Mittwoch, 14. Februar 2007

Badenweiler, Dante Alighieri und die Göttliche Komödie

[Neuer Versuch; beim ersten Mal ist das Programm abgestürzt. Haben die Schicksalsmächte etwas gegen meinen Badenweiler-Blog einzuwenden?]

Während wir den Unteren Kirchweg hinauf laufen (nachdem wir, mit dem Bus vom Bahnhof Müllheim kommend, schon unten im Klemmbachtal ausgestiegen sind), trifft sie mich schlagartig: die Urlaubsstimmung. Am Nieselregen dieses kühlen Februartages kann es nicht liegen (obwohl Regen zu den archaischen Urlaubserinnerungen meiner Kindheit, aus Berlebeck bei Detmold, gehört); eher schon an der guten Luft. Doch sind es wohl mehr die optischen Eindrücke, die mir "Urlaub" signalisieren. Obwohl die Häuser und Gärten, jedenfalls an dieser Stelle, nicht prächtig oder exotisch sind, habe ich das Gefühl, durch einen locker bebauten Landschaftspark zu spazieren oder, wie man vor 200 Jahren sehr viel treffender gesagt hätte: zu lustwandeln (obwohl sich das Gepäck auf meinem Rücken wie "omnia mea mecum portans" anfühlt).



Eigentlich hatten wir die drei Nächte unseres Kurzurlaubes anderswo verbringen wollen: in Baden-Baden, oder in Schwäbisch Hall. Doch war in beiden Orten für uns kein Raum in der Herberge, d. h. wir fanden keine preiswerte Ferienwohnung in geeigneter Lage.
Da half uns St. Christophorus, Schutzheiliger der Reisenden, aus der Not, bzw. seine irdischen Mitarbeiter.
Die Christophorus Gemeinschaft e. V., , die ansonsten Werkstätten für Behinderte betreibt, unterhält in Badenweiler das "Appartementhaus Martin". Dort ist es preiswert, und die Mitarbeiter sind sehr freundlich (wie überhaupt auch die anderen -wenigen- Personen in Badenweiler, von denen wir z. B. Auskünfte erbeten haben, und die nicht im weitesten Sinne im Tourismus arbeiteten, freundlich reagierten). Wichtig für Nicht-Motorisierte wie uns ist auch die günstige Lage in der Nähe des Kurparks und des Zentrums der "Gemeinde" (deren nur knapp 4.000 Einwohner für eine verwaltungsrechtliche Qualifizierung als "Stadt" offenbar nicht ausreichen).

St. Christphorus, kirchenrechtlich jetzt nur noch ein Heiliger a. D., da seine historische Existenz nicht nachgewiesen ist, "ist einer der Vierzehn Nothelfer und in dieser Funktion der Helfer gegen einen unvorbereiteten Tod", lesen wir in der Wikipedia.

Der amerikanische Schriftsteller Stephen Crane [hier und dort zwei FAZ-Rezensionen] der hier Heilung von seiner Tuberkulose suchte und nach einem Aufenthalt von nur wenigen Tage im Jahre 1900 verstarb, und der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow, ebenfalls an Tuberkulose erkrankt und nach 3-wöchigem Aufenthalt im Jahre 1904 in Badenweiler verstorben [hier im "Perlentaucher" findet man einen Auszug aus der Tschechow-Biographie von Rosamund Bartlett mit detaillierten Angaben über Tschechows Aufenthalt in Baden-Baden], waren wohl nicht unvorbereitet auf ihren Tod.
Ob sie indes gekommen wären, wenn sie gewusst hätten, dass die neo-romanische Kirche den ältesten "Totentanz" Deutschlands enthält? Aus dem Turm der Vorgängerkirche abgelöst, sind die Fresken jetzt (die Kirche ist anscheinend tagsüber geöffnet, für eine evangelische Kirche durchaus nicht selbstverständlich) im Chorraum angebracht und zu besichtigen. Informationen darüber findet man auf der Webseite der politischen Gemeinde - nicht. Und auf der Schwester-Seite für die Touristen - auch nicht. [Aber natürlich lässt die Europäische Totentanz-Vereinigung, deren Wirken ich schon an anderer Stelle gewürdigt hatte, die Wissensdurstigen nicht umkommen.]

Wenngleich es Deutschlands ältesten Totentanz (aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts) wohl für wenig werbewirksam hält, hat das Bad aus der Not eine Tugend gemacht und die beiden therapeutischen Misserfolge bei seinen beiden berühmten Badegästen zum Anlass genommen, ein "Internationales Literaturforum" (in diesem Jahre wird es bereits das 9. sein) zu veranstalten. Tschechow wird sogar mit einem (aus Russland gestifteten) Denkmal geehrt, einem Museum (Tschechow-Salon im Kurhaus) und einem Relief an seinem Sterbehaus (das übrigens sinniger Weise gleich neben der Tourist Information liegt).

Auch einige andere Literaten zog es dann und wann in den Ort. Annette Kolb und René Schickele hatten hier sogar ihre Wohnsitze aufgeschlagen und wären zweifellos gern geblieben, waren im Deutschland von 1933 aber nicht mehr gern gesehen und mussten deshalb gehen.

Dante Alighieri gehörte natürlich nicht zu den Badegästen und hatte auch sonst keine erkennbare Beziehung zu Badenweiler - außer bei mir. Denn so, wie sein "Paradies" der langweiligste Teil seiner Divina Comedia ist, fällt es auch mir schwer, das Erlebnis von Badenweiler angemessen zu beschreiben. Dies nicht nur deshalb, weil andere, Wörter-Versierte als ich, schon vor mir von der Gegend geschwärmt haben. Im Grunde lässt sich ein einfaches schlichtes Glücklichsein gar nicht angemessen wiedergeben. Die Sprache haben wir Menschen im Laufe der Evolution wohl eher als ein Instrument der Problem- und Konfliktlösung entwickelt (oder entwickeln müssen). Und was man in früheren Zeiten Gutes von Badenweiler gesagt hat: ich finde es, heute jedenfalls, eher irreführend als erhellend.

Eine "himmlische Landschaft" hat Renée Schickele die Gegend genannt, aber dieses Begriffs-Klischee wird nicht nur durch häufigen Gebrauch entwertet. Auch anderswo ist es schön, die Alpen sind großartiger, der Mittelrhein sichtbar geschichtsträchtiger usw.
Was für mich den Reiz von Badenweiler ausmacht, könnte man (mit einer gewissen geometrischen Nonchalance) als "magisches Pentragram" bezeichnen - ein Pentragram des Glücks.
Fünf Elemente, und alle dicht beisammen im und am Kurpark gelegen, bestimmen für mich den wundervoll harmonischen Eindruck dieses Bades.


Der Kurpark (mehr Infos und Pics bietet das Ehepaar Kreiter; hier auch über den Ort) ist ruhig gelegen (was für einen Kurpark eigentlich sehr wichtig, aber leider keineswegs selbstverständlich ist). Durch seine Hanglage und durch seine Bepflanzung entfaltet er eine großartige Wirkung. Objektiv will diese meine Einschätzung vielleicht wenig besagen, denn allzu viele bedeutsame Gärten und Parks in Deutschland habe ich noch nicht besucht. Aber für mich ist es die exotischste Parkanlage, die ich bei uns kenne.

"Ein Stück Italien auf deutschem Boden" hatte 1851 Justinus Kerner Badenweiler in einem Gedicht genannt (die Info entnehme ich dem Text über Tschechows Aufenthalt in Badenweiler). Gustav Faber (dessen Süditalien-Buch ich durchaus schätze) hat es ihm noch mehr als 100 Jahre später nachgeplappert mit seinem Buchtitel "Badenweiler - Ein Stück Italien auf deutschem Grund".

Für mich hat der Ort absolut nichts Italienisches (ebenso wenig, wie nach Bartletts Meinung für Tschechow). Italienreisen und somit auch die entsprechenden Assoziationen für Orte in Deutschland sind ohnehin heute nichts Besonderes mehr. Mich verzaubert der weitläufige Kurpark durch die exotische Wirkung seiner teilweise aus fernen Weltgegenden - Amerika, Asien - importierten Vegetation, insbesondere durch die eindrucksvollen Nadelbäume der verschiedensten Arten.

Der Kurpark (hier die werbende Beschreibung der Kurverwaltung) ist also das erste jener fünf magischen oder, schlichter gesagt, nicht-banalen Elemente, die Badenweiler gegenüber anderen Kurorten hervorheben. Auch alle anderen sind von Menschenhand gemacht, wenngleich auch dort die natürliche Lage bei der angemessenen Präsentation hilft bzw. so berücksichtigt wurde, dass der Bruch zwischen Natur und Menschenwerk nicht in gleicher Weise schmerzt und das Auge verletzt wie an vielen anderen Orten.



Die Mauern der Burgruine (wer die Geduld aufbringt, das "Buffering" abzuwarten, wird vielleicht hier mit einem Rundblick belohnt) sind immerhin noch in einer Höhe erhalten, welche das Gemäuer zum dominierenden Element des Kurparks und des ganzen Ortskerns machen. Einen ganz besonderen romantischen Reiz entfaltet die Ruine abends und nachts im Scheinwerferlicht. (Ja, ja, einen Nachtspaziergang auf dem "Kaffeemühle" genannten Rundweg um die Burg haben wir natürlich auch unternommen.)

Ein Glück für Badenweiler ist auch der ebenfalls relativ gute Erhaltungszustand der Römer-Therme (Internet-Infos und Bilder gibt es mit schönen Bildern -auch Detailaufnahmen- z. B. da und mit recht ausführlichem Text dort). Aber auch diesen touristischen Trumpf (der Bürgermeister Karl-Eugen Engler spricht in seinem Beitrag "Ein Erlebnis im Dreiländereck" in dem Sonderheft "Badenweiler. Römische Badruine mit neuem Schutzdach" der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten von Baden-Württemberg zutreffend von einem "Alleinstellungsmerkmal") kann die Gemeinde erst durch eine relativ neue Zutat (die Fertigstellung erfolgte im Jahr 2001) ausspielen: die geniale Überdachung, um die man lange gerungen hat - in technischer wie in finanzieller Hinsicht. Man kann Engler nur zustimmen, wenn er schmunzelnd meint: "... manchmal hat auch Geldmangel seine positive Seite", denn erst durch den technischen Fortschritt sei diese wundervolle Konstruktion möglich geworden.

Möglich, aber auch nötig geworden, denn im Jahre 1981 war direkt neben dem alten römischen Thermalbad das Kuppelbad als modernes Bade-Paradies errichtet worden, das durch die Kuppel und die Art ihrer Oberflächengestaltung einen vierten nicht-banalen Beitrag zum Badenweiler Wohlfühl-Pentragram beisteuert. Seit 1994 ist es Teil der "Cassiopeia-Therme", (hier leider bildlos bleibend: das nasskalte Wetter verlockte mich nicht zu zahlreichen Fotoaufnahmen).


Und dann ist da noch das Kurhaus. Schon 1971 erbaut - ca. 35 Jahre ist das erst her, aber für uns bei dem heutigen Tempo auch der geschmacklichen Modenwechsel bereits eine lange Zeit -, wirkt es noch immer modern. Als Bauwerk ist dieses fünfte nicht-banale Element vielleicht die größte Leistung, in seiner schmiegsam geschichteten Anpassung an den Burgberg, seiner Lichtdurchlässigkeit und physischen Zugänglichkeit von allen Seiten und Ebenen. Mir erscheint dieses Gebäude derart zeitlos, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Menschen es etwa in 50 Jahren nicht mehr als zeitgemäß empfinden werden. Auch hier war es ein Glücksfall für Badenweiler, dass man nicht 15 Jahre früher, im banalen oder gelegentlich auch ästhetisch brutalen "Stil" der 50er Jahre, ein neues Kurhaus gebaut hat. [Nachtrag 16.06.2008: mehr über die Architekten und die architektonischen Besonderheiten im "deu.archinform.net"]

Freilich ist es nicht nur das magische Pentagram des Glücklichseins, das mich in diesem Bad gefangen halten könnte. (Insoweit würde ich ich den Ort gern "Deutschlands letzte Sommerfrische" nennen, aber dann springen mir zweifellos die Werbefachleute der Kurverwaltung ins Genick, denn "Sommerfrische" klingt so muffig, wie ich es in Wirklichkeit gar nicht gemeint habe. Für mich strahlt Badenweiler eine behagliche Exotik oder auch ein heute vielleicht exotisch gewordenes, anachronistisches Behagen aus.)

Hedonist, der ich nun einmal bin, lege ich jedoch auch auf eine gute Futterquelle Wert. "Gut" heißt in diesem Falle nicht nur schmackhaft, sondern auch preiswert ("Champagne taste and beer money", sagt meine Frau manchmal scherzhaft). In aller Regel erfüllen nur China-Restaurants diese etwas widersprüchlichen Anforderungen, wenigstens mittags an Werktagen. Nicht alle China-Restaurants sind freilich gut, auch im "Mandarin" in Badenweiler schmeckt nicht jede Mahlzeit gleich vorzüglich. Man muss sich halt Zeit für "Versuch und Irrtum" nehmen, aber in aller Regel wird man hier mit dem Essen sehr zufrieden sein. Die Augen können sich derweil an der reich verzierten Innenausstattung delektieren, und die Bedienung (oder Inhaberin?) ist an Freundlichkeit nicht zu übertreffen. An Gedächtnisstärke auch nicht: schon nach unserem ersten Besuch hat sie sich gemerkt, wer von uns beiden Oolong-Tee und wer Jasmin-Tee trinkt.

Einmal freilich speisen wir in "Uli's Schlemmer-Stuben". Wir betreten sie nicht ohne Bedenken: wenn man weiß, welche Kaschemmen heutzutage den Gast mit Bezeichnungen wie "Schlemmerstuben" oder "Schlemmer-Eck" zu umgarnen versuchen, ist man schon skeptisch. Die Preise hier sind nicht das, was man "volkstümlich" nennen würde, aber das Essen ist gut und liebevoll gemacht. Die Hauptattraktion dieses Lokals liegt allerdings in der Ausstattung der Räume: sie sind tatsächlich in der Art einer privaten "guten Stube" dekoriert. Sogar Bücher liegen herum, darunter ein opulenter (von der lokalen Sparkasse gesponserter) Bildband über den Maler Emil Bizer. (Bizer war eine Art lokaler Kulturheros. Als Kunstmaler -hier ein Gemälde von ihm- ist er wohl nur von regionaler Bedeutung; er hat aber einige Literaten bewogen, sich in Badenweiler anzusiedeln. Trotzdem findet man auf der Webseite von Badenweiler nur eine 'Ehrenvolle Erwähnung' seines Namens; biographische Informationen bietet im Internet lediglich seine Geburtsstadt Pforzheim an.)

In Uli's Schlemmerstube trinken wir natürlich keinen Tee, sondern den örtlichen Wein: "Gutedel" heißt die Rebensorte, aus der hier im "Markgräfler Land" ein schmackhafter Tropfen gekeltert wird. Ein "Viertel" (das hier noch ein richtiger Viertel Liter ist) zum Preis von 2,70 € ist in diesem Lokal schon preiswert. Es scheint fast so, als sei hier im Markgräfler Land der Wein eine Art "Volksgetränk", beinahe wie in Franken das Bier. Auch in unserem Gästehaus wird er verkauft, auf Vertrauensbasis: Flasche aus dem Korb nehmen und aufschreiben. Dort kostet die Literflasche 5,- €, im Lebensmittelmarkt 4,59 €, in einem Weinladen im Ort kosten 0,75 L im Angebot 4,- €.
Am billigsten, gratis nämlich, sind die Probefläschchen, welche wir bei der Gästebegrüßung der Kurverwaltung (offizieller Name: "Badenweiler Thermen und Touristik GmbH") erhalten. (Auf der Rückfahrt im Zug leerten wir sie; als ich zum 2. Mal die Treppe im Doppelstockwaggon herunter ging, um noch eine Flasche in den großen Abfallbehälter zu werfen, fragen mich die nahe sitzenden Jugendlichen: "Sind Sie Alkoholiker?" Vielleicht lag es daran, dass mich mein Freund aus Bielefeld kurz zuvor auf Texte eines bösen Rap-Buben aus Bielefeld hingewiesen hatte, und ich außerdem auf der Reise in einer der badischen Zeitungen die Rezension eines Konzerts von "Bushido" gelesen hatte; jedenfalls antworte ich so richtig cool: "Nein, ich bin nur Quartalssäufer". Zu meinem Vergnügen zeigten sich die Kids ob dieser Replik echt geschockt.)

Schön wie Badenweiler ist, wäre ich doch sehr gern auch den prosaischen Seiten des dortigen Lebens etwas näher gekommen. Das freilich erweist sich als schwierig. In der evangelischen Gemeindebibliothek (offiziell jetzt im Winter nur bis 17.00 h geöffnet, aber immer zugänglich, wenn Gruppen im Gemeindehaus üben oder tagen) finde ich nur Kurort-typische Literatur. Sicher, man erfährt das eine oder andere aus der Geschichte des Ortes und des örtlichen Fremdenverkehrs. Aber irgendwie bleibt das alles sehr an der Oberfläche und in einer mit allzu breitem Pinsel rosig gemalten Vergangenheit, ist mehr Entertainment und nicht einmal ein befriedigendes Infotainment.

Auch ein Blick in die lokalen Zeitungen bringt uns dem Alltagsleben der dortigen Menschen nicht näher. Faschingszeit ist, von Umzügen und närrischen Sitzungen wird berichtet. Die Badische Zeitung bespricht die Faschingsveranstaltung des örtlichen Karnevalsvereins u. d. T. "Am anderen Ufer des Klemmbachs. Eselstupfer Badenweiler begeistern närrisches Volk im Kurhaus". (Zum Vereinsnamen, der zugleich etwas von der Geschichte des Kurens in Badenweiler widerspiegelt, vgl. hier.)
Und Martin Walser kann die Zeitung natürlich nicht übergehen [wir freilich schon: haben dem Kolloquium im "Römerbad" die gleichzeitige Führung durch die römischen Thermen vorgezogen], wenn der im Rahmen einer Veranstaltungsreihe im Hotel "Römerbad" auftritt, dem traditionsreichen Ersten Haus am Platze (zur Geschichte des Hotels vgl. hier), das sich nicht nur um seine Gäste kümmert, sondern das kulturelle Leben des kleinen Ortes insgesamt bereichert. (Zukünftig allerdings etwas weniger: Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 24.2.07 auf S. 17 u.d.T. "Hotelbarbarei. Römerbad-Musiktage vor dem Ende", dass das Festival für neue Musik in Zukunft nicht mehr veranstaltet wird (wobei der Ausdruck "Hotelbarbarei" eine Unverschämtheit ist; ebenso gut könnte z. B. ein Gegner der Neuen Musik sagen: "Keine Katzenmusik mehr im Hotel Römerbad"): "Ich bin der ich bin. 'Jugend, was ist das?' Martin Walser bei den Römerbad-Kolloquien in Badenweiler". Der Verfasser Martin Halter berichtet, dass Walser aus seinem Buch "Ein springender Brunnen" gelesen, und mit diesem Buch seinen Eltern ein Denkmal der Liebe habe setzen wollen.
" 'Der Eintritt meiner Mutter in die Partei' (so der Arbeitstitel) sollte kindlich unbefangen ein Stück Familien- und deutscher Geschichte erzählen. Und da kommt ein gewisser Kritiker und fordert 'naseweise' Distanzierung, womöglich Scham- und Schuldbekenntnisse. Walser schäumt in jugendlicher Rage, stürzt Rotwein in großen Schlucken hinunter und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht: 'So ein Unsinn kann ja gar niemand fassen! Wenn Johann das Wort ,Auschwitz' hätte, wäre das Buch erledigt. Das Erzählgesetz steht über dem 'antifaschistischen Diskurs' ".
Seit ich vor vielen Jahren (in einem Keller-Zimmer im Hamburger Vorort Rissen) Walsers "Ehen in Philippsburg" gelesen habe, bin ich sein Nicht-Fan (auch wenn ich mich jetzt an den Inhalt des Romans überhaupt nicht mehr erinnere). Aber dass Walser (hier übrigens Fotos von ihm in Badenweiler) sich dagegen verwahrt, für die politische Haltung seiner Eltern quasi in eine besondere Mitverantwortung genommen zu werden, imponiert mir. Ich habe es ohnehin nie verstanden, dass manche den Kindern der Nazis eine extra Portion Scham und Reue und Distanzierung zu den eigenen Eltern abverlangen wollen. Das politische Instrument der Sippenhaft sollte doch eigentlich heute diskreditiert sein?

Wo war ich aber in Badenweiler stehen geblieben? Richtig, bei den Zeitungen. Da gibt es noch das "Markgräfler Bürgerblatt"; das aber übergeht sogar den Walser glatt; jedenfalls entdecke ich darin keinen Bericht über die Veranstaltung. Doch erinnert mich das Online-Archiv dieser Zeitung mit den Veranstaltungsdaten an unseren Besuch im "Kunst-Palais", wo am Samstag, 10. Februar, 20 Uhr, der französische Flötist Jean-Francois Alizon (Traversflöte) und Christian Zimmermann (Barockgitarre und andere Saiteninstrumente) in der Veranstaltung "Kammermusik für Flöte und Laute aus Barock und Frühklassik" galante Sonaten von Monteclair, Rivale, Platti und W. A. Mozart und anderen darboten. Christian Zimmermann erklärte zwischendrin die verschiedenen Saiteninstrumente, doch leider habe ich die meisten Details schon wieder vergessen - außer dass die Barocklaute "theorbiert" war - wovon bei mir zumindest der beeindruckende Ausdruck (bis jetzt noch) hängen geblieben ist.

Man sieht: das an Einwohnern kleine Bad bemüht sich sichtlich, seinen Gästen (und natürlich auch seinen Bürgern) auch während der Neben-Saison Abwechslung und anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten. Damit sie sich nicht langweilen, wie einst Anton Tschechow (obwohl es heute ohnehin jedenfalls für Autofahrer kein Problem wäre, nach Freiburg oder Basel zu Abendveranstaltungen zu fahren).

Trotzdem bin ich immer noch neugierig auf einen Blick hinter die Kulissen: den Haushalt der Stadt z. B., die Finanzierung all' der schönen Bauten - Kurhaus, Cassiopeia-Therme, Überdachung der römischen Thermenruinen, die Zahl und nähere Aufgliederung der Besucher, ob es hier auch Kriminalität gibt, Einzelepisoden aus der Geschichte (z. B. auch die Geschicke der örtlichen Juden in der Nazi-Zeit), die qualitative und quantitative Entwicklung des Fremdenverkehrs - es gäbe so vieles, was ich gern wissen würde und was die Individualität dieses Bades ausmacht.

Sicherlich liegt es nahe, den Ort mit Baden-Baden zu vergleichen. Aber auch insoweit können Zitate vergangener Geistesgrößen in die Irre führen, wenn etwa Renée Schickele [ja, ja: schon wieder der!] das Verhältnis mit dem Vergleich "Kammerspiele zu großem Theater" beschreibt. In Wirklichkeit sind die beiden Orte nicht kompatibel.

In Baden-Baden sprudeln zweierlei Arten von Quellen: Mineralquellen im Boden und Geldquellen im Spielcasino. Damit kann man schon einiges an kulturellen "Events" auf die Beine stellen (auch wenn man dabei manchmal nach dem Prinzip "Mehr Schein als Sein" vorgeht).
Badenweiler ist (auch wenn es diese Bezeichnung anscheinend nicht offiziell trägt) ein "Staatsbad": das Land Baden-Württemberg hat also den größten Teil der Knete beigesteuert, um Badenweilers ästhetisches Pentagram zu errichten und zu erhalten (so war es auch schon zu großherzoglich-badischen Zeiten).

Die "Zahlen und Fakten" auf der Webseite der Gemeinde werden auch nicht gerade in opulenter Fülle präsentiert, die Geschichte immerhin in einem kurzen chronologischen Abriss. (Für weitere Informationen verlinkt, bemerkenswert, die Webseite der Stadt zum Wikipedia-Eintrag.)
Etwas mehr Informationen enthält der Internet-Auftritt der Badenweiler Thermen und Touristik GmbH in den (für mich eher verwirrenden) Kategorien "Badenweiler wird Ihnen gut tun" und "Badenweiler vor Ort".

Aber dem modernen Ort bzw. einigen Details seiner Geschichte komme ich so richtig erst mit einem Umweg über die alten Römer näher. Die bereits oben erwähnte Broschüre "Badenweiler. Römische Badruine mit neuem Schutzdach" enthält außer aufschlussreichen Artikeln über die Entdeckung, Erhaltung und ursprüngliche Funktionsweise der römischen Thermen und über das römische Badewesen auch einen verhältnismäßig langen und gut illustrierten Aufsatz "Das Burgschloss Baden - die Krönung Badenweilers. Aussichtspunkt, Flanierort, Überbleibsel und Geschichtsträger". Darüber hinaus beschreibt der Bürgermeister Karl-Eugen Engler seine Gemeinde in einem sehr informativen Text von nur zwei Seiten Länge u. d. T. "Ein Erlebnis im Dreiländereck".
Von "Gemeindeentwicklungsplänen" ist dort die Rede, von einer "monostrukturierten Ausrichtung" (also einer Wirtschaft, die ausschließlich vom Tourismus lebt, was übrigens -in etwas anderer Form- sogar noch für den in Badenweiler residierenden Reisebücher-Verlag "Oase" gilt). Wir erfahren von Schwierigkeiten, "bedingt durch mehrere Gesundheitsreformen und den Wandel des Urlaubs- und Freizeitverhaltens", aber auch, dass "das Land [also Baden-Württemberg] Verantwortung für das 'Staatsbad' Badenweiler übernommen" und "jeweils immer auch besondere baupolitische Akzente im Heilbad gesetzt hat". Engler spricht auch von "wirklich sehr schwierigen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts" - da wird man neugierig und wünschte sich Butter bei die Fische oder Zahlen auf die Tische. Im Rahmen eines derartigen Kurz-Überblicks wäre das natürlich zu viel verlangt, aber eine Geschichte des Fremdenverkehrs in Badenweiler, besonders auch in seiner wirtschaftlichen Dimension, mit Höhen und Tiefen und Kriegszeiten, in denen die Hotels wohl als Lazarette genutzt wurden, wäre aus meiner Sicht ein Desiderat.

Ein wenig Information quetschen wir aber dann doch noch dem Internet ab:
Z. B. über den verdienten jüdischen Badearzt Albert Fraenkel, oder über das örtliche Klima (das man dann mit anderen Orten in Baden-Württemberg, in Deutschland und im Rest der Welt, alles auf der Webseite von Bernd Mühr, vergleichen kann.

Aktuelle Statistiken zum Fremdenverkehr holen wir uns aus der pdf-Datei "Beherbergung im Reiseverkehr Baden-Württembergs im Kalenderjahr 2005" des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg.
Ca. 67.000 Ankünfte von Übernachtungsgästen (davon Ausländer ca. 19.000) wurden gezählt, und ca. 417.000 Übernachtungen (davon Ausländer ca. 58.000). Mit dem Taschenrechner ermitteln wir: Ausländeranteil bei den Ankünften ca. 28% (zum Vergleich der Wert für Baden-Baden: ca. 32%). Die bleiben allerdings nicht lange hier, denn an den Übernachtungen haben sie nur ca. 14% Anteil. In Baden-Baden sind es 26%, aber dafür bleiben dort beide Gruppen auch nur kurze Zeit (bis das Geld im Casino verzockt ist?), denn die Verweildauer beträgt für alle Gruppen zusammen im Durchschnitt ca. 6,2 Nächte in Badenweiler, aber nur 2,7 Nächte in Baden-Baden (Ausländer: Badenweiler 3,1 Nächte, Baden-Baden 2,2 Nächte).
(In Bad Dürrheim bleiben die Gäste sogar gut 10 Nächte, aber um solche Daten interpretieren zu können, müsste man natürlich wissen, wie hoch der jeweilige Anteil der privaten Kurgäste und derjenige in den Kliniken der Sozialversicherungen ist. Außerdem hat Badenweiler zumindest an den Wochenenden sehr viele Tagestouristen, aber das haben andere Badeorte - ganz sicher Baden-Baden - natürlich auch.) Die Bettenauslastung beträgt für Baden-Baden wie Badenweiler jeweils ca. 45%; Bad Schönborn dagegen (dessen Existenz ich erst kürzlich nachweisen konnte) bringt es sogar auf sensationelle 65% - aber vermutlich haben auch da die Sozialversicherungen ihre Hände im Spiel.
[Den höchsten ausländischen Gästeanteil in Baden-Württemberg hat, wen wundert's, Heidelberg: ca. 44% bei den Ankünften und ca. 42% bei den Übernachtungen.
Schwäbisch Hall dagegen, das ohnehin eine eigene Art hat, gewisse ausländische Gäste zu begrüßen, zählt 9% Auslandsgäste bei den Ankünften und 10% bei den Übernachtungen.]

In mancher Hinsicht gibt es natürlich doch Parallelen zwischen Badenweiler und Baden-Baden. Beide liegen am (regenreichen) Westrand des Schwarzwaldes. Beide haben Thermalquellen, wobei allerdings diejenigen in Badenweiler kühler (bis 26,4°) und keine Solequellen sind. (Ein wenig mehr über die Badenweiler Heilquelle und deren Heilanzeigen - bzw. über die Heilquellen, denn mittlerweile hat man der Natur etwas nachhelfen und weitere mineralhaltige Wasseradern erbohren müssen - kann man auf den Seiten der Kurverwaltung nachlesen, oder in einem alten Lexikon von anno 1888.)

Beide Orte waren einstmals auch mit einer Stichbahn mit der Hauptstrecke der Eisenbahn im Rheintal verbunden: Baden-Baden mit dem Bahnhof Oos (heute Stadtteil) und Badenweiler mit Müllheim. Liebhaber alter Bahnen sind nicht selten offenbar auch Internet-Freaks, denn sie haben zahlreiche geschichtliche Informationen und alte Fotos ins Netz gestellt. So auch über die "Müllheim-Badenweiler Eisenbahn" in der Wikipedia, und auf den umfangreichen Webseiten eines gewissen Reiner Schruft gleichfalls über diese Eisenbahn, mit Fotos -weitere hier- der heute noch sichtbaren Überreste (darunter auch das ehemalige Bahnhofsgebäude in Badenweiler).

Stichwort "Fotos": Einen kurzen Film kann man sich auf den Seiten der Badenweiler Thermen und Touristik GmbH ansehen ("Impressionen Badenweiler" links unten anklicken). Er wurde auch bei der Gästebegrüßung vorgeführt, sieht aber im Großformat grausam aus: alle Bilder wirken überbelichtet.
Eine "virtuelle Bildergalerie" zeigt recht klein geratene Abbildungen. Größere aber griesige Fotografien bietet die Webseite des Vereins "Pro Badenweiler e. V.": die erwecken den Eindruck, als seien sie in der Frühzeit der Digitalfotografie erstellt worden.
Insgesamt kann man also sagen, dass die Badenweiler-Werbung im Internet den Ort in fotografischer Hinsicht "unter Wert verkauft".

Zahlreiche Bilder in guter Qualität zeigt der ausführliche und sehr informative Wikipedia-Eintrag über Badenweiler, und gelegentlich sogar anspruchsvolle Aufnahmen (z. B. dieser nächtliche Blick vom Burgberg nach Westen oder dieses hintersinnige "Gästebuch"; ein solches sucht man übrigens auf den Webseiten von Stadt und Tourismus-GmbH vergeblich) fördert die Eingabe des Suchworts "Badenweiler" bei der fotocommunity zu Tage. (Das Photosharing-Portal "pbase" liefert für "Badenweiler" gegenwärtig nur ein in meinem Zusammenhang uninteressantes privates Doppelporträt).

Da ich gerade beim Kritisieren (der ömmeligen Bildchen der Kurverwaltung sowie von Pro Badenweiler e. V.) bin: der Stadtplan, den man bei der Kurverwaltung erhält, ist für ältere Menschen nicht optimal lesbar, und außerdem wäre eine Kennzeichnung der Bushaltestellen im Plan wünschenswert.

Ach ja, das Wichtigste über Badenweiler hätte ich beinahe zu erzählen vergessen: Der Badenweiler Marsch hat mit dem Ort gar nichts zu tun - erfahre ich erstaunt in der "Wikipedia".

Wenn ich mir mehr an Informationen (d. h. an solchen nicht-werblicher Art) über Badenweiler im Internet gewünscht hätte, dann mag auch da ein Vergleich mit Baden-Baden im Hinterkopf wirken.
Für diese Stadt hat nämlich einer ihrer Einwohner mit viel Liebe (und Können) ein umfassendes Informationsportal erstellt unter dem Titel "Baden-Baden. Der ultimative Stadtführer".
Das vornehme Design entspricht dem (früheren, aber hier und da auch heute noch präsenten) Charakter dieses einstigen "Weltbades". Der Informationsgehalt rechtfertigt tatsächlich das oft missbrauchte Wort "ultimativ", denn dieses Baden-Baden-Internet-Portal wird von einer hauptamtlichen Redakteurin betreut. Das Inhaltsverzeichnis zeigt die Fülle der behandelten Themen - von den berühmten Russen im Badeort des 19. Jahrhunderts bis hin zur Hexenverfolgungk, von Mark Twain zu den Thermalquellen, von Zitaten über die Geschichte der Juden in Baden-Baden bis hin zu Zwangsarbeitern: nichts wird ausgespart, Gutes und Schlechtes aus der Geschichte und der Gegenwart berichtet.
Doch die Informationen greifen weit über Baden-Baden hinaus; sogar über die Konkurrenz, z. B. in Badenweiler, wird (positiv) berichtet, ebenso über dessen Umgebung, das Markgräfler Land.
Das Portal ist keine rein karitative Einrichtung, sondern finanziert sich und eine hauptamtlich tätige Redakteurin offenbar über Werbung (hauptsächlich für Hotels und für Bücher). Aber das tut "Google" z. B. ja ebenso, das ist unvermeidlich und Werbung hat ja auch eine informierende (nicht immer nur eine überredende) Funktion. Hier jedenfalls tritt die Werbung nicht aufdringlich hervor und deshalb akzeptiert man sie als notwendiges Beiwerk und gelegentlich sogar nützliche Informationsquelle.

Bei einer Stadt wie Baden-Baden, mit ihren über 50.000 Einwohnern und ihrem weltweiten Bekanntheitsgrad, lohnt sich ein solches werbefinanziertes Informationsportal offenbar oder trägt sich zumindest.
Von Badenweiler, mit weit weniger als 10% der Einwohnerzahl Baden-Badens, kann man das nicht erwarten.
Von der Stadtverwaltung wollen wir ein solch umfangreiches Informationsangebot nicht verlangen; das kostet schließlich Steuergelder, die wahrscheinlich dringender für andere, notwendigere Projekte benötigt werden. Da ist die Privatinitiative heimatbegeisterter Einzelpersonen gefragt - so wie in Baden-Baden (eine Goldgrube ist das Portal vermutlich nicht).

Andererseits hat sich in Badenweiler ein Verein "Pro Badenweiler e. V." gebildet, der eine eigene Webseite betreibt. Zum Hintergrund und zur Zielsetzung heißt es dort:
"Pro Badenweiler ist
- der Zusammenschluß der Hotellerie, der Ärzteschaft, des Handel/Gewerbes und des Handwerks.
- Gesellschafter der BTT Badenweiler Thermen und Touristik GmbH und unterstützt im Sponsoring viele örtliche Veranstaltungen und führt auch eigene Aktionen durch
."
Die eigenen Aktionen bestehen, was den Internet-Auftritt angeht, aber hauptsächlich in der Werbung für bestimmte (nicht alle) Hotels und andere gastronomische und touristische Einrichtungen. Das ist als solches nicht verwerflich; den Interessen der Seitenbesucher wie auch den (legitimen) werblichen Interessen des Vereins wäre aber mit einer stärkeren Verzahnung von Werbung und vertiefter Ortsinformation wahrscheinlich besser gedient. Mehr Webseiten-Besucher würden kommen und öfter wiederkehren, wenn sie dort lebendig geschriebene Lektüre über die Gemeinde Badenweiler in Gegenwart und Geschichte erwarten dürften.
Wenn allerdings die Seite "Badenweiler News" bei einem Seitenzugriff vom 18.02.2007 "Nachrichten und Neuigkeiten (Stand: 26.09.2004 - sic!)" ankündigt, und dann noch nicht einmal Nachrichten präsentiert, sondern lediglich die o. a. Selbstbeschreibung des Vereins (sowie ein funktionsloses Bildchen von einem Luftballon über Badenweiler, das auch beim Anklicken nicht größer wird und das noch nicht einmal mit Links zu Luftbildern des Ortes oder der Umgebung oder einem Ballonfahrtenveranstalter unterlegt ist, dann wird der verwöhnte Internaut eine solche Seite nur einmal und danach nie mehr wieder betreten.
Schade, wenn derartige Seiten mit einigem Aufwand, aber ohne konsequente Umsetzung, in die Welt gesetzt und dann dort sitzengelassen werden.

Letztlich ist meine Vernunft doch zu schwach, um der Vorgabe des Verstandes folgend den Verlockungen eines Vergleichs-Versuchs zwischen Baden-Baden und Badenweiler zu widerstehen:
Wenn Baden-Baden eine imposante Kristallstufe sei, von deren vielfältig interessanten Facetten jeder eine andere Kombination wahrnehmen wird, dann ist Badenweiler eine geschliffene Kristallkugel, in deren Anblick wir uns für eine Weile glücklich versenken dürfen.

Kristalle, (Halb-)Edelsteine und Juwelen werden ja immer gern ver- und also offenbar auch ge-kauft in Urlaubs- und speziell Badeorten.

In den "Impressionen aus Baden-Baden" hatte ich u. a. auch eine Amethyst-Druse, von vorn, gezeigt. Hier haben wir eine (sehr große) Amethystdruse aus Badenweiler vor uns, welche von vorn zwar attraktiver funkelt - aber nicht so animalisch schnurrt wie von hinten.










Meine Leser(innen) wird es weniger interessieren, aber da der Blog für mich auch eine Tagebuch-Funktion hat, erinnere ich mich an dieser Stelle daran, dass wir bereits im Jahre 2001 einen Kurzurlaub in Badenweiler gemacht hatten (ein wenig darüber auch in einem früheren Blog-Eintrag über Baden-Baden.)
Damals nicht in einer Ferienwohnung, sondern (vom 06.06.01 – 10.06.01, also 4 Übernachtungen) in einem Zimmer mit Frühstück für 60,- DM pro Übernachtung (2 Pers.). Die Kurtaxe, heute 2,30 € für -2- Personen, betrug damals 2,80 DM für meine Frau und mich zusammen.
Das Zimmer und das Haus waren unsauber, die Handtücher modrig;im Haus roch es nach Urin (wie in einem Altersheim) und auch das Frühstück war dürftig. Zusammenfassend hatte ich mir damals notiert:
"Diese Unterkunft war eine große Enttäuschung, aber der Ort ist schön!!!"
Allzu viel hatten wir aber auch damals von Badenweiler nicht gesehen, weil wir an 2 Tagen nach Freiburg gefahren waren.


Es ist noch einiges (Gute) über die Cassiopeia-Therme zu sagen. Welchen konkreten Zusammenhang mit Badenweiler oder seinen Heilquellen dieser Name suggerieren soll, weiß ich nicht. Da aber das Sternbild der Cassiopeia aus fünf Sternen -etwa in der Form eines "W" angeordnet- besteht, könnte ich eine Verbindung zu meiner Vorstellung des Pentagrams einer magisch wirkenden Erholung herstellen.
Eine Beschreibung dieser Therme ist indes besser in einem separaten Eintrag aufgehoben, weil sie zu meinem Sammelthema "Thermenwelt: Thermen der Welt" gehört.



Nicht versäumen möchte der Verfasser, seiner hochverehrten Leserschaft einen Zufallsfund ans Herz zu legen, welcher geeignet sein möchte, jeglichem Heilung suchenden Siechen eine etwaige Trübsal nachhaltig auszutreiben:

Heinrich Hoffmann, der Verfasser des "Struwwelpeter", hat uns unter dem Pseudonym "Dr. Polykarpus Gastfenger", also "Der viel Frucht Bringende Gästefänger" und unter dem Titel
"Der Badeort Salzloch. Seine jod-, brom-, eisen- und salzhaltigen Schwefelquellen
und die tanninsauren animalischen Luftbäder, nebst einer Apologie des Hasardspiels"
in seiner Eigenschaft als "fürstlich Schnackenbergischem Medizinalrate und Brunnenarzte, Mitglied der aquatischen Gesellschaft, des deutschen Douche-Vereins, des Casinos und des Kegelclubs zu Schnackenberg sowie vieler anderer gelehrten Gesellschaften korrespondierendem und Ehrenmitgliede usw."
am Beispiel des Kurbades Salzloch eine detaillierte Beschreibung des Badelebens um 1860 geliefert und hofft der Blogmeister, mit einigen Auszügen aus derselben seinen geneigten Gästen einigen Appetit auf die Lektüre zu machen.
Über die Kurhaus-Architektur jener Tage z. B. weiß der Struwwelpeter-Vater zu berichten:
"Den interessantesten Punkt der Sehenswürdigkeiten von Salzloch bildet jedenfalls das Kurgebäude. Es ist neu in einem sehr schönen, aber bis jetzt noch nicht definierten Baustile gebaut, halb maurisch, gotisch, byzantinisch und Renaissance; nicht unpassend wurde er von Kunstkennern als ein ganz neuer, und zwar als Crédit-Mobilier-Stil bezeichnet. Der Eindruck ist ein sirenenartig schwindelerregender.
Sonderbarlich sieht es aus,
Fast wie ein verzaubert Haus,
Viel Geschnörkel, grad und krumm,
Unten, oben, drum herum.
Zwischen Säulen wie Gespenster,
Weiß kein Mensch, was Tür, was Fenster,
Und wer eintritt, weiß nicht recht,
Geht's ihm gut da oder schlecht."

Über die Erwartungshaltung der Kurgäste betr. Geschichte und Sehenswürdigkeiten ihres jeweiligen Kurortes:
"Ein renommiertes Bad muß historisch bis zu den Römern, und mythisch-geologisch bis zur Koch- und Schmorzeit des Erdballs zurückgeführt werden, sonst ist alles Halbheit und Wind.
Wo der Ichthyosaurus saß,
Und die Vorwelt-Blätter fraß,
Wo das Megatherium
Hatte großes Gaudium,
Schlürfen sie in späten Tagen
Schwefelwasser mit Behagen;
Mutter Gea weiß zu kochen
Bouillon aus den Urwelt-Knochen,
Und so blüht denn auch bei ihnen
Neues Leben aus Ruinen.
Vorderhand müssen wir uns begnügen, die Viehtränke im nördlichen Walde den Fremden als einen eingesunkenen Krater und einen alten Schindanger südwestlich von dem Dorfe als paläontologischen Fundort zu zeigen. Es genügt uns dies übrigens vorderhand vollkommen.
"
Auch Badenweiler findet bissige Erwähnung:
"Wir wollen damit die chemischen Analysen nicht als etwas durchaus Unnötiges bezeichnen, aber dem Wert derselben doch die gebührende bescheidenere Stelle anweisen, zumal in Erwägung des Erfahrungssatzes, daß Mineralwasser um so besser ertragen werden, je weniger wirksame Bestandteile sie enthalten (man vergleiche Wildbad, Schlangenbad, Badenweiler und Bertrich). Ist ja doch die ganze Welt aus Nichts geschaffen, so kann ja doch auch eine Heilquelle aus Nichts geschaffen sein."

Und schon 1860 wusste man, dass Heilbäder gegen Tuberkulose ziemlich unwirksam waren:

"Über Tuberkulose und verdächtige Lungenleiden muß man sich bei Beurteilung eines Bades mit äußerster Vorsicht aussprechen. Bei uns wie überall gilt die Mahnung, daß nur Kranke in den allerersten Anfangsstadien, wo die Diagnose noch ganz unsicher ist, vielleicht hier Heilung finden können; aber auch in diesen Fällen ruht die beste Prognose in der Unrichtigkeit der Diagnose. Ja, der Kranke kann mit voller Beruhigung die Thermalgase als eine Art Reagens auf Tuberkeln betrachten; stirbt er bei ihrer Anwendung, so war er tuberkulös; wird er geheilt, so war er es nicht. Da wir aber nicht von dem törichten Gedanken befangen sind, als ob in Bädern alles geheilt werden müsse, so sehen wir nicht ein, warum man nicht auch Kranke in vorgerückteren Stadien hierher senden sollte, so gut wie in andre Kurorte. Gehen sie auch ohne Genesung wieder fort, so kamen sie doch in geträumter Hoffnung her, und Hoffnungen sind ja so oft trügerisch im Leben!
Laß alles dir rauben, die Hoffnung behalte!
Und ist sie auch täuschend, doch bist du beglückt.
Es trägt sich das Schlimmste, solang nicht die kalte
Verzweiflung die Seele zu Boden dir drückt."



Nachtrag vom 05.03.07:
Offenbar wird aber (sogar heute noch) nicht nur im Bäderwesen hinsichtlich der angeblichen Heilwirkungen viel geschwindelt.
Die Pillendreher können das auch. Mehr darüber erfährt man z. B. in dem Artikel "Was darf es kosten?" von Michaela Hoffmann, Eva Haacke und Jürgen Rees aus der "Wirtschaftswoche". In der Hoffnung, Sie neugierig zu machen, reproduziere ich hier den Text der Einleitung zu diesem recht ausführlichen Zeitschriftenartikel:
"Ein kleines Institut in Köln entscheidet, ob Medikamente ihren Preis wert sind - und steht deshalb unter dem heftigen Beschuss der Pharmabranche."

Nachtrag 19.01.08:
Finanziell droht dem Bad ein rauer Wind aus Stuttgart, denn der "Rechnungshof BW fordert Aufgabe der Landesbeteiligungen an den Staatsbädern". Für uns ist der Artikel eine interessante Informationsquelle, denn wir erfahren dort, dass sich das Land (nur) bei den Badeorten Baden-Baden, Bad Wildbad, Bad Mergentheim und Badenweiler finanziell engagiert.
Baden-Baden als Aushängeschild für das Land Baden-Württemberg kann ich ja noch verstehen, und Badenweiler wäre ohne die "Landesknete" vermutlich gar nicht lebensfähig (jedenfalls könnte die Gemeinde selbst kaum größere Investitionen tragen). Warum man allerdings Bad Mergentheim fördert, ist mir schleierhaft. Der Ort ist groß genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Und Bad Wildbad - na ja: haben Sie schon mal was von diesem Kaff gehört?
20 Millionen Euro lässt sich das Land seine Tourismusförderung jährlich kosten, davon 10 Mio. € für Unterhalts- und Investitionskosten für die Staatsbäder und weiteren 10 Mio. € zur Unterstützung der Stadt Baden-Baden.
Die 10 Mio. für Baden-Baden sehe ich recht kritisch. An Volkstouristen ist man dort nicht interessiert; die Ferienwohnungen sind wenig und teuer, und die wenigen etwas weniger teuren werden nicht im Online-Unterkunftsverzeichnis gelistet. Mit anderen Worten: das Volk soll löhnen, aber draußen bleiben. So sehr ich Baden-Baden mag, und dem Ort auch die Unterstützung durch die Landesregierung gönne: die Arroganz des lokalen touristischen Establishments mag ich weniger.
Lesen wir aber die weiteren Informationen:
"Aufgrund der Prüfung kommen wir zu der Überzeugung, dass die BKV mit Sitz in Baden-Baden keine Existenzberechtigung mehr hat und dass kein wichtiges Interesse Baden-Württembergs an einer Beteiligung des Landes an den Heilbädern Bad Wildbad, Bad Mergentheim und Badenweiler besteht. Die finanzielle Unterstützung einzelner Bäder in Baden-Württemberg durch das Land führt auch zu einer Wettbewerbsverzerrung zulasten kommunaler oder privater Bäder. Das Land sollte daher seine Beteiligungen an den Bäder- und Kurunternehmen aufgeben," schlägt der Präsident des Rechnungshofs, Martin Frank, vor.
Die Untersuchung befasst sich vorrangig mit der BKV - Bäder- und Kurverwaltung Baden-Württemberg, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, die zu 100 % dem Land gehört. Die BKV betreibt das Kurhaus in Baden-Baden und vermietet dessen Casino-Räume an das landeseigene Spielbankunternehmen. Daneben verpachtet sie in Baden-Baden die beiden Thermen und Tiefgaragen. Ein Großteil dieser Objekte hat sie ihrerseits vom Land gepachtet. Die BKV hält daneben Beteiligungen an den Bäder- und Kurunternehmen in Bad Wildbad (Beteiligungsquote des Landes 100 %), Bad Mergentheim (33 %) und Badenweiler (25 %) sowie an einem Reisebüro in Baden-Baden. .....
Die Finanzkontrolleure empfehlen, dass sich das Land zumindest mittelfristig von seinen Geschäftsanteilen an den Bäder- und Kurunternehmen in Bad Wildbad, Bad Mergentheim und Badenweiler trennt. Die Unternehmen litten - wie viele der fast 60 Heilbäder und Kurorte im traditionellen Bäderland Baden-Württemberg - unter erheblichem Gästeschwund. Ihre wirtschaftliche Entwicklung sei von dauernd hohen Verlusten geprägt, und das Land müsse deshalb ständig Kapital zuführen. So wende das Land für die Bäder (einschließlich der Baden-Badener Thermen) jährlich rund 10 Mio. € für Unterhalts- und Investitionskosten auf. .....
... die Heilbäder Badenweiler, Bad Mergentheim und Bad Wildbad chronisch defizitär
"


Nachtrag 16.01.2009:
Ein Prof. C. G. Fecht hat im Jahr 1861 ein Buch "Der Großzerzoglich Badsiche Amtsbezirk Müllheim" ("Dessen Statistik, Handel und Gewerbe, Specialgeschichte") veröffentlicht, in dem auch sehr ausführlich über Geschichte und Gegenwart von Badenweiler berichtet wird. Dem Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Köln Dank für die Digitalisierung (dieses und einer Fülle von anderen sozialgeschichtlichen und wirtschaftsgeschichtlichen Werken zu den verschiedensten thematischen und geographischen Gebieten).


Nachtrag 31.01.2010
Am 26.06.2008 hat die Badische Zeitung eine Galerie mit 30 netten und informativen Fotos vom Kurpark u. d. T. "250 Jahre Kurpark Badenweiler" online gestellt.




Textstand vom 19.09.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

Kommentare:

  1. Wow,

    da hat sich aber jemand sehr viel Mühe gemacht und einen wirklich schönen Text über unser Badenweiler geschrieben ;-)

    Freut uns - haben wir doch auch noch ein paar Sachen lernen können, die wir noch nicht wussten. Betriebsblindheit...

    Wenn ok, werden wir einen Linkverweis in unser Hedwig-Journal zu dieser Seite setzen. Damit unsere Gäste auch noch was lernen können.

    Beste Grüße aus Badenweiler,
    die Hedwigs

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  2. Danke für die Blumen. Einen solchen Text kann man nicht schreiben, wenn man nicht mit innerer Überzeugung und Begeisterung spricht.
    Badenweiler ist ein zwischen Natur und Menschenwerk wunderbar ausbalanciertes Fleckchen Erde.

    Es wundert mich immer wieder wie blaß das Geschreibsel der touristischen Werbeprofis ist, wie unfähig oder desinteressiert die sind, uns einen Ort so zu präsentieren dass er, mit Goethe zu sprechen, "ein Bild in der Seele macht".
    Immer die gleichen Zutaten (dazu zähle ich auch einige affige gestellte Personen-Bilder auf den neuen Webseiten der Kurverwaltung) nach den gleichen Rezepten im geistigen Suppentopf verrührt - mehr will der Kunde (der Werbekunde wie der Tourist) vermeintlich nicht.
    Kaum jemand hat den Mut, die Lust oder die Fähigkeit, ein Reiseziel als eine individuelle Gestalt zu präsentieren: es mit Kurven, und manchmal auch mit Kanten, als eine authentische "Persönlichkeit" erlebbar werden zu lassen, mit der wir uns anfreunden könnten.

    Orte wie Badenweiler können immerhin noch ein wenig individuelles Profil aus der Vergangenheit schöpfen. Aber auch insoweit gilt: Was du (an Ansehenskapital) ererbt hast von berühmten Besuchern: erwirb es, um es zu besitzen!

    Ihre Villa über einen Blog zu bewerben ("sanfte" Werbung sozusagen) ist vom Ansatz her eine gute Idee; Sie sollten aber (wenn ich mal von mir auf andere schließen darf) nicht allzu oft auf den Besucherzähler schauen, sonst könnten Sie enttäuscht sein.

    Eher könnte ich mir einen Blog als ein Instrument zur Kundenbindung vorstellen, doch müssten Sie auch dann wahrscheinlich viel Zeit investieren um den Blog-Besuchern ständig neue und interessante Einträge, möglichst noch mit schönen Fotos, zu bieten. Angesichts Ihrer recht breit gestreuten kommerziellen Aktivitäten dürfte das eine Herausforderung werden. Aber vielleicht finden sie, aufgrund der gehobenen Klasse und des historischen Appeals Ihres Hauses, auch unter ihren Gästen solche, die ihre literarischen und/oder fotografischen Fingerabdrücke auf Ihrem Blog hinterlassen möchten.

    Die Kurverwaltung animiert auf ihrer neuen Webseite ja ebenfalls zum Einsenden von Reiseberichten, präsentiert aber leider keine. Entweder sind dort noch keine eingegangen (dann muss man den ersten halt selber machen ;-), oder man hat gar nicht vor, sie zu veröffentlichen (ein Gästebuch sucht man gleichfalls vergeblich) - jedenfalls wird sich kaum ein Gast animiert fühlen, unter diesen unklaren Bedingungen etwas zu schreiben.


    Ein wirklich liebevoll gemachter Blog für Badenweiler könnte vielleicht eine gute Werbung für den Ort insgesamt sein. Dafür müsste man allerdings jemanden am Ort finden, der Zeit, Lust und Talent hätte, solch einen Blog mit Herzblug zu führen und zu füllen - ein modernes Äquivalent zu den Heimatbuch-Verfassern vergangener Zeiten gewissermaßen.
    Aber diese Sorte Menschen ist wohl ausgestorben.


    Über einen Link freut sich natürlich jeder Webautor und Blogger.
    Vielleicht ist für Ihre -potentiellen- Übernachtungsgäste auch mein Bericht über die Cassiopeia-Therme von Interesse (http://beltwild.blogspot.com/2007/02/die-cassiopeia-therme-in-badenweiler.html).

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