Dienstag, 11. Oktober 2005

REICH DURCH HALL?

"Danke!" sagte mir mein Rückgrat, als es heute morgen aus murmeltierischem Schlaf auf harter heimischer Unterlage erwachte.
Davor hatte es sich 10 Nächte lang auf einer watteweichen Matratze, mit einer Kuhle wie einer Karst-Doline am Untersberg (auch sonst eine gefährliche Gegend!), durchgelegen. Und auch das Sofa und die Sessel der Ferienwohnung waren so beschaffen, dass mir die Frage in den Sinn kam, ob die deutsche Polstermöbelindustrie einen "kickback" von den deutschen Orthopäden erhält. (Jedenfalls hätte sie für eine ganze Reihe ihrer Produkte einen 'kick in the back', in den verlängerten, verdient.)

Aber das nur am Rande; erzählen wollte ich von einem insgesamt doch recht angenehmen Urlaubsaufenthalt in BAD REICHENHALL.

Im Land von Laptop und Lederhose muss ein Gewerbeverein natürlich einen Innovationsclub haben. Dass dieser einen Flohmarkt veranstaltet, ist eher erfreulich als innovativ; dass er den so gut wie gar nicht ankündigt und bewirbt, ja, das dürfte immerhin insofern innovativ sein, als es wohl nicht häufig vorkommt. Für die Verkäuferin im Ladengeschäft unten in unserem Unterkunftshaus war es genau so eine Überraschung wie für mich, als wir am Samstag Morgen auf dem Rathausplatz in Bad Reichenhall zahlreiche Flohmarktstände aufgebaut sahen.
Das Angebot war vielfältig und insgesamt durchaus nicht ramschig, und Manches wäre recht günstig zu haben gewesen. Da ich aber die Frage "Wo stellen wir das hin" bzw. "Was werfen wir dafür weg" nicht beantworten konnte, trollte ich mich zum Bäcker, dem eigentlichen Ziel meiner morgendlichen Exkursion.

Der Brötchenkauf erwies sich als Problem, weil ich natürlich keine Lupe dabei hatte. Und ohne eine solche Sehhilfe waren die Semmeln kaum wahrnehmbar. Auch das ist nicht innovativ; schon im Mittelalter gab es Bäcker, die zu kleine Brötchen buken oder backten. Damals wurden die Klein-Bäcker von der Staatsgewalt mittels einer speziellen Vorrichtung kalt gebadet. Leider hat sich, aller Nostalgieseeligkeit zum Trotz, dieser schöne Rechtsbrauch nur noch in Friedberg (Bayern) erhalten, wo man ihn wenigstens im Rahmen des Altstadtfestes "Friedberger Zeit" noch pflegt.

Gute Tradition ist mittlerweile auch, dass immer dort wo, und immer dann wann wir in Urlaub fahren, ein Bücherflohmarkt stattfindet.
Nachdem Garmisch-Partenkirchen in diesem Jahre davon sogar zwei anbot (DRK und Lions Club), wollte Bad Reichenhall nicht zurück stehen und veranstaltete am Samstag, 02.10.05, ebenfalls –2- Bücherflohmärkte: vormittags die evangelische Gemeindebücherei (in deren eigentlichen Räumen es indes, wie wir später sahen, einen Dauerbücherflohmarkt gibt) und nachmittags die (katholische) "öffentliche Bücherei St. Zeno". Dank an jene meist älteren Damen, welche in den kirchlichen Büchereien ehrenamtlich dem Gemeinwohl dienen.
Übrigens gibt es hier, genau wie in Garmisch-Partenkirchen auch, insgesamt sogar –3- Büchereien, nämlich noch diejenige der katholischen Pfarrei St. Nikolaus. Dass in dem relativ kleinen Bad Reichenhall (ca. 18.000 Einw. gegen ca. 29.000 in GAP – Quelle: Wikipedia) –2- katholische Gemeindebüchereien existieren, hat vielleicht ebenfalls historische Gründe, denn St. Zeno war bis 1906 (wie Partenkirchen bis 1936) eine eigenständige politische Gemeinde.
Ein Betriebswirtschaftler würde hier natürlich gleich Synergieeffekte entdecken und diese durch einen "Merger" heben wollen. Aber, wie in der richtigen Wirtschaft, kann so etwas auch schiefgehen. Mit dem freiwilligen Engagement der Damen, die vielleicht in erster Linie ihrer jeweiligen Kirchengemeinde und erst in 2. Linie dem Dienst am Buch verbunden sind, wäre es dann möglicher Weise vorbei. Und nach einer "Verstaatlichung" kämen nicht nur große (Personal-)Kosten auf die Kommune zu, sondern den Benutzern auch kundenfreundliche Öffnungszeiten abhanden. Denn an Sonntagen öffnet wohl keine einzige öffentlich bedienstete Stadtbibliothek in Deutschland ihre Tore.


Durch Parks und Stadt bummeln wir in den Abend hinein. Dem asphaltdurchzogenen Kurgarten, mit seinen Blumenrabatten typologisch näher am "französischen" Gartenstil, kontrastiert ein auf den neueren, auch großmaßstäblichen, Stadtplänen der Kurverwaltung namenloser Park mit englisch-grünen Durchblicken, der in meinem alten Plan, so von tiftig/einentiftig stammend, mit "Karlspark" oder "Stadtpark" beschriftet ist. (Na gut: dafür hat der alte Plan auch eine "Schutzgebühr 20 Pfennig" gekostet, während es die phantasievoller gestalteten neuen gratis gibt.)
Im Karlspark speist eine sprudelnde Quelle einen teichfolienunterfütterten, aber nichtsdestotrotz romantischen, Sumpf.
Den Gang durch beide Parks kann man als eine schöne Kombination von "Atem anhalten" und "befreit durchatmen" verstehen.

Noch andere Parks bietet die Stadt, doch wir schlendern jetzt durch einen Teil der Fußgängerzone, die "Einkaufsmeile", wie der langjährige Heimatpfleger Fritz Hofmann* sie später in einem Vortrag über "Sole und Salz in der Heimatgeschichte" nannte (und eine weitere, parallele, bezeichnete er ebenso treffend die "Fressmeile"). An Brunnen vorbei, von denen Bad Reichenhall mehr besitzen soll als Rom und Salzburg zusammen (na, na, Fritz Hofmann: ob das auch stimmt?) laufen wir über magisch leuchtende Pflastersteine. Vergleichend versuchen wir das Erlebnis der Stadt zu verarbeiten.
Meine fest akkreditierte Kulturkonsulentin bringt es auf den Punkt: "Eine Mischung aus Garmisch-Partenkirchen und Baden-Baden" nennt sie Bad Reichenhall.
Nur hat die Stadt von beiden weniger: weniger Alpenpräsenz im Blickfeld und weniger Belle Epoque in Geschichte und Ortsbild. Hierher kommen und kamen offenbar auch schon früher die Gäste eher als Kurende denn als Kurlauber. Immerhin: eine frei gelassene (oder renovierte?) Stelle auf der Seitenwand eines Hauses erinnert noch an jenen
Schneider Walzel aus Wien, welcher Damentoiletten sowohl im französischen wie auch im englischen Stil anfertigen konnte und in der Wintersaison in Meran couturierte (wo er hoffentlich den Damen auch für die Sommerpromenade die passende Montur verpassen konnte).
[Das Foto des Firmenschildes stammt von unserem Osterurlaub 2008 - erg. 13.04.08]
















Man tut viel, um den Anschluss an die attraktiven 'Sonnenziele' nicht zu verlieren. (Z. B. können Kurkarteninhaber in der Trinkhalle gratis im Internet surfen.) Trotzdem hörten wir, dass hier vor 20 Jahren noch deutlich mehr Juweliergeschäfte ihr Auskommen gefunden hätten als heute.
So wird es auch nicht leicht sein für jene kleine Kunstgalerie "Abraxas" von Helma Lea Türk (und die anderen dort angesiedelten Geschäfte), abseits vom Zentrum in der Predigtstuhl-Passage von den Kunden entdeckt und frequentiert zu werden. Eine ihrer Keramik-Kreationen erinnert mich an Türme von Gaudi, oder an Südtiroler Erdpyramiden. Doch soll es nur das Ausgangsmaterial des ungebrannten Hohlziegelstein gewesen sein, welches, aufeinandergetürmt, solche Assoziationen im Betrachter erweckt. An den Wänden sind Akte (und einige Landschaften) einer österreichischen Malerin zu einer Ausstellung versammelt.

Den Floriansplatz ziert ein imitiertes Bergmassiv, von einer dort ansässigen Gärtnerei errichtet und mit Alpenpflanzen geschmückt. Werbung und Zierde zugleich.
Im altmodisch-gemütlichen "Paffei" in der Nähe macht uns der Heurige (welchen wir im Gedenken an vergangene Wien-Aufenthalte konsumieren) müde.
Trotzdem findet meine fest akkreditierte Chefin de Cuisine später noch die Kraft, Steaks zu brutzeln.

Vor das Erreichen unserer Ferienwohnung haben wir das Bergsteigen gesetzt: sie liegt im 3. Stock. Haben wir natürlich bewusst so ausgesucht: um zu üben. Glauben Sie nicht? Tja, wenn Sie nicht mal das glauben: was soll ich Ihnen denn sonst vorl.., äh, ich meine natürlich: erzählen? Also, wir wohnen deswegen so hoch, damit außer den Dohlen niemand in unser Balkonfenster mit Burgblick schauen kann.

Ausruhend versuche ich, in Gedanken noch einmal die gesehenen Strukturen und gelesenen Fakten zu einem stimmigen Bild des Ortscharakters zusammen zu puzzeln. (Sehr informativ zur Entwicklung des Ortes als Bad ist die Festschrift "100 Jahre Bad Reichenhall. 1890 - 1990", die in dem teilweise recht interessanten Heimatmuseum wohlfeil zu haben ist). Das moderne Kurgastgebäude mit dem warmen Sonnenuntergangsfarbton seiner Wände. Die imposante Dachlandschaft des neobarocken alten Kurhauses, kurz vor dem 1. Weltkrieg erbaut. Die Kurmusik, bis zu dreimal täglich, mit deutlich mehr klassischen Musikanteilen als anderswo. Zusätzlich wird sogar z. B. ein Konzert mit geistlicher Musik in der (evangelischen) Kirche geboten.

Vor allem jedoch gibt es hier viel Mozart: für das Ohr, aber beinahe noch mehr für Augen und Gaumen. Hier in Bad Reichenhall sitzt die Fa. Reber, Produzentin der "Original Reber Mozart-Kugeln" (Hervorhebung von mir; warum – sehen Sie später!). Allüberall im Ort begegnet einem das Reber-Rot und der puder-perückte Mozart-Kopf, so häufig, dass ich morgens beim Zähneputzen schon das Rot der Ajona-Tube mit dem Reber-Rot verwechsele.
Stadt und Firma sind sozusagen eine Symbiose eingegangen. Dagegen wäre an sich nichts zu sagen, denn in mancher Hinsicht sind die Mozartkugel-Macher durchaus eine Bereicherung für Bad Reichenhall. Zunächst schon dadurch, dass ihre Werbung verschiedene Prospekte usw. mit finanzieren hilft.
Sodann führt die Firma Reber ein konsequent durchgestyltes Café. Ein Café? Nun ja, alles in einem Haus zwar, aber doch vier verschieden eingerichtete Räumlichkeiten. Es gibt ein Altes Café, ein Grünes Café, ein Boulevard-Café (beide rauchfrei) und ein "Florentiner Stüberl".
Freilich: zahlreiche Kaffee-Zubereitungen gibt es, aber kein Glas Wasser dazu, wie in guten alten Wiener Cafés.
Und die Torten? Also sagen wir es mal höflich: Diejenigen, die wir bestellt hatten, waren optisch anregend komponiert. Geschmacklich dominierten allerdings Buttercreme und Zucker.

Im Gartencafé kann man mit Konstanze (auch "Constanze" geschrieben) Nissen, geb. Weber, verwitwete Mozart, am Tisch sitzen. Etwas kalt ist die Dame allerdings, da aus Bronze. Immerhin: wo sonst hat Frau Mozart ein Denkmal bekommen? Ist doch nett von Fa. Reber, dass die auch an die Frau gedacht haben – und daran, auch Konstanze-Kugeln zu vermarkten. Läuft aber nicht so, wie gedacht. Vielleicht haben die einen Konstruktionsfehler? Müssten ja eigentlich wesentlich größer sein als die Mozart-Kugeln ... .
Wie wär's mal mit Bimberl-Pfoten? Bimberl hat nämlich auch ein Denkmal dort, so dass Wolfgang Amadeus Mozart, Konstanze Mozart und Bimberl Mozart (Quatsch: der hieß natürlich nur "Bimberl"!) glücklich bei Rebers versammelt sind – und Samstags vormittags regelmäßig einem Quartett mit Mozart-Musik lauschen dürfen.

Die Fa. Reber hat die Mozart-Kugeln zwar nicht erfunden, sondern die Idee – wie soll ich juristisch unverfänglich formulieren? – "entlehnt". Von einem Salzburger Konditor (s. u.). Die Originale sind größer (wir haben sie gekauft); Rebers Mozartkugeln schmecken allerdings besser.

Trotzdem: einen näheren Bezug zu Bad Reichenhall hatte Mozart nicht (durchgereist ist er, hat auch mal ein paar Takte auf der Orgel in St. Zeno gespielt). Dass die Fa. Reber den Generalsponsor zur Salzburger Gedenkausstellung zum 250. Geburtsjahr von Mozart macht, ist dennoch verständlich. Dass jedoch Bad Reichenhall das ganze Jahr 2006 musikalisch vermozarten will, zeugt nicht gerade von Originalität. Denen ist offenbar nichts besseres eingefallen, als den Salzburgern ein Stückchen Mozart zu klauen.
Wären sie etwas pfiffig gewesen, hätten sie sich als Konkurrenz geoutet (die sie touristisch ja auch sind), indem sie ein Festival mit Musik der seinerzeitigen Mozart-Konkurrenten veranstaltet hätten: Salieri & Co.: "Mozarts Beschatter – In Mozarts Schatten". Das ortseigene Orchester, die Bad Reichenhaller Philharmonie, kann sicherlich auch andere Komponisten als Mozart spielen. Aber damit wäre die kreative Phantasie in der "Alpenstadt 2001" und in Deutschlands erstem "Alpine-Wellnes-Ort" wohl überfordert gewesen.
So hallt halt nächstes Jahr Mozart auch aus Bad Reichenhall, das sich mithin gewissermaßen am Widerhall von Salzburg bereichern will.

"Alpenstadt" und "Alpine Wellness" überfordern wiederum meine Fantasie. Im Ortsbild sind die Berge rings um die Stadt nämlich nur wenig präsent. Hier und da mal ein Durchblick auf das Lattengebirge mit dem Predigtstuhl, den Grenzgänger Untersberg, der teils zu Österreich, teils zu Deutschland gehört, der Hochstaufen mit seinen hochinteressanten Erdbeben usw. Gewiss: in Garmisch-Partenkirchen ist die Zugspitze fast doppelt so hoch, die Alpspitze markanter, und meist ist das Zugspitzmassiv von Schnee bedeckt; insoweit können die Berge hier nicht mithalten.

Trotzdem hätte sich für Bad Reichenhall die Möglichkeit geboten, die Bergblicke stärker in das Kurgeschehen einzubeziehen. Die Stadt liegt unterhalb der Abbruchkante eines Hügels (vielleicht eine einst von der Saalach abgeschliffene Uferböschung). Oben hat man herrliche Ausblicke, und dort liegt sogar eine Burg, "Gruttenstein" heißt sie. Nicht sehr beeindruckend zwar, wenn man gerade die Festung Hohensalzburg gesehen hat, aber immerhin: für die Einrichtung eines Cafés, eines "Gastgartens", eines gemütlichen Weinkellers hätte sie sich angeboten. Indes sind dort Wohnungen untergebracht und die Burg ist für Touristen unzugänglich.

Im 19. Jahrhundert, als Bad Reichenhall zum Kurort wurde, wäre es vielleicht noch möglich gewesen, dort oben eine Kurpromenade einzurichten; heute ist der Hang zugebaut. Man kommt zwar über verschiedene versteckte Wege hoch und kann dort oben auch laufen, aber eine "Gruttensteiner Allee" im Sinne eines Wandel-Weges gibt es dort nicht, auch nicht breite Verbindungswege, welche die Kur- und sonstigen Gäste hoch- und an anderer Stelle (etwa im alten Florianiviertel) wieder hin die Stadt hinunterführen würden. Vielleicht auch deshalb nicht, weil das Gebiet teilweise zu Bayerisch Gmain gehört. Jedenfalls blieb hier eine Chance zur Aufwertung von Bad Reichenhall ungenutzt.
Hier hat nun einmal kein Dostojewski gezockt, kein Turgenjew gewohnt, und nicht einmal ein Otto Flake den Großen und dem Gesellschaftsleben des 19. Jh. dichterische Denkmäler gesetzt.
Irgendwie bietet Bad Reichenhall dem Gast alles – außer der gelassenen Identität eines gewachsenen starken Profils.


Damit hat die Stadt Salzburg sicher keine Probleme. Solche hat eher, wer am deutschen Nationalfeiertag diese österreichische Grenzstadt besichtigen will. Dann nämlich schiebt sich eine Menschenmasse langsam durch die Getreidegasse ... . Dorthin kamen wir allerdings erst später. Durch Zufall entdeckten wir bei diesem Besuch zunächst eine uns bei früheren Aufenthalten verborgen gebliebene Sehenswürdigkeit: den alten, aufgelassenen Friedhof von St. Sebastian. Er war fast menschenleer und hätte ruhig sein können.
Eine Gruppe von Wohnsitzlosen, welche die Friedhofsarkaden für ihre gesellige Zusammenkunft nutzten, störte jedenfalls nicht weiter; außerdem saßen sie durchaus nicht grundlos auf jenem Friedhof, wo auch Philippus Aureolus Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus, ruht. "Alle Ding sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht das ein Ding kein Gift ist" hat dieser gesagt, und das gilt ja nicht zuletzt auch für die Flüssigkeitsaufnahme der heimatlosen Friedhofsgäste. (Link zu einem Lexikon-Artikel im "historicum.net".)

Leider trieben zwei Schnitter ihr Unwesen und machten den Hof recht un-friedlich. Die Schnitter waren nämlich nicht hübsch leise, wie der echte christliche Traditions-Sensenmann, sondern kurvten motorlaut über den Rasen. Gut, dass hier nur die Witwe vom Mozart ruht, und nicht er selbst – der Wolfgang Amadeus würde glatt einen Gehörschaden bekommen.
Constantia von Nissen, bekannter als Mozarts Konstanze, muss halt durchhalten. Dass sie eine zähe Konstitution hatte, erkennt man schon daran, dass sie auch ihren 2. Ehemann "von Nissen" überlebt hat.

Solche historischen Gräber und Denkmäler sind ja recht interessant; geradezu faszinierend ist aber die mit farbigen Kacheln ausgekleidete (leider nur durch ein Gitter einzusehende und nicht beleuchtete) Gabrielskapelle [war verdammt zeitraubend, einen Bild-Link, bzw. sogar einen Video-Link dorthin zu finden!], ein Mausoleum des und für den (später abgesetzten und auf der Festung Hohensalzburg inhaftierten) früheren Fürsterzbischof von Salzburg, Wolf Dietrich von Raitenau (ob dieser Fürst auch Majoliken gesammelt hat?).

Die luftige Weite des Dom-Innenraumes im Stil der italienischen (Spät-) Renaissance beeindruckt mich nicht mehr in gleichem Maße wie bei meinem ersten Besuch in Salzburg, irgendwann Anfang der 70er Jahre. Letztlich ziehe ich die gemütliche Gotik des Netzgewölbewaldes der Franziskanerkirche vor, oder die gleichfalls gotischen Gewölbe in der ehemaligen Spitalskirche St. Blasius (wie die Gabrielskapelle auch nur durch ein Gitter zu besichtigen).
Und die Original Salzburger Mozartkugeln, die wir hier probierten, die von der Konditorei Fürst – nun ja, die hatte ich schon oben erwähnt. Besser munden uns die "Wolf Dietrich Blöcke", doch gibt es auch noch andere Spezialitäten.

Dass wir unseren Kaffee in der Getreidegasse bei McDonalds getrunken haben, muss ja niemand wissen. Wenn ich zu Ihren Gunsten, liebe(r) Leser(in), unterstellen darf, dass Sie nicht solche Kulturbanausen sind wie wir, andererseits aber snobistisch genug, um nicht mit Krethi und Plethi ihren großen oder kleinen Braunen in jenen lauschigen Innenhöfen einzunehmen, die man über Durchgänge von der Getreidegasse erreicht, empfehle ich Ihnen das "Toskana" in der Sigmund-Haffner-Gasse. Das ist schon insofern angemessen, als Salzburg, die Altstadt jedenfalls, im Stil vieler Bauwerke und Ensembles italienisch geprägt ist wie wohl keine andere Stadt im deutschen Sprachraum. Deckengewölbe mit farbigen Stuckornamenten verleihen diesem Café außerdem ein ganz besonderes Ambiente. Und das Publikum? Nun, das Café ist eine – Studenten-Mensa! Dieses Mal hatten wir genug Kaffee im Bauch; beim nächsten Mal aber werden Sie auch uns dort antreffen (und vielleicht anschließend doch wieder bei McDonalds – der Kaffee schmeckt da wirklich gut).

Bevor wir die Bahn zurück nach Bad Reichenhall besteigen, wollen wir nicht schon wieder chinesisch speisen, sondern mal richtig gepflegt dinieren. Schließlich hatten wir nicht umsonst vor 30 Jahren unseren Hochzeitstag in weiser Voraussicht auf den deutschen Nationalfeiertag gelegt. (Andere heirateten hier – zum Glück gibt's ja Österreich – sogar noch jetzt am deutschen Nationalfeiertag: ein Paar aus Asien hatte sich in den Marmorsaal des Schlosses Mirabell getraut, welcher deshalb unseren Blicken verborgen blieb.) So kehrten wir also da ein, wo der Mensch isst, weil dort das Rindfleisch ist: there is the beef – Burger King im Bahnhof!


Mit den beiden Bad Reichenhaller China-Restaurants ist kein Staat zu machen (und übrigens ebenso wenig mit demjenigen in Berchtesgaden gegenüber vom Bahnhof), doch wurden wir für unsere Leiden entschädigt durch das indische Restaurant in der Predigtstuhl-Passage in Bad Reichenhall, hinter der St.-Nikolaus-Kirche, das wir zwar schon früh entdeckt, aber leider erst spät besucht hatten.

Glück hatte ich in anderer Hinsicht, weil nämlich der Schutzpatron der Rupertus-Therme seine Hand über mich hielt, als ich meine Hose mit Geld und Schlüsseln in der Umkleidekabine vergessen hatte.
In diesem Bad gibt's zwar keine Wellen, dafür aber außer den in der Stadt vermissten freien Bergblicken vor allem sehr viel "Blubb" für's Geld. Zahlreiche Becken verschiedenster Wärme- und Salzgehaltsgrade mit mehr Sprudeln und Berieselungen, als die "Frühschicht" (Eintritt bis 11.00 h für 2 Std. 8,- €) nutzen konnte. So blieben für uns noch genügend Plätze auf Sprudelliegen und unter Rückenmassagestrahlen frei. Im Strömungskanal wurde es freilich doch etwas eng.

Was kann der Sigismund bloß dafür, dass er am Thum ist? Eigentlich war der mehrwöchige Urlaub, den Sigismund alias Sigmund Freud anno 1901 im "Seewirt" am Thumsee verbrachte, nur eine "Verlegenheitslösung", lese ich auf der Gedenktafel. Vermute mal, dass der Siggi halt ein süßer Kavalier war und deswegen dort geblieben ist, weil es seiner Frau und seinen sechs Kindern (letztere übrigens ein Beweis dafür, dass er bei seiner Ehefrau immer gern geseh'n war) dort so gut gefallen hat und er ihnen zuliebe am See sitzen blieb. (Ich meinerseits würde das, trotz schöner Landschaft und naher Burgruine Karlstein, wohl kaum länger als zwei Tage aushalten, obwohl es heutzutage Busverbindungen gibt und die Fahrten – ebenso wie in Garmisch-Partenkirchen - für Kurkarteninhaber gratis sind.). Sigmund Freud wollte angeblich auch Pilze suchen, aber wer die Psychoanalyse kennt weiß, dass der sich sowieso nur für das Myzel interessiert hätte. (Diese Interpretation als Rache eines kleinen Mannes dafür, dass er tiefenpsychologisch induzierte Schuldgefühle erdulden muss für sein Eingeständnis, auch das Seemösl besichtigt zu haben!)
Denkbar jedoch auch, dass Freud mehr an der Rolle der Pilze als Destruenten interessiert war. Irgendwie mag sich ja auch die Psychoanalyse aus dem Kompost der zerfallenden Donaumonarchie genährt haben.
Das Pilz-Myzel übrigens kann, Wikipedia sei für die Info gedankt, mehrere tausend Jahre alt werden. Was wiederum den Jung gewiss gefreut hätte.

Wo Freud' ist, ist auch Lieb' nicht weit, und so woben sich hier an jenem von subaquatischen Quellen gespeisten See zarte Bande zwischen Gastwirtssohn und Psychologentochter. Deren anschließenden Briefwechsel kann man heute nachlesen, sollte sich aber bei der Analyse der Liebestiefe und möglicher Ehewünsche bzw. -hindernisse nicht allein auf den Briefherausgeber Günter Gödde verlassen, sondern auch Bernd Nitzschkes Rezension zu Rate ziehen.

Im übrigen ist es natürlich kein Wunder, dass der See mesotroph wurde, nachdem er psychoanalysiert war. Auch ich würde misanthrop werden, wenn man mir so was antäte.
Also nichts wie weg hier, wo unter der Oberfläche verborgene Gefahren lauern, und ab nach


Berchtesgaden. Wussten Sie schon, dass man Trinkschokolade aus Kakaopulver und richtiger Milch zu bereiten kann? Dann wissen Sie mehr als die meisten Gast- und Caféwirte, welche nur ein Gesöff aus Pulver und Wasser aufmischen können.
Ganz anders aber im Café Lockstein, in herrlicher Aussichtslage über Berchtesgaden. Da gab es richtige Trinkschokolade, und herrlichen Kuchen. Das alles, trotz hervorragender Qualität und Lage, zu sehr moderaten Preisen – wofür wir dieses Café denn auch preisen (und den "Kronprinz" vergessen, wo der Kaffe so schmeckte, als sei er tatsächlich schon zu Zeiten des Kronprinzen gekocht worden).
Was schleppt man als Andenken aus Berchtesgaden heim? Selbstverständlich einen neuantiquarischen Reiseführer "Wien wirklich" aus dem Buchladen. Und dieses und jenes aus dem Dauer-Bücherflohmarkt der Stadtbücherei (bzw. eigentlich "Marktbücherei", denn die "Stadt" ist verwaltungsrechtlich nur eine "Marktgemeinde").


Man kann Bad Reichenhall nicht verlassen, ohne auf den Predigtstuhl zu gondeln (wo man übrigens auch preiswert und gut essen kann). Dort oben stellt sich bei mir nach dem "Schlendrian" der letzten Tage plötzlich wieder das Bergwandergefühl ein; der Schwung der Wanderstöcke reißt die Beine mit; ich fühle mich gehoben wie August von Goethe in Venedig. Man sieht: es muss nicht immer Italien sein.
Ist freilich auch kein Wunder, dass ich in der Bad Reichenhaller Gegend vor Kraft fast berste: hier hat's 'ne Menge Kraftorte!
Oben weite Blicke. In der Nähe Felsabstürze, die mich an Abbildungen aus den Dolomiten erinnern. Hier und da hat die Erosion spitze Kegel herausgearbeitet. "Bryce Canyon", ziehe ich meine fest akkreditierte Reisebegleiterin auf, die aus den USA stammt. Manche halbsäulenartigen Felsformationen erinnern an ehemalige Korallenriffe, wie sie (ausgeprägter) am Staffelberg bei Bad Staffelstein zu sehen sind.

Ein Spaziergang, der sich in den Abend hinein zieht, führt uns, induziert durch ein blaues "Wasser-Zeichen" im Stadtplan, leider nicht zum gesuchten Park und Teich, sondern nur an einen Lattenzaun. Irgendwo hat der Zahn der Zeit ein Stück herausgebrochen und eröffnet verlockende Einblicke in eine verwunschene Parklandschaft, schöner und begehrenswerter (wohl auch weil eingezäunt!), als Karlspark, Kurpark oder Kurgarten. An der Seite ist ein Gartentor spaltbreit geöffnet. Rein oder nicht rein?, das ist hier die Frage. "Privatgrund" steht auf einem Schild, nicht aber "Betreten verboten". Also rein – und wir stehen auf historischem Boden, dem Kraftort des Bades Reichenhall so zu sagen: wir haben den Park jener "Sole- und Molkekuranstalt Achselmannstein" betreten, mit deren Gründung 1846 die eigentliche Geschichte der Kur in Bad Reichenhall (nach einem "Vorspiel" im Schlösschen Kirchberg) begann. "Molkenkur" deshalb, weil unsere Ahnen in jenen schrecklichen Zeiten ante anno aspirinum Ziegenmolke trinken mussten, um gesund zu bleiben oder wieder zu genesen. Heute will man dort mit Achselhöhlen nichts mehr zu tun haben oder Legastheniker nicht vor den Kopf stoßen; jedenfalls heißt das Hotel nun "Axelmannstein" und gehört zur Steigenberger-Gruppe. Der herrlich nostalgische Park um den großen Weiher scheint heute seine Werbewirkung allenfalls noch als Sportplatz für Gymnastikübungen und als Bodenreserve für Tennisplätze zu entfalten; nur damit jedenfalls werben die daumennagelgroßen "thumbs" auf der Hotelseite "Sport und Aktiv". Ach nein: man kann sogar "Beauty und Wellness" darin tanken, indem man sich in Liegestühlen an den Teichrand – sprachlich natürlich zum "See" aufgewertet – legt oder darin schwimmt. Nur eins ist heute offenbar verpönt: sich promenierend und schauend darin zu erholen. Oder abends als Paar im Park romantisch zu flanieren. Ist auch besser so; dadurch konnten wir uns wenigstens ungestört und ungehindert dort bewegen und seine melancholische Abendschönheit voll genießen: altes Brückchen, Insel, bemooste Holzhütte. Ich könnte mir glatt die Naxos-CD "In memoriam" dazu auflegen – wenn ich diese und einen Discman dabei hätte. Wehmütige Herbstpracht des Fin de Siècle, und in den Bäumen singen Vogelchöre a Capella.

Indes, trotz rückwärtsgewandter Verzauberung: meine klassenproletarische Wachsamkeit ist ungebrochen. Am Brunnen (nicht vor dem Tore, sondern in der Mauer) sehe ich ein Relief von St. Georg, welcher wie üblich einen Drachen tötet. Zu Hoch-Zeiten des Klassenkampfes geschaffen, und für die Augen der Klassenfeinde meines Großvaters konzipiert: was oder wen konnte der Drache symbolisiert haben? Doch zweifellos nur einen Gewerkschafter, der Lohnerhöhungen forderte!


Der Zeitpunkt unserer Abreise ist noch immer nicht gekommen; auch wenn der oder die eine oder andere Leser(in) bereits die Geduld mit mir verloren haben mag.

Wir müssen zuvor noch Bayerisch Gmain beschauen um fest zu stellen, dass das Schönste daran der vielfältig profilierte Zwiebelturm der Wallfahrtskirche und die hochgelegene Burgruine von Großgmain sind.
Solches zu sagen, ist allerdings eine kleine Gmainheit von mir, weil nämlich Großgmain bereits in Österreich liegt und also touristische Konkurrenz von Bayerisch Gmain ist.
Es ist auch nicht die ganze Wahrheit, denn noch eindrucksvoller als diese Zeugen menschlichen Wirkens ist der Kamm des Lattengebirges, der sich vielfältig gezackt hoch über Bayerisch Gmain hinzieht und wo die "Schlafende Hexe" über den Häuptern der Menschen wacht, wo unheimliche Orte wie die "Steinerne Agnes" (das reellste Photo finde ich hier auf der Webseite einer Steuerkanzlei) oder gar das Teufelsloch die Phantasie der Menschen beschäftigen (welche, wenig überraschend, den Teufel und die Sennerin Agnes dadurch zusammen gebracht haben, dass der Teufel der Sennerin durch das Loch gefolgt ist).
Ach Siggi, was hätte aus dir werden können, wenn du deinen Urlaub in Bayerisch Gmain verbracht hättest, statt am Thumsee ...! Andererseits: wer, wenn nicht der Tomb-See hätte dich zu deinen Meditationen über "Eros und Thanatos" inspirieren können? (Es sei denn, du hättest Friedrich Schillers Gedanken über "Bruder Tod" und "Schwester Lüsternheit" gelesen, in seiner "Phantasie an Laura".

Ich hielt mich an die Kunst statt an Sagen (die ich zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht kannte). Im Dunst des Gegenlichts erschienen mir der zackig erodierte Gebirgskamm und die im Mittelgrund scheibenförmig wie Theaterkulissen absteigend herausgewitterte Reihung der Vorberge wie chinesische Landschaftsmalerei der dortigen Lößbergformationen, welche sogar die graphischen Darstellungen der Hausse- und Baisse-Verläufe des "Neuen Marktes" in seinen wildesten Zeiten übertreffen. (Speise ich zu oft im China-Restaurant oder habe ich zu viele Kursabstürze am Neuen Markt erlebt?)
Der Herbst meinte es gut mit uns und schenkte uns am letzten Aufenthaltstag einen Sonntag im wahrsten Sinne des Wortes.


Zur Heimreise am Montag verhöhnte uns das Wetter, indem es einen bekannten Spruch ein wenig variierte: "Wenn Engel abreisen ...".


* Nachtrag 01.11.2008:
Fritz Hofmann, dessen engagierter Vortrag mich wirklich begeistert hatte, ist am 12.10.2008 verstorben. Das Reichenhaller Tagblatt hat einen ausführlichen Nachruf in der Beilage "Heimatblätter" vom 18.10.2008 veröffentlicht. Er hat sich mir bei dieser einmaligen Begegnung eingeprägt; ich werde ihn nicht vergessen.


Nachtrag 04.04.2010:
Die Reichweite der "Tägs" ist leider eng begrenzt; wer unten den Täg "Thermalbaeder" anklickt, bekommt lediglich die neuesten Einträge zu sehen.
Aus diesem Grunde habe ich meine Thermen-Schilderungen (die allerdings nicht immer sehr detailliert sind, bzw. bei denen die Blotts nicht immer auf die Thermenbesuche fokussieren) in einem eigenen Blott "Thermenwelt: Thermen der Welt (well: meiner Welt, also Thermalbäder in Deutschland)" verlinkt.






P. S.
Da der Eintrag bei Entwürfen, die direkt über das Blogger Dashboard oder über das Word-Zusatzprogramm für "blogger.com" erstellt werden, wird anscheinend jeweils unter dem Datum publiziert, an welchem der Entwurf begonnen wurde. Als gut bürokratischer Pedant merke ich deshalb hier an, dass ich diesen Beitrag erstmalig am 13.10.05 eingestellt habe.


Textstand vom 04.04.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen