üblicherweise von der Gesellschaft verstanden werden, förderten.

Merkwürdig ist allerdings, in welch großer Zahl etwa Frauen aus islamischen Ländern Kopftücher tragen, die ja ein Symbol der Unterordnung par excellence sind. Wenn man sie sieht, hat man nicht den Eindruck, dass sie das unter Zwang tun; es scheint sich (habe noch nicht nachgeforscht, ob es etwa anthropologische Untersuchungen zu dieser Frage im Internet gibt – oder werden die in den Giftschränken versteckt?) nicht nur um eine bewusste Abgrenzung, sondern sogar um einen bewussten Protest gegen die westliche Kultur zu handeln.

Lassen wir aber die Frage, ob emanzipierte Frauen von Natur aus glücklicher sind oder nicht, beiseite und begnügen wir uns hier mit der wohl kaum umstrittenen Feststellung, dass in unserer Kultur die Emanzipation mit den durch sie eröffneten gesellschaftlichen Möglichkeiten im Bewusstsein der Emanzipierten (oder, wenn man an die "Kampfzeiten" denkt: der sich Emanzipierenden) emotional positiv besetzt ist.

Dann bleibt noch immer die Frage zu klären, ob das Glück der Einzelnen tatsächlich das "Ziel" dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist. Und, wenn nicht, welche Funktion die Emanzipation in der Entwicklung unserer Kultur hat oder haben könnte.
Betrachtungen zu diesem Punkt, die sich bei einer logisch strukturierten Abfolge an den vorliegenden "Teil II" des Blog-Eintrages anschließen müssten, finden sich nun "Eintragungs-chronologisch" bedingt, im I. Teil.

Als Schlussfolgerung aus Teil I ergibt sich wiederum, dass Behauptungen (wie etwa die eingangs zitierte von William Rees), wonach die Ausbeutung der Natur mit der Herrschaft des Mannes über die Frau zusammen hänge, nicht zutreffen. Genau umgekehrt intensiviert sich gerade jetzt nach dem oder parallel zum "Zusammenbruch" des Patriarchats die ökonomische Ausbeutung der Natur.

Was subjektiv als gut empfunden wird, muss nicht auch objektiv "gut" sein. Das wird allerdings häufig übersehen, und im Sinne einer, wie ich sagen möchte: "Zuckerlogik" wird die Dimension der (positiven) subjektiven Wahrnehmung (und Auswirkung) einer gesellschaftlichen Entwicklung objektiv überhöht.
Die Frage ist dann (für die Behauptenden ebenso wie für die Bestreitenden) natürlich: was heißt überhaupt "objektiv gut"?? Wir haben es wohl mit einer Mehrdimensionalität der Wirkungen zu tun, die wir letztlich gar nicht abschätzen können: Stichwort (aus Teil I): "Maulwurfshügel"!.

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Wie Wildwasser in eine schlecht gefasste Mineralquelle schießt bei derartigen Überlegungen immer wieder das Problem herein, welches für das Nachdenken über Gesellschaft überhaupt zentral ist: kann sich der Mensch gedanklich gewissermaßen in eine übergesellschaftliche (oder sollte ich sagen: "überevolutionäre"?) Position erheben, um die Gesellschaft quasi "von außen" zu steuern?
Ich lasse zu diesem Punkt hier die sehr rudimentären (wenn auch jetzt ein wenig angereicherten) Gedankengänge stehen, die ich damals notiert hatte.

Der Marxismus war der grandioseste gedankliche (und, wenn man von einigen utopischen Gemeinschaften und vielleicht dem Jesuitenstaat in Paraguay – über den ich allerdings nicht näher informiert bin - absieht, der einzige realisierte) Versuch einer derartigen Steuerung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung(srichtung). (Was freilich die Marxisten selbst, die sich ja lediglich als Geburtshelfer des Zeitgeistes betrachten bestreiten werden.) Sein Scheitern müsste uns skeptisch stimmen bezüglich einer solchen Möglichkeit.

Im Kontext der Abfassung der vorliegenden früheren Überlegungen zur Emanzipationsfragen stieß ich durch die (teilweise) Lektüre des Buches "Wendezeit" von Fritjof Capra (mir vorliegend in der Sonderausgabe von 1985) wieder einmal auf das Steuerungsproblem.
Capra selbst sieht die grundsätzliche Problematik durchaus; so heißt es auf S. 233 unten:
"Wachstum[ist] wesentliches Charakteristikum des Lebens";
und auf S. 234: "Tatsächlich scheinen Evolution Wandel und Wachstum wesentliche Aspekte der Wirklichkeit zu sein".
Was (beileibe nicht nur:) Capra verkennt, ist, dass z. B. unsere heutigen Anschauungen über Wachstum nicht einfach zufällige oder krankhafte Fehlentwicklungen sind, sondern einfach die "Bewusstseinsseite" des – wie soll ich sagen? vielleicht: - "Wachstumsdranges" des Lebens selbst, wie es sich schon unterhalb der menschlichen Ebene in der Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt zu immer größer Komplexität und immer vollständigerer Ausnutzung aller (potentiellen) Räume der Erde ausdrückt.
Insofern wären, und dass muss man leider allen wohlmeinenden Aposteln eines theoretisch erdachten "vernünftigen (oder nachhaltigen) Wachstums" entgegen halten, nicht erst unsere Anschauungen falsch, sondern schon die Entwicklungsgesetze, oder jedenfalls die Entwicklungsrichtung, "des Lebens" oder "des Lebendigen" an sich!


Nachtrag 16.05.08:
Die Nachverfolgung eines Suchzugriffs auf meine Seiten entdeckte brachte mir heute die interessante Erkenntnis, dass die Meinungen des Anthropologen Hans Peter Duerr zur Ressourcenverknappung und zur zivilisationsgeschichtlichen Funktion des Feminismus weitestgehend mit meinen identisch sind. Dies schließe ich aus seinen Äußerungen in einem Spiegel-Interview "Von herzlosen Hedonisten zum sozialen Kollaps" (den Hinweis "Quelle: DER SPIEGEL 49 / 2000 / 188 ff" entnehme ich einem anderen 'Abdruck' des Interviews auf dieser Seite, die freilich im Kommentar reichlich merkwürdige Ansichten enthüllt) auf der Webseite "Anarchie heute", .
Genau wie ich ist Duerr ein Ressourcenpessimist (zusätzlich allerdings noch ein Umweltpessimist und Gesellschaftspessimist; in diesen beiden Punkten bin ich weniger skeptisch). Außerdem hinterfragt er den Feminismus auf seine möglichen sozialökonomischen Funktionen. So wie ich in meinen o. a. Überlegungen leitet Hans Peter Duerr dessen Entstehung, darf man wohl vermuten, aus eben diesen Zusammenhängen ab, und nicht etwa - wie das die eigene Narrative dieser Bewegung tut - aus einer Entwicklung "zum Guten" oder "zum Fortschritt" her). Hier die einschlägigen Textpassagen betr. Feminismus (Hervorhebungen von mir):

"........ Duerr: ...Immer stellt sich diesen Leuten die Frage: Was bringt mir das?
SPIEGEL: Nach dieser Logik sind alle individualistischen Bewegungen modernistische Erzübel. Ist das nicht arg übertrieben?
Duerr: Leider überhaupt nicht. Der Feminismus zum Beispiel stößt deshalb allenthalben auf so viel Zustimmung, weil der Markt die unabhängige, selbständige Konsumentin braucht und eben nicht die sich aufopfernde Frau als Geliebte und Mutter. ..........
SPIEGEL: Sie behaupten, der Feminismus sei eine reaktionäre Ideologie?
Duerr: Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass Emanzipations-Freunde immer wieder erkennen müssen, dass sie im Grunde Erfüllungsgehilfen der modernen Marktgesellschaft gewesen sind. Denken Sie an die 68er mit ihren Forderungen nach hemmungsloser Bedürfnisbefriedigung. Ohne es zu wissen, waren sie damit die Avantgarde des Kapitalismus. .........
"

Mehr über Duerr, auch über seinen Rohstoffpessimismus, in meinem Blott "Magonza, da capo".


Nachtrag 04.03.09:
Zweifel an der Vollwertigkeit der ideologischen Verheißungen des Feminismus äußert der Sozialforscher Neil Gilbert in einem Zeit-Interview vom 26.02.09 "Unabhängigkeit. Feminismus sticht Sozialismus":
"Das Ideal der Vollzeit arbeitenden Mutter ist nur etwas für Hochqualifizierte: Der Sozialforscher Neil Gilbert über die Lüge vom Job als Weg zur Unabhängigkeit."


Nachtrag 12.01.2011
Bei (umzugsbedingten) Aufräumarbeiten fiel mir heute der emanzipationskritische FAZ-Artikel "Produktion und Reproduktion. Über die Entheiligung der klassischen Familie im rot-grünen Zeitalter" des Berliner Soziologen Professor Dr. Norbert Bolz vom 22.02.2003 in die Hände, den ich hier hauptsächlich 'pro memoriam' verlinke. (Inhaltlich sei nur angemerkt, dass es fragwürdig ist, die Emanzipation - als gesellschaftliche Tiefenentwicklung - allzu sehr an die rot-grüne Koalition - als gesellschaftliche Oberflächenerscheinung - festzumachen!)




Textstand vom 12.01.2011
Gesamtübersicht der Blog-Einträge auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm

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