Mittwoch, 3. Juli 2019

Vita Burkhardti Brinkmanni, Teil 2: Von Weimar zum Weinen-Mahr


„Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben“ 

Und weiter geht meine Lebensbeschreibung - immer noch ohne mich. (Aber keine Angst, irgendwann werden Sie mir schon noch begegnen!).
Wie schon im ersten Teil, geht es die Familiengeschichte. Hier im Wesentlichen aus der Zeit nach dem Ersten und bis zum Ende des Weltkriegen. Für fremde Leser, die mit meiner Privatgeschichte wenig am Hut haben, sind vielleicht auch in diesem Teil wiederum die Bilddokumente aus vergangenen Zeiten interessant. Und wie die Blitze der "großen" Geschichte neuerlich in die Mikrohistorie einschlagen.
Die Familie meiner Mutter war durch die Kriegsverletzung ihres Vaters verarmt, so dass ich aus dieser Zeit fast keine Bilder davon habe.

Auch auf der Vaterseite war das Geld knapp, aber einige Aufnahmen sind mir aus aus der Zwischenkriegszeit doch überkommen. Das sind freilich keine Atelierfotos mehr (und folglich nicht aufwändig auf Pappe aufgezogen, wie die im ersten Teil gezeigten "bürgerlichen" Bilder aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg). Die Fototechnik hatte sich weiter entwickelt und mittlerweile Kameras "für alle" auf den Markt gebracht, so dass man häufiger "knipste" und allenfalls noch selten ins Fotostudio ging.

Dieses hier ist allerdings noch ein Relikt aus Kaisers Zeiten (und auf Pappe aufgezogen). "Vater und Heini" hat es wohl meine Mutter beschriftet. Keine Ahnung, wer von beiden mein Vater ist (der linke? Dann müsste es aus der Zeit des Ersten Weltkrieges stammen) und wer überhaupt "Heini" war (ein Bruder meines Vaters? Den ich nicht mehr kennengelernt habe?).
Auf jeden Fall zeigt die Kleidung der Abgebildeten, dass hier keine Angehörigen der wohlhabenderen Schichten posierten. (Eigentlich erstaunt es mich, dass mein Großvater überhaupt Geld für ein solches Foto hatte bzw. ausgegeben hat. Vielleicht irgend ein spezieller Anlass? Oder als Geschenk für jemanden gedacht?)

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war die "Jugendbewegung" in. Mein Vater hat erzählt, dass er gemeinsam mit anderen Jugendlichen durch die Lande gewandert ist. Hotelzimmer konnten die sich damals nicht leisten, die haben bei Bauern in der Scheune übernachtet. Doch schreiten sie kreuzfidel durch die Natur, nach dem Motto "Mit der Klampfe in der Hand zieh'n wir durch das ganze Land".

 Diese Fotoaufnahme meines Großvaters väterlicherseits an seinem Arbeitsplatz (wohl aus den 20er Jahren) assoziiere ich, zu Recht oder nicht, mit dem Begriff "Arbeiterfotografie". Auch erinnert sie mich an die Bildwelt des berühmten Films "Metropolis" (Fritz Lang).

Die Aufnahme zeigt meinen Großvater ´wohl an einer Dampfmaschine. Wenn ich mich richtig erinnere, war er bei einer Fa. Heidsie(c)k beschäftigt und hat seinen Arbeitsplatz an seinen Sohn, also an meinen Vater, "vererbt". Diesen hat diese Arbeit bis kurz vor Schluss des Zweiten Weltkrieges davor bewahrt, zur Wehrmacht eingezogen zu werden. 


Vater als Musikstudent in Weimar

Offenbar war mein Vater ein recht guter Bariton-Sänger. Für die Bayreuther Festspiele (oder überhaupt für eine Karriere als Opernsänger) hat seine Stimme dann zwar doch nicht gereicht, aber immerhin für eine Ausbildung an der Staatlichen Musikschule zu Weimar. In deren „Jahresbericht für das 51. Schuljahr 1922/1923“ ist er als einer von 326 Schülern aufgeführt („Hauptfach Sänger“). Diese Schule wurde zwar erst 1930 zur Hochschule, war jedoch schon vorher sehr angesehen und bot eine breite musikalische Ausbildung. (Ihren heutigen Namen „Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar“ hat sie erst 1956 erhalten).




Nachfolgende Bilder von meinem Vater stammen vielleicht aus seiner Weimarer Studentenzeit. Finanziell musste er sich irgendwie selber helfen; seine Familie konnte ihn nicht unterstützen und an BaföG war damals nicht zu denken. So spielte er, um sein Studium zu finanzieren, als "Werkstudent" in einer Band  in den Salons der Bessergestellten auf.
Eine Industriestadt, mit entsprechend wohlhabenden Unternehmern, war Weimar zwar nicht, damals jedoch eine veritable Hauptstadt. Und jetzt nicht mehr diejenige des Kleinfürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach, sondern jene des nach dem ersten Weltkrieg gebildeten Landes Thüringen. Das freilich kleiner war als heute, denn es umfasste lediglich acht frühere Kleinfürstentümer. Erfurt und sein Umland, ehemals zum Ezbistums Mainz gehörig, sowie weitere Gebiete waren in der napoleonischen Epoche an Preußen gefallen (bzw. gehörten schon vorher dazu) und blieben zunächst weiterhin Bestandteile dieses Landes.
Es gab also in Weimar eine gesellschaftliche Oberschicht aus Politikern und Bürokraten, aber auch von Pensionären, die Weimars einstiger Goethe-Ruhm dorthin gelockt hatte.
Bis 1925 war auch das Bauhaus noch in Weimar; das muss also eine ziemlich spannende Zeit  sein und ein quirliges Kulturleben gewesen. (

Durch ein kurioses Missverständnisses meines Vaters aus jener Zeit kam ich zum "Untergang des Abendlandes".
Während er in den Salons des Bürgertums aufspielte, schnappte er dieses und jenes aus den Gesprächen auf, und die drehten sich des Öfteren um einen gewissen Oswald Spengler. Mein Vater freilich hielt seinen „Untergang“ für einen Roman; der sei berühmt, alle hätten damals über den gesprochen, den müsse ich unbedingt lesen. So quälte ich mich bei meiner ersten Lektüre dieses Werkes als Jugendlicher mit vielleicht 17 Jahren mühsam, mühsam hindurch. Später habe ich es noch einmal gelesen und durchaus so einiges davon "mitgenommen"
Vor wenigen Jahren habe ich den Oswald sogar mal besucht - an seinem Grabe.

Nun aber die Bilder meines Vaters, mutmaßlich aus seiner Studentenzeit:






"Du oder keine" hat mein Vater auf diese mit "1933" datierte Studioaufnahme geschrieben, die also für meine Mutter bestimmt war. Man sieht: Neben der Machtübernahme Hitlers gab es in diesem Jahr noch mindestens ein weiteres folgenschweres Ereigniss.

Trotz seine Ausbildung arbeitete mein Vater in seinem Brotberuf als Schlosser; trat aber im lokalen Rahmen gelegentlich auch als Sänger auf:

1937 übernahm mein Vater das Dirigentenamt im Männergesangverein Heiderose. Ob dieses Foto jenen Verein zeigt und aus jener Zeit stammt, weiß ich nicht, doch halte ich das für wahrscheinlich. Auf jeden Fall zeigt es auf der linken Bildseite im Hintergrund (nur vage sichtbar) den Schildescher Viadukt, der im März 1945 durch einen alliierten Bombenangriff zerstört wurde. (Das Bauwerk hat es sogar zu Wikipedia-Ehren gebracht, es war - und ist seit dem Wiederaufbau erneut - also recht bedeutend.)

Auch dieses *Ständchen im Kornfeld' datiert wohl aus den dreißiger Jahren:


Der "Ahnenpass"
 

Links meine Mutter, rechts mein Vater. Dazwischen wohl die Eltern meiner Mutter. Keine Ahnung, wann das Foto aufgenommen wurde und ob sie zu dieser Zeit bereits verheiratet waren; auf jeden Fall vor dem Oktober 1935, denn da starb mein Großvater. (Das Kriegsleiden war eine Giftgasverletzung, vgl. Teil I.)


Mein Großvater Fritz Schröder stammte mütterlicherseits von der Familie Gläntzer ab. Das war anscheinend eine gutbürgerliche (Goldschmiede-)Familie in Bielefeld. In diesem vom „Genwiki“ online gestellten Adressbuch von 1927 erscheint ein „Emil Gläntzer, Juwelier“ unter der Anschrift „Gehrenberg 6“. Und bereits in einem Adressbuch von 1865 finden sich mehrere Personen dieses Namens; ebenfalls im „Gehrenberg“.
Warum sich meine Mutter in der Nazizeit einen "Ahnenpass" hat ausstellen lassen, weiß ich nicht. sie war Da sie weder Beamtin noch NSDAP-Mitglied war, benötigte sie eigentlich keinen „Ariernachweis“. Vielleicht hatte sie nur ein Interesse an ihrer Familiengenealogie, oder sie ist einfach nur den damals herrschenden Gepflogenheiten gefolgt. Auf alle Fälle ist es ein interessantes Dokument und ich bin froh, dass ich es habe.

Jedenfalls wurde bei diesen genealogischen Nachforschungen festgestellt, dass die Gläntzers als lutherische Religionsvertriebene um 1730 aus dem Salzburgischen gekommen waren. („Salzburger Exulanten“; ebenfalls im „Salzburg-Wiki“ behandelt).
Eine Online-Namensliste der Auswanderer verzeichnet allerdings ausgerechnet „Gläntzer“ NICHT; dafür aber die Namensformen: „GLÄNTZEL, GLÄNZL, GLENTZEL, GLANTZER“.

Dieser Text informiert auch über eine frühere Ausweisungswelle aus dem Fürsterzbistum Salzburg. Interessant, aber auf Englisch, diese Webseite; ältere digitalisierte Literatur ist hier verlinkt. Einige Zahlen hier; ausführliche Zusammenstellung von Links dort sowie auf einer amerikanischen Webseite. Andere Menschen aus dieser Gruppe waren ursprünglich nach Ostpreußen emigriert – und sind nach dem 2. Weltkrieg als Heimatvertriebene in Bielefeld gelandet. (Die Deutschland-Destruenten unserer Tage versuchen natürlich, aus diesen historischen Ereignissen Honig für ihren Buntfanatismus zu saugen.)

Wie so ein "Ahnenpass" aussah, sehen wir hier.


Ich stelle ihn deswegen (teilweise) hier ein, weil die Ausführungen im gedruckten Text zur 'Rassenfrage' zeigen, wie das Nazi-Regime auch seine eigenen Bürger belog (meine Hervorhebungen):
"Dem Denken des Nationalsozialismus entsprechend, jedem anderen Volke volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist ..... niemals von höher- oder minderwertigen, sondern stets nur von FREMDEN Rasseinschlägen die Rede."
Solche Texte sollte man kennen, bevor man die Deutschen von damals leichtfertig verurteilt.



Und hier meine Groß- und Urgroßeltern mütterlicherseits:


"Für Führer, Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre gefallen"

Wer der unten genannte "Florenz Schröder" war, d. h. in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu meinen Großeltern stand, weiß ich nicht. Diese Gefallenenmeldung bezeichnet ihn als "Sohn" der angeredeten Frau; jedoch habe ich ansonsten nie etwas davon gehört, dass meine Mutter einen Bruder gehabt hätte. Der Grund, warum ich diese Todesnachricht hier einstelle ist ihr Wert als Zeitdokument. Ich jedenfalls finde es außerordentlich bemerkenswert, dass sich Offiziere in der damaligen Situation noch die Zeit genommen haben, derart hochkultivierte Texte zu verfassen.

Sicher: Ein Bataillonskommandeut gehörte nicht zu denjenigen Soldaten, die tagtäglich unmittelbar in der Sch'e standen. Aber zweifellos hatte er "einiges um die Ohren" und auch die Stäbe mussten "immer auf dem Sprung sein", um sich bei einer neuerlichen Offensive der Russen erneut zurückziehen zu können.
Vielleicht hielt die Wehrmacht für solche Briefe Formulierungshilfen bereit; das wäre ja auch ok. Denn eigentlich hatten die Wehrmachtsangehörigen damals noch einiges andere zu tun, als einen eleganten Briefstil zu kultivieren .....
Bemerkenswert finde ich den militärischen Teil der Schilderung. Zwar ich eher nicht, dass diese genaue Schilderung des Kampfgeschehens die Adressatin sonderlich getröstet hat. Aber DASS überhaupt solche Details in die Heimat berichtet wurden (und offenbar auch berichtet werden durften!), aus denen sich ja erschließen ließ, dass es mit der deutschen Front nicht zum Besten stand, das hat mich überrascht. (Wenn ich an die sonstigen Propaganda-Gepflogenheiten der Nazis denke - Joseph Goebbels usw.)
 


Eine Schilsker Familie: „Weei säiden met sierben Kinner beei Disk

Schildesche (im Dialekt „Schilske“) wird auf der ersten Silbe betont. Dennoch klang mir das Wort in meiner Jugend nach Germanenkriegern, die ihre Schilde an den Zweigen einer alten Schild-Esche – Yggdrasil, der Weltesche? - aufgehängt hatten, um sich im Gras auf Bärenfellen zu lagern und Met zu trinken.
Ob der Name tatsächlich von seinem Ursprung her etwas mit Schilden und Eschen zu tun hat, darüber konnte ich leider weder im Internet (z. B. hier: http://www.schildesche.de/c/frame.htm) noch im "Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Kröner-Verlag, Band III = Nordrhein-Westfalen", etwas in Erfahrung bringen.
Man muss mit vorschnellen Deutungen vorsichtig sein, denn später wurden manche Ortsnamen, deren Ursprung dunkel war, volksetymologisch wieder "verständlich" gemacht. So hat z. B. Wächtersbach (wo ich mit meiner Frau vom 01.05.1993 bis 31.03.2011 gelebt habe) nichts mit einem Wächter zu tun (wie er jetzt im Stadtwappen an einem Bach steht und als Denkmal auf einer Säule in einem Brunnen), sondern leitet sich vermutlich von einem Gründer "Wechir" ab, der am dortigen Bach einen Bauernhof oder eine Siedlung baute.

Aus diesem Dorf (bei seiner Geburt – 1902 - noch selbständig, 1930 nach Bielefeld eingemeindet) stammte mein Vater. Die Familie lebte (damals oder erst später?) an der Herforder Straße, in einfachsten Verhältnissen und mit dem damals üblichen Kinderreichtum. Von den sieben Kindern, die da am Tisch saßen (siehe Zwischentitel), ist eines im Ersten Weltkrieg gefallen. Vier habe ich noch kennengelernt; wo die beiden anderen abgeblieben sind (oder wie die überhaupt hießen und ob es Männchen oder Weibchen waren): Das weiß ich alles nicht (mehr?).
Meine beiden Großeltern väterlicherseits habe ich nicht mehr kennengelernt; die waren, nicht überraschend angesichts der damals wohl noch ausgeprägteren geringeren Lebenserwartung der Unterschichten als heute, bereits gestorben (nähere Daten kenne ich leider nicht).

Zur Tausendjahrfeier (1939) der ersten Ortsnamenerwähnung seiner Heimatgemeinde hatte mein Vater ein Lied im „Schilsker Platt“ gedichtet und komponiert. Die plattdeutsche Mundart mag ich, aber außer diesem Text verstehe ich sie nur schwer und sprechen kann ich sie gar nicht. Auch wenn ich es schon vor Jahren in einem Blog gepostet hatte kann ich doch dem Drang nicht widerstehen, das Lied hier noch einmal zu veröffentlichen; es ist nicht zuletzt auch als sozialgeschichtliches Dokument interessant:

Schilsker Lied
Den Schildescher Eltern zur Tausendjahr-Feier gewidmet.

Text und Melodie: Rudi [eigentl.: Rudolf] Brinkmann

1. In Schilske bin ick no Schoule john, in Schilske war ick to Hous;
Do moß ick oft up'm Faile stohn, to louken dat aule Krout.
Weei säiden met sierben Kinner beei Disk un äiden wie däi Piar,
Ouse läiwen Ellern däi quirlen sick un oft säi tou uß siahn:

[Er ist also dort zu Schule gegangen und musste als Kind oft auf dem Acker (oder einem gepachteten Stückchen Land?) das Unkraut ausrupfen. Die sieben Kinder am Tisch haben wie die Pferde gegessen und die Eltern mussten sich quälen („quirlen“) (um die vielen Mäuler satt zu bekommen).]

Refrain: Hault jou Vaderhous ümmer hauge, wo jeei auck* sind in wekker Welt
Un wenn uß mol breckt dat Auge, seeid ümmer brov, wie Schilsker sind.

2. Oß ick nau sonn lütken Bengel war, do läip ick in'n Sommer barsk;
In'n Winter hadde ick Holsken an, for Schouh war dat Jeld to knapp.
Van sou vierlen Minsken äiner vordäint, do jinkt jo auk* nich jout;
Owwer Braut lag ümmer in'n Schappe rinn, weei möchten olle jraut.

[Als kleiner Bub musste er im Sommer barfuß laufen; im Winter gab es nur Holzschuhe, denn für Lederschuhe war das Geld zu knapp. Das konnte ja auch nicht gutgehen, wenn von so vielen Menschen nur einer einen Verdienst hatte. Trotzdem: Brot lag immer im Schrank, und großgeworden sind auch alle.]

Refr.: .....

3. Un oss dann däi jraude Weltkreeig kam, to türgen Schilsker in'd Faild.
Twäi Breuer möhsten van meei met ran, no Frankreich denn baisen Feeind,
Doch baule do fel däi äine oss Held, met än manch Schilsker Freund,
Meeine Mudder jrein un däi Trainen fel'n beei jäider Schilsker Moim.

[Im großen – Ersten – Weltkrieg zogen die Schilsker ins Feld, darunter auch zwei Brüder, von denen der eine den Heldentod starb – und manche anderen Freunde ebenso.]

Refr.: .....

4. Seit dousend Jouer sind Schilsker Löu oss treue Minsken bekannt
Un wenn et seein mot dän Daud nich scheut fot'd heilige Vaderland.
Däi Ahnen, däi lierwen äinfach ohn Stolt, sou mot'd ouk höüde seein,
Ouse Ellernhous is us ümmer hold met louder Sunnenscheein.

[Seit tausend Jahren sind die Schilsker Leute als treue Menschen bekannt und scheuen, wenn es sein muss, auch nicht den Tod für das heilige Vaterland. (War halt die damalige Rhetorik, vielleicht sogar eher noch aus der Kaiserzeit. Für die Nazizeit scheint mir „heilig“ schon ein etwas antiquierter Begriff zu sein.) Die Ahnen lebten einfach und ohne (überheblichen) Stolz; so soll es auch heute sein.]

Refr.: .....








Nachtrag 27.08.2019 betr. Schildesche: Eine Reihe von Texten zur Geschichte des Damenstiftes und des Ortes Schildesche hat ein Bielefelder namens Joachim Wibbing auf seiner Webseite eingestellt. Und ebenfalls eine Zeittafel der Schildescher Stifts- bzw. Ortsgeschichte.




Magnetkräfte des Zeitgeistes norden die menschliche Eisenspäne politisch korrekt ein
 
Je nach Sichtweise amüsant oder (für mich) erschreckend ist eine Erfahrung, die ich in diesem Zusammenhang mit dem Betreiber eine Plattdeutsch-Webseite machen musste. Dort hatte ich das Lied zur Veröffentlichung eingereicht (als ein Beispiel für einen niederdeutschen Dialekt). Ich hatte darauf hingewiesen, dass die Worte "no Frankreich denn baisen Feeind" als Dokumentation der damaligen Einstellungen der Menschen zu lesen seien, und zwar nicht derjenigen von 1939 (Liedentstehung), sondern von 1914, wo der beiderseitige völkische Hass zwischen Deutschen und Franzosen und die Erinnerungen an historische Kränkungen (Raubkriege Ludgwigs des Vierzehnten, Befreiungskriege, Deutsch-Französischer Krieg 1870/71) noch virulent waren. Bekanntlich waren 1914 nicht wenige Deutsche  kriegsbegeistert ("Hurrapatriotismus").Dieses "Augusterlebnis" erfasste zwar nicht alle Bevölkerungsschichten. In der Hauptsache waren die Intellektuellen, die Systempfaffen und die "Bessergestellten" die Kriegsfanatiker. Also genau jene Kreise, welche in unseren Tagen wiederum voller Begeisterung die Waffen schwingen - nur diesmal gegen ihr eigenes Volk. Buntfanatismus und EUdSSR-Euphorie sind die sozialen Psychoseuchen unserer Zeit, wie es im Mittelalter der Flagellantismus und anderweitiger religiöser Fanatismus waren, oder im "langen 19. Jahrhundert" eben der Ultranationalismus. ("Wie ... die neueren Forschungen zeigen, dachten vor allem die unteren gesellschaftlichen Schichten im Ersten Weltkrieg weitaus rationaler als lange vermutet. Der Krieg war ihnen kein Anlass zum Jubeln. 'Akute Geistesverwirrung' herrschte woanders.")
Allerdings dürfte in allen Schichten die Grundstimmung eine patriotische gewesen sein; wenn schon nicht Begeisterung, dann zumindest das Gefühl, seine Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllen zu müssen. ( "Deutschland war nicht in Begeisterung vereint, sondern in Entschlossenheit.") 
Mit diesen Informationen hätte man die fragliche Leidzeile kommentieren und damit für uns Heutige historisch einordnen können. 
Der Betreiber der Plattdeutsch-Webseite ließ jedoch die ganze Zeile (oder, weiß nicht mehr, sogar die ganze Strophe) kurzerhand weg. Für mich ein erschreckendes Beispiel von politischer Korrektheit, das nicht einmal vor der Ver-Fälschung von Texten zurückschreckt, um nur ja nicht anzuecken oder was Falsches zu sagen.
Psycho-Seuche halt.


Tausend Meilen von der Heimat sitz' ich hinter Stacheldraht

Der Republik von Weimar folgte mit dem Mahr der Nazi-Bewegung ein Meer der Tränen. Für einen Teil des Volkes sofort; für den Rest ab 1939.
(Flapsige Bemerkung am Rande: Der Ortsname "Weimar" stand ursprünglich für „Heiligtumsee“. Die Weimarer Republik war also schon nah am Wasser gebaut.)

Mein Vater hatte zunächst noch Glück und überstand den Krieg unversehrt: Erst spät hatte ihn die Aktion “Heldenklau“ (der Begriff wird z. B. in diesem amüsanten Artikel beiläufig erwähnt) vom Arbeitsplatz an die Front verfrachtet, oder richtiger: zur Wehrmacht. Denn in Dänemark, wo er dienen musste, gab es zum Glück keine Front. Dafür Speck, von welchem er bei seiner Entlassung eine große Seite heim ins hungernde Reich mitbrachte.
Weniger Glück hatte er im Frieden: Die Briten holten ihn aus der Wohnung ab; in einem französischen Gefangenenlager (wo die Deutschen, wie man z. B. auch hier – S. 105 u. a. - erfährt) eigentlich Aufbauhilfe hätten leisten sollen) wäre er beinahe verhungert (vgl. auch die Infos S. 107 in dieser Studie). Das hat er den Franzosen jedoch nicht nachgetragen, sondern immer gesagt: „Die hatten ja selber wenig.“ Das Lager befand sich in der Stadt Tulle; gut möglich, dass das von deutschen Wehrmachtssoldaten 1944 verübte „Massaker von Tulle“ (s. a. und dort) die Franzosen nicht besonders freundlich gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen stimmte. Es muss sich um dieses Lager gehandelt haben: „Le camp de La Trémouille : dépôt de prisonniers de guerre N° 123“, denn auf Briefen meines Vaters vom 07. und 30.12.1945 hatte er eben diese Lagernr. 123 eingetragen.

Drei Briefe habe ich aus seiner dortigen Zeit, die er offenbar erst sehr spät schicken durfte (im Dezember 1945 war er bereits monatelang in Gefangeschaft). Er beschönigt seine Lage, sei es, um seine Frau ("Tille"; eigentl. Mathilde) und die Angehörigen zu schonen, sei es, weil die Kriegsgefangenen die Wahrheit über die hundsmiserable Versorgung nicht schreiben durften:




Das Lied "Am Heiligen Abend", dass mein Vater im Gefangenenlager gedichtet und komponiert und das ihm ein Päckchen Tabak eingebracht hat (damals sehr wertvoll!), kann sich zwar qualitativ nicht mit den "Moorsoldaten" messen, ist aber gleichfalls ein bewahrenswertes Dokument seiner Zeit:


Vor ihrer Entlassung wurden die deutschen Gefangenen in Auffrischungslagern der Amerikaner wieder aufgepäppelt. Wofür er denen äußerst dankbar war:






Zwischen Brotberuf und Sangeskunst 


Durch die verbleibenden Hungerjahre der Nachkriegszeit hat sich mein Vater pfiffig durchgeschlagen. Von Beruf war er Schlosser, jedoch hatte er auch Gesang studiert (in Weimar: s. o.). So konnte er sich einer Unterhaltungstruppe anschließen, die über die Dörfer tingelte. Und dabei statt (oder neben) dem wertlosem Geld auch unbezahlbare Lebensmittel bekam.

Hier sieht man wohl diese Tingel-Truppe; leider weiß ich nicht, wie die Band oder deren Leader hieß:

Dass meines Vaters Stimme für eine Sängerkarriere am Ende nicht ganz ausreichte, hatte ich oben schon gesagt. Und im Opernchor mochte er nicht singen, u. a. wegen der ungünstigen Arbeitszeiten. So ist er schließlich wieder in seinen erlernten Beruf zurückgekehrt und bei den Benteler-Werken eingetreten, wo er bis zu seiner Verrentung  als Schlosser gearbeitet hat.
Wie später bei mir, schlug auch bei meinem Vater nach Exkursionen in eher bohèmistische Existenzweisen letztlich doch die solide Ader wieder durch.


Ein Stolperstein vor dem Haus Oelmühlenstraße Nr. 15

Im Zuge meiner autobiographischen Nachforschungen stieß ich auf der OSM-Karte (Open Street Map) vor unserem früheren Wohnhaus auf ein merkwürdiges Symbol. Mit ein wenig Internet-Recherche fand ich heraus, dass es sich um einen Stolperstein handelt, der für einen Karl Hermann Johann Twesmann verlegt wurde. Seine Kurzbiographie ist hier wiedergegeben. Wir waren mit den anderen Familien im Haus befreundet, aber damals und bis jetzt hatte mir niemand etwas über dieses traurige Ereignis erzählt. Karl Twesmann war im Mai 1944 wegen Abhören von Feindsendern von der Gestapo verhaftet worden und starb dort auf ungeklärte Weise. Man darf wohl vermuten, dass die Gestapo-Häftlinge generell einer brutalen Behandlung ausgesetzt waren und dass es diese war, die direkt oder indirekt zu seinem Tode führte.
Verlegt wurde der Stolperstein am 25.11.2013 (private Mitteilung).


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ceterum censeo

Wer alle Immiggressoren der Welt in sein Land lässt, der ist nicht "weltoffen":
Der hat den A.... offen!
Textstand vom 27.08.2019

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