Sonntag, 30. Oktober 2005

WO DER OLIM HAUST oder ARM, ABER KRITISCH!



Sie erinnern sich an meinen 'Olim-Diskurs'? Wenn nicht, finden Sie ihn hier: http://beltwild.blogspot.com/2005/06/der-olim-diskurs.html.

Der Gedanke eines guten Gestern schleicht sich an den unvermutetsten [wenn das Karl Kraus gehört hätte ...] Stellen ein. So z. B. in den Aufsatz eines gewissen Ernst Lohoff: "ZUR DIALEKTIK VON MANGEL UND ÜBERFLUSS". Diesen Text will ich hier nicht in allen Einzelheiten kritisieren (mir erscheint er als eine großenteils realitätsarme Begriffsakrobatik, wie sie nur aus dem Nährboden des weitgehend bedürfnisbefriedigten Geisteszustandes eines bourgeoisen Zeitalters erwachsen kann). Nur einen Teilaspekt, der auch für viele andere Arbeiten dieser Art exemplarisch sein dürfte, will ich herausgreifen: das Walten des Olim-Diskurses im Hintergrund dieses Textes, der sich natürlich als zukunftweisend oder, im Jargon, progressiv versteht.

Mangel gab es schon immer, das immerhin weiß der Autor. Sicherlich der gravierendste Mangel ist der Mangel an Lebensmitteln. Auf diese Dimension reduziert er weitgehend das Mangelgefühl der Menschen früherer Zeiten mit agrarischen Wirtschaftsformen: Der Mangel "war den Menschen insofern von jeher vertraut, als die Bedürfnisbefriedigung auch in traditionellen Gesellschaften stets sozialen Restriktionen unterworfen blieb und insbesondere, weil sich angesichts der fehlenden Reichweite des produktiven Zugriffs die Naturschranke zu allen Zeiten periodisch in Gestalt von Missernten und Seuchen [Hervorheb. von mir]  immer wieder bemerkbar machte."
Wohnung, Heizung, Kleidung (vgl. dazu auch meinen Blog-Eintrag "... for Schouh war dat Jeld to knapp" ): dass diese (den Unterschichten, also der Masse der Menschen) großenteils fehlten bzw. nur äußerst mangelhaft verfügbar waren, muss in seiner Argumentation unter den Tisch fallen, damit er den wahren Menschen auch historisch gegen uns Warenmenschen abgrenzen kann.

Paradiesvorstellungen früherer Zeiten werden zum gleichen Zwecke ihrer konkreten psychologischen und soziologischen Funktionen entkleidet. Den Paradiesphantasten attestiert Lohoff "Distanzfähigkeit" und dem religiösen Kontrastprogramm von elendem Diesseits und glücklichem Jenseits "kritisches Potential", weil es "die Differenz zwischen dem Wünschbaren und der sozialen Realität aufrechterhalten" habe.


Ein Hauch von 'glücklichen Wilden' weht uns an wenn wir bei Lohoff von der angeblichen "Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen in traditionellen Gesellschaften die vergleichsweise engen Grenzen akzeptierten, die der Reichtumserzeugung gesetzt waren" lesen. Das ist doch wohl eine Vorstellung aus Not-enthobener bourgeoiser Phantasie, erinnernd an die begeisterten Reiseberichte jener Hippies, welche auf ihren exotischen Reisen den Ärmsten der Armen die Haare vom Kopf gefressen und dann daheim von deren herzlicher Gastfreundschaft geschwärmt haben. (Erinnert mich entfernt an den Text eines gewissen Emanuel Sferios über "Immigration and the Environment", der auch ganz genau weiß, dass "US transnational corporations ... are aggressively marketing to increase consumption in countries like Mexico and China that have large populations yet have traditionally been low per capita consumers", will sagen: dass glückliche kaufsignalresistente Bauern nur durch die Hinterlist des Kapitals zu Konsumidioten ummanipuliert werden.)

Ebenfalls nicht unwichtig war im Bewusststein der Menschen der Mangel an Freiheit. Ich glaube eher nicht, dass wir heute davon "absolut" mehr haben. Wir haben wohl nur andere Freiheit(en). Und wir fühlen uns im historischen Vergleich freier. Unser Gefühl von "Freiheit" mag insoweit eine Illusion sein, als wir uns (möglicher Weise) einbilden, die "wahre" oder "richtige" Freiheit zu genießen. Für Spartakus oder John Ball und für die von diesen geführten Unterschichten wäre es allerdings ein gewaltiger Fortschritt gewesen, wenn damals die Menschen die Beschränkungen ihrer Vertragsfreiheit und ihrer räumlichen Bewegungsfreiheit in gleicher Weise wie wir hätten überwinden können und wenn ihnen wenigstens unsere zwar vielfältig eingeschränkten "Freiheiten" zuteil geworden wären.


Allerdings ist der Olim-Diskurs nur ein Randaspekt von Lohoffs Gesellschaftskritik. Tragendes Element ist der Eigentlichkeits- oder Wesentlichkeits-Diskurs. Im Hintergrund steht immer die Auffassung, dass wir durch unsere kapitalistischen Wirtschaftsweise (und ebenso in deren sozialistischen Spiegelbildern) irgendeines Eigentlichen beraubt worden seien. Das wahrhaft Menschliche, worunter er hauptsächlich die sozialen Beziehungen zu verstehen scheint, sieht er durch das Warenmenschliche verdrängt. (Die Hörigen hätte es bestimmt gefreut zu hören, dass sie die wahreren Menschen waren.)

Die Fähigkeit, auch fundamentale gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten gedanklich in Zweifel zu ziehen, ist eine wesentliche Triebfeder der Moderne und wohl der menschlichen Entwicklung überhaupt. In der intellektuellen Dimension stützen sich solche theoretischen Überlegungen oder sozialen Bewegungen letztlich meist (immer?) auf Absoluta: Gott, "die" Freiheit, die "Würde des Menschen" usw., d. h. auf einen gedachten archimedischen Punkt des eigentlich Wesentlichen, von dem aus sich die gegebene Ordnung in Richtung auf eine bessere Welt aushebeln lasse.
Gut, dass es Leute wie Lohoff gibt, welche zu wissen glauben, was dem Menschen wirklich frommt, nämlich dass die Leute z. B. eigentlich lieber in Bussen und Bahnen fahren und dass sie ihre Kartoffelkäufe lieber in der Schubkarre als im Kofferraum nach Hause transportieren würden.

Ich freilich (zwar ebenfalls skeptisch hinsichtlich gewisser Konsumhypertrophien) habe mit dem Wiederbesinnen meine Schwierigkeiten. Dass frühere Generationen irgendeinem Eigentlichen oder Wesentlichen näher gewesen wären als wir, solchen intellektuellen Varianten des materialistischen Goldenes-Zeitalter-Mythos traue ich eher nicht. Nicht erst der im Takt der abstrakten Arbeit verstrickte Brotbackfabrikarbeiter verkauft seine Zeit; auch die Zunftgeborgenen Bäcker der Vergangenheit mussten früh aufstehen.
Und die zukunftsbezogene Annahme, das eigentlich Wesentliche lasse sich anstreben oder im Prinzip sogar irgendwann einmal erreichen, scheint mir eher ein Einfallstor für jedwede Spielarten von Metaphysik, welche nur darauf lauern, uns zu Gurus oder Benevolenzdiktatoren zu konvertieren. Berge versetzen kann die Kraft der Einbildung. Sie kann aber Berge auch ins Rutschen bringen – dann sitzen wir drunter.

Trotzdem: Gedankliche Distanz zu unserer Wirtschafts- und Konsumgesellschaft sollten wir schon zu suchen versuchen. Selbst-kritisch muss ich mich fragen, ob man ohne einen gedachten absoluten Bezugspunkt (wie vage er auch immer vorgestellt sein mag), Abstand halten oder überhaupt erreichen kann?

Immerhin: eine Dialektik von Mangel und Überfluss erlebe ich sogar bei mir selbst: je weniger Zeit ich habe, desto mehr Einfälle kommen mir.
Ob es sich dabei um einen Überfluss an Gedanken, oder lediglich um überflüssige Gedanken handelt: das muss ich wohl der Einschätzung meiner Leser überlassen.

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Bis zur 9. Druckseite seines Textes war ich gekommen, als ich den größten Teil der o. g. Zeilen niederschrieb.
Danach kommt es besser, und das meine ich keineswegs ironisch im Sinne von "kommt es noch besser".
In der 2. Texthälfte liefert Lohoff nämlich historische Analysen, deren Richtigkeit ich zwar anzweifele, die aber intellektuell brillant sind.

Den Aufstieg des Kapitalismus stellt er nicht als einen ökonomischen Kampf der Gesellschaft gegen das Elend dar, sondern sieht umgekehrt eine verschärfte Verelendung (Pauperisierung) der Unterschichten geradezu als notwendige Voraussetzung an für den Aufstieg des Kapitalismus. Den Staat betrachtet er als denjenigen historischen Agenten, der die Menschen ins Elend gestoßen hat.

Ich habe da so meine Zweifel, ob es den Hintersassen einstiger Kathedralbau-Zeiten, aus denen man nichts Genaues weiß und in welchen manche Freiwirtschafts-Theoretiker dem Bischof Wichmann die Erfindung der Wirtschaftsblüte durch das Schwundgeld der Brakteaten zuordnen oder andichten, wirklich besser ging als einige Jahrhunderte später. Wenn man den Mittelalter-Menschen auf die Zähne fühlt, archäologisch, dann sind die gelegentlich recht abgenutzt. Weil sich so manche Menschen kein gemahlenes Getreide leisten konnten (nein, Marie Antoinette: Brot konnten sie auch nicht kaufen) und also die Körner mit ihren Kauwerkzeugen zerkleinern mussten.
(Wahrscheinlich sind die Müller die wirklich Schuldigen der frühkapitalistischen Verelendung, weil sie den Massenkonsum von aufwändig und kostspielig denaturiertem Körnerfutter durchgesetzt haben. Der direkten Aktion der Zähne haben sie in der vorsätzlich expropriatorischen Intention der Gewinnerzielung die warenwirtschaftliche Abstraktionsstufe des Mehlmahlens vorgeschaltet.)

Immerhin: die Isländer haben in der "kleinen Warmzeit" eine hohe Kultur entfaltet; wir mit Kathedralenbauten auch. Und die große Zahl von Burgen, auch wenn diese damals durchaus kleiner waren als das, was wir an den übrig gebliebenen heute sehen, war keine geringe ökonomische Leistung. Wenn die allgemeine Ernährungssituation der breiten Massen im Früh- und Hochmittelalter wirklich (wie viel?) besser gewesen sein sollte als heute (was ich bezweifele), mag auch das günstige Klima eine Rolle gespielt haben – und entsprechend negativ im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit die klimatische Verschlechterung in der "Kleinen Eiszeit".

Trotzdem haben sich gerade in letzterer Periode in fortgeschritteneren Ländern wie Italien "nutzlose" Studien wie der Humanismus entfaltet (der, wenn ich Leonid Batkins Ausführungen in seinem Buch "Die italienische Renaissance" recht verstehe, das Betriebssystem erarbeitet hat, auf dessen Grundlage sich die moderne Wissenschaft entfalten konnte). Kunstwerke entstanden in großer Zahl, und parallel dazu stieg der Künstler im gesellschaftlichen Ansehen (und stieg wohl auch sein materieller Verdienst). In den Niederlanden dehnte sich der Luxuskonsum ("Luxus" im Sinne von nicht unmittelbar notwendigen Lebensbedürfnissen gedacht), auch in mittlere Schichten aus, wo man nun ganz selbstverständlich etwa künstlerische Werke erwarb. (Ja, die Niederlande hatten Kolonien, aber ob man den relativen Wohlstand breiterer Schichten in dieser bürgerlichen Gesellschaft mit der kolonialen Ausbeutung erklären kann, wage ich jedenfalls für das 17. Jh. doch sehr zu bezweifeln).

Mit anderen Worten: selbst wenn sich die Lage für die Unterstschichten verschlechtert haben sollte, heißt das nicht, dass die Gesellschaft insgesamt pauperisiert wurde bzw. werden musste, um die fabrikmäßige und arbeitsteilige Produktion einzuführen. Trotzdem sind Lohoffs Ausführungen verführerisch, auch wenn sich der faktenbasierte Argumentationsfaden immer wieder mit logischen Argumentationsketten verschlingt, die (mich) eher weniger überzeugen. Zwar kann man seiner Logik nicht vorwerfen, dass es sich um eine "durch konsequente Mathematisierung völlig sinn- und begriffsentleerte Disziplin" handelt (wie er in Bezug auf die Ökonomie so hübsch und nicht ganz unzutreffend formuliert). Doch scheint mir seine Logik wenn nicht sinnleer, dann doch manchmal realitätsfern zu sein.

Richtig aufregend ist sein "Exkurs" (Ziff. 3), in welchem er den Ursachen der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung von der Agrargesellschaft zum Kapitalismus nachspürt. Aufregend ist das besonders dann, wenn man den brillanten Aufsatz von Robert Kurz kennt, der u. d. T. "Der Knall der Moderne. Mit Moneten und Kanonen. Innovation durch Feuerwaffen, Expansion durch Krieg: Ein Blick in die Urgeschichte der abstrakten Arbeit" in der Zeitschrift "Jungle World", Ausgabe 03/2002, erschienen ist. Beide Autoren (Kurz naturgemäß ausführlicher) führen die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise auf den ökonomischen (wenn ich mal salopp sagen darf:) "Stress" zurück, welchem das System durch die Erfindung der Schusswaffen ausgesetzt war.

"Es ist von daher nicht übertrieben, den Urknall der Moderne in der oberrheinischen Alchimistenküche des Berthold Schwarz auszumachen" meint Lohoff (der den Aufsatz von Kurz nicht erwähnt).
Fast wortgleich hatte schon Robert Kurz formuliert, aus dessen interessanten Ausführungen hier etwas ausführlicher zitiert sei: "Irgendwann im 14. Jahrhundert muss es irgendwo in einer südwestdeutschen Alchimistenküche einen gewaltigen Knall gegeben haben; eine unvorsichtig zusammengestellte Mischung aus Salpeter, Schwefel und anderen Chemikalien flog in die Luft. Der wissbegierige Mönch, der dieses Experiment veranstaltete, hieß Berthold Schwarz. Genaueres wissen wir nicht von ihm. Aber jene Explosion ist wahrscheinlich der eigentliche Urknall der Moderne gewesen [Hervorhebung von mir]. Die Chinesen kannten das Schießpulver übrigens schon lange vorher und nutzten es außer für prachtvolle Feuerwerke gelegentlich auch militärisch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, mit Hilfe dieses Explosivstoffes weit tragende Distanzwaffen für Projektile herzustellen, deren Wirkung im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagend war. Diese Anwendung blieb den frommen Christen Europas vorbehalten. Nachgewiesen ist der Einsatz eines Geschützes erstmals für das Jahr 1334, als Bischof Nikolaus I. von Konstanz damit die Stadt Meersburg verteidigen ließ."

Die Grundlegung der kapitalistischen Ökonomie aus der modernen Kriegführung bei Kurz und Lohoff (die zum Zeitpunkt der Abfassung beider Aufsätze in der Redaktion der postmarxistischen Theoriezeitschrift "Krisis" vereint waren, aus welcher Kurz später wegen eines Glaubenskrieges um irgend eine Haarabspaltungstheorie seinen Abgang zum Exit machen musste) hat gedanklichen Charme und (besonders in ihrer ausführlichen Variante bei Kurz) eine große intellektuelle Strahlkraft. Trotzdem greift sie für historisches Denken letztlich irgendwo zu kurz. Warum hat Berthold Schwarz das Schwarzpulver erfunden, warum geschah das gerade in jener Zeit und warum hat es der Westen kriegstechnisch genutzt, die Chinesen aber kaum? Eine verführerisch prägnante Vorstellung ist das: es knallt, und die Blume der Moderne entfaltet ihre Blätter wie ein Tischfeuerwerk zu Silvester. [Durchaus möglich übrigens, dass der Vergleich in gewisser Hinsicht gar nicht so weit hergeholt ist: wenn nämlich unsere zivilisatorische Kunstblume ihre Ressourcengrundlage verbraucht haben und in sich zusammenfallen sollte.]

In historischer Perspektive erscheint mir deshalb zunächst die Vorstellung von Oswald Spengler überzeugender, der diesen Zug zur Ferne quasi genetisch in unserer Kultur angelegt sieht. Da schüttelt sich zwar, wer ein rechter Linker ist. Wenn man indes an die Wikinger/Waräger denkt, oder an die Kreuzzüge und himmelhoch strebenden Kathedralen der Gotik mit ihren Spitzbogenfenstern, gewinnt eine solche Vorstellung (mit der Kultur als Meta-Organismus gedacht) durchaus Plausibilität. Und ebenso vor der Erfindung des Buchdrucks (was interessanter Weise ebenso am Rhein passierte wie vermutlich das erste Zusammenmixen des Schwarzpulvers). Auch der Druck mit beweglichen Lettern war ursprünglich schon früher in Ostasien entwickelt, dort aber gleichfalls nicht in größerem Maße eingesetzt worden. In Europa dagegen verbreiteten sich nach seiner (eigenständigen) (Wieder)Erfindung die Druckstätten wie ein Lauffeuer (die arbeitslos gewordenen Schreiber mögen gesagt haben: "wie die Pest"). (Merkwürdig übrigens, dass Leute wie Lohoff und Kurz, welche doch das System mit Letternblei abschießen wollen, die Bedeutung des Buchdrucks für die Formierung der Industriegesellschaft anscheinend relativ gering einschätzen.) Es muss also spezifische Bedingungen gegeben haben, die gerade Europa und gerade diese Epoche zur Wiege der Moderne gemacht haben.

Jenseits der geographischen Frage (und jenseits von Oswald Spengler) darf man wohl davon ausgehen, dass die Menschheit irgendwie "reif" war für den zweiten großen Sprung nach vorn, nämlich von der Agrar- zur Industriegesellschaft. (Der erste große Sprung war natürlich der Übergang von der Stufe der Jäger und Sammler zur Agrargesellschaft, welcher nach Meinung etwa von Jared Diamond – ebenfalls - mit Not und Elend erkauft wurde, vgl. seinen Aufsatz Another Way of Knowing : Jared Diamond: The Worst Mistake in the History of the Human Race.)

In dieser evolutionsgeschichtlichen Dimension sehe ich die eigentliche Ursache, das primum movens, für den "Urknall der Moderne" begründet. Denn wie auch immer man die Entwicklung von der Agrar- zur Industriegesellschaft im Hinblick auf das physische und/oder psychische Wohlbefinden der Massen oder Benthams "greatest happiness of the greatest number" beurteilen will: ein Fortschritt im wertneutralen Sinne einer Entwicklung hin zu größerer Komplexität ist die Moderne allemal. Insoweit stellt sich die Menschheitsentwicklung als konsequente Fortsetzung der Evolution dar, die ebenfalls immer komplexeren Lebensformen hervorgebracht hat, und dies mit gleichfalls ständig steigender Geschwindigkeit. Insoweit ist es auch ziemlich nutzlos, wenn wohlmeinende Menschen uns sagen, wir müssten die ökonomische Beschleunigung abbremsen, und wenn sie dabei gar noch auf die Evolution verweisen, die ihre Strategien in Jahrmillionenlangen Test von Versuch und Irrtum erprobt habe. Wir selbst und unsere Gesellschaft sind lediglich das Ergebnis dieser Evolution, die schon vor unserer Zeit kräftig Anlauf genommen hatte und sich in unserem Wirken zu einer vielleicht selbstvernichtenden Geschwindigkeit weiterentwickelt – und wohl weiterentwickeln muss.

Die Evolution ist das System, in dem wir gefangen sind. Auch die Rationalität ist in der Evolution entstanden und bleibt zwangsläufig in sie eingebettet. Sie ist eine (im Vergleich zur Tierwelt) fortgeschrittene Datenverarbeitungsstrategie, mit welcher (nur) Menschen bestimmte Aktionen oder Aktionsketten im Rahmen der ihnen individuell oder im Kollektiv zur Verfügung stehenden Informationsverarbeitungskapazität im voraus planen und im Ablauf steuern können. Für einen Ausstieg aus dem Käfig der Evolutionsrakete ist dieses uns mächtig erscheinende Werkzeug gänzlich unbrauchbar.
Trotzdem wiederholen wir alle (wahrscheinlich auch ich selbst) immer wieder unsere Ausbruchsversuche. Und ziehen uns auf diese Weise vermutlich die Schlingen der Evolution immer enger um den Hals.

Listig ist das Leben, dumm die Vernunft!

Die Erkenntnis, dass wir nur Treibholz in den Stromschnellen der Entwicklung des Lebens sind, ist freilich zu banal, um Menschen zu gesellschaftlichen Umgestaltungen zu motivieren. Vielmehr übersetzt sich der auf welche Weise auch immer vermittelte evolutionäre Akzelerations-Impetus auf der sozialen und psychologischen Ebene in konkrete Motivatoren und wird (vordergründig wirklich, letztlich jedoch nur scheinbar) allein durch diese weitergetrieben.
Insoweit sind wir Menschen Karottenjäger wie die Langohren beim Hasenrennen. Nur leben wir nicht vom Brot allein, für uns müssen Karotten auch geistig sein.
Solche heißen dann das Eigentliche, Wesentliche, das Ziel der Geschichte oder was auch immer.

Der wahre archimedischen Punkt wäre jenseits von unserer evolutionsgeschichtlichen Bedingtheit zu suchen. Diesen aber zu erreichen würde voraussetzen, dass wir unsere Natur total transzendieren könnten und also gottgleich wären. Und an Gott glauben Denker aus der marxistischen Schule (wie Lohoff) genau so wenig wie der philosophisch ungeschulte und hoffentlich auch schulenlos bleibende Verfasser vorliegender Zeilen.


Mit einem hoffnungsfrohen Finale lässt Lohoff seinen Essay ausklingen:
"Freundlichere Zukunftsaussichten kann nur eine soziale Bewegung eröffnen, die sich der durch die letzten zwei Jahrhunderte hindurch so selbstverständlich gewordenen Expropriationslogik nicht unterwirft, sondern mit ihr bricht, eine Bewegung, die sich aufmacht, die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums ohne Kotau vor dem Diktat der Knappheitsrelationen nach rein stofflichen Kriterien anzueignen."

Genau das ist auch meine Meinung, nur würde ich persönlich das etwas anders formulieren:

"Der in die Wanne der Welt geworfene Mensch entbehrt in seinem Dasein dumpf dämmernder Dürftigkeit der Wonne wahrhaftiger Wirklichkeit. Nur wenn er in erwachender Entgrenzung das wirkliche Wesen seines Seins aus dem jeweils vereinzelten Verlassen-Sein entbirgt, indem er sein bedingtes So-Sein mit dem wuchtenden Wirken des Waffe gewordenen Wortes zernichtet, kann er das Allein-Sein überwinden zu einem Eins-Sein mit dem unbedingt Seienden an sich."

Für alle diejenigen, denen die Übersetzung der Lohoffschen Sozialutopie in meine eigenen schlichten deutschen Wort immer noch zu wenig anschaulich ist, sage ich noch konkreter:

Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
etc. ad infinitum oder ad nauseam


Es fällt halt der Diskurs der Eigentlichkeit wie weiland der Pfingstgeist in zahlreichen Zungen auf die Menschen im Wiesengrunde.    



Textstand vom 15.04.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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