Dienstag, 25. November 2008

Konjunkturpolitik in 2. Weltwirtschaftskrise (WWK II): Ohne Konjunkturprogramme steuern wir in den Abgrund. Mit Ankurbeln steuern wir gegen die Wand.

Langsam kommt die Politik in die Gänge und leiert Konjunkturprogramme an bzw. stellt zunächst mal entsprechende Forderungen auf. Vgl. z. B.:
"Berlin prüft 500-Euro-Konsum-Gutschein" Handelsblatt 25.11.08 (Sven Afhüppe und Donata Riedel);
Pierre Briancon von breakingviews.com fordert ebenfalls im Handelsblatt vom 25.11.08: "Merkel muss den Konsum ankurbeln"
und um die guten Drei voll zu machen meldet sich in derselben Ausgabe auch noch Thomas Hanke zu Wort: "Steuerdebatte. Schnell den Verbrauch stärken".
Nein: vier Blätter machen einen Glücksklee! Darum berichtet noch Ruth Berschins: "Kampf gegen Rezession. EU fordert: Mehrwertsteuer runter".
Alle diese Leute haben ja sowas von recht - wenn man die Dinge aus der traditionellen Perspektive der Konjunkturklempner betrachtet. (Ich teile
die düsteren Konjunkturperspektiven verschiedener amerikanischer Kommentatoren, wie sie der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in seinem Kommentar vom 25.11.2008 "Kommt der Wechsel von Bush zu Obama zu spät? Gehen Sie jetzt nach Hause!" anführt.)

Doch was passiert, wenn die Rakete zündet?
Dann geht uns der Treibstoff noch etwas schneller aus (die Preissteigerungen seit dem Jahr 2004 waren eine Vorankündigung; Informationen über diese Preisanstiege usw. findet man z. B. unter in der englischsprachigen Wikipedia unter folgenden Stichworten: "2000s energy crisis"; "Effects of 2000s energy crisis" und "2003 to 2008 world oil market chronology").
So segeln wir heute ausweglos zwischen Skylla und Charybdis.

Im übrigen wäre es (wenn man die Ressourcenverknappung mal beiseite lässt und lediglich auf die klassischen Methoden der Rezessionsbekämpfung abstellt) eine bodenlose Unverschämtheit, wenn uns die Regierung das uns abgeknöpfte Geld lediglich in Form von Gutscheinen zurückgeben würde. Noch ungeheuerlicher ist der Plan, solche Gutscheine nur denjenigen in den Hand zu drücken, die auch noch eigenes Geld verjubeln: Die spinnen, die Berliner!
Nachtrag 26.11.08: Nein, kommt auch so nicht: "Absurder Unsinn" sagte ein Sprecher des Finanzministerium zum Handelsblatt-Bericht über Konsumgutscheine.


Dieter Wermuth schlägt am 24.11.08 in dem recht gut besuchten Zeit-Online-Weblog "Herdentrieb" vor: "Mehrwertsteuern runter, Energiesteuern rauf".
Mein Kommentar dazu (Nr. 30; hier sprachlich leicht verändert):
"Leute, begreift es doch endlich:
Während ihr eure ökonomischen Divisionsfähnchen im Sandkasten versetzt, ist unsere Hütte von Flammen umzüngelt.
Im Westen lodert der ökonomische Scheiter-Haufen der 2. Weltwirtschaftskrise (WWK II).
Im Südosten wartet der ökologische Waldbrand, dessen Gluthauch uns im vergangenen Juli schon ins Antlitz wehte, nur auf weitere Sauerstoffzufuhr aus fiskalischen und monetaristischen Blasebälgen.
Die Regierungen haben weltweit genau zwei Handlungsalternativen gegenüber WWK II:
– Ohne Konjunkturprogramme steuern wir in den Abgrund;
– mit Konjunkturprogrammen steuern wir gegen die Wand.
Dieter Wermuth weiß das im Grunde. Er schreckt aber (noch) vor einem derart radikalen Eingeständnis zurück und glaubt, dass wir den Flammen entrinnen können, wenn wir uns bei der Arbeit am Blasebalg einen Asbestmantel umhängen.
Der oder die einzige, der/die das hier sonst noch weiß, und allein knallhart formuliert hat, ist 'mylli' (Nr. 4).
Aber offenbar war dieser Debattenbeitrag nicht anschlussfähig (wie Niklas Luhmann gesagt haben würde).
Schaun mer mal, ob dem vorliegenden Beitrag das gleiche Schicksal beschieden sein wird
." Kommentar von Cangrande | 25.11.2008 | 17:15
Den Beitrag Nr. 4 übernehme ich zum besseren Verständnis hier:
"Das Trendwachstum ist doch im Wesentlichen nichts anderes als die gemittelte Vergangenheit. Diesmal ist vielleicht doch alles anders und wir können die Vergangenheit nicht mehr linear in die Zukunft fortschreiben. Gibt es überhaupt noch eine Lücke, die geschlossen werden will?" Kommentar von mylli | 24.11.2008 | 15:11.


Nachtrag 05.12.08:
In einer 2-teiligen Aufsatzreihe unter den Titeln "Their Great Depression and Ours: Part I" und "Their Great Depression and Ours: Part II" untersucht (und bejaht) der US-amerikanische Historiker James Livingston, ob (dass) gleiche Kausalitäten (nämlich die Profitsteigerung der Kapitalbesitzer einerseits und die Lohnstagnation der breiten Masse der Verbraucher andererseits) wie 1929 auch zur aktuellen Weltwirtschaftskrise geführt haben. (Livingstons Kausalanalyse der "Great Depression" erscheint mir zwar vom Ergebnis her plausibel, ist aber für meinen Geschmack etwas dünn begründet.)
Mir geht es aber, an dieser Stelle jedenfalls, nicht so sehr um diese Aufsätze (die übrigens auf einer ganzen Reihe von Webseiten, im "Original" wohl hier und dort, eingestellt sind), als vielmehr um einen Leserkommentar dazu dem ich mich, was die Einschätzung der Umweltprobleme angeht voll anschließen kann.
Dieser stammt von dem Franzosen Jean de Peyrelongue (19.10.08) und hat folgenden (vollständigen) Wortlaut (meine Hervorhebungen):
"I am impressed by this analysis. I see a lot of similarities in the causes of the Great depression and the present crisis.
Yet, the actual crisis occurs also when we are reaching limitations on resources growth (essentially oil) and on the ability of the Earth to absorb all the pollution generated by our consumption.
This means that contrary to the great depression, our ability to get out of the present crisis by triggering consumption through governmental programs may not work as we will be lacking cheap ressources and facing environmental problems.
I am afraid that this crisis will prove to be much worse than the great depression.
" (Das fürchte ich allerdings auch!)

Die ganze Fragwürdigkeit der diversen Konsumturbos karikiert Petra Pinzler in DIE ZEIT, 11.12.2008. Allerdings ist der Titel "Der Schwabe in uns" irreführend, wenn man als eigentliche Tendenz des Artikels das Aufzeigen der ökonomisch-ökologischen Gegensätzlichkeiten ansieht. Auch der Vorwurf gegen die Politik ist mir allzu verengt:
"Der Verbraucher soll das Land aus der Krise retten. Doch die Politik stürzt ihn in Verwirrung" wenn man es mit ihrem Fazit vergleicht:
" ... so schwant manchem Verbraucher langsam bei aller Verwirrung zumindest eines: Ganz offensichtlich lässt sich die Welt eben doch nicht so ganz nebenbei im Kaufhaus verändern. Zumindest nicht, wenn er gleichzeitig die Welt, das Klima, die Autobranche und die Konjunktur retten soll." Das ist richtig, aber die Politik, wie wir sie kennen und wollen, ist mit einem solchen Problem überfordert. Und das so mehr dann, wenn die veröffentlichte Meinung - wie hier z. B. Frau Pinzler - es unter einem Wortschwall mit vielen in die verschiedensten Richtungen zeigenden Wegweisern begraben.


Nachtrag 04.01.2009
Die Einsicht, dass sich mit einem Anziehen der Konjunktur die Ressourcenlage wieder verschärft, ist anscheinend weiter verbreitet als ich gedacht hatte. So schreibt z. B. Armin Zimny in der Zeitung "Der Enztäler" (bzw. in dem "Mantel" dieser Lokalzeitung für Bad Herrenalb usw., dem "Schwarzwälder Boten" und in den Stuttgarter Nachrichten unter dem Titel "Spiel mit dem Öl": "Darüber hinaus steigt die Gefahr eines schnellen Ölpreisschocks, wenn die Weltwirtschaft wieder an Fahrt gewinnt und die Nachfrage nach Rohstoffen und Energie rapide zunimmt". (Der Artikel ist nur noch gegen Bares zu haben, bei "Genios" teurer (2,38 €), bei den Stuttgarter Nachrichten für 0,50 ct - was allerdings für eine wohlfeile Meinungsäußerung noch immer zu viel Geld ist.)


Die Kritik für das aktuelle 2. Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist zahlreich (besonders lautstark auch in der "Zeit" wo man vorher die Gegner eines Konjunkturprogramms geradezu verhetzt hatte), und insbesondere mit der fehlenden (insbesondere: ökologischen)Langfristperspektive begründet. Ich verlinke hier mal zum Blog-Eintrag "Konjunkturpolitische Dekadenz" aus dem (mir auch sonst sympathischen) Blog "Weissgarnix".


Nachtrag 31.01.2009
"In all den kakophonischen Meldungen zur „Krise“ droht die wirklich wichtige Botschaft unterzugehen: dass uns das Hubbert-Maximum und all die parallelen Ressourcen- und Stabilitätskrisen zwingen, unsere bisherige Wirtschafts- und Lebensweise zu überdenken und neu auszurichten. Dass wir gar keine Wahl haben – außer der, den Übergang zu einer weniger energieintensiven Gesellschaft bewusst und bewahrend oder chaotisch und zerstörerisch anzugehen. Yes, we can - aber nur, wenn wir auch wollen" schrieb der Physiker Bernd Ohm (hier sein Blog, letzter Eintrag allerdings vom 12.12.2007) unter dem Titel "Schlimmer geht‘s nicht" am 18.01.2009 auf der neuen Webseite "Oelschock".
Seinen Optimismus, dass die Menschheit den Wandel zu einer Wirtschaft ohne Öl bewältigen kann, wenn sie nur will, habe ich nicht. Auch James Lovelock ist insoweit pessimistisch; er empfiehlt in einem Interview des "Guardian" vom 1.3.08: "Enjoy life while you can" - genießt das Leben; einige Jahre wird es noch ganz anständig sein, danach kommt, ohne dass wir daran etwas ändern könnten, die Katastrophe. Lovelock hat hauptsächlich die Klimakatastrophe im Auge; ich halte die Ressourcenerschöpfung für gefährlicher. Ansonsten teile ich aber weitgehend seine Einschätzung.


Nachtrag 14.02.2009
Auf einer abstrakten Ebene wird das Problem, vor dem wir stehen, durch die "RULE OF COMPLEXITY", die "seventh of seven basic rules of the economy, stating that every action in the complex world has direct and often intended consequences combined with indirect and probably unintended effects" gut beschrieben. In dem hier von mir verlinkten Stichwort im Wirtschaftslexikon auf der Webseite "AmosWeb" sind diese Probleme anhand von humorvoll ausgesuchten Beispielen exemplifiziert. Die (zumindest für die deutschsprachige Kulturtradition) klassische Formulierung des "law of unintended consequences" verdanken wir allerdings von Johann Wolfgang von Goethe:
Faust: "Nun gut, wer bist du denn?"
MEPHISTOPHELES: "Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

Zum Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen hier auch ein (englischsprachiger) Eintrag in der Enzyklopädie der Wirtschafts-Webseite "Econlib".


Nachträge 07.03.09
In dem Zeit Online Interview "Die Fed bereitet die nächste Blase vor" vom 03.03.00 warnt der Ökonom Hans Wolfgang Brachinger nicht nur vor Inflation. Vor allem sagt er auch klar und deutlich beinahe dasselbe, was ich hier gesagt habe. Nur ist, was er als Inflationsproblem sieht (oder im Interview darstellt), in Wirklichkeit ein Problem der absoluten Wirtschaftsleistung. Inflation als solche ist nicht das Schlimmste, sondern die absolute Rohstoffverknappung, die sich ständig verschärfen wird. Hier aber der einschlägige Textauszug aus dem Interview (meine Hervorhebung):
"ZEIT ONLINE: Wo sollen die Preissprünge herkommen? Noch ebbt der Handel zwischen den Staaten ab, die Industrieproduktion bricht rund um den Globus ein.
Brachinger: Wenn die Weltwirtschaft wieder anspringt, wird die Energienachfrage wieder steigen. Die Energiepreise werden anziehen und mit ihnen das Preisniveau. Die weltweiten Energieressourcen haben sich ja nicht plötzlich über Nacht vermehrt, nur weil die globale Nachfrage zeitweilig sinkt. Wir haben es hier mit einem dauerhaften Problem zu tun, das zu einer langen Phase der Inflation führen kann, wenn die Weltwirtschaft wieder in Gang kommt
."

Und bei der Internet-Verfolgung von Prof. Brachinger stoße ich auf eine noch sehr viel deutlichere Warnung einer noch sehr viel autoritativeren Stelle:
"Energieagentur. 'Finanzkrise folgt Ölkrise' " titelt Focus einen Bericht vom 28.02.2009. Auszug:
"Die Internationale Energieagentur warnt vor einer neuen, noch dramatischeren Wirtschaftskrise wegen mangelnder Ölvorräte. Spätestens 2013 soll die Falle zuschnappen.
AP Mangelnde Ölvorräte könnten eine noch größere Krise auslösen "Wir könnten auf eine neue Krise zusteuern, deren Ausmaß die gegenwärtige übertreffen könnte“, sagte der Direktor der Internationale Energieagentur (IEA), Nobuo Tanaka, der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag. Grund sei, dass große Ölkonzerne derzeit ihre Investitionen in neue Förderprojekte stoppten. „Wenn die Nachfrage wieder anzieht, könnte es zu einem Versorgungsengpass kommen. Wir prophezeien sogar, dass dieser Engpass 2013 eintreten könnte“, sagte Tanaka.
"
Es ist allerdings eine Verschleierung der Fakten wenn dort als Grund angegeben wird, "dass große Ölkonzerne derzeit ihre Investitionen in neue Förderprojekte stoppten" . Wir haben einfach nicht mehr genug Rohöl im Boden, um große Investitionsprojekte lohnend erscheinen zu lassen. (Wäre es anders, müssten wir die Ölgesellschaften verstaatlichen und die Mittel aus den Konjunkturprogrammen dort investieren!)




Textstand vom 08.03.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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