Mittwoch, 6. Juli 2005

"... for Schouh war dat Jeld to knapp"

"Schildesche" – das klang in meiner Jugend für mich immer so nach Germanenkriegern, die ihre Schilde an den Zweigen einer alte Esche – Yggdrasil, der Weltesche (http://www.lokis-mythologie.de/menue.php)? - aufgehängt hatten, um sich im Gras auf Bärenfellen zu lagern und Met zu trinken.

Ob der Name tatsächlich von seinem Ursprung her etwas mit Schilden und Eschen zu tun hat, darüber konnte ich leider weder im Internet (z. B. hier: http://www.schildesche.de/c/frame.htm) noch im "Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Kröner-Verlag, Band III = Nordhrein-Westfalen", etwas in Erfahrung bringen. Man muss da vorsichtig sein, weil später manche Ortsnamen, deren Ursprung dunkel war, wieder volksetymologisch "verständlich" gemacht wurden. So hat z. B. Wächtersbach nichts mit einem Wächter zu tun (der jetzt im Stadtwappen am Bach steht), sondern leitet sich vermutlich von einem Gründer "Wechir" ab, der am Bach einen Bauernhof oder eine Siedlung baute.

Jedenfalls wurde mein Vater in Schildesche geboren, 1902, als der Ort noch selbständig war (1930 wurde Schildesche zusammen mit einer Reihe anderer Gemeinden nach Bielefeld eingemeindet). Als offizielles Gründungsdatum Schildesches wird wohl das Jahr 939 angesehen, als die Adelige Marswidis dort ein Frauenkloster gründete. Die Tausendjahrfeier, auf die sich das u. g. Lied meines Vaters bezieht, muss also im Jahre 1939 stattgefunden haben. Der mir vorliegende Text, ein Blatt im Format DIN A5, "Preis 0,10 RM", enthält keine Jahresangabe, und mein Vater ist bereits i. J. 1975 verstorben.

Zu seinem Andenken, als plattdeutsches Sprachdenkmal besonders aber als Dokument der Sozialgeschichte (Armut, Kinderzahl) stelle ich den nachfolgenden Text ins Netz.
Ich selbst spreche leider kein "Platt", verstehe aber natürlich den Liedtext, allerdings mit Ausnahme des Wortes "Piar", dessen exakte Bedeutung mir unbekannt ist. (Sinngemäß bedeutet es wohl, dass die Kinder "reingehauen haben wie die Scheunendrescher".) *



Schilsker Lied
Den Schildescher Eltern zur Tausendjahr-Feier gewidmet.

Text und Melodie: Rudi [eigentl.: Rudolf] Brinkmann

1. In Schilske bin ick no Schoule john, in Schilske war ick to Hous;
Do moß ick oft up'm Faile stohn, to louken dat aule Krout.
Weei säiden met sierben Kinner beei Disk un äiden wie däi Piar,
Ouse läiwen Ellern däi quirlen sick un oft säi tou uß siahn:

Refrain: Hault jou Vaderhous ümmer hauge, wo jeei auck* sind in wekker Welt
Un wenn uß mol breckt dat Auge, seeid ümmer brov, wie Schilsker sind.

2. Oß ick nau sonn lütken Bengel war, do läip ick in'n Sommer barsk;
In'n Winter hadde ick Holsken an, for Schouh war dat Jeld to knapp.
Van sou vierlen Minsken äiner vordäint, do jinkt jo auk* nich jout;
Owwer Braut lag ümmer in'n Schappe rinn, weei möchten olle jraut.

Refr.: .....

3. Un oss dann däi jraude Weltkreeig kam, to türgen Schilsker in'd Faild.
Twäi Breuer möhsten van meei met ran, no Frankreich denn baisen Feeind,
Doch baule do fel däi äine oss Held, met än manch Schilsker Freund,
Meeine Mudder jrein un däi Trainen fel'n beei jäider Schilsker Moim.

Refr.: .....

4. Seit dousend Jouer sind Schilsker Löu oss treue Minsken bekannt
Un wenn et seein mot dän Daud nich scheut fot'd heilige Vaderland.
Däi Ahnen, däi lierwen äinfach ohn Stolt, sou mot'd ouk höüde seein,
Ouse Ellernhous is us ümmer hold met louder Sunnenscheein.

Refr.: .....

* die differierende Schreibweise "auck" und "auk" steht so im Original. Ich vermute, dass "auck" richtig und "auk" ein Druckfehler ist?

Die Passage "no Frankreich denn baisen Feeind" ist vielleicht kommentierungsbedürftig; jedenfalls hatte ich insoweit bereits eine Diskussion mit dem Betreiber einer Plattdeutsch-Webseite, der daran Anstoß nahm.
Mein Vater war als Arbeiter und Anhänger der Sozialdemokraten definitiv kein Nazi. Vielmehr hat er (wie meine Mutter mir sagte, nicht er selbst) immer gesagt: "Hitler bedeutet Krieg", und Krieg wollte er sicherlich nicht.
Im übrigen geht es in diesem Vers ja um die Schilderung der Stimmung bei Ausbruch des 1. Weltkrieges, wo ja das "Erbfeind-"Denken (wohl auf beiden Seiten) noch sehr ausgeprägt war. "Held" und "Heiliges Vaterland" – diese Zeilen waren seinerzeit wohl gängige Rhetorik, im Bewusstsein der Hörer / Sänger ebenso verankert wie vielleicht auch im Bewusstsein des Verfassers.
In jeder Hinsicht ist also das Lied als historisches Dokument zu lesen; und als solches sollte es auch nicht unterdrückt werden.Heute verbrennen wir ja keine Bücher mehr, gelle?

* Nachtrag vom 12.07.05: "Piar" heißt wörtlich "Pferde". Danke an Karin und Thorsten im Forum "http://www.deutsch-plattdeutsch.de/forum.php" für die Entschlüsselungshilfe!

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