Mittwoch, 11. Juli 2012

Mark Schieritz: "Die Wutökonomen winden sich". Mein Leserkommentar zum Herdentrieb-Blogpost


Mein Leserkommentar Nr. 85 zu dem Schieritz-Blogposting (vom 09.07.12) "wartet auf Freischaltung", während die Debatte schon bei Kommentar Nr. 100 angelangt ist.
Na gut, wenn die nicht wollen, dann eben hier:

"11. Juli 2012 um 10:39 Uhr
Canabbaia
85. Ihr Kommentar wartet auf Freischaltung.
Zu der Art und Weise, mit welchen Methoden unsere Politik uns “für Europa” “verhaftet”, hier konkret eine brandaktuelle Information, die in der öffentlichen Debatte leider untergegangen ist.

In dem Artikel “Eurogruppen-Beschluss. Spanische Banken bekommen 30 Milliarden Euro” berichtete die Financial Times Deutschland* am 10.07.12 (http://www.ftd.de/politik/europa/:eurogruppen-beschluss-spanische-banken-bekommen-30-milliarden-euro/70061257.html):

Juncker äußerte die Ansicht, dass die Bankenhilfe für Spanien irgendwann in eine direkte Hilfe des ESM an die Geldhäuser umgewandelt werden kann. Dann würde die Finanzhilfe nicht länger den Schuldenstand des mit hohen Zinsen kämpfenden Landes in die Höhe treiben. Auch stünde dann nicht mehr die Regierung in Madrid für die Risiken gerade, sondern der ESM und mit den [gemeint wohl: "mit ihm die"] Euro-Staaten. Auch der französische Finanzminister Pierre Moscovici stellte in Aussicht, die Bankenhilfe rückwirkend auf direkte ESM-Finanzierung umzustellen.

Und was hatte unser Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dazu gesagt – lt. offizieller Webseite? (http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2012/07/2012-07-06-schaeuble-eurokritik.html; Hervorhebung von mir)
Schäuble widersprach der Kritik der Ökonomen, die Banken-Union würde eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems bedeuten. ‘Im Kern GEHT ES JA NICHT DARUM, DIE HAFTUNG ZU VERGEMEINSCHAFTEN, sondern eine gemeinsame Aufsicht in Europa zu schaffen’.

Es dürfte sich vor diesem Hintergrund empfehlen, bei der Analyse jeglicher Aussage deutscher Politiker zur Eurokrise nunmehr als Arbeitshypothese die Annahme zugrunde zu legen, dass es sich um eine vorsätzliche Falschbehauptung handelt.

*Auch wenn ich die FTD als Zentralorgan der Eurettungsfetischisten nicht eben liebe: die Informationen sind dort manchmal besser als anderswo. In anderen (deutschen) Online-Medien, die ich dazu gelesen habe, war der Bericht über die Brüsseler Sitzung der Finanzminister äußerst knapp, und ausgerechnet diese (in meinen Augen zentrale) Information fand sich darin nicht.


En passant:
Von den Bankenunionsfreunden, speziell unter den Wirtschaftswissenschaftlern (also konkret den Unterzeichnern der beiden Gegenmanifeste) hätte ich gerne mal gewusst, wie nach ihrer Meinung ein weitestgehend kreditfinanzierter Fonds (ESM) dauerhaft die Verluste für Bankenrekapitalisierungen tragen soll. Wer als deutscher Volkswirt hier von “TARP”-Gewinnen der US-Regierung redet, muss sich fragen lassen, warum er nicht die (für Spanien usw. sehr viel wahrscheinlicheren) Verluste à la HRE und Landesbanken anführt.
Und da der ESM bei seinen Ausleihungen ja keine größere Zinsspanne einsacken soll, also keine nennenswerten Gewinne machen wird, gibt es auch kein Polster, aus dem sich die absehbaren Verluste aus Bankenrekapitalisierungen ohne Nationalstaatshaftung finanzieren lassen. Außer natürlich dem Eigenkapital, das dann ständig erhöht bzw. nachgeschossen werden muss.
Aber dazu äußern sich die Kritiker des Aufrufs der Professoren Hans-Werner Sinn und Walter Krämer bezeichnender Weise nicht!

Es dürfte sich vor diesem Hintergrund empfehlen, bei der Analyse jeglicher Aussage deutscher Bailout-Ökonomen (und Journalisten) zur Eurokrise nunmehr als Arbeitshypothese die Annahme zugrunde zu legen, dass es sich um eine vorsätzlich unvollständige Darstellung handelt."


Nachtrag 23.07.2012
In gewisser Hinsicht könnte man sagen, dass Schieritz Buße für seinen unsäglichen Blog-Eintrag getan hat. Denn sein ZEIT-Artikel "Hans-Werner Sinn. Der Euro-Fighter" vom 19.07.12 ist durchaus fair, was umso mehr Anerkennung verdient, als
a) Mark Schieritz ein notorischer Eurettungsfetischist ist und 
b) Sven Böll im Spiegel, natürlich ebenfalls ein glühender Euhaftungsfan, am 16.07.12 unter der Überschrift "Prof. Propaganda"  einen Agitprop-Artikel übelster Sorte gegen Prof. Hans-Werner Sinn verbreitet hatte. Der Artikel ist nur in der Druckausgabe erschienen, also nicht bei SpiegelOnline (SPON). Dankenswerter Weise hat ihn aber, trotz allem, das ifo-Institut in seiner Presseschau publiziert. Ich denke, dass ist ohne Risiko für die, denn wer immer dieses Machwerk liest wird schon wissen, wie er es einzuordnen hat.
 
 
 
ceterum censeo
Lagerinsassen der Euro-Zone: Befreit euch aus dem EZ des Kapitalsozialismus! Verjagt die Berliner Politwärter des Euronen-EntZiehungslagers (und ihre medialen Schläferhunde)!

Textstand vom 23.07.2012. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Hinweis für Paperblog-Leser: Die Original-Artikel in meinem Blog werden teilweise aktualisiert (manchmal auch geändert).

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Brinkmann,

    sehe ich das richtig, daß dieser Kommentar in dem besagten Thread überhaupt nicht auftaucht, weder bei Nr. 85 noch später? Da haben Sie ja anscheinend die Rettungsökonomen/ -journalisten doch an ihrer wunden Stelle gepackt.

    Ihr Hinweis auf die schmale Zinsmarge, die dem ESM überhaupt erlaubt ist, wirft natürlich einen riesigen Schatten auf diese Institution. Ich hatte ja in meinem Post "Wozu sind Banken da?" gerade argumentiert, daß alles, was Zins genannt wird, ERSTMAL Risikoprämie ist und erst NACHHER sich entscheidet, ob daraus ein Nettozinseinkommen entsteht. Wie Sie richtig schreiben ist dann, wenn ein Verlustausgleich nicht über Bruttozinserträge möglich ist, nur noch die Möglichkeit gegeben, den entstehenden Verlust durch Einzahlungen der Mitgliedsländer auszugleichen. Und das ist sehr wohl eine Vergemeinschaftung der Haftung mit der Schieflage zu Lasten Deutschlands. Und das widerspricht elementar dem Prinzip der Risikoversicherung dem größeren Risiko höhere Prämien abzuverlangen als dem guten/ niedrigen Risiko. (War bei mir auch schon Thema.)

    Ich habe auch keine Prognose, wie lange sich die Bundesregierung bei dieser Geschichte noch über den Tisch ziehen läßt. Vielleicht ist ja die letzte Bemerkung von Merkel zu Griechenland ja doch mal ernst gemeint.

    Beste Grüße

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  2. Hallo Herr Dr. Menendez,

    in der Tat (ich hatte gerade heute noch einmal selbst nachgeschaut) wurde mein Leserkommentar definitiv wegzensiert.
    Das muss nicht unbedingt wegen des informatorischen Inhalts meines Textes gemacht worden sein; ich könnte mir auch vorstellen, dass die Zensoren sich an meiner Formulierung " Zentralorgan der Eurettungsfetischisten" für die FTD gestört haben.
    Ebenfalls heute hatte ich zufällig in den ESM-Vertrag geschaut und dort die Margen-Regelung gelesen (Ziff. 15 der einleitenden "Gründe"; bei Abfassung meines Blotts war mir das nur intuitiv klar gewesen):

    "Die Preisgestaltung des ESM für Mitgliedstaaten, die einem makroökonomischen Anpassungsprogramm, einschließlich der in Artikel 40 dieses Vertrags genannten, unterliegen, muss die Finanzierungs- und Betriebskosten des ESM decken und sollte mit den Bedingungen der zwischen dem EFSF, Irland und der Central Bank of Ireland einerseits und zwischen dem
    EFSF, der Portugiesischen Republik und der Banco de Portugal andererseits geschlossenen Vereinbarungen über eine Finanzhilfefazilität in Einklang stehen."

    Ich bin sicher, dass man Verluste aus Bankensanierungen nicht unter die hier gemeinten "Betriebskosten" fallen; ohnehin lassen sich die ja nicht im Voraus berechnen.

    In Sachen Griechenland"rettung" gehe ich auch davon aus, dass die Bundesregierung jetzt die Reißleine ziehen muss. Nach den aktuellen Äußerungen kann sie m. E. nicht mehr zurück, ohne nach außen das Gesicht zu verlieren und nach innen die helle Wut auszulösen. Allerdings wird das nicht das Ende unserer Transferzahlungen sein; bezahlen werden wir weiterhin, denn schließlich ist es ja Aufgabe des deutschen Bürgers, soziale Unruhen weltweit (oder mindestens europaweit/eurozonenweit) mit seinem Geld einzudämmen. Wofür sonst zahlen wir denn Steuern an unseren Staat, wenn nicht, damit dieser das Geld an fremde Völker weiterverschenkt?
    Immerhin kann dann uns niemand mehr die Lüge auftischen: "Das sind ja nur Kredite, dass zahlen uns die Griechen ja zurück - und wir verdienen sogar noch daran".
    (Übrigens habe ich mich - als "cangrande" jetzt in einem englischsprachigen Kommentar bei Kantoos http://kantooseconomics.com/2012/07/21/yanis-utopian-thought-experiment/ - über rhetorische Erpressungsstrategien des griechischen Wirtschaftswissenschaftlers Yanis Varoufakis echauffiert.)

    Beste Grüße
    Cangrande

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