CANABBAIA
Donnerstag, 31. Dezember 2009
Widersprüchliche Signale zum Griechenland-Bailout: Machtkampf im Zentralkomitee der CDU/CSU/FDP-Hornissenkoalition?
Das Thema möglicher europäischer, d. h. hauptsächlich deutscher, Subventionen für den von Klientelismus, Korruption und Steuerhinterziehung zerfressenen griechischen Staatshaushalt, hatte ich bereits zweimal aufgegriffen, zuletzt in meinem Blott "Endlich! Deutsche Nationalhymne runderneuert: Dummland Deutschland zahlt für alle, Alle PIGS der Euro-Welt" vom 18.12.09 (davor bereits am 20.02.2009 im Blott "Lässt Klingklax sich klaglos beklauen? Keine Euro-Anleihen zur Rettung der Mittelmeer-Länder! Keine deutschen Steuergelder gen Süden senden!").
Wenn ich mich heute, am letzten Tag des Jahres 2009, in Analogie zu den einstigen Beobachter des ZK der KPdSU gewissermaßen als Kremlastrologe versuche, dann liegt das an den widersprüchlichen Signalen, die von unserer Regierung in Sachen Griechenland-Hilfe (die ich selbstverständlich scharf ablehne), ausgehen.
Am 26.12.2009 titelte das Handelsblatt "Griechenland: EU will Finanzprobleme offenbar ohne IWF lösen":
"Einem Medienbericht zufolge sollen die Finanzprobleme in Griechenland innerhalb der Europäischen Union und ohne Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) gelöst werden. Auch Kanzlerin Angela Merkel hält ein Eingreifen des IWF politisch für das falsche Signal.
Die ablehnende Haltung gegenüber IWF-Hilfen zeichnet sich einem Vorabbericht des "Spiegel" vom Samstag zufolge bei immer mehr Politikern und Notenbankern ab. "Wir brauchen den IWF nicht", wird Bundesbankpräsident Axel Weber zitiert. Er verweise darauf, dass eine Finanzierung von Budgetdefiziten aus Zentralbankmitteln, die dem IWF zur Verfügung stünden, in Europa verboten seien.
Wie das Nachrichtenmagazin weiter schreibt, zieht Weber damit an einem Strang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ein Einschreiten des IWF demnach politisch für ein falsches Signal hält. Die EU sei stark genug, um mit dem Problem allein fertig zu werden. ."
Das (wie auch eine Reihe vorangegangener Meldungen - vgl. meinen oben verlinkten Blott vom 18.12.09) ließ eigentlich nur einen Schluss zu, nämlich dass Deutschland (natürlich auf irgend eine trickreiche Weise, welche den Vorgang vor den Argusaugen der Steuerzahler bestmöglich verschleiert) Zahlungen an Griechenland leisten wollte. Wahrscheinlich wären diese als Kredite deklariert worden; mit Sicherheit würden wir aber von derartigen Krediten keinen Pfennig zurück bekommen (auch keinen Cent).
Gestern dagegen berichtete das Handelsblatt (wo der - in Athen lebender! - Gerd Höhler am 28.12.09 in einem Kommentar "Wir sind alle Griechen" mit krassen Behauptungen und Sätzen wie z. B. "die Schulden der Griechen sind Schulden der Euro-Zone - wir alle sind Griechen" schon kräftig die Werbetrommel für einen Raubzug der deutschen Bundesregierung gegen den deutschen Steuerzahler gerührt hatte), dass unser Finanzminister Wolfgang Schäuble sich quer stellt: "Mega-Staatsdefizit: Berlin und IWF uneins über Finanzhilfen für Griechenland" (meine Hervorhebung):
"Deutschland lehnt europäische Hilfen für das mit einem massiven Defizit kämpfende Griechenland ab. Finanzminister Schäuble plädiert vielmehr dafür, Mechanismen zu schaffen, um schneller Sanktionen gegen hoch verschuldete Länder verhängen zu können. Geht es nach dem IWF, dann müsste die EU den Griechen helfen. Deutschland lehnt europäische Hilfen für das mit einem massiven Defizit kämpfende Griechenland ab. Finanzminister Schäuble plädiert vielmehr dafür, Mechanismen zu schaffen, um schneller Sanktionen gegen hoch verschuldete Länder verhängen zu können. Geht es nach dem IWF, dann müsste die EU den Griechen helfen. .....
Griechenland habe sich in der Vergangenheit nicht an Auflagen gehalten, sagte Schäuble. Nun komme es darauf an, zu zeigen, dass man sich so nicht durchwursteln könne."
Das sieht doch sehr nach öffentlich ausgetragenen Meinungsunterschieden in unserer Regierung aus. Wir alle sollten unseren Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei seinem harten Kurs voll unterstützen! Damit unsere Engelskanzlerin nicht Nach-Weihnachtsgeschenke auf unsere Kosten verteilt. Wir müssen unserer Angela Merkel klar machen, dass ihre zweite Kanzlerschaft zugleich ihre letzte gewesen sein wird, wenn sie deutsche Steuergelder (über welche Kanäle - z. B. eine europäische Gemeinschaftsanleihe - auch immer) gen Süden sendet!
Nachtrag 10.01.2010:
Eine flüchtige Stichwortsuche zum Thema "Staatsanleihen" lässt eine nähere Beschäftigung mit der Sichtweise der scholastischen Wirtschaftswissenschaft zu diesem Thema interessant erscheinen. Leider mangelt es mir für eine intensive Beschäftigung einerseits an Zeit, andererseits an Lateinischkenntnissen. Wer beides hat, wird vielleicht aus einer Lektüre des Buches "Geschichte der Nationalökonomie, herausgegeben von Geh. Hofrat Professor Dr. Karl Diehl. Erstes Heft: Die volkswirtschaftlichen Anschauungen der Scholastik seit Thomas v. Aquin" von Dr. Edmund Schreiber aus dem Jahr 1913 einen Erkenntnisgewinn ziehen.
Textstand vom 10.01.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Deutschland, Europa (politisch), Finanzkrise2008, Griechenland-Bailout, Wirtschaft
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Nouriel Roubini: Aus Dr. Doom wird Dr. Zoom
Von Versteinerungen war die Rede in meinem vorangegangenen Blott, und in gewisser Weise ist diese Thematik auch der Goldgrund, auf dem ich mein vorliegendes (unfrommes) Zeitgemälde male.
Inhaltlich geht es hier um mein Dauerthema der aktuellen Weltfinanzkrise bzw. Weltwirtschaftskrise. Dazu hatte die "New York Review of Books" am 30.04.2009 in New York eine mit hochkarätigen Experten besetzte Diskussionsveranstaltung unter dem Titel "The Crisis and How to Deal with It" mit Bill Bradley, Niall Ferguson, Paul Krugman, Nouriel Roubini ["Dr. Doom"], George Soros und Robin Wells" veranstaltet, deren Protokoll ich zur Lektüre nur empfehlen kann.
Kluge Sätze sagte, wie immer, der Erzkapitalist George Soros [hier habe ich zu dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag verlinkt, weil dieser deutlich länger ist als der deutsche]. Unter anderem (meine Hervorhebung):
"... President Obama [is] faced with two objectives. One, he must arrest the collapse and, if possible, reverse it. Second, he has to reconstruct the financial system because it cannot be restored to what it was. This is a new situation. When people see this crisis as being the same as previous financial crises, they're making a mistake."
Mit seiner Aussage, dass die aktuelle Finanzkrise mit keiner anderen vergleichbar ist, dürfte Soros die Finanzkrisen der Nachkriegszeit - Asienkrise usw. - im Auge gehabt haben. Denn mit der 1. Weltwirtschaftskrise, der Great Depression, erscheint mir, was die Ursache angeht, die aktuelle Krise sehr wohl vergleichbar: in beiden Fällen war die Wirtschaft hoch überschuldet.
Was den Krisenverlauf angeht, haben wir natürlich deutliche Differenzen. Die Zentralbanken haben dieses Mal die Welt mit Liquidität geflutet, die Einbrüche der Wirtschaftsleistung sind heute weit weniger stark, das soziale Netz ist (in Deutschland und Europa; in den USA nur sehr begrenzt) stärker ausgebaut, die Staaten haben im Unterschied zu damals nicht (oder nur vereinzelt und versteckt) protektionistisch reagiert usw. Das sind die Unterschiede, die einem zunächst in den Sinn kommen.
Es gibt aber noch einen tieferen Unterschied, der uns möglicher Weise noch zu schaffen machen wird.
Damals wurden Geldeinlagen bei Banken vernichtet; heute werden die an sich untergegangenen Forderungen (d. h. Kredite, die von den Banken bei den Schuldnern nicht mehr eingezogen werden können) auf andere Schultern verteilt; die Eigentümer des Geldes (und u. U. sogar auch die Eigentümer von eigentlich insolventen Banken, also die Bankationäre) bleiben, jedenfalls soweit sie ihr Geld auf einer Bank deponiert haben ungeschoren. (Und für Staatsschulden wird es, Beispiel Griechenland, möglicher Weise ebenso laufen.)
Darauf hat der wegen seiner frühzeitigen Voraussage der Krise als "Dr. Doom" bekannte Nouriel Roubini hingewiesen (meine Hervorhebung):
"However, fiscal policy cannot resolve problems of credit, and it is not without cost. Over the next few years it's going to add about $9 trillion to the US public debt. Niall Ferguson said it's the end of the age of leverage. It's not really. There is not deleveraging. We have all the liabilities of the household sector, of the banks and financial institutions, of the corporate sectors; and now we've decided to socialize these bad debts and to put them on the balance sheet of the government. That's why the public debt is rising. Instead, when you have an excessive debt problem, you have to convert such debt into equity. That's what you do with corporate restructuring—it converts unsecured debt into equity. That's what you should do with the banks: induce the unsecured creditors to convert their claims into equity. You could do the same thing with the housing market. But we're not doing the debt-into-equity conversion. What we're doing is piling public debt on top of private debt to socialize the losses; and at some point the back of some governments' balance sheet is going to break, and if that happens, it's going to be a disaster. So we need fiscal stimulus in the short run, but we have to worry about the long-run fiscal sustainability, too."
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied der aktuellen Finanzkrise gegenüber früheren Krisen. Früher gingen Insolvenzen voll zu Lasten der Banken bzw. schlugen sehr häufig auf die Geldgeber durch, wenn aufgrund massierter Konkurse die Banken selbst pleite gingen. Heute werden die Verluste auf unterschiedlichen Kanälen auf verschiedene Schultern (übrigens keineswegs nur diejenigen der Steuerzahler!) verteilt.
In der Great Depression gingen Banken in Massen in die Insolvenz (vordergründig meist durch "Bank runs", Bankenpaniken, letztlich waren sie aber großenteils wohl nicht nur illiquide, sondern tatsächlich auch insolvent). Hypothekenkredite wurden damals in einem Umfang nicht mehr bedient, der uns heute unvorstellbar erscheinen muss. Nouriel Roubini berichtet in der Diskussion (meine Hervorhebung):
"... by 1933, 75 percent of households had defaulted on their mortgages; they couldn't pay them".
Das Geld der Einleger war damals bei einer Bankpleite futsch bzw. wurde je nach Liquidationserlös für die Werte der Bank nur quotal wieder ausgezahlt. Als Konsequenz aus dieser Erfahrung (und aus der daraus resultierenden Kreditverknappung, denn viele Einleger horteten danach wahrscheinlich ihr Geld unter der Matratze) wurden Einlagensicherungssysteme (Deposit insurance) eingerichtet, die allerdings die Einlagen nur bis zu einem bestimmten Höchstsatz garantierten (und garantieren). Vielleicht die erste derartige Institution wurde 1933 in den USA gegründet, die "Federal Deposit Insurance Corporation". (Deutschland folgte später - vgl. Wikipedia-Stichwort "Einlagensicherung").
Ich vermute, dass die Vernichtung von Geldeinlagen, also der Untergang von Forderungen der Finanzwirtschaft gegen die Realwirtschaft, im Ergebnis als eine Bereinigung gewirkt hat; die Schuldenquote der Realwirtschaft (bzw. bei Staatsbankrotten des Staates) war gesenkt; man hatte wieder Luft für die Aufnahme neuer Schulden. Im Ergebnis müssten derartige Schulden"verzichte" die Kaufkraft gesteigert haben, weil die Wirtschaftssubjekte insgesamt nunmehr weniger als vorher an den Finanzsektor 'abdrücken' mussten. (Wobei ein solcher Effekt, wenn es ihn gab, in der Great Depression für eine dauerhafte Konjunkturbelebung jedenfalls in den USA zu schwach war; bekanntlich hat erst der 2. Weltkrieg dieses Land aus der Depression gezogen.)
Diesen Zusammenhang, der mich schon länger beschäftigt, dürfte auch Nouriel Roubini im Auge gehabt haben. Und weil er sich mit dieser Perspektive (erneut) als jemand ausweist, der weiter blickt als der Rest seiner Zunft, weil er beweist, dass er dort Verstand sitzen hat, wo bei der großen Masse der Fachwissenschaftler nur Rechenmaschinen installiert sind, tituliere ich ihn hier mal scherzhaft als "Dr. Zoom".
Wenn man die Verluste (unbegrenzt) sozialisiert, geht die kaufkraftsteigernde Wirkung von Bankrotten, die in der partiellen Befreiung der Realwirtschaft von Forderungen der Finanzwirtschaft liegt, verloren.
Welche Wirkmechanismen insgesamt dahinter stehen, lässt sich vielleicht am Beispiel eines ganz simpel modellierten "Wirtschaftssystems" demonstrieren, das ich [kontrafaktisch und bibelfern ;-)]
"Der Mensch lebt nur vom Brot allein"
nenne.
Das System soll zunächst aus -3- selbständigen Wirtschaftssubjekten bestehen:
- Der Bauer Feld produziert Getreide,
- Müller Mahlstein verarbeitet dieses zu Mehl weiter und
- Bäcker Ofen macht Brot daraus.
Von diesem Brot leben alle drei. Da wir den Zusammenhängen in einer Geldwirtschaft auf die Spur kommen wollen nehmen wir an, dass unsere drei Produzenten ihre Waren nicht naturalwirtschaftlich tauschen, sondern für jeden Eigentumsübergang vom einen auf den anderen einen Kaufpreis in Geld entrichten. Es kommt zu folgenden Transaktionen:
1) Feld verkauft Getreide für 1.000,- € an Mahlstein.
2) Mahlstein verarbeitet dieses zu Mehl und verkauft das Mehl für 2.000,- € an Ofen.
3) Ofen verarbeitet das Mehl zu Brot in einem Gesamtwert von 3.000,- €; einen Anteil im Wert von 1.000,- € verzehrt er selbst (natürlich ohne eine finanzielle Transaktion mit sich selbst zu veranstalten). Brot im Werte von jeweils 1.000,- € verkauft er an Feld und Mahlstein.
Danach haben wir folgende Kontenstände:
4) Feld hat kein Geld mehr, weil er die 1.000,- € von Mahlstein an Ofen "weitergeleitet" hat.
5) "Mahlstein" hat noch 1.000,- €. Von seiner Einnahme von 2.000,- hat er 1.000,- für Brot wieder an den Bäcker bezahlt. Mit den verbleibenden 1.000,- € wird er den Bauern bei der nächsten Getreidelieferung bezahlen müssen, nach welcher er ebenfalls kein Geld mehr übrig hat.
6) Und der Bäcker hat jetzt vom Bauern und Müller jeweils 1.000,- eingenommen, besitzt also 2.000,- €. Die aber muss er bei der nächsten Mehllieferung an Mahlstein 'abliefern', wonach er zunächst ebenfalls geldlos ist.
Das Geld läuft in diesem System also in einem perfekten Kreislauf um, während die Ware dagegen nach Zwischenstufen der Bearbeitung letztlich verbraucht wird und neu produziert werden muss. Das scheint mir schon ein ganz brauchbares Grundmodell für unsere arbeitsteilige und mit Geldtransaktionen arbeitende Wirtschaft zu sein.
Es funktioniert auch vorzüglich - nur leider allzu gut, um uns über mögliche Störfaktoren Aufschluss geben zu können. Ich lasse "exogene" Faktoren, wie z. B. schwankende Mengenerträge der Getreideernte, mal beiseite, weil es hier um die Frage geht, ob im Konstruktionsschema des Geldsystem oder des Kapitalismus' als solchen potentielle Störfaktoren angelegt sind.
Dies ist in der Tat der Fall: wenn das Geld abgesogen wird, kommt unsere Brotesser-Ökonomie zum Erliegen. Eine Geldentnahme aus meinem System lässt sich in naher Anlehnung an die Wirklichkeit auf dreierlei Weise modellieren:
A.) Der Staat zieht Steuern ein (und/oder die Mafia Schutzgelder). Das ist für die Funktionsfähigkeit des Geldkreislaufs kein Problem, wenn a) genügend Überschüsse im System vorhanden sind, also die Produktiven nicht verhungern müssen (in unserem Beispiel könnten wir z. B. die Mengen, repräsentiert durch die unveränderlich gedachten Preise, verdoppeln) und b) der Staat und/oder die Mafia ebenfalls Brot für das Geld kaufen, es also vollständig wieder in das System einspeisen.
Schwierigkeiten für ein reibungsloses Funktionieren ergeben sich in den beiden folgenden Modellen, die (ebenfalls in enger Anlehnung an unsere ökonomische Realität) eine teilweise Entnahme von Geld aus dem Kreislauf vorsehen und dieses nur leihweise, also im Kreditwege, wieder einspeisen.
Interessanter Weise liegen die möglichen Problemursachen hier teilweise schon im Geldsystem als solchem begründet. Allerdings verschärfen sie sich potentiell in einem kapitalistischen System, also bei Fremdbesitz der Produktionsmittel.
B) Unsere weiterhin als selbständig gedachten -3- Wirtschaftssubjekte (Staat und Mafia denken wir uns mal wieder weg) produzieren die doppelten Mengen/Beträge und damit Überschüsse. Wenn also Bauer Feld von Müller Mahlstein 2.000,- € erhalten hat, aber nur 1.000,- benötigt, um seinen Brotbedarf (jeweils für eine gegebene Periode, meinetwegen von Ernte zu Ernte) zu decken, kann er die überschüssigen 1.000,- € entweder investieren, indem er z. B. das Brot an ein Schwein verfüttert, um später neben Getreide auch Schweinefleisch zu verkaufen. Alternativ kann er den Überschuss aber auch auf die hohe Kante legen und genau das tut er in unserem Modell auch. Dann sieht unser Systemzustand so aus:
1) Feld verkauft Getreide für 2.000,- € an Mahlstein.
2) Mahlstein verarbeitet dieses zu Mehl und verkauft das Mehl für 4.000,- € an Ofen.
3) Ofen verarbeitet das Mehl zu Brot in einem Gesamtwert von 6.000,- €. Einen Anteil im Wert von 1.000,- € verzehrt er selbst (natürlich ohne eine finanzielle Transaktion mit sich selbst zu veranstalten); eine weitere Menge im Wert von 1.000,- € nimmt er auf Lager, weil er dafür keine Abnehmer hat. Brot im Werte von (nach wie vor nur:) jeweils 1.000,- € verkauft er an Feld und Mahlstein.
Danach haben wir folgende Kontenstände:
4) Feld hat 1.000,- € von den von Mahlstein erhaltenen 2.000,- € an Ofen "weitergeleitet" (Brot von ihm gekauft); die überschüssigen 1.000,- € hat er im Kopfkissen versteckt.
5) Mahlstein hat von den von Ofen erhaltenen 4.000,- € an Feld 2.000,- für Getreide weitergeleitet und 1.000,- für Brot an Ofen gezahlt; auch er hat also noch 1.000,- € übrig.
6) Ofen hat von Feld und Mahlstein jeweils 1.000,- für das Brot erhalten; in der nächsten Runde kann er demnach nur noch für diese insgesamt 2.000,- € Mehl einkaufen (dass er außerdem noch Brot im Wert von 1.000,- € gelagert hat nützt ihm nichts, weil wir Tauschhandel in unserem System ausschließen und weil ohnehin für diesen Brotüberschuss keine Nachfrage besteht).
Wie sieht die weitere Entwicklung in unserem System aus? Wir sind jetzt wieder auf dem Subsistenzniveau unseres Ausgangsmodells angelangt; die 2.000,- € werden weiterhin im System kreisen, weil die Wirtschaftssubjekte auf diesem Niveau keine Sparmöglichkeit mehr haben.
C) In dieser Fallvariante führen wir endlich den lang erwarteten Kapitalisten ein. Diesem gehören sämtliche Produktionsmittel (der Boden des Bauern, die Mühle des Müllers und das Backhaus des Bäckers); er verlangt dafür Miete. Entsprechende Überschüsse in der Produktion wiederum vorausgesetzt ist die Situation dann zunächst nicht anders, als wenn der Staat Steuern abzwackt (beide Modelle lassen sich, bei entsprechend höherem Surplus, natürlich auch kombinieren). Ein Problem entsteht dann, wenn der Kapitalist spart. Sagen wir er verlangt von jeder Transaktion 20% und gibt davon nur 10% aus. Es ist unmittelbar einleuchtend, dass auf diese Weise auf die Dauer das Geld aus der Wirtschaft herausgesogen wird. Aber als anständiger Kapitalist, der er nun einmal ist, will er sein Geld ja arbeiten lassen. Spätestens dann, wenn die Geldmenge unter jenes Niveau gefallen ist, das für Transaktionen auf dem Level des Existenzbedarfs benötigt wird, müssten sich unsere produzierenden Wirtschaftssubjekte verschulden, indem sie beim Kapitalbesitzer Kredit aufnehmen. Leider müssen sie jetzt nicht mehr nur 20% an den Finanzier abführen, sondern zusätzich noch Kreditzinsen. Selbst also dann, wenn sie durch die Kreditaufnahme ihre Transaktionen wieder auf das Ausgangsniveau bringen konnten, kommen sie davon bald wieder herunter. Erneut hat sich das Geld beim Kapitalbesitzer gesammelt, und immer weniger kreist noch in der Realwirtschaft, weil der Eigentümer der Produktivgüter ja bei jeder Transaktion eine Abgabe verlangt. Dieses Mal wird der Kapitalbesitzer den Arbeitenden auch keinen Kredit mehr geben, weil sie ihm aus der früheren Verschuldungsrunde zwar Zinsen gezahlt haben, aber die Hauptforderungen nicht mehr tilgen konnten.
In dieser Lage könnte man ein Spiegelbild der aktuellen Situation in der Finanzkrise vermuten, aber im Moment geht es mir nur um allgemeine Überlegungen zur Funktionsweise einer kapitalistischen Geldwirtschaft. [Wer etwa konkrete Zahlen über die schon im Jahre 2000 erschreckend hohe Verschuldung insbesondere der Geringverdiener in den USA lesen möchte, sowie auch einige andere sehr informative Daten zum damaligen Stand der Wirtschaft, kann diese in der Monthly Review vom Mai 2000 in dem Artikel "Working Class Households and the Burden of Debt" finden, der von den beiden Herausgebern Harry Magdoff und John Bellamy Foster verfasst wurde. Man wundert sich, wie das amerikanische Finanzsystem dann noch 7 oder 8 Jahre (je nachdem, an welchen Ereignissen man den Zusammenbruch festmachen will) weitermachen konnte, bis der Crash offenkundig wurde. Im übrigen warten zwei weitere Texte von bzw. mit John Bellamy Foster noch auf meine Lektüre: "The Household Debt Bubble" vom Mai 2006 und das Interview "The "Great Financial Crisis": A whole new kind of struggle is emerging" vom 27.02.2009]
Für meine Zwecke reicht es hier, dass ich den Beweis der Funktionsunfähigkeit einer kapitalistischen Wirtschaft geführt habe.
Das sei, werden Sie sagen, Quatsch, denn schließlich habe doch der Kapitalismus über lange Jahre - mindestens gut 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg - gar nicht schlecht funktioniert. Was ich auch keineswegs bestreite.
Wäre es dennoch möglich, dass wir beide Recht haben?
Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer und lässt sich auflösen indem man annimmt, dass das Grundmodell unserer kapitalistischen Geldwirtschaft in der Tat nicht über längere Zeit funktionieren kann, dass aber in der Realität eine ganze Reihe von Umständen hinzukommen, welche die Mängel des Grundsystems zumindest über einen längeren Zeitraum hin ausgleichen.
Der Nutzen einer solchen Betrachtungsweise könnte im Zusammenhang mit der aktuellen Wirtschaftskrise darin liegen, dass nicht die Krise der 'schwarze Schwan', ein eigentlich gar nicht zu erwartendes und unerklärliches Ereignis, ist, sondern erklärungsbedürftig wäre zunächst einmal, wieso der Kapitalismus in der Praxis ganz gut funktioniert hat, obwohl doch die Kapitalisten laufend Geld aus der Realwirtschaft herausziehen (d. h. sparen; dass sie den Produzierenden einen Teil von deren Konsumpotential für sich selbst "abzweigen", ist irrelevant, weil es uns hier nicht um Moral, sondern um die theoretische Funktionsfähigkeit eines Geldsystems geht, und für ihren Konsum speisen sie das den Produzenten abgezwackte Geld ja wieder in den Kreislauf ein), was theoretisch zu deren Zusammenbruch führen müsste.
Zu denjenigen Umständen, welche den Grundfehler der Geldwirtschaft (nämlich die Anfälligkeit der Realwirtschaft für ständige 'Blutentnahmen' zu Gunsten der Finanzwirtschaft) neutralisieren, dürften zählen:
- Wachstum des Gesamtsystems (durch Populationszunahme und/oder Produktivitätszuwächse)
- Inflation (die das Finanzvermögen im Verhältnis zum Güterangebot verringert)
- Steuern auf Kapitaleinkommen und Kapitalvermögen (die das Finanzvermögen gleichfalls verringern)
- Kriege (mit derselben Funktion)
- die Giralgeldschöpfung, die ich in meinem Modellen gänzlich außen vor gelassen habe, weil mir deren Auswirkungen im Rahmen des Modells einfach unklar sind
- und vielleicht noch eine Reihe anderer Umstände (welche Rolle spielt die Verteilung der unterschiedlichen Ereignisse in der Zeit???).
Klärungsbedürftig im Hinblick auf die aktuelle Krise wäre dann, ob und ggf. welche Elemente, die früher zum Funktionieren unserer Geldwirtschaft beigetragen haben, weggefallen sind und ob es sich nur um ein vorübergehendes Aussetzen handelt, oder ob sich (aus welchen Gründen auch immer) die Bedingungen fundamental derart gewandelt haben, dass das System zukünftig unmöglich in der gewohnten Weise funktionieren kann. (Insoweit könnte man, wie Keynes schon vor 80 Jahren, z. B. an eine Sättigung des Produktionsniveaus in den entwickelten Ländern denken, die es unmöglich macht aus weiteren realwirtschaftlichen Investitionen noch nennenswerte Erträge zu erzielen - die berühmte "euthanasia of the rentier", der "sanfte Tod des Rentners", wie der erste deutsche Übersetzer formulierte).
Klar ist, dass der Wirtschaftswissenschaft weder die tieferen Ursachen der Krise klar sind, noch sie zweifelsfreie Rezepte zu deren Bekämpfung hat.
In der o. a. Debatte bemerkte der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson dazu:
"Now we're in the therapy phase. And what therapy are we using? Well, it's very interesting because we're using two quite contradictory courses of therapy. One is the prescription of Dr. Friedman—Milton Friedman, that is—which is being administered by the Federal Reserve: massive injections of liquidity to avert the kind of banking crisis that caused the Great Depression of the early 1930s. I'm fine with that. That's the right thing to do. But there is another course of therapy that is simultaneously being administered, which is the therapy prescribed by Dr. Keynes—John Maynard Keynes—and that therapy involves the running of massive fiscal deficits in excess of 12 percent of gross domestic product this year, and the issuance therefore of vast quantities of freshly minted bonds.
There is a clear contradiction between these two policies, and we're trying to have it both ways. You can't be a monetarist and a Keynesian simultaneously ..."
Andere Diskussionsteilnehmer (Paul Krugman) haben dem zwar widersprochen, aber auch sie konstatieren (auf der Zeitschiene) Widersprüche, welche wir mit unserem derzeitigen Wissensstand nicht auflösen können.
George Soros etwa stellt fest (meine Hervorhebung):
"The interesting thing is that what needs to be done in the short term is almost exactly the opposite of what needs to be done in the long term. Obviously the problem was excessive leverage. But when you have a collapse of credit there's only one source of credit that is still credible, and that's the state: the Federal Reserve and the Treasury. Then you have actually to inject a lot more leverage and money into the economy; you have to print money as fast as you can, expand the balance sheet of the Federal Reserve, increase the national debt. And that is, in fact, what has been done, which is the right thing to do. But then once this policy is successful, you have to rein in the money supply as fast as you can."
Und wieder ist es Nouriel Roubini (nicht der Nobelpreisträger Paul Krugman), der die Richtigkeit dieser Sicht der Dinge bestätigt (meine Hervorhebung):
"I think that the debate here is about what needs to be done in the short term versus the long term."
(Roubini bestätigt indirekt auch Niall Fergusons Meinung, dass die US-Defizite großenteils durch die US-Notenbank (also durch 'Gelddrucken') finanziert werden, und dass darin eine enorme Inflationsgefahr liegt: "I agree, however, that we have to worry about the long run. If we're going to finance budget deficits by printing money, we may have high inflation, even risk of hyperinflation in some countries. That's what happened in Germany in the 1920s during the Weimar Republic. We are having large budget deficits and increasing the public debt, we don't know whether it's going to be $5 trillion or $10 trillion of more debt. But there are only a few ways of resolving that debt problem: either you default on it as countries like Argentina did; or you use the inflation tax to wipe out the real value of the debt; or you have to raise taxes and cut government spending. And given the size of the deficits, over time that's going to be a painful political choice to make. So we need the stimulus in the short run, but we need to restore medium-term fiscal sustainability.")
George Soros bringt mehrfach das Problem der Überschuldung bzw. des Umgangs damit auf's Tapet (meine Hervorhebungen):
"This living beyond our means accumulated mainly in the housing sector and the financial sector, and now those liabilities are being nationalized. It's a bit unfortunate that so far we have only nationalized the liabilities of the banks, and not their assets."
"I think the challenge for the US economy is, can we grow without excessive credit and leverage? Can we grow in a more sustainable way? And what are going to be the sectors of the economy that give us sustainable, long-term growth? I think that's an open question."
Was die "Verstaatlichung der Schulden" ("liabilities are being nationalized") angeht bleibt allerdings abzuwarten, inwieweit tatsächlich der Staat die Zeche zahlt. Natürlich zahlen die Staaten weltweit mit Steuerausfällen und steigenden Aufwendungen für Sozialausgaben und Konjunkturprogramme indirekt eine gigantische Rechnung; die Verluste des Finanzsystems werden sich aber wohl verteilen auf Staatshilfen einerseits und freiwillige Einzahlungen von Privaten (Kapitalerhöhungen von Banken) andererseits. Nach meinem Eindruck wird jedoch ein weiterer (und großer) Teil der Verluste aktuell durch Änderung der Buchungsregeln versteckt, um erst über einen längeren Zeitraum, also erst in der Zukunft, durch gestiegene Gewinnspannen (Zinsmargen im Geschäft mit der Realwirtschaft, vielleicht auch "Casinoeinnahmen" im Eigenhandels- und Derivategeschäft mit den Geldbesitzern) ausgeglichen zu werden (ist das etwa schon in der Japankrise der 90er Jahre so gelaufen, wo oft kritisch von "Zombiebanken" die Rede ist, obwohl möglicher Weise gerade dieses Mittel zur Krisenbekämpfung durchaus effektiv war? Vgl. die Forschungsergebnisse von Richard Koo in der Zusammenfassung von Dieter Wermuth).
Und eben da könnte ein Problem liegen, dass nämlich das Geld der Realwirtschaft - auf welchem Wege auch immer - wieder entzogen werden soll und muss, um die Kapitalbesitzer (seien es Milliardäre, Kleinstsparer oder Pensionsfonds) schadlos zu halten. Gänzlich einmalig ist das nicht, das hat schon Japan in der dortigen Krise der 90er Jahre so gehandhabt (s. o.). Dafür hat es allerdings heute einen gigantischen Schuldenberg. Die Gelddruckerei der japanischen Notenbank hat wohl nur deshalb keine Hyperinflation ausgelöst, weil die Yens in sog. "Carry Trades", in einem Arbitragehandel unter Ausnutzung insbesondere international unterschiedlicher Zinsniveaus, großenteils ins Ausland verschleppt wurden. Gut möglich, dass auch diese Kapitalflut zur Finanzkrise beigetragen hat. Man kann sich durchaus vorstellen, dass eine Anwendung der japanischen Rezeptur im Weltmaßstab eine Katastrophe auslöst. Was in einem Teilsystem funktioniert (vielleicht deshalb, weil Lasten in andere Teilsysteme exportiert werden?) kann auf gesamtsystemischer Ebene in die Hose gehen - ein sogenanntes Emergenzphänomen.
Im übrigen ist es natürlich denkbar, dass alles, was ich hier denke (und mühsam auszuformulieren versuche), bereits gedacht worden ist, oder sich z. B. auch schon in entsprechend konzipierten Spielen niedergeschlagen hat. Dann haben meine Überlegungen allenfalls für mich selbst einen Nutzen, insofern, als ich durch tieferes Eindringen in die Materie diese besser verstehen kann (konkret z. B. einen anspruchsvollen fachlichen Text wie “The Roving Cavaliers of Credit” von Steve Keen auf dessen Webseite DebtWatch vom 31.01.2009).
Ganz allgemein wäre es aber vielleicht keine schlechte Idee (falls nicht schon umgesetzt), wenn man ein weltweites Spiel im Internet veranstalten würde, welches die Wirtschaft mit möglichst vielen ihrer tatsächlichen Züge abbildet.
Das fördert vielleicht die Erkenntnis, denn vieles von dem, was Ökonomen von sich geben, erinnert mich fatal an den Stand der medizinischen "Wissenschaft" zu Zeiten der alten Pestärzte. (Allerdings besteht zwischen der Pest und den Finanzmärkten ein wesentlicher Unterschied: bei der ersteren hatten alle Menschen ein Interesse an Aufklärung. Bei letzerer haben dagegen viele ein Interesse daran, die Funktionsweisen im Dunklen zu lassen und die breite Masse zu täuschen und zu ängstigen - vgl. z. B. die Debatte über europäische Hilfszahlungen für Griechenland zur Abwendung eines Staatsbankrotts!)
Insbesondere kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass, um Gelehrsamkeit demonstrieren zu können, Komplexität auch dort gesucht wird, wo (jedenfalls zunächst einmal) ganz einfache Fragen zu klären und Antworten zu geben (bzw. zu suchen) wären.
Wissenschaftsgeschichtlich fängt für mich das Elend, bzw. die Verschleierung von (ökonomischer) Wirklichkeit durch die Wirtschaftswissenschaft spätestens bei dem heute wieder viel beachteten und über den grünen Klee gelobten Irving Fisher und seiner Debt Deflation Theory of Great Depressions an. Fishers Ansatz ist insofern asymmetrisch, als er die Realität einer Überschuldung der Wirtschaftssubjekte als notwendige Voraussetzung einer Wirtschaftskrise durchaus sieht. Schon im nächsten Schritt verdeckt er aber das Solvenzproblem, indem er zur Krisenbekämpfung Liquiditätszufuhr (Geldpolitik der Notenbank, also aktuell das Bernanke-, EZB- usw.-Rezept) sowohl empfiehlt als auch für ausreichend hält. Insolvenz (dauerhafte Zahlungsunfähigkeit) und Iliquidität (als nur vorübergehende Zahlungsunfähigkeit verstanden) sind jedoch 2 (zwar nicht völlig zusammenhanglose aber letztlich doch:) unterschiedliche Dimensionen. Es wird sich noch zeigen (und ich bezweifele es), ob man dem Solvenzproblem der Schuldner in unserer (bzw. speziell in der amerikanischen) Wirtschaft mit bloßer Liquiditätszufuhr (d. h. weitere Kredite!) wirklich beikommen kann.
Die spätere Forschung über die 1. Weltwirtschaftskrise hat in meinen Augen die Mystifikation der Krisenursachen fortgeführt. Bei der Suche nach Übertragungskanälen von Störungen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft spielt das Problem der Überschuldung der Realwirtschaft und der Hypertrophie der Finanzwirtschaft (des Kreditwesens) kaum noch eine Rolle. (Für einen Forschungsüberblick - Stand 1993 - vgl. von Charles W. Calomiris das Papier "Financial Factors in the Great Depression").
"Back to the roots", also zur Überschuldungsproblematik, muss dagegen aus meiner Sicht sich wenden, wer wirklich an einer tieferen Ursachenerkenntnis von großen Finanz- und Wirtschaftskrisen interessiert ist.
Andererseits könnte sich im Hinblick auf die Ressourcenverknappung jegliches ökonomisches Denken herkömmlicher Art, oder auch unkonventioneller Art über herkömmliche Probleme, als Spiegelfechterei erweisen. Zumindest derzeit bleibt aber ein solches Nachdenken eine reizvolle intellektuelle Freizeitbeschäftigung.
Nachtrag 07.01.09
Das Modell der Brotesser-Wirtschaft habe ich jetzt, weil es mir sehr wichtig erscheint, in einem neuen Blott aus seinem hier allzu üppigen Beiwerk herauspräpariert: "Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann."
Textstand vom 07.01.2010. Auf meiner Webseite
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Mittwoch, 30. Dezember 2009
Vom Bielefelder Universitätsgebäude zum psychedelischen Maybach Exelero. Kritik an der Hypertrophie der Rechte am Geistigen Eigentum.
Aus meiner Heimatstadt Bielefeld kamen Weihnachtsgrüße. Einer darunter, von Udo Twesmann, meinem Jugendfreund, enthielt ein 32-seitiges Geburtstagsmagazin, eine Beilage der Bielefelder Zeitung "Neue Westfälische" (NW). Nicht über einen alten Mann wie mich, sondern über eine Dame im besten Alter: "40 Jahre Universität Bielefeld".
Meine Stammleser wissen, dass ich für die Ehre meiner Geburtsstadt sogar schon mein Leben auf's Spiel gesetzt habe. Ich nehme also immer noch interessiert an den Geschehnissen in meiner Vaterstadt Anteil. Aber nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von zwei kurzen Passagen, die für die Thematik des Magazins wie für die Stadt an sich absolut irrelevant sind, bei mir aber als Blog-Katalysatoren wirksam wurden.
Unter der Schlagzeile "Es gratulieren: Studierende der Uni" [Untertitel: " 'Menschen in den Mittelpunkt stellen': Jan Rick, Vorsitzender des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA)" [erschreckend, dass ein junger Mensch schon solche abgelutschten Sprüche drauf hat. Aber wie hieß es irgendwo in der Beilage sinngemäß? 'Die Reformuniversität ist in der Normalität angekommen': wohl wahr!)] schreibt der AStA-Vorsitzende (meine Hervorhebung): "Die Uni Bielefeld ... ist für deutliche niedrigere Studierendenzahlen gebaut worden, sie hat eine Asbestbelastung und es gibt sogar ein Copyright auf sie, so dass kein überdachter Fahrradständer angebaut werden darf - es könnte ja die Schönheit des Baus beeinträchtigen."
Und auf S. 27 berichtet Bernhard Hänel unter der Überschrift "Rechteckig, praktisch, gut" (UT: "Die Architektur der Uni: Form folgt Funktion") u. a. (meine Hervorhebung):
"Größe und äußere Anmutung des Gebäudes mögen gewöhnungsbedürftig sein, doch praktisch und darum nur gut ist seine Funktionalität. Ein gutes Stück davon droht verloren zu gehen, wenn der in Aussicht gestellte Ersatzneubau realisiert ist. ... Auf immer ausgelagert wären dann wohl auch die Fakultäten für Geschichte und Soziologie. 'Damit wird das Kaptital des Bielefelder Universitätskonzepts aufgelöst', beklagt Uni-Architekt Klaus Köpke. Gemeinsam mit seinen früheren Partnern beobachtet er mit Argusaugen die laufenden Planungen - immer auf dem Sprung, notfalls über das bestehende Urheberrecht, grobe 'Verunstaltungen' zu verhindern. 'Gegen Wärmeschutz, also gegebenenfalls eine andere Fassade werden wir uns nicht wehren, gegen Zerstörungen des Gesamtkonzepts schon' sagt Köpke."
Diese Äußerungen treffen mich zu einem Zeitpunkt, wo ich ohnehin wieder einmal zu einer tieferen Reflexion über das Recht des Geistigen Eigentums angesetzt hatte (konkret freilich bislang nur durch den Ausdruck einiger einschlägiger Internet-Artikel, die bislang nur meine Lektüre-Rückstands-Berge wachsen lassen).
Grundsätzlich kann ich natürlich die Logik und die Funktion dieses Rechtsinstituts nachvollziehen. Gerecht finde ich es trotzdem nicht, wenn die Gesellschaft den Patentschutz für nützliche Erfindungen auf 20 Jahre begrenzt (bzw. in bestimmten Fällen im Ergebnis auf 25 Jahre), die Regelschutzfrist im Urheberrecht aber auf 7o Jahre ausdehnt, und die sogar erst mit dem Todestag des Autors beginnen lässt.
Natürlich weiß ich, dass sich diese Schutzfristen (wie das Urheberrecht überhaupt) erst im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Die Begründungen, die für derartig lange Fristen gegeben wurden, kenne ich nicht, ebenso wenig Argumente, mit denen die krass unterschiedliche Behandlung von Erfindungen und Urheberrechten begründet werden. (Eben in der Hoffnung, mich insoweit hinsichtlich der einschlägigen Debatte schlauer zu machen, hatte ich meinen Drucker angeworfen; das nützt freilich wenig, wenn man nicht zum Lesen kommt.)
Ohne dass derartige Zielsetzungen im Bewusstsein der Akteure eine Rolle gespielt haben mögen scheint mir doch die Überlegung legitim, dass die Institution des Urheberrechts die Intellektuellen und deren Erben in eine gewisse objektive Interessenindentität mit den Eigentumsbesitzern bringt. Radikale Marxisten würden vielleicht von einer Korruption der Geistesarbeiter durch die Kapitalisten sprechen (ich würde das gelegentlich vielleicht auch tun, allerdings nur agitativ, nicht deskriptiv, weil ich, wie gesagt, nicht glaube, dass insoweit eine bewusste Strategie der Besitzenden vorliegt).
Immerhin erfahre ich im Wikipedia-Artikel "Geistiges Eigentum", dass es durchaus eine breite Kritik am Geistigen Eigentum, bzw. an dessen konkreter rechtlichen Ausprägung, gibt. Da brauche ich mich mit der Gesamtdebatte, über die ich mich erst einmal sachkundig machen müsste, nicht mehr abzumühen. Mein Erschrecken über die Auswirkungen des Urheberrechts, wie sie die o. a. konkreten Aussagen über das Gebäude der Universität Bielefeld (hier in einem Zeitungsbericht der NW vom November 2009 ein wunderschönes Luftbild, das auch in der Beilage - S. 31 - abgedruckt ist; zum Vergrößern anklicken!) zeigen, möchte ich festhalten.
Zweifellos hat der Gesamtkomplex eine angenehme ästhetische Qualität. Aber wenn ich die o. a. Sätze lese, fühle ich mich (obwohl im konkreten Falle gar nicht betroffen) an die Gurgel gegriffen. Ein Haus, auch wenn es nicht mir gehört, ist so etwas wie meine Hülle. Dass der Gebäudeeigentümer darüber verfügen kann - okay; für ihn ist das ja schließlich ein Investitionsobjekt (z. B. ein Wohnhaus). Dass aber auch noch die Architekten (und gar noch deren Erben) für lange Jahre (wie viele? 70 Jahre nachdem der letzte von denen gestorben ist?) Einspruch gegen Veränderungen erheben können vermittelt mir beinahe ein Gefühl, als würde mir mein Hemdenhersteller verbieten, den Kragenknopf offen zu tragen, weil dadurch das ästhetische Gesamtbild, so wie er oder sie es sich vorgestellt hat, gestört wird.
Wir würden ein solches Ansinnen als absurd empfinden, aber warum eigentlich? Wenn es ein Unikat von einem berühmten Modeschöpfer wäre?
Oder warum sollte nicht der Designer eines Luxusautomobils, z. B. eines Einzelexemplars (und warum nicht ebenso bei einer Kleinserie?) wie des Maybach Exelero (hier ein Großbild, hier bei Fulda Reifen eine Galerie mit allerdings kleineren Abbildungen) in gleicher Weise wie die Stararchitekten den Eigentümern Veränderungen mittels Urheberrecht verwehren dürfen? Nehmen wir an, ich würde das Ding kaufen und einen wilden, knallbunten, hippiemäßigen, psychedelischen Anstrich in allen Farben des Regenbogens verpassen lassen: da könnte man schon drüber streiten, ob nicht die Formgebung des Automobils speziell auf die Wirkung mit schwarzer Lackierung konzipiert war. Warum sollte nicht auch die Farbe ein wesentlicher Bestandteil des Designs sein, oder zumindest: warum sollte man nicht die Meinung vertreten können, dass bestimmte farbliche Gestaltungen einfach nicht zum Charakter eines solchen Automobils passen und deshalb von Gestalter untersagt werden dürfen?
Dann müsste also ich als Autoeigentümer mich ggf. der Geschmacksdiktatur des Designers (Fredrik Burchhardt) unterwerfen?
Und wie wäre die Rechtslage, wenn ich die Umlackierung (bzw. den Entwurf dazu) von einem berühmten Künstler erstellen lasse? Wenn also gewissermaßen zwei gesellschaftlich anerkannte Kunstverständnisse in Konflikt geraten? Dürfte ich auch dann keine Auswahl treffen? Wäre nicht der 'Umlackierer' seiner künstlerischen Freiheit beraubt, an seiner freien Kunstausübung gehindert?
Ich verkenne keineswegs, dass ein Architekturentwurf eine geistige Leistung hohen Ranges darstellen kann. Indes kann man die Intentionen der Entwerfer ohnehin aus den Plänen, ggf. Fotos und Modellen, entnehmen. Überhaupt ist es ja das Schicksal der Architekturkünstler, dass ihre Entwürfe häufig durch Sachzwänge geändert oder durch Sparzwänge beschnitten werden, so dass ihre geistige Leistung häufig nur anhand der Pläne gerecht beurteilt werden kann.
Dass muss aus meiner Sicht auch genügen, denn dass ein Bauwerk für die Bewohner (selbst wenn sie dessen Eigentümer sind) zum Prokrustesbett werden kann, nur weil ein Baumeister Änderungen untersagt, ist für mich völlig inakzeptabel. Ein solches Schicksal könnte schließlich auch mein / Ihr Wohnhaus treffen, wenn es von einem berühmten Architekten gebaut worden wäre! Der ästhetische Diskurs ist auf der gesellschaftlichen Ebene zu führen; ggf. muss die Politik über gravierende Änderungen debattieren, wenn diese das Bild beeinträchtigen könnten; entsprechende Normen - Eintragung in Denkmalliste, Ortssatzungen usw. - gibt es ja in Menge . Aber dass Architekten das Recht haben sollen, Menschen in eine ästhetische Zwangsjacke zu stecken, empört mich gewaltig.
Derartige Erscheinungen gehören aus meiner Sicht zur Ästhetisierung, Musealisierung und Verdenkmalung unserer Zivilisation. Diesem Paradigma bin zwar auch ich in vielfältiger Hinsicht verfallen, z. B. als Museums- und Denkmalbesucher (Baudenkmäler usw.), und z. B. kaufe ich auch als Konsument lieber "schöne" als "hässliche" Objekte. Ich will diese Entwicklung nicht durchweg verteufeln, aber vieles daran darf man mit Sicherheit als Dekadenzsymptome ansehen, auch eine kulturelle Versteinerung (im übertragenen, aber sogar auch im wörtlichen Sinne), eine Petrifizierung, Fossilisierung.
Mit anderen Worten: ich fühle mich unbehaglich, eingezwängt, wenn nicht gar eingesperrt in den juristischen Folterbetten moderner Rechtskodifizierungen für geistiges Eigentum. Die sind für mich eine Form von Freiheitsberaubung (wie übrigens auch die Rechte des Fotografen an einem - ggf. meinem - Bild).
Die ganze Entwicklung gehört in meinen Augen auch in eine säkulare Tendenz zur kultischen Überhöhung von Kunst, der unsere Gesellschaft zunehmend den Rang einer Religion zubilligt, und damit den Künstlern priesterliche Würden verleiht. Dies habe ich bereits früher in dem Blott "Künstler rächen Kaiser an der Kirche" kritisch thematisiert.
Von allen diesen Überlegungen abgesehen, wirkt sich das Urheberrecht an herausragenden architektonischen Leistungen nicht zuletzt auch in einem gesteigerten Komplexitätsgrad, hier von (Um-)Bauplanungen, aus: die Planer von Umbauten, Anbauten (wie ist die Situation bei nahen Neubauten, welche die Ästhetik des bereits vorhandenen Baubestandes ja ebenfalls beeinträchtigen können, z. B. indem sie Sichtachsen versperren?) müssen sich in solchen Fällen zunächst mit den Entwerfern der bereits bestehenden Gebäude abstimmen. Das kostet auch Geld, Steuergelder, also: MEIN Geld!
Nachtrag 25.01.2010
Durch Zufall kam ich heute wieder in den Blog (An)sichten des Wieners Alexander Schatten. Der schreibt sehr häufig, was auch ich denke (und manchmal ähnlich geschrieben habe).
In seinem Blott "Ausgesorgt oder Die Tantiemen des Vaters" setzt er sich ebenfalls kritisch mit der Hypertrophie der aus geistigem Eigentum abgeleiteten positiven Rechte (hier in finanzieller Hinsicht: Tantiemenansprüche der Erben) auseinander.
Nachtrag 30.01.2010
Die Fragwürdigkeit des Begriffs "Geistiges Eigentum" verdeutlicht, jedenfalls für eine ganz spezielle Fallkonstellation, der Bericht "Skandal im Kunstbezirk"
von Christine Eichel im Magazin Cicero (12/2009):
"Ein Werk des Künstlers Martin Kippenberger wurde jüngst für eine Rekordsumme versteigert. Kurz darauf kam heraus, dass ein anderer [nämlich der Berliner Götz Valien] das Bild gemalt hatte – im Auftrag Kippenbergers."
Textstand vom 29.04.2012. Auf meiner Webseite
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Freitag, 25. Dezember 2009
Ziesemer ziseliert sich eine Theorie zur Ursachenverschleierung der Finanzkrise zurecht
Mein u. g. Leserkommentar zu dem Leitartikel "Komplexitätskrise: Wie viel Staat brauchen wir wirklich?" des Handelsblatt-Chefredakteurs Bernd Ziesemer vom 24.12.09, also von Heiligabend, wurde nicht veröffentlicht.
Den Grund kenne ich nicht, nehme aber nicht an, dass es an der Schärfe meiner Kritik liegt. [Pikanterweise ist sie noch schärfer als diejenige von marxistischer Seite; der Kommentar "Weihnachtsbotschaft der eigenen Art" vom 24.12.09 von Lutz Brangsch (auch hier veröffentlicht) ist zwar im Ergebnis noch radikaler als meine ("Die Krise wird in eine Legitimation der absoluten Herrschaft des Kapitals umgedeutet – denn Märkte können ja wohl kaum herrschen" schlussfolgert Brangsch), aber in sich recht matt, was insofern auch nicht verwundern kann, als die Kameraden auf der Linken alle Äußerungen und Vorgänge irgendwie in ihr Schablonensystem pressen müssen.]
Es könnte die Länge meiner Antwort gewesen sein doch vermute ich eher, dass Links in Leserkommentaren unzulässig sind.
Neulich in der ZEIT hatte ich das gleiche Problem mit einem recht kurzen Kommentar zu dem Artikel "Finanzpolitik. Sinnlose Schulden. Schwarz-Gelb verschenkt Geld – und schwächt ohne Not den Staat" von Marc Brost. Dort hatte ich zu einem meiner Blotts verlinkt, aber auch zu einem früheren Artikel vom Marc Brost vom 21.08.09 ("Staatsverschuldung. Billionen fressen Seele auf. Warum bloß fürchten sich die Deutschen so sehr vor hohen Staatsschulden?"), dessen Tenor mir mit seiner aktuellen Geißelung der Hornissenkoalition (die ich inhaltlich absolut teile) kompatibel zu sein schien.
Über die Gründe der mutmaßlichen Abneigung gegen Links in Leserkommentaren kann ich nur spekulieren. Es könnten geschäftliche sein (man will schließlich die Leser auf den eigenen Seiten halten) oder rechtliche Bedenken bezüglich der Verantwortlichkeit für eventuelle Verlinkungen zu Seiten mit rechtsverletzenden Inhalten.
Meine Reaktion wird allerdings ein Verzicht auf weitere Leserkommentare in der ZEIT und im Handelsblatt sein. Die Links sind für mich aus mehreren Gründen ein unverzichtbarer Bestandteil meiner Texte.
Zunächst stellen sie einen Service für den Leser (und auch, bei einem Wieder-Lesen, für mich selbst) dar. Man muss nicht lange nach einem Text googeln. Das ist zwar jetzt nicht mehr sonderlich arbeitsaufwändig, weil man sowohl beim Internet-Explorer von Microsoft als auch beim Firefox von Mozilla Worte oder ganze Textpassagen markieren und direkt in Google aufrufen kann; dennoch kommt man nicht unbedingt direkt zu dem gesuchten Text.
Es vereinfacht auch die Arbeit: man muss das eine oder nicht mehr erklären, es erklärt sich aus dem Link.
Und es zwingt zu Präzision, man kann nicht einfach daherreden im Stil von "irgendwo habe ich mal gelesen ...", sondern muss die Quelle exakt identifizieren.
Die Möglichkeit zur Linksetzung ist überhaupt ein Kern des Internet-Systems; ich kann es nicht akzeptieren, zum Verzicht darauf gezwungen zu werden.
Hier aber endlich mein Kommentartext; den hätte ich übrigens so oder so auch in meinem Blog veröffentlicht, weil mir die Auseinandersetzung mit dem Ziesemer-Text auch bei der Klärung eigener Anschauungen geholfen hat.
Lieber Herr Ziesemer,
die scharfe Kritik, die etwa meine Vorkommentatoren N peterbrown1946 (Nr. 1) und Axel Volker von Juterzenka (Nr. 2) an Ihrem Kommentar üben, erscheint auf den ersten Blick etwas unverständlich und unmotiviert. Gleichwohl halte ich sie für berechtigt.
Schon in der Überschrift senden Sie widersprüchliche Signale aus:
"Komplexitätskrise" suggeriert, dass Sie die übergroße Komplexität der Finanzprodukte als Krisenursache verorten, und als Rezept eine Reduktion der Komplexität. Sie sehen sie aber wohl nicht in dieser Weise, denn wenn Sie sagen "Am besten kann man die Finanzkrise und ihre unmittelbaren Folgen als erste Komplexitätskrise der postindustriellen Gesellschaft beschreiben" dann erweitern Sie den Blickwinkel auf die Gesamtgesellschaft. Das impliziert sowohl eine Verschleierung als auch eine Resignation: Nicht die Derivatewirtschaft ist das Problem; vielmehr ist das Leben an sich halt so komplex, kann man leider nix machen.
Verdrängt wird dabei z. B., dass genau diese Einstellung den US-Kongress (massiv vom Deregulierer Alan Greenspan belobbysiert) dazu geführt hat, Restriktionen moderner Finanz"produkte" aufzuheben und diese von jedweder Regulierung und Überwachung auszunehmen. Auch ich sehe zwar darin nicht die Letztursache der Krise, aber es hat sehr geholfen die Finanzmärkte zu destabilisieren.
Und definitiv wollen Sie Komplexität nicht reduzieren. Das lässt sich aus Ihrem vorliegenden Kommentar erschließen; das ließe sich auch in einem einfachen Test belegen.
Sie kennen zweifellos den berühmten Satz von Gerhard Mackenroth zur Finanzierung der Altersversorgung (und werden deren Richtigkeit auch kaum abstreiten):
„Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein "Sparen" im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Mackenroth-These)
Diesen Sachverhalt bildet das Umlageverfahren zur Rentenfinanzierung direkt, transparent und ohne unnötige Komplexität ab.
Wetten dass Sie dennoch das Kapitaldeckungsverfahren bevorzugen? Obwohl die Produkte für die Anleger intransparent sind, zumindest aber einen hohen Informationskostenaufwand erfordern. Aber wenn die privaten Drückerkolonnen Kasse machen können, kann es gar nicht genug Komplexität geben.
Dabei die von den Professores Sinn et al. z. B. in ihrem Gutachten "Grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung" (1998) zusammenfantasierte Steigerung der Wirtschaftsleistung durch KDV-induzierte Investitionssteigerungen spätestens durch die Finanzkrise empirisch widerlegt: Unsere Riester-Renten-Groschen sind zu Granit-Arbeitsplatten in Luxusküchen amerikanischer Einfamilienhäuser mutiert und keineswegs zu neuen Arbeitsplätzen in Deutschland (und auch nicht den USA!) geworden.
[In Wirklichkeit hat sich der Mainstream der deutschen Ökonomen natürlich lediglich als Transportameisen-Kolonne von Memen aus der US-Ökonomiediskussion betätigt und diese Aktivität lediglich pseudo-rationalisiert.]
Aber gegen solche Lehren aus der sog. Finanzkrise haben Sie sich wahrscheinlich mental gut immunisiert; wie ich z. B. aus Ihrer Lektüre-Empfehlung schließe, möchten Sie das alles gar so genau wissen. Prof. Kirchhof habe ich in der Sloterdijk-Steuerdebatte als einen Menschen guten Willens schätzen gelernt ("Die Steuer ist ein Preis der Freiheit" - http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EC80A1D66914648E6AFF6710426DCFCF9~ATpl~Ecommon~Sspezial.html), aber wenn ich nach Erklärungen der gegenwärtigen (2.) Weltwirtschaftskrise suche, dann greife ich sicherlich nicht zu dem von Ihnen empfohlenen Buch mit einem Titel "Das Maß der Gerechtigkeit". Kein Wunder, dass ich am Handelsblatt schon seit längerem den Biss vermisse (http://beltwild.blogspot.com/2009/06/handelsblatt-financial-times.html), wenn der Chefredakteur seine Leser mit Grimms Märchen einzulullen versucht!
Da überrascht es dann auch nicht mehr, wenn Sie nicht einmal die realwirtschaftliche Funktion der hypertrophierten Finanzwirtschaft hinterfragen, obwohl doch Ihre eigene Zeitung kürzlich (über Großbritannien) berichtete: "Industrie verliert doppelt so viele Jobs wie Finanzbranche". (http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/grossbritannien-industrie-verliert-doppelt-so-viele-jobs-wie-finanzbranche;2501682)
Man muss die Sicht von International Banking Professor Richard Werner ("Ein untragbares System" - http://www.ftd.de/unternehmen/finanzdienstleister/:interview-mit-richard-werner-ein-untragbares-system/50042398.html) nicht unbesehen übernehmen, aber eine mögliche Dysfunktionalität der Finanzmärkte sollte man zumindest thematisieren, wie das Ihr "Kollege" Thomas Fricke in der FTD tut (z. B. u. d. T. "Warum die Finanzbranche schrumpfen muss" - http://www.ftd.de/politik/international/:kolumne-thomas-fricke-warum-die-finanzbranche-schrumpfen-muss/50039822.html).
Wenn man etwa in einem aktuellen Bericht über das Treiben der US-Banken liest:
"Kredite ohne bankübliche Sicherheiten (Cov Lite), Kreditkonstrukte ohne laufende Zinszahlungen, die erst am Ende der Laufzeit mit exorbitanten Aufschlägen in bar oder neuen Schuldenpapieren zurückgezahlt werden müssen (Pik Toggle) oder die systematische Überschuldung von Unternehmen, um Dividenden an die Investoren privater Beteiligungsgesellschaften auszahlen zu können (Dividend Recap), sind wieder an der Tagesordnung" ("Sorgen um Überhitzung des Kreditmarkts wachsen" - http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:gefaehrliches-comeback-sorgen-um-ueberhitzung-des-kreditmarkts-wachsen/50045371.html), dann ist das eine Information, die sich nicht mit einem würdevollen "Maß der Gerechtigkeit" exorzieren lässt.
Freilich ist Ihr Artikel (und die relative Zahmheit des Handelsblattes bei Analyse und Kritik der Krisenerscheinungen) selbst das beste Beispiel für ein Symptom, dass Sie selbst unserem Lande zutreffend attestieren: das Arrière-Garde-Syndrom. Auch beim Welt-Wirtschaftsdenken marschiert Deutschland leider an der Spitze - der geistigen Nachhut.
(Übrigens habe ich als langjähriger Leser eine gewisse emotionale Bindung an das HB so dass meine Kritik an der Zahmheit Ihrer Zeitung - die freilich ungehört verhallen wird - durchaus freundschaftlich gemeint ist.)
Doch zurück zu meiner Ausgangsbemerkung widersprüchlicher Signale Ihrer Überschrift(en). Wenn es im Anschluss an "Komplexitätskrise" heißt: "Wie viel Staat brauchen wir wirklich?" dann wird klar, dass sich die Fragestellung für Sie auf die Doofheit der Staatsbeamten reduziert, welche die Weisen der Finanzbranche nur machen lassen sollen.
Gewiss fordern Sie "sehr wenige, aber harte Regeln" für die Banken. Aber unabhängig davon, ob es Ihnen ernst damit ist, oder ob das als Desinformation zu Gunsten der Banken gedacht war: im Ergebnis wird es sich wie eine solche auswirken. Zum einen bleiben Sie vage, zum anderen wird jeder Leser es schon von der Bauchlogik her als widersprüchlich empfinden, wenn Sie eine komplexen Welt mit einfachen Regeln steuer wollen: angesichts eben dieser Komplexität können solche Regeln ja nur grobschlächtig sein und dadurch schon per se unwirksam oder kontraproduktiv.
(Die Bankenbranche selbst wird letztlich auch nicht für einfache, sondern gegen harte Regeln optieren, und sie wird das über ein möglichst komplexes Regelwerk durchsetzen, weil sie nur darin die Laxheit vor der Öffentlichkeit verstecken kann. Komplexität hat noch nie gestört, wenn man daran, bzw. in einem solchen Umfeld, prächtig verdienen kann - wie die Investmentbanken es ja auch aktuell wieder tun.)
In Wirklichkeit ist aber die Krisenursachen gar nicht so komplex, wie Sie und viele andere uns glauben machen wollen (und sich vielleicht auch selbst einreden). Und noch weniger ist die aktuelle Weltfinanzkrise und Weltwirtschaftskrise einmalig. (Mehr darüber vermutlich - ich habe es nicht gelesen - in dem Buch "Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen" von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff - http://www.amazon.de/Dieses-Mal-ist-alles-anders/dp/3898795640/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1261327583&sr=8-2-spell; engl. OT: "This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly".)
[Erg. 28.12.09: Wahrscheinlich eine Art Rohentwurf zu diesem Buch ist online gratis verfügbar: das Arbeitspapier "This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises" vom April 2008. (124 S.; hier eine Kurzversion mit 59 S.) Daraus die Zusammenfassung (abstract):
"This paper offers a “panoramic” analysis of the history of financial crises dating from England’s fourteenth-century default to the current United States sub-prime financial crisis. Our study is based on a new dataset that spans all regions. It incorporates a number of important credit episodes seldom covered in the literature, including for example, defaults and restructurings in India and China. As the first paper employing this data, our aim is to illustrate some of the broad insights that can be gleaned from such a sweeping historical database. We find that serial default is a nearly universal phenomenon as countries struggle to transform themselves from emerging markets to advanced economies. Major default episodes are typically spaced some years (or decades) apart, creating an illusion that “this time is different” among policymakers and investors. A recent example of the “this time is different” syndrome is the false belief that domestic debt is a novel feature of the modern financial landscape. We also confirm that crises frequently emanate from the financial centers with transmission through interest rate shocks and commodity price collapses. Thus, the recent US sub-prime financial crisis is hardly unique. Our data also documents other crises that often accompany default: including inflation, exchange rate crashes, banking crises, and currency debasements."
Ein weiteres Papier dieses Autorenteams befasst sich mit der internen Staatsverschuldung: "The Forgotten History of Domestic Debt" (49 S.). Einleitende Zusammenfassung:
"There is a rich scholarly literature on sovereign default on external debt. Comparatively little is known about sovereign default on domestic debt. Even today, cross-country data on domestic public debt remains curiously exotic, particularly prior to the 1980s. We have filled this gap in the literature by compiling a database on central government public debt (external and domestic). The data span 1914 to 2007 for most countries, reaching back into the nineteenth century for many. Our findings on debt sustainability, sovereign defaults, the temptation to inflate, and the hierarchy of creditors only scratch the surface of what the domestic public debt data can reveal. First, domestic debt is big—for the 64 countries for which we have long time series, domestic debt accounts for almost twothirds of total public debt. For most of the sample, this debt carries a market interest rate (except for the financial repression era between WWII and financial liberalization). Second, the data go a long way toward explaining the puzzle of why countries so often default on their external debts at seemingly low debt thresholds. Third, domestic debt has largely been ignored in the vast empirical work on inflation. In fact, domestic debt (a significant portion of which is long term and non-indexed) is often much larger than the monetary base in the run-up to high-inflation episodes. Last, the widely held view that domestic residents are strictly junior to external creditors does not find broad support."]
Lassen wir die Asienkrise, Japankrise usw. mal beiseite und gehen zurück auf 1929. Das Ausgangsszenario war damals dasselbe wie heute: überschuldete Wirtschaftssubjekte. Egal, ob die irgendwann objektiv die Kredite nicht mehr tilgen können, oder ob der Finanzmarkt eine solche Unfähigkeit schon vorher antizipiert: an irgendeinem Punkt kracht es.
Den Zeitgenossen war es 1929 durchaus bewusst, dass die Überschuldung die tiefere Krisenursache war. Sie haben aber auch schnell wieder davon abgelenkt und die Diskussion auf technische Dimension der Übertragungskanäle reduziert. (Frühes Beispiel ist Irving Fishers "Debt Deflation Theory of Great Depressions", wo die Überschuldung am Anfang steht, aber irgendwie einfach unwichtig wird, wenn nur die Zentralbank kräftig Geld ins System pumpt.
Wie sich die Diskussion später in den Wirtschaftswissenschaften hübsch zerfasert hat, kann man (Stand 1993) z. B. in der Zusammenfassung "Financial Factors in the Great Depression" (http://www.wissensnavigator.com/interface1/trading/documents/FinancialFactorsGreatDepression.pdf) von Charles W. Calomiris nachlesen. Das Ausgangsszenario einer Schuldenkrise (wie es für unsere Krise z. B. Prof. von der Vring u. d. T. "Die Subprime-Krise" http://wcco0y847.homepage.t-online.de/html/subprime-krise.html anschaulich-populär beschreibt) ist der Wissenschaft völlig aus den Augen geraten.
Über die Gründe brauchen wir nicht zu rätseln: die Wissenschaftler freuen sich über ihre kleinen Entdeckungen von Zusammenhängen; an den großen Kontext gehen sie nicht ran, weil er einerseits schwer mit wissenschaftlicher Präzision darzustellen ist und andererseits (auch mir selbst) kaum veränderbar erscheint.
Die marxistische Lösung ist, da haben Sie Recht, dauerhaft diskreditiert. Keynes, den Sie nicht mögen, ist jedoch keineswegs widerlegt. Die aktuelle Finanzkrise hat einen Zusammenhang eindrucksvoll bestätigt, den er wissenschaftlich bearbeitet hat, den sich aber schon das Alltagswissen unschwer zusammenreimen kann: Auf Dauer kann es nicht funktionieren, wenn die einen (Privaten, meinetwegen aber auch Pensionsfonds) mit Geldgeschäften immer mehr Kapital aus der Realwirtschaft herausziehen und dieses nur noch auf dem Kreditwege dorthin zurückkehren will und kann.
Die Verteilungsfrage ist der Kern der aktuellen Krise; diese Einsicht fürchten Sie wie der Teufel das Weihwasser und baden derweil in Häme gegenüber der diskreditierten Linken und allen anderen, die zwar ebenfalls bis zu dieser Einsicht gelangt sind, sich aber schmerzlich (und, im Gegensatz zu Ihnen: intellektuell redlich) eingestehen, dass sie keine Lösung für dieses Problem haben.
Auf der mehr technischen Ebene wundere ich mich ein wenig, wie sehr sich die Debatte auf Regulierungen des Finanzmarktes (Derivate usw.) versteift. Da mag zwar Handlungsbedarf bestehen; indes halte ich dafür, dass die Buchungsregeln ein wesentliches Element der Finanzkrise waren. Mir scheint, dass sie es den Finanzintermediären ermöglicht haben (und noch ermöglichen), Geldschöpfung auch außerhalb der Kreditgewährung an die Realwirtschaft zu betreiben. Und dass sie, auf welchen Wegen auch immer, Scheingewinne ermöglichen und dadurch falsche Anreize setzen.
Ohne dass ich das im Detail belegen könnte habe ich den Eindruck, dass die mittlerweile mehr oder weniger auch bei uns geltenden angelsächischen Buchhaltungsregeln auf "schnelle Beute" ausgelegt sind und dadurch Verhaltensweisen in der Finanzwirtschaft ermutigen, die sich verheerend auf die Realwirtschaft auswirken. (Außerdem mögen sie auch direkt negative Konsequenzen für die Realwirtschaft haben; das kann ich mangels Fachkenntnis nicht beurteilen.)
Diese Aspekte müssten m. E. (zusätzlich zu den bereits vielfach erörterten Fragen wie z. B. Regulierung und Kapitalverkehrssteuer - Tobin Tax - usw.) in der öffentlichen Debatte einen breiteren Raum bekommen.
[Erg. 28.12.09: Eine scharfe Kritik an der unkritischen Übernahme der US-Regeln am 27.12.09 in der FTD-Serie "Das Kapital": "Die USA und ihre folgsamen Schüler":
"Auf's Vermarkten leider auch ihrer Finanz- und Rechnungslegungsmodelle verstehen sich die Amerikaner gut. Die Europäer folgen oft blind, obwohl US-Firmen sich der reinen Lehre oft widersetzen."]
Nachträge 26.12.09
Der Zufall führt mich zu einem Zitat, das vorzüglich auf den Ziesemer-Kommentar passt. Es stammt von Peter Wahl und ist einem Papier (das ich ansonsten aus Zeitmangel nicht gelesen habe) der Heinrich-Böll-Stiftung (die der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahe steht) entnommen (Reihe "Global Issue Papers", April 2008): "Regiert Geld die Welt? Zur Rolle der Internationalen Finanzmärkte für
Globalisierung, öffentliche Finanzen und Entwicklungsfinanzierung" (meine Hervorhebungen):
"Dabei sollte man sich nicht davon abschrecken lassen, dass das Thema von einer Aura umgeben ist. Finanzfragen erscheinen vielen als besonders schwierig und komplex und nur Eingeweihten zugänglich. Und so mancher Experte verstärkt diesen Eindruck. Sicher, die Zusammenhänge auf den Finanzmärkten sind oft nicht einfach. Aber der Satz von der Komplexität stimmt in gleicher Weise auch für andere Themen, ob es sich um Welthandel, Klimaveränderung, Soziales, kulturelle Vielfalt oder was auch immer handelt. Die Zivilgesellschaft hat sich bei diesen komplexen Themen qualifizierte (Gegen)-Expertise angeeignet, Politikfähigkeit entwickelt und erfolgreiche Kampagnen durchgeführt. Das Finanzmarktthema ist also auch nicht komplizierter als andere. In der Rede von der Komplexität ist oft auch ein Schuss von Herrschaftsanspruch enthalten. Der große französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in diesem Zusammenhang immer von den „Hohepriestern des Neoliberalismus“ gesprochen. So wie der Priester vorgibt, über Geheimwissen zu verfügen, so erwecken manche Prediger des Neoliberalismus den Eindruck, nur sie wüssten wie die Sache funktioniert. Eine uralte Herrschaftstechnik, von der man sich nicht beeindrucken lassen sollte. Wenn die Banker und Fondsmanager es verstehen, kann die Zivilgesellschaft es auch verstehen. Hinzu kommt: sobald man auf die axiomatischen Grundlagen des Systems stößt – etwa die „unsichtbare Hand des Marktes“ - werden Parallelen zum Numinosen und Irrationalen augenfällig. Insofern ist der Vergleich mit Hohepriestern nicht nur polemisch. In jeder anderen Wissenschaft würde man ausgelacht, wenn man mit Erzählungen von einer „unsichtbaren Hand“ ankäme. [Richtig, aber da würde man es Regelkreis oder Selbstregulierung o. ä. nennen, was für unser heutiges Systemdenken nichts anderes ist als für den alten Adam -Smith- die "unsichtbare Hand"!] Vor allem aber ist die grundlegende Triebkraft des Systems alles andere als komplex: es ist das altbekannte Prinzip der Profitmaximierung, das als Hauptmotiv und Motor auch die Finanzmärkte antreibt. Mitunter exzessiver und aggressiver als auf anderen Märkten. Als alleinige Grundlage für ein Wirtschaften auf der Höhe der komplexen Probleme des 21. Jahrhunderts ist die Profitmaximierung aber hoffnungslos unterkomplex."
Etwas skeptisch bin ich gleichwohl gegenüber frohgemuten Demokratisierungsrezepten wie z. B. auch hier bei Wahl:
"Statt der ominösen unsichtbaren Hand müssen die Menschen ihrer selbst bewusst über ihr Schicksal bestimmen. Demokratie darf nicht vor den Finanzmärkten Halt machen. Die destruktiven Dynamiken entfesselter Märkte muss von Vernunft in Bahnen gesteuert werden, die das Potential der Finanzmärkte so nutzt, dass es, dem Wohlstand der Nationen - also allen - zugute kommt und nicht nur dem Reichtum der Reichen und Superreichen. Regiert das Geld die Welt? Bisher sicher zu einem beträchtlichen Teil. Es kommt darauf an, dass die Menschen die Welt regieren. Deshalb brauchen wir auch eine demokratische Regulierung der Finanzmärkte."
Eine Krisenperspektive aus der Prä-Krisen-Zeit bietet vermutlich das (marxistische?) Theorieheft PROKLA 134 aus dem Jahr 2004 u. d. T. "Die kommende Deflationskrise?".
Die Kernfrage zur Krise könnte man vielleicht so formulieren:
"Wie hat der Rentner seinen Tod überlebt", oder auf Englisch: "What killed Keynes' euthanasia of the rentier"? Welche Mechanismen erlauben es den Kapitalbesitzern, trotz eines gigantischen Kapitalüberflusses (im Verhältnis zur tatsächlichen Absorptionsfähigkeit der Realwirtschaft) noch heute gewaltige Erträge aus ihren Anlagen zu generieren, obwohl doch die Renditen bei vollkommenen Marktmechanismen in gleicher Weise am Boden liegen müssten wie die Milchpreise der Bauern?
Nachtrag 28.12.2009
Wer wissen möchte, was die intellektuelle Avantgarde (und nicht der Märchenonkel an den Ufern der Düssel) über die Finanzkrise denkt, sollte unbedingt die Diskussion (vom 30.04.2009) "The Crisis and How to Deal with It" mit Bill Bradley, Niall Ferguson, Paul Krugman, Nouriel Roubini ["Dr. Doom"], George Soros und Robin Wells" lesen. Ich beschränke mich hier darauf, einen einzigen Absatz zu zitieren. Der stammt von Nouriel Roubini und gehört für mich zu dem Weitsichtigsten, was überhaupt irgend jemand im Zusammenhang mit der Finanzkrise gesagt hat (meine Hervorhebung):
"However, fiscal policy cannot resolve problems of credit, and it is not without cost. Over the next few years it's going to add about $9 trillion to the US public debt. Niall Ferguson said it's the end of the age of leverage. It's not really. There is not deleveraging. We have all the liabilities of the household sector, of the banks and financial institutions, of the corporate sectors; and now we've decided to socialize these bad debts and to put them on the balance sheet of the government. That's why the public debt is rising. Instead, when you have an excessive debt problem, you have to convert such debt into equity. That's what you do with corporate restructuring—it converts unsecured debt into equity. That's what you should do with the banks: induce the unsecured creditors to convert their claims into equity. You could do the same thing with the housing market. But we're not doing the debt-into-equity conversion. What we're doing is piling public debt on top of private debt to socialize the losses; and at some point the back of some governments' balance sheet is going to break, and if that happens, it's going to be a disaster. So we need fiscal stimulus in the short run, but we have to worry about the long-run fiscal sustainability, too."
Mit anderen Worten: It's the overindebtedness, stupid!
Textstand vom 28.12.2009. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Freitag, 18. Dezember 2009
Endlich! Deutsche Nationalhymne runderneuert: Dummland Deutschland zahlt für alle, Alle PIGS der Euro-Welt
Unser Staat zu and'rer Nutze
Gern gibt unser Steuergeld!
Vom Atlantik bis zur Memel,
Vom Pazifik bis zum Golf:
Deutschland an den Melkeschemel,
Bürger frisst der Steuerwolf!
Irland, Spanien Griechenland?
Deutschland blecht; halt du den Rand!
Von Iller, Neisse bis zur Elbe
Vom Schwarzen Regen zum Niederrhein,
Überall fragt man dasselbe:
Soll Deutschland ewig Milchkuh sein?
Liebe Angela!
Weihnachtszeit ist es, und du, Engelchen, willst, so wurde uns berichtet (mittlerweile ist das Thema schon wieder vom Medienteppich - aber ganz sicherlich nicht von deiner Agenda - verschwunden), Griechenland gängeln. Zu seinem eigenen Besten glaubst du, dem Schuldensüden Vorschriften machen zu müssen, obwohl du nicht einmal die Weihnachtsmänner in unserem gemeinsamen Haus zähmen kannst.
[Den größten Weihnachtsmann identifizierte am 25.11.2009 das Handelsblatt: "Seehofer droht mit Blockade": "Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat eine Zustimmung seines Landes zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz ohne einen ermäßigten Satz bei der Mehrwertsteuer für die Hotellerie im Bundesrat kategorisch ausgeschlossen."]
Offiziell geht natürlich kein deutsches Geld an die von Korruption zerfressene griechische Steuerhinterziehernation. Mannhaft tönt man in der Deutschen Politik: "Griechenland: Schwarz-Gelb gegen Hilfen für Athen": "Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert Griechenland auf, selbst den Haushalt zu sanieren und verlangt von dem EU-Mitglied mehr Anstrengung. Schwarz-gelbe Abgeordnete unterstützen mehrheitlich Merkels Haltung" (Handelsblatt 18.12.09).
Auch die deutsche Publikzistik baut Potemkinsche Fassaden der Festigkeit auf: "Griechenland in der Krise. Hart, aber hilfreich": "Dass Griechenland die EU-Regeln permanent ignoriert, darf nicht belohnt werden" hieß es am 8.12.09 in der Financial Times Deutschland (FTD).
Na ja, ein kleiner Nachsatz folgte dann noch: "Die EU sollte seinem Mitglied deshalb nur beispringen, wenn es einen drastischen Sparkurs unter Brüsseler Ägide akzeptiert."
Harte Sparkurse haben bekanntlich schon der Internationale Währungsfonds und die Weltbank mit vielen Ländern veranstaltet und wurden dafür kritisiert. Einem EU-Mitgliedsland solche zu verordnen, dessen Bewohner bei Demonstrationen schnell, beim Steuerzahlen langsam sind, und dessen Regierungen so seriös sind wie amerikanische Wirtschaftsstatistiken (s. a. "Die Aufschwung-Lüge" v. Artur P. Schmidt, oder dieses GEAB-Bulletin vom Nov. 07, oder hier bei Urbs Media - den dort referenzierten Monatsbericht August 2008 der Deutschen Bundesbank konnte ich auf deren Webseite nicht finden - schon in 2002), wird schwer werden.
Es ist nicht nur optimistisch, es ist vor allem ausgesprochen dumm, wenn du, liebe Angela Merkel, dich in die griechische Innenpolitik einmischen willst (meine Hervorhebung):
"Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die anderen in der Gipfelrunde sorgen sich vor allem um die Stabilität des Euro. Vor ihrer Abreise nach Brüssel hatte Merkel sogar angeregt, darüber nachzudenken, inwiefern die EU ein Land zu sozialen Reformen zwingen könnte. Dies würde aber in nationale Kompetenzen eingreifen. "Über solche Probleme müssen wir sprechen", sagte sie in Bonn." So zu lesen in der ZEIT vom 11.12.09 unter "Haushaltskrise. EU nimmt Griechenland in die Pflicht": "Das griechische Staatsdefizit hat den Auftakt des EU-Gipfels überlagert. Das Bündnis mahnt Athen zu Reformen und prüft offenbar einen härteren Umgang mit Schuldensündern."
Nachdem sich das Land schon in die Euro-Zone gelogen hat, wird es kaum über Nacht mit seinen orientalischen Märchenerzählungen aufhören.
Wer dem Land Kredit gibt, tut das auf eigenes Risiko.
Wer sich dagegen in die Innenpolitik einmischen will, übernimmt - die Kehrseite der Medaille - zugleich die Veranwortung zur Hilfeleistung. (Schelte ist gewiss, Dank wird man nicht einmal für die Hilfe ernten, und für die Einmischung ohnehin nicht.)
Dass unsere Engelskanzlerin Angela Merkel genau dies vorhat, berichteten Marc Brost, Uwe-Jean Heuser und Mark Schieritz in einem Gemeinschaftsartikel in der ZEIT vom 11.12.09 unter dem (in keiner Weise auf Griechenland weisenden) Titel "Konjunktur. Abgrundtief". Auch noch die Einleitung ist sehr allgemein gehalten: "Staatspleiten, Inflation, Exportausfälle – die Volkswirtschaft steht vor einer langen Phase mit extrem hohen Risiken. Ist Berlin darauf vorbereitet?"
Ziemlich weit hinten kommen die Worte der Wahrheit (meine Hervorhebungen):
"Ein Drama, so oder so: Wenn die Griechen darauf zählen können, dass ihnen im Notfall geholfen wird, geht der finanzpolitische Schlendrian weiter. [Genau!] Einen Schuldenberg von 112 Prozent der Wirtschaftsleistung hat das Land angehäuft – Rekord in der Eurozone. Vor drei Wochen räumte der Finanzminister ein, das Staatsdefizit werde in diesem Jahr mit fast 13 Prozent der Wirtschaftsleistung doppelt so hoch ausfallen wie prognostiziert. Neues Wachstum wird die Griechen nicht aus ihrer Bredouille befreien: Die Wirtschaft kann infolge überzogener Lohnsteigerungen international kaum mithalten.
Dennoch will niemand eine Staatspleite riskieren. Allein deutsche Geldhäuser hatten Stand Jahresmitte 38,6 Milliarden Euro in Griechenland investiert. So gibt man sich offiziell in Berlin den Griechen gegenüber hart – und arbeitet dennoch an Rettungsvarianten. Um den Preis, innenpolitisch unter enormen Rechtfertigungsdruck zu geraten. Deshalb arbeitet man im Kanzleramt derzeit fieberhaft an einer internationalen Lösung, die sich national verkaufen lässt. [Ist doch kein Problem, Angela: meinen Landsleuten kann man doch alles andrehen! Die zahlen sogar 8 Milliarden Euro für unsere Kleinstaats-Fernsehkultur; man muss sie nur Glauben machen, sie bekämen dafür das beste Fernsehen der Welt.] Eine Idee ist, den Internationalen Währungsfonds einzuschalten. Das gilt in der Europäischen Zentralbank als problematisch, die Notenbanker fürchten, der Euro könne an Ansehen verlieren. Deshalb wird in Frankfurt, Brüssel und Berlin an einer zweiten Variante gearbeitet: Ein europäischer Fonds, der den Griechen – gegen strenge Auflagen [an die sich ausgerechnet die Griechen halten werden??? Sollen wir das nur vor, oder etwa gar noch nach Weihnachten glauben?] – im Notfall hilft."
Nun, eines will ich der Hornissenkoalition nicht unterstellen: dass sie die deutschen Banken raushauen will. Die haben ihr Engagement (hoffentlich) ohnehin über Credit Default Swaps abgesichert (hoffentlich nicht bei anderen deutschen Banken!!).
Die Angst geht vielmehr dahin, dass die Euro-Zone insgesamt in Mitleidenschaft gezogen werden könnte:
"Eine Staatspleite Griechenlands würde das Vertrauen in den Euro zerstören und damit die Grundlagen deutscher Wirtschaftspolitik gefährden. Spekulanten würden auf den Fall weiterer Länder wetten."
Mit derartigen Behauptungen habe ich mich bereits am 20.02.2009 in meinem Blott "Lässt Klingklax sich klaglos beklauen? Keine Euro-Anleihen zur Rettung der Mittelmeer-Länder! Keine deutschen Steuergelder gen Süden senden!" auseinander gesetzt.
Manche glauben das wirklich; realistisch ist das nicht. Die Furcht wird mit Sicherheit von der Finanzbranche geschürt, die so in der besten aller Welten wirtschaften will: Hohe Renditen für griechische Staatsanleihen kassieren wg. Risiko, gleichzeitig aber eben dieses Risiko den Steuerzahlern (nicht nur, aber sicherlich großenteils, auch den deutschen) aufbürden.
In den USA stehen die Bundesstaaten Kalifornien und New York (den Staat) am Rande der Pleite. (Und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer, über die bei uns nicht berichtet wird, weil sie weniger Gewicht haben.)
Über die kalifornischen Probleme informiert z. B. der Artikel "Staatsdefizite
Moody's prophezeit Schuldensturm" in der FTD vom 15.12.09, in dem wir aber auch lesen, was wir ohnehin schon wissen: auch Deutschland ist fiskalisch keine Insel der Seligen; einen Juliusturm haben wir schon lange nicht mehr, und die Schulden wachsen, von der Hornissenkoalition noch vorsätzlich gefördert, rasch an.
Heute berichtet Felix Wadewitz in der ZEIT über "Börsenboom und Stadtmisere. New York kämpft gegen die Staatspleite":
"New York steht kurz vor dem Bankrott. Und die Wall-Street-Banker freuen sich auf Milliardenboni. Die Stadt steht vor einer Zerreißprobe."
Der Dollar wird noch drastisch fallen. Aber nicht im Traum kommt Jeffrey Garten in seiner diesbezüglichen Meinungsäußerung "We must get ready for a weak-dollar world" vom 29.11.09 in der englischsprachigen Financial Times auf die Idee, den Dollarkurs in irgendeinem Zusammenhang mit den Finanzschwierigkeiten der US-Bundesstaaten zu sehen. Auch die Finanzwelt tut das offenbar nicht: weil die Amerikaner sich nicht auf diese Weise erpressen lassen. (Im übrigen wären sinkende Euro-Kurse auch keineswegs unser Untergang, sondern würden, im Verhältnis zu dem jetzt kaufkraftmäßig unterbewerteten Dollar, die Exportmöglichkeiten verbessern. Auch insoweit haben uns die Savants eine Menge dummes Zeug erzählt: dass nämlich Deutschland seine Exportüberschüsse eindämmen müsse, um das internationale Gleichgewicht, besonders in der Handelsbilanz mit den USA, wiederherzustellen. Sicher sind Exportüberschüsse zunächst einmal - zeitweise - verschenktes Geld, und eher KEIN Grund zum Stolz. Jedoch hat die Euro-Zone insgesamt in ihrem Außenhandel kein Ungleichgewicht, und in den Außenbeziehungen, also etwa zu den USA, kommt es lediglich auf die Währungsräume an. Es kommt ja auch niemand auf den Einfall, z. B. die Außenhandelsbilanzen einzelner US-Bundesstaaten unter die Lupe zu nehmen; das wäre auch Quatsch. Tatsächlich subventionieren wir mit unseren Überschüssen die europäischen Außenhandels-Defizitländer, also vermutlich auch Griechenland!)
Aber in Europa sind halt nicht nur die Banker naiv, sondern auch die Politiker und die Kommentatoren. Denen muss man nur was ins Ohr säuseln von "Stabilität gefährdet" (oder von "Ungleichgewicht"), dann kehren die ihre Taschen nach außen. Ihre Taschen? Nein, das sind natürlich UNSERE Taschen, die da geleert werden!
Also denk dran Angela, falls du gern wiedergewählt werden möchtest: dass das gute Ende vom Deutschlandlied so lautet:
"Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!"
Und nicht etwa:
"Blut' zum Glanze dieser Mücken,
Blute, deutsches Vaterland!"
Einige weitere Berichte zum Thema:
- "Finanzkrise: EU macht Druck auf Griechenland", Handelsblatt 10.12.09
- "Axel Weber 'Griechenland braucht den IWF nicht' " berichtet das Manager Magazin am 9.12.09 über Äußerungen des Bundesbankpräsidenten: "Bundesbankpräsident Axel Weber hält die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds für das finanziell angeschlagene Griechenland derzeit nicht für nötig. Gleichzeitig fordert er die griechische Regierung zum Handeln auf. Offenbar keine akute Gefahr sieht Weber für die Banken des Landes."
Doch soll man Webers Entschlossenheit nicht vor dem Artikelende loben:
"Bevor über weitere Schritte [lies: Hilfen!] nachgedacht werden könne, müssten zunächst die Bemühungen des Landes abgewartet und bewertet werden."
- Henrik Müller kommentiert im Manager-Magazin vom 10.12.09: "Staatspleiten - warten auf den Finanz-GAU" widersprüchlich (meine Hervorhebungen):
"Die übrigen Euro-Staaten werden versuchen, nicht für Griechenland und andere mögliche Problemfälle einspringen zu müssen. Aber womöglich werden sie es müssen. Das Geld für die Rettungsaktionen müsste vor allem aus den großen, finanzstarken Euro-Staaten Deutschland und Frankreich kommen. Die genießen bislang die stabile Bestnote der Ratingagenturen (AAA), können sich relativ billig verschulden. ...
Eine gerade veröffentlichte Studie von Moody's zeigt, dass auch Deutschland und Frankreich eine empfindliche Verschlechterung ihrer Finanzlage befürchten müssen - sie haben schlichtweg kein Geld zu verschenken. ...
Die Lage ist schwierig genug. Entsprechend werden die Finanzminister in Berlin und Paris sich hüten, auch noch die Schulden anderer Mitgliedstaaten mitzutragen. Der Staatsbankrott eines so kleinen Mitgliedstaates wie Griechenland könnte sogar als willkommene Abschreckungsmaßnahme gegenüber anderen Ländern mit laxer Finanzführung gesehen werden. Ein hellenischer Staatsbankrott könnte ein Exempel statuieren, das am Ende die Währungsunion stärkte, weil dadurch die finanzpolitischen Spielregeln klarstellen würden.
Ein knallharter Kurs. Aber werden Paris und Berlin ihn durchhalten? Fraglich. Denn ein Bankrott könnte eine Kettenreaktion auslösen. Anleger könnten sich geschockt auch aus anderen, schwächeren Staatsanleihen zurückziehen. Was wäre, wenn das große, hochverschuldete, schwach wachsende Italien - mit einem großen Bondmarkt, vergleichbar dem deutschen - keine neuen Anleihen absetzen kann? Das würde das Euroland im Kern bedrohen - und in Deutschland wären Abermillionen von Lebensversicherungen bedroht, die in italienische Euro-Staatsanleihen investiert haben. Dann müssten die Euro-Partner, Deutschland vorneweg, wohl prompt einspringen - und eine weitere Verschlechterung ihrer eigenen Staatsfinanzen risikieren."
Mit anderen Worten: für die Renten reicht das Geld angeblich nicht, aber zur Absicherung von Lebensversicherungen in aller Welt sind genügend Steuergelder da!
Aber eine Insolvenz Griechenlands würde mitnichten Italien in den Abgrund ziehen - ebenso wenig wie diejenige Kaliforniens den Markt für US Staatsanleihen ruinieren würde.
Im Gegenteil würden in beiden Fällen die Kurse für die "sicheren" Anleihen - Deutschland, Frankreich, USA - sogar steigen. Weil nämlich die Investoren gar keine andere Wahl mehr hätten, wenn sie überhaupt noch Zinsen ziehen wollen, als die wenigen dann noch verbleibenden (vermeintlich) sicheren Staatsanleihen zu kaufen. (Zitat "Dr. Doom" Nouriel Roubini: "There is a wall of liquidity…chasing assets".)
Doch haben die Kapitalbesitzer genügend Einflussagenten in der Öffentlichen Meinung(smache), um uns aus Furcht vor der Povertät in die Armut zu treiben.
P. S. Mit "PIGS" (ist einprägsamer als das eigentlich korrekte "PIIGS") werden am Finanzmarkt Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien als wacklige Schuldner bezeichnet.
http://www.blogger.com/img/blank.gifNachtrag 25.12.09
"Moody's straft Griechenland milde ab" meldete das Handelsblatt vom 22.12.09 (meine Hervorhebung):
"Nach Fitch und Standard & Poor's und Fitch hat auch die dritte große Ratingagentur Moody's ihre Einschätzung zu Griechenland gesenkt. Die Bonitätsnote für griechische Staatsanleihen sinkt aber nur um eine Stufe. Das hat die Marktteilnehmer positiv überrascht. .....
Nach der jüngsten Herabstufung bewertet Moody's die Kreditwürdigkeit Griechenlands immer noch zwei Stufen höher als die Agenturen Fitch und S&P, die das Land kürzlich auf „BBB+“ herabgestuft und damit in die zweite Liga der Schuldner verbannt hatten. .....
Tatsächlich enthält Moody's Bewertung eine Reihe positiver Einschätzungen. Die Agentur erkenne an, dass die Regierung in ihren jüngsten Ankündigungen die Schwächen des Landes klar erkannt und den Weg für eine nachhaltige Lösung vorgezeichnet habe, schrieb Sarah Carlson, Moody's Chefanalystin für Griechenland. Die Agentur sieht in den Finanzproblemen Griechenlands „keinen entscheidenden Test für die Euro-Zone“.."
Nachtrag 25.12.09
Und weiter geht die publizistische Vorbereitung der deutschen Deppen auf Hilfe für die PIIGS, wie sie in dem langen Zeit-Artikel "Griechenland-Krise. Der Euro franst aus" von Mark Schieritz und Klaus Taatje (17.12.09) genannt werden, d. h. zunächst auf Hilfe für Griechenland:
"Die Haushaltsprobleme in Griechenland und anderen Staaten am Rand der EU bedrohen die gemeinsame Währung. .....
»Die Anleihemärkte haben Länder wie Griechenland nicht rechtzeitig für ihre verfehlte Haushaltspolitik abgestraft«, sagt Daniel Gros, Ökonom am Brüsseler Centre for European Studies. Banken, Versicherungen und Investmentfonds haben sich darauf verlassen, dass den Griechen im Zweifel von anderen Mitgliedern der Euro-Zone geholfen wird und der Regierung in Athen bereitwillig Geld geliehen. .....
Einen Staatsbankrott im eigenen Währungsgebiet will in der EU trotzdem niemand riskieren. »Dazu wird es nicht kommen«, sagt ein hochrangiger Notenbanker. Die Folgeschäden gelten als unabsehbar. So sind die europäischen Banken aufs Engste miteinander verwoben. Die unglaubliche Summe von 2119 Milliarden Euro haben deutsche Institute in Europa verliehen, 38 Milliarden in Griechenland, 183 Milliarden in Irland, 237 Milliarden in Spanien. Ein Zahlungsausfall in einem dieser Länder würde tiefe Löcher in die Bilanzen der hiesigen Institute reißen. [Na ja, die 38 Mrd. für Griechenland können die Banken schon noch verkraften, zumal üblicher Weise selbst bei einem Staatsbankrott ein Teil der Schulden letztlich ja doch getilgt wird.]
Zumal es bei einer isolierten Pleite, das lehrt die Erfahrung, wahrscheinlich nicht bliebe. Sind die Finanzmärkte erst einmal im Panik-Modus, ist niemand mehr sicher. Die nervösen Investoren würden wahrscheinlich auch Gelder aus anderen finanzschwachen Ländern wie Spanien, Portugal und Irland abziehen. Wie bei einem Dominospiel droht ein Staat nach dem anderen umzufallen. Man könnte auch sagen: Griechenland ist systemrelevant.[Völliger Quatsch bzw. bewusste Panikmache aus 'Branchenkreisen'. Wer Staatsanleihen gekauft hat, kann sein Geld nicht eben mal abziehen. Bei Fälligkeit kann er auf Bezahlung hoffen, vorher kann er seine Papiere bestenfalls an andere zu verkaufen suchen. Und je mehr Investoren oder Spekulanten das tun, desto mehr fallen die Anleihekurse, d. h. die Schuldnerstaaten könnten (wenn sie irgendwo Geld dafür auftreiben können) ihre Anleihen u. U. sogar unter pari am Markt zurück kaufen.]
in den Mitgliedstaaten und in der Brüsseler Kommission wird eifrig an Rettungskonzepten gearbeitet – obwohl der EU-Vertrag solche Stützungsleistungen eigentlich verbietet.
Das bevorzugte Konzept sieht vor, einen multilateralen Notfallfonds aufzulegen, in den die anderen EU-Staaten einzahlen. Er würde den Griechen – gegen harte Auflagen – Geld leihen. Zu den diskutierten Varianten zählt, den griechischen Haushalt von Brüssel aus zu überwachen und dem Land bei Verfehlungen Zuwendungen aus EU-Töpfen zu streichen.
Die Regierungen der EU haben sich damit für einen Spagat entschieden: Klare Solidaritätsbekundungen blieben bislang aus. Der Druck auf die Griechen soll aufrechterhalten werden, damit das Land seinen Schuldenberg so weit wie möglich selbst in den Griff bekommt. Zugleich aber steht man für den Ernstfall bereit. Die Länder der Währungsunion trügen eine »gemeinsame Verantwortung«, sagt Kanzlerin Angela Merkel. [Na also, sag' ich doch: der deutsche Steuerzahler wird sturmreif geschossen!]
Eine klare Hilfszusage der anderen EU-Staaten wiederum würde die Märkte beruhigen, doch zugleich wäre der Anreiz für die Griechen gering, ihre Probleme selbst zu lösen." Richtig: die Griechen einerseits und die Investoren andererseits warten nur darauf, die Dummländer auf's Kreuz zu legen!
Darum wird jetzt kräftig Angst geschürt*, vor einem Domino-Effekt, der nicht eintreten wird!
*Damit will ich nicht die Verfasser dieses Artikels der bewussten Meinungsmache beschuldigen. Sie geben nur wieder, was in den Amtsstuben und in den Börsensälen diskutiert wird. Man darf sich diese Art von Propaganda nicht primitiv nach dem Muster des Bismarckschen Reptilienfonds vorstellen; es muss sich nicht einmal bei den Urhebern um den Versuch einer bewussten Manipulation handeln. Was hier geredet wird, ist nichts anderes, als was üblicher Weise in solchen Situationen diskutiert wird. Dennoch ist es falsch, und die Risiken werden in der Debatte übertrieben. Wir sollten Griechenland erlauben, in den Staatspleite zu gehen: das würde einen heilsamen Schock auslösen, nicht zuletzt auch für unsere eigene verschuldungsfreudige Hornissenkoalition. Ein Ausscheren von Ländern aus der Euro-Zone wird nicht eintreten; wenn aber doch, wäre das für den Rest eher heilsam als gefährlich, und für die betroffenen Länder, die dann Spannungen wieder auf traditionelle Weise über Wechselkursänderungen ausgleichen könnten, ebenfalls. Angst ist der denkbar schlechteste, leider allerdings auch der einflussreichste, Ratgeber für Politik.
Nachträge 26.12.09
Steffen Bogs bietet in seinem Blog "Querschüsse" am 17.12.09 mal wieder eine Menge an Informationen, Links und Zahlen, auch zur griechischen Staatsverschuldung. Titel "Griechenland - ein PIGS Problem". Einer Meinung zur Frage, ob wir den griechischen Staatshaushalt stützen sollen, enthält er sich leider; zur Lektüre der umfangreichen Kommentare fehlt mir wie üblich die Zeit.
Dem Blog "Die Börsenblogger" (Marc Schmidt) entnehme ich unter "Erst Griechenland, dann Spanien und später? Der erste Belastungstest für den Euro" (10.12.09, rein referierender Natur) den Hinweis auf 2 weitere Artikel der deutschen Presse:
In der "Welt" vom 10. Dezember 2009 finden wir in dem Kommentar "Warum wir die Griechen im Stich lassen müssen" dasselbe wie in praktisch allen anderen oben zitierten Meinungsäußerungen: Der Autor (Jörg Eigendorf) macht dicke Backen und plustert sich in Überschrift und Vorspann gewaltig auf:
"Unter normalen Umständen wäre Griechenland längst bankrott. Haushaltsdisziplin ist dort ein Fremdwort – weil sich die Regierung darauf verlässt, dass man von den übrigen Euro-Staaten schon gerettet werden wird. Doch das ist der falsche Weg. Die Euro-Zone sollte ihre Mitglieder im Notfall hängen lassen."
Um dann im Endeffekt doch wieder den Schwanz einzuziehen:
"Im Ernstfall müsste ... die fiskalpolitische Hoheit vorübergehend de facto auf eine EU-Institution übergehen ...". Das heißt aber nichts anderes, als dass die EU "im Ernstfall" zahlen müsste.
Frank Wiebe sagt es im Handelsblatt-Blog "Global Markets" unter "Eine Pleite in Athen wäre zu teuer" (09.12.09) direkter. Ich will seine Argumente, auch wenn ich sie letztlich nicht für relevant halte, hier nicht unterschlagen (immerhin bringt er auch das argentinische Gegenbeispiel):
"Der zweite Punkt sind die griechischen Banken. Sie haben Milliarden an heimischen Staatsanleihen gekauft. Ginge der Staat bankrott, gingen die Banken mit. Deswegen kann der Staat kein Interesse haben, sich so aus der Affäre zu ziehen. Zum Vergleich: Argentinien hat es vor ein paar Jahren geschafft, seine Gläubiger vor den Kopf zu stoßen und wenig später wieder an den Kapitalmarkt zurückzukehren. Wenn die Argentinier dabei ihr eigenes Banksystem hätten ruinieren müssen, wären sie diesen Weg aber sicher nicht gegangen.
Hinzu kommt: Wenn griechische Banken in Schieflage geraten, würde das wieder Panikwellen durch die gesamte Finanzbranche jagen. Fazit: Wer den griechischen Staat nicht retten will, müsste die Banken dort retten, was auch keinen Spaß macht. Das alles spricht dafür, dass die Griechen sich, im Zweifel mit – widerwilliger – Hilfe der EU und notfalls des IWF irgendwie durchwurschteln können."
Fazit für mich: Die deutsche Journaille schlägt die Hacken zusammen, die deutschen Lasteselpolitiker sowieso, und der dummdeutsche Michel löhnt.
Immerhin lesen wir in dem Bericht "Verschuldeter Staat. IfW-Chef warnt vor dem Absturz Griechenlands" (WELT vom 14.12.09) von Christoph B. Schiltz, dass sich ein führender deutscher Wirtschaftswissenschaftler gegen Hilfen ausgesprochen hat:
"Laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) droht Griechenland der Staatsbankrott: Die Krise des hoch verschuldeten Landes kann sich nach Ansicht des IfW-Chefs Dennis Snower noch verschärfen. Snowers Vorschlag: Eine unabhängige Kommission soll die griechische Sparpolitik überwachen. .....
Der Ökonom sprach sich zugleich gegen finanzielle EU-Hilfen aus: „Griechenland muss sich selbst helfen. Es wäre falsch, wenn Brüssel mit Finanzhilfen einspringt.“ Dies setze falsche Anreize, auch für andere Länder. „Es bedeutet: Du kannst fröhlich Schulden machen, die anderen helfen Dir schon, wenn es eng wird“, sagte Snower."
Wer überwacht, übernimmt (Mit-)Verantwortung. Dass wird auch Snower wissen. Deshalb glaube ich nicht, dass er er diese Position auch im Ernstfalle durchhalten würde.
Wahrheiten werden nur wohldosiert geliefert. So z. B. in dem WELT-Artikel "Griechenland ist dem Staatsbankrott näher" vom 08.12.09. Dort wird „Die ökonomische Situation Griechenlands ist besorgniserregend“, schreibt Stephane Deo, Ökonom bei der UBS-Bank, mit der zutreffenden Analyse zitiert, dass "ein hartes Sparprogramm [in Griechenland politisch] nicht durchsetzbar" sei. Wie wahr! Und ganz gewiss kein Grund, den Griechen das Sparen von außen aufzuoktroyieren! Lasst die Leute doch endlich mal Fehler machen - und für ihre Fehler selbst bezahlen! Nur wenn man die normalen Rückkopplungsmechanismen nicht ständig mit einer Art von "benevolent dictatorship" aushebelt, und nicht ständig ein gütiges Eingreifen eines Deus ex machina ins Programm schreibt, können sich die Schwachstellen selbst reparieren, anstatt alle anderen mit zu schwächen.
Im "Focus" vom 10.12.09 ("Wirtschaftsweiser Bofinger. „Zittern um den Euro ist fehl am Platz“.") beruhigt auch der Professor Peter Bofinger mit jenem Vergleichsbeispiel, das auch ich wiederholt angeführt habe, nämlich die Verschuldung von Kalifornien:
"FOCUS Online: Kann die Eurozone eine Griechenland-Pleite verkraften?
Bofinger: Die Eurozone kann notfalls auch mit einer Situation zu Recht kommen, in der die Inhaber griechischer Anleihen diese nicht mehr voll zum Nennwert zurückgezahlt bekommen. Mit einem Anteil von rund 2,5 Prozent am BIP des Euroraums ist Griechenland ein vergleichsweise kleines Land, der Schock wäre regional begrenzt.
FOCUS Online: Die Währungsunion würde ein Mitglied verlieren. Der Euro wäre angezählt.
Bofinger: Das ist keinesfalls zwingend. Die Griechen stünden noch schlimmer da, wenn sie wieder zurückkehren würden zur Drachme. Und ein Mitglied der Eurozone auszuschließen, ist nicht möglich. Zittern um den Euro ist fehl am Platz. In den USA ist die Verschuldungsproblematik noch viel dramatischer: Kalifornien steht am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Das ist eine völlig andere Dimension als Griechenland."
Auch der Focus-Bericht "Griechenland. Land in Not" vom 10.12.09 deutet (in einigen Textpassagen) deutsche Zahlungsbereitschaft an. Einleitung:
"Griechenland hat rund 300 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Nun ruft Athen nach Brüssel. Die Euro-Länder sollen einspringen und dem Land aus der Finanzklemme helfen. Dann wäre Deutschland besonders gefragt."
Über Hindernisse, die einer Durchsetzung des Sanierungsprogramms der sozialistischen Griechischen Regierung innenpolitisch entgegen stehen, liest man in Deutschland selten etwas. Immerhin aber doch in dem Focus-Artikel "Staatsschulden. Griechenland trudelt ins Chaos" vom 16.12.09:
"Nach der Ankündigung des massiven Sparprogramms begannen am Mittwoch landesweite Streiks. Zunächst legten die Lehrer für 24 Stunden die Arbeit nieder, am Donnerstag wollen auch Journalisten in den Ausstand treten. 24 Stunden lang werde es keine Nachrichten geben, berichtete das Staatsradio. Am Donnerstag sollen die Fähren bestreikt werden. Viele Inseln ohne Flughafen bleiben damit für einen Tag von der Außenwelt abgeschnitten. Die Streikenden wenden sich hauptsächlich gegen die Sparpolitik der sozialistischen Regierung und gegen Pläne, finanziell gesunde Rentenkassen mit defizitären zu fusionieren.
Allerdings rief vorerst lediglich die drittgrößte Gewerkschaft Pame, die der Kommunistischen Partei (KKE) nahesteht, zu Aktionen auf. In Presseberichten war von einem Signal die Rede. Die Streiks seien erst ein „Vorgeschmack darauf, was in den nächsten Monaten in Griechenland kommen könnte“. Die zwei größten Gewerkschaften GSEE und Adedy hielten sich zurück. Ihre Vorstände, die überwiegend von den Sozialisten kontrolliert werden, wollten der Regierung noch Zeit geben."
Kein Wenn und Aber kennt kennt Holger Steltzner im der FAZ.net vom 12. Dezember 2009. Unter der Überschrift "Der letzte Anker für Stabilität" schreibt er (wegen der Kürze seines Kommentars übernehme ich diesen hier vollständig):
"Schon vor der Finanzkrise hat der Europäische Stabilitätspakt nicht gehalten, was er versprochen hat. Nach der Krise könnte der nächste und letzte Anker für einen stabilen Euro reißen: die „No-bail-out-Klausel“ des Maastricht-Vertrags, die die Haftung der Währungsunion oder eines Mitglieds für die Schulden eines anderen Euro-Staates ausschließt.
Wenn die neue griechische Regierung dem schlechten Beispiel ihrer vielen Vorgänger folgt, sich einen Teufel um die Reduzierung der riesigen Defizite schert und weiter die Statistiken fälscht, dann kommt es nächstes Jahr zum Schwur.
Werden die Schulden der Griechen von der Union übernommen, dann wird die EU zur Haftungs- und Schuldengemeinschaft.
Für das dadurch zerstörte Vertrauen in den Euro werden am Ende alle Bürger bezahlen, in Form von Entwertung ihres Geldes und ihrer Renten. Es geht nicht darum, wie hoch oder relativ die griechischen Schulden sind. Es geht um das Prinzip, dass ein Land nicht für die Schulden eines anderen einzustehen hat. Wenn Deutschland heute den Griechen hilft, muss es morgen für Italien, Spanien oder andere zahlen. Bevor das passiert, sollte Griechenland den Euro-Raum verlassen."
Das ist doch mal ein Wort. Nur wird es leider, wie auch schon einige der wenige Leser-Kommentatoren in der FAZ ahnen, ungehört verhallen.
Realistisch ist Werner Mussler in seinem FAZ-Kommentar "Staatsdefizit. Der griechische Patient" vom 15.12.09 (meine Hervorhebung):
"Die Hoffnung der EU-Verantwortlichen darauf, dass es die Griechen irgendwie selbst schaffen, ist insofern bis auf weiteres verständlich. Schon wegen der angespannten innenpolitischen Lage ist das indes ein riskantes Kalkül. Wahrscheinlicher als der Ausschluss bleibt, dass im Notfall andere EU-Staaten einspringen, mit dem größten dieser Staaten vorneweg. Diese wenig beruhigende Perspektive lässt wenigstens einen Schluss aus dem griechischen Dilemma zu: Die Aufnahme neuer Kandidaten in den Euro-Raum erfordert mehr Strenge und Sorgfalt als bisher."
Hier eine FAZ.net-Grafik zu Schulden und Haushaltsdefiziten ausgewählter europäischer Länder.
Nachträge 28.12.09
Überblicke zur Geschichte der Staatsverschuldung bzw. der Staatspleiten gibt das Autorenteam Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff:
1. In einem Buch "Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen" (engl. OT: "This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly".)
Vermutlich eine Art Rohentwurf zu diesem Buch ist online gratis verfügbar: das Arbeitspapier "This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises" vom April 2008. (124 S.; hier eine Kurzversion mit 59 S.)
Daraus die Zusammenfassung (abstract):
"This paper offers a “panoramic” analysis of the history of financial crises dating from England’s fourteenth-century default to the current United States sub-prime financial crisis. Our study is based on a new dataset that spans all regions. It incorporates a number of important credit episodes seldom covered in the literature, including for example, defaults and restructurings in India and China. As the first paper employing this data, our aim is to illustrate some of the broad insights that can be gleaned from such a sweeping historical database. We find that serial default is a nearly universal phenomenon as countries struggle to transform themselves from emerging markets to advanced economies. Major default episodes are typically spaced some years (or decades) apart, creating an illusion that “this time is different” among policymakers and investors. A recent example of the “this time is different” syndrome is the false belief that domestic debt is a novel feature of the modern financial landscape. We also confirm that crises frequently emanate from the financial centers with transmission through interest rate shocks and commodity price collapses. Thus, the recent US sub-prime financial crisis is hardly unique. Our data also documents other crises that often accompany default: including inflation, exchange rate crashes, banking crises, and currency debasements."
Ein weiteres Papier des Autorengespanns befasst sich mit der internen Staatsverschuldung: "The Forgotten History of Domestic Debt" (49 S.). Einleitende Zusammenfassung:
"There is a rich scholarly literature on sovereign default on external debt. Comparatively little is known about sovereign default on domestic debt. Even today, cross-country data on domestic public debt remains curiously exotic, particularly prior to the 1980s. We have filled this gap in the literature by compiling a database on central government public debt (external and domestic). The data span 1914 to 2007 for most countries, reaching back into the nineteenth century for many. Our findings on debt sustainability, sovereign defaults, the temptation to inflate, and the hierarchy of creditors only scratch the surface of what the domestic public debt data can reveal. First, domestic debt is big—for the 64 countries for which we have long time series, domestic debt accounts for almost twothirds of total public debt. For most of the sample, this debt carries a market interest rate (except for the financial repression era between WWII and financial liberalization). Second, the data go a long way toward explaining the puzzle of why countries so often default on their external debts at seemingly low debt thresholds. Third, domestic debt has largely been ignored in the vast empirical work on inflation. In fact, domestic debt (a significant portion of which is long term and non-indexed) is often much larger than the monetary base in the run-up to high-inflation episodes. Last, the widely held view that domestic residents are strictly junior to external creditors does not find broad support."]
Beweise für die völlige Zahlungsunfähigkeit Griechenlands liefert "Jean Gnatzig" in der WELT vom 16.12.09 unter der Überschrift "Hellas und Pfennig. So zahlungsunfähig ist Griechenland wirklich". Unter anderem erfahren wir dort, dass man bei den griechischen Banken nicht einmal mehr Gyros-Konten eröffnen kann, dass historische Bauten schon seit Jahrhunderten in Ruinen liegen und dass Leda, um sich ein Zubrot zu verdienen, es nicht nur mit dem Schwan, sondern sogar schon mit Enten treibt.
Das ist natürlich alles scherzhaft gemeint, aber den größten Witz hat der Autor in der Einführung versteckt: "... will man sich nicht von der Europäischen Union helfen lassen".
Ernsthaft ist der Artikel "Finanzkrise. Der Bankrott der Griechen streift auch Deutschland" von J. Dams, J. Eigendorf und C. B. Schiltz. Der datiert zwar bereits vom 9. Dezember 2009, liest sich aber wie eine Zusammenfassung des (auf uns zu) Kommenden. Verunsicherung der Bevölkerung schon im Titel, Sätze wie "mit seiner Malaise könnte das Land die gesamte Eurozone krank machen", "in der EU gibt es mit Irland und Spanien weitere Wackelkandidaten. Diese werden schnell folgen, wenn Griechenland einmal gekippt ist" usw. klopfen den deutschen Steuerzahlern (und Politikern) die Knie weich und das Geld aus dem Beutel.
Informativ (u. a. in Bezug auf die unglückliche Rolle von Großmaul Steinbrück) ist auch der Mittelteil (meine Hervorhebungen):
"Die Griechen setzen drauf, dass die anderen Europäer sie im Notfall aus ihren Schulden herauskaufen. ... Außerdem dürfte es den EU-Regierungen schwer fallen, ihren heimischen Steuerzahlern die Notwendigkeit für Hilfsmaßnahmen zu erklären." [Wieso eigentlich? Die Journalistenzunft leistet doch jede erdenkliche Hilfestellung, damit unsere Politiker 'verantwortlich' handeln, dass heißt unser Geld gen Süden in die Taschen der Kapitalbesitzer schaufeln können!]
"Noch heute ärgert man sich in Berlin darüber, dass der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) einmal angedeutet hat, es sei unmöglich, Banken nicht aus der Krise zu retten, ein EU-Mitglied dagegen aber pleite gehen zu lassen. Was Steinbrück damit klar machen wollte: Wenn ein Euro-Mitglied Pleite gehen kann, steht das gesamte Währungsbündnis auf der Kippe, weil der Kapitalmarkt nicht mehr an dessen Zusammenhalt glaubt. Das sei ein Ding der Unmöglichkeit." [Was heißt das bitte konkret, "auf der Kippe stehen"? Dass der Euro von 1,50 US Dollar auf 1,20 USD fällt? Na und? Hilft doch unserer Exportwirtschaft! Außerdem entspricht doch dieser Kurs ohnehin angeblich etwa der Kaufkraftparität? Und wenn Griechenland ausscheidet, und meinetwegen auch das eine oder andere weitere Land der PIGS-Gruppe: so what?]
Panikmache betreiben auch D. Eckert und H. Zschäpitz in ihrem WELT-Artikel "Währungen. Das Vertrauen in den Euro bröckelt" vom 17. Dezember 2009:
"Nach dem Absturz des Dollar geht es jetzt auch mit dem Euro bergab. Die Länder der Währungsgemeinschaft haben Rekordschulden aufgehäuft und brauchen bald frisches Geld. Erste Euro-Staaten wie Griechenland haben Bonitätsprobleme. Das birgt enorme Sprengkraft für den Währungsverbund."
Oh Gott, wie schrecklich, denkt der Laien-Leser wenn man ihm erzählt:
„Die Finanzkrise hat zu einer größeren Differenzierung zwischen den Euro-Mitgliedern geführt“, sagt Glen Marci von der DZ Bank. Bei einer Einheitswährung wie dem Euro könnten die Risiken jedes einzelnen Landes nicht mehr separat bewertet werden. Dadurch werde dem Euro als Ganzes Vertrauen entzogen. An den Devisenmärkten heißt das: Er gerät unter Verkaufsdruck."
Nur beiläufig erfährt er im Folgesatz, welche Faktenlage überhaupt einen Anlass zu dem Gejammer bietet:
"Seit Anfang Dezember hat die Gemeinschaftswährung gegenüber der Leitdevise Dollar knapp fünf Prozent an Wert verloren."
Na und? Angesichts des ohnehin kaufkraftmäßig überbewerteten Dollar, und angesichts der Tatsache, dass die Kurse an den Devisenmärkten ohnehin ständig schwanken, ist ein Verlust von 5 % überhaupt kein Grund zur Aufregung. Absolute Werte verschweigen die Autoren; nehmen wir an, der Dollarkurs habe bei 1,50 € gelegen, dann stände er nach einer Minderung um 5% halt auf 1,425 € - immer noch weit über Kaufkraftparität. Und außerdem werden sich die Investoren schon im nächsten Monat, in der nächsten Woche oder vielleicht sogar morgen daran erinnern, dass die USA ihr Budgetdefizit teilweise mit der Notenpresse finanzieren, und auch gar nicht anders können.
In einer Diskussionsrunde "The Crisis and How to Deal with It" hatte Paul Krugman zunächst großspurig den Eindruck zu erwecken versucht, dass die USA ihr Defizit locker aus den Ersparnissen ihrer Bürger finanzieren können: "The United States has gone from approximately a zero savings rate two years ago up to about 4 percent right now, which is still below historical norms; but suddenly saving is occurring. ..... There are more savings than we know what to do with. If we ask the question "Where will the savings come from to finance the large US government deficits?," the answer is "From ourselves." The Chinese are not contributing at all."
Woraufhin der Wirtschaftswissenschaftler sich von dem US-Historiker Niall Ferguson vorrechnen lassen musste (meine Hervorhebung): "Even if the private savings rate rebounded to its highest point in the postwar period, it would still account for no more than 5 percent of gross domestic product. But this year's deficit, as I said earlier, is likely to be north of 12 percent of gross domestic product. So it doesn't quite add up."
Mit anderen Worten: der Nobelpreisträger beherrscht nicht einmal die Grundrechenarten. Oder, wahrscheinlicher, er redet nicht als Wissenschaftler [peinlich ist es, wenn einem dann so ein 'Nestbeschmutzer' wie Niall Ferguson in die Parade fällt!], sondern lügt als Patriot (was ihn mit den Griechen auf eine Stufe stellen würde). (Krugmans "Antwort" auf Fergusons Daten konnte naturgemäß nur ein Ausweichen sein: "The essence of this kind of recession is precisely that the amount that collectively we want to save is greater than the amount that collectively we want to invest. That is the problem. You can't get around that.")
Angesichts der öffentlichen und privaten Verschuldung in den USA, und angesichts der allgemein bekannten dortigen Statistikmanipulationen, werden irgendwann auch die Investoren (Spekulanten) denken, was Niall Ferguson furchtlos aussprach:
"Once you end up with public and private debts in excess of three and a half times the size of your annual output, you are [lies: America is] Argentina."
Also kein Grund für volle Hosen, doch die beiden deutschen Journalisten haben, aus welchen Gründen auch immer, die Angstmache auf der Agenda:
"Fünf Prozent mag nach wenig klingen, ist für eine Währung jedoch eine ganze Menge: Aus Sicht der Amerikaner, gegenüber deren Devise der Euro derzeit abwertet, ist die gesamte Eurozone rechnerisch 680 Mrd. Dollar „kleiner“ geworden – binnen weniger Tage."
So eine lächerliche absolute Rechnung habe ich noch nie gesehen; kein Investor interessiert sich für solche Zahlenspiele. Der Betrag muss nicht falsch sein, er ist ganz einfach für den Markt absolut irrelevant. Solche Präsentationsformen können sich nur Leute (oder 'Kreise') ausdenken, welche die Steuerzahler durch Furchteinflößen davon ablenken wollen, dass sie intellektuelle Zuarbeiter einer Bande von Trickdieben sind. Abgesehen davon, dass der Euro seinerseits vermutlich früher ebenfalls "binnen weniger Tage" um solche absoluten Summen gegenüber dem Dollar zugelegt hat (und irgendwann zukünftig auch wieder zulegen wird), ist er, wie schon gesagt, kaufkraftmäßig noch immer deutlich überbewertet.
Während den Deutschen die Muffen sausen, machen viele Griechen in Obstruktion gegenüber der eigenen Regierung: "Gegen Sparpolitik. Ärzte und Journalisten in Griechenland streiken" heißt es in der WELT vom 17. Dezember 2009:
"Griechenland droht der Staatsbankrott, die Regierung hat massive Sparprogramme angekündigt. Ärzte und Journalisten sind wütend und streiken. Sprechstunden in den Krankenhäusern fallen aus. Im staatlichen Radio und Fernsehen gibt es keine Nachrichtensendungen mehr, Zeitungen erscheinen nicht."
Allerdings klaffen auch hier Schlagzeile und Realität weit auseinander, indem Erstere einen Zustand allgemeiner Auflehnung suggeriert, der in der Realität (allerdings auch wiederum nur wegen der Verfilzung zwischen Politik und einem Teil der Gewerkschaften) denn doch noch nicht gegeben ist:
"Bislang ist es den Sozialisten gelungen, die Proteste in Grenzen zu halten: Die zwei größten Gewerkschaften GSEE und ADEDY hielten sich zunächst zurück. Ihre Vorstände, die überwiegend von den Sozialisten kontrolliert werden, wollten der Regierung noch Zeit geben."
Angela Merkel und Axel Weber drehen unsere Taschen schon mal nach außen. "Griechenland: EU will Finanzprobleme offenbar ohne IWF lösen" meldet (u. a.) das Handelsblatt vom 26.12.09:
"Einem Medienbericht zufolge sollen die Finanzprobleme in Griechenland innerhalb der Europäischen Union und ohne Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) gelöst werden. Auch Kanzlerin Angela Merkel hält ein Eingreifen des IWF politisch für das falsche Signal. .....
"Wir brauchen den IWF nicht", wird Bundesbankpräsident Axel Weber zitiert. [Kein Wähler hat einen Herrn Weber zur Verfügung über den deutschen Bundeshaushalt legitimiert!] Er verweise darauf, dass eine Finanzierung von Budgetdefiziten aus Zentralbankmitteln, die dem IWF zur Verfügung stünden, in Europa verboten seien.
Wie das Nachrichtenmagazin weiter schreibt, zieht Weber damit an einem Strang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ein Einschreiten des IWF demnach politisch für ein falsches Signal hält. Die EU sei stark genug, um mit dem Problem allein fertig zu werden."
Indem (u. a.) Deutschland den Griechen einen sogenannten "Kredit" gibt:
"Nach Ansicht von Experten könnten finanzstarke Länder wie etwa Deutschland dem schwächelnden Partner einen Kredit einräumen."
Dass wir das Geld aus diesem "Kredit" jemals wiedersehen, glaubt unser Weihnachtsengelchen mit Sicherheit selbst nicht.
Ein Gerd Höhler gibt publizistischen Flankenschutz in einem Meinungskommentar (der, selbst im Vergleich zu den anderen o. a. Meinungsäußerungen pro Hilfeleistung - sachlich extrem dünn fundiert ist) im Handelsblatt vom 28.12.09 u. d. T. "Europa: Wir sind alle Griechen":
"Die Europäische Union hat viel zu lange die Probleme in Athen ignoriert und damit den verhängnisvollen Kurs der Regierungen dort unterstützt. Jetzt hilft nur ein radikaler Kurswechsel. ...
Die griechische Malaise betrifft die gesamte Euro-Zone, wie die Kursverluste der Gemeinschaftswährung zeigen." [Na und?]
"Die Europäische Union (EU) ist mitverantwortlich. Sie hat die Strukturschwächen der griechischen Wirtschaft und die Finanz-Alchemie an der Akropolis viel zu lange ausgeblendet." [Ach ja: der Betrogene ist Schuld, nicht etwa der Betrüger! Und schon gar nicht die Finanzmärkte, die Armen, die viel zu lange viel zu niedrige Risikoprämien für die Athener Schrottanleihen angesetzt haben!] .....
Die Schulden der Griechen sind Schulden der Euro-Zone - wir alle sind Griechen." Wieso das? Ja, doch: wenn wir vor unserer Kanzlerin (und den Finanzmärkten) kriechen - dann sind wir in der Tat selber die (Schulden-)Griechen!
Erg. 31.12.09: Kein Wunder, dass Höhler den Griechenland-Lobbyisten macht, schließlich lebt er in Athen! Da will er sich offenbar zu Lasten seiner deutschen Landsleute Liebkind bei den dortigen Machthabern, aber auch den Bürgern, machen! Ein Wunder ist eher, dass die Handelsblatt-Redaktion solche Lobbyisten-Kommentare abdruckt! Aber kann das wirklich überraschen, bei einer Wirtschafts-Zeitung, deren Chefredakteur Bernd Ziesemer den Bundesbürgern als Märchenonkel Sand in die Augen zu streuen versucht?
Nachtrag 30.12.2009
Den folgenden Text von der Webseite der CDU/CSU-Bundestagsfraktion halten wir hier doch gleich mal fest, um die Burschen ggf. daran festhalten zu können. Es handelt sich um eine Pressemitteilung vom 09.12.2009, verfasst von Norbert Barthle MdB, immerhin haushaltspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Schlagzeile: "Bail-out-Klausel im Fall Griechenland einhalten".
Der Untertitel "Euroraum ist auch ein Schicksalsraum" macht mich (auch wenn er im Kontext unten anders gewendet wird) freilich misstrauisch: "Schicksalsraum" klingt sehr nach "Schicksalsgemeinschaft", und das wiederum nach "Solidargemeinschaft"; in einer Schicksalsgemeinschaft trägt einer des anderen Last, nicht wahr?
Text (meine Hervorhebungen):
"Anlässlich der Herabstufung von Griechenland durch eine Ratingagentur erklärt der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Norbert Barthle MdB:
Die Herabstufung von Griechenland durch die Ratingagentur Fitch stellt eine große Herausforderung für den Euroraum und für die Mitglieder der Euro-Zone dar. Die Spannungen innerhalb des Euroraums nehmen deutlich zu, die einheitliche Geldpolitik wird für die Europäische Zentralbank nicht einfacher.
Griechenland erntet nun die Folgen von wirtschafts- und finanzpoltischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre. Immer wieder wurden die Stabilitätskriterien des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts verletzt. Die griechischen Staatschulden sind in astronomische Höhen geklettert. Es fehlt das Vertrauen des internationalen Kapitalmarkts, dass es in absehbarer Zeit zu einer echten Kehrtwende in der griechischen Politik kommen könnte.
Der Euroraum ist auch ein Schicksalsraum. Daher muss der Druck durch die europäischen Partner und durch die EU intensiviert werden, damit die griechische Regierung nun das Ruder herumreißt. Griechenland muss klar sein, dass die bail-out-Klausel keine Staatshilfen von Seiten der EU oder einzelner Mitgliedsstaaten zulässt. Die vereinbarte bail-out-Klausel gilt auch ohne Wenn und Aber für den Fall Griechenland. Solche Hilfen würden nur die griechischen Bemühungen zur Konsolidierung abschwächen und wären ein schlechtes Vorbild für andere Staaten, die ebenfalls erhebliche Schwierigkeiten mit der Einhaltung der Maastricht–Kriterien haben.
Es wäre den Steuerzahlen nicht zu vermitteln, dass sie neben den eigenen Lasten aus der Finanz- und Wirtschaftskrise nun auch noch die Lasten für die europäischen Sünderstaaten schultern sollten. Und das ohne jegliche wirtschafts- und finanzpoltischen Gegenleistungen der betroffenen Staaten. Die Bundesregierung muss nun eine klare Position beziehen."
Nachträge 31.12.2009
Was ich oben über das Verhältnis Euro - Dollar gesagt habe, finde ich bestätigt im letzten Absatz eines Textes auf der Webseite der Deutschen Welle vom 30.12.09: "Währungen. Sprengt Griechenland den Euroclub?" (meine Hervorhebungen):
"Natürlich haben die Finanzprobleme der südlichen Euroländer, vor allem Griechenlands, Folgen für den Euro. Der wurde - wegen der anhaltenden Dollarschwäche - Mitte des Jahres mit rund 1, 50 Dollar bewertet. Heute kostet der Euro rund 1,43 Dollar, hat sich also gegenüber der Weltleitwährung etwas abgeschwächt. Aber das kann man auch anders ausdrücken: Der Dollar bleibt schwach, weil die internationalen Anleger genau sehen, dass die USA seit Jahren über ihre Verhältnisse leben. Die akuten Finanzprobleme Griechenlands haben nur dazu geführt, dass ein Teil der Dollarschwäche kaschiert wird. Es bleibt also abzuwarten, wer seine finanziellen Ungleichgewichte als erster in den Griff bekommt: Die südlichen Euroländer oder die USA." So isses!
Vgl. jetzt auch meinen neuen Blott "Widersprüchliche Signale zum Griechenland-Bailout: Machtkampf im Zentralkomitee der CDU/CSU/FDP?" vom 31.12.2009.
Nachtrag 01.01.2010
"Finanzmärkte: Angst vor der Staatspleite geht um" berichtet das Handelsblatt heute, am ersten Tag des Neuen Jahres:
"Die Finanzmärkte werden 2010 ihre Aufmerksamkeit den Staatsfinanzen und der Gefahr hoher Inflationsraten zuwenden. Wenn die Zinsen steigen, wird es ungemütlich für die Regierungen. .....
Die Zweifel an der Bonität Griechenlands schickten zum Jahresschluss Schockwellen durch die Märkte. Doch bisher seien das nur Vorboten kommender Turbulenzen, warnen Ökonomen. Die Angst vor der Staatspleite löst die Angst vor der Bankenpleite ab.
"Griechenland war nur ein Vorgeschmack auf das, was auf andere Länder zukommen wird", prophezeit Joachim Fels, Chefvolkswirt der US-Investmentbank Morgan Stanley. "Die Finanzmärkte werden 2010 das Thema Staatsbankrott und damit das Thema Inflation spielen." .....
2010 muss die Wende kommen, wenn die Finanzmärkte nicht das Vertrauen in die Sanierbarkeit der Staatsfinanzen verlieren sollen.
Pierre Cailleteau, Chef der Länder-Rating-Sparte der Ratingagentur Moody's, ..... sieht zwei Szenarios, die selbst große Staaten in ernste Probleme bringen könnten. Zum einen könnten die Zentralbanken die Zinsen so stark anheben, dass die Wirtschaft in die Rezession zurückfällt. Das könnte eine neue Serie von Bankenzusammenbrüchen auslösen, die die Regierungen womöglich nicht mehr beherrschen könnten. Das zweite Szenario ist, dass die Zentralbanken die Zinsen nicht stark genug anheben, die Finanzmärkte wegen steigender Inflationsraten in Panik geraten und die Langfristzinsen in die Höhe treiben. Das würde für Banken und Regierung gleichermaßen die Refinanzierung zu einem großen Problem werden lassen. .....
Das Beispiel Japans zeigt, dass auch enorme Schuldenberge beherrschbar sind, solange sich eine Regierung zu sehr niedrigen Zinsen im Inland refinanzieren kann. Japans Staatsverschuldung wird 2010 das Doppelte des BIP überschreiten - und das bei niedrigen Wachstumsraten und einer schrumpfenden Bevölkerung.
Doch die Japaner sind nach wie vor bereit, dem Staat zu minimalen Zinsen ihre Ersparnisse zur Verfügung zu stellen. Müsste Japan seine Staatsanleihen an das Ausland verkaufen, wäre das Land ein Topkandidat für einen spektakulären Staatsbankrott. .....
In Großbritannien kauft die Notenbank schlicht die von der Regierung neu ausgegebenen Staatsanleihen auf.
Die Europäische Zentralbank (EZB) tut das nicht, doch sie leiht Geschäftsbanken Geld gegen Staatsanleihen als Sicherheit. Die Banken verdienen leichtes Geld, indem sie sich für Zinsen nahe null Geld leihen und für ein paar Prozent Zinsen in sichere Staatsanleihen investieren. So stärken sie ihre Eigenkapitaldecke. Doch so finanziert die EZB auch indirekt die Staatsdefizite der Euro-Länder.
In den USA kauft die Notenbank ebenfalls direkt Staatsanleihen. Außerdem nutzen die USA den Status des Dollars als Weltreservewährung, um große Mengen an Staatsanleihen ins Ausland zu verkaufen, vor allem an Schwellenländer wie China, deren Exportüberschüsse gewaltige Devisenreserven auflaufen lassen. Statt den hoffnungslos überschuldeten US-Bürgern leiht China jetzt also dem Staat Geld."
Wer dumm genug, - also z. B. Deutschland -, seine gebenden Hände in diese Hexenkessel der Finanzmärkte einzutauchen, wird sie als Brühwürstchen wieder herausziehen. Und wer den Investoren oder Spekulanten auch nur den kleinen Finger reicht, dem werden sie zum Dank die ganze Hand greifen. Dann zahlt nicht mehr nur Griechenland Strafzinsen, sondern auch der deutsche Bundeshaushalt wird noch fröhlicher geplündert, als die Hornissenkoalition das ohnehin schon jetzt tut.
Nachtrag 02.01.2010
Aufgrund eines Kommentars von "inti" zu meinem Blott "Nouriel Roubini: Aus Dr. Doom wird Dr. Zoom" habe ich ein wenig in dem Financial-Times-Blog (der englischen FT, nicht des deutschen Ablegers FTD) "Maverecon" von Willem Buiter [nicht "William" B.] (hier seine Homepage) herumgestöbert. Buiter war (oder ist noch?) Professor of European Political Economy, London School of Economics and Political Science; former chief economist of the EBRD, former external member of the MPC; adviser to international organisations, governments, central banks and private financial institutions. Ab Jahresbeginn ist er jedenfalls "Chief Economist at Citi", also wohl Chefvolkswirt der amerikanischen Citibank (und beendet daher auch seinen Blog).
In seinem Eintrag "Polite suggestion to the Dubai sovereign that creditors of Dubai World not be bailed out" vom 27. November 2009 spricht er sich indirekt auch gegen einen Bailout für die griechischen Staatsschulden aus. Ich zitiere hier einen etwas längeren Passus; die direkt oder indirekt (auch) Griechenland betreffenden Stellen habe ich gefettet:
"It is of the utmost importance that governments throughout the world learn the lesson that providing free ex-post default insurance for any debt, including debt issued by 100 percent government-owned companies, is unwise and counterproductive. The sovereign is on the hook only for sovereign and sovereign-guaranteed debt - that’s why they are called that way.
Throughout the advanced industrial countries and in some emerging markets, the sovereign debt situation has worsened dramatically as a result of the financial crisis and, even more dramatically, as a result of the revenue losses caused by the economic contractions that followed the crisis. Public debt to GDP ratios are rising everywhere, and are likely to top 100 percent of annual GDP by 2014 in the US, the UK and in the Euro Area. Structural public sector deficits and primary government financial deficits are at unsustainable levels in many countries, including France, the UK and the US.
Some countries are in a truly disastrous fiscal-financial pickle. Greece’s new government discovered on taking office that its predecessor had fiddled the data (not a novelty in Greece) and that as a result it was stuck with a 12.5 percent of GDP financial deficit for the year instead of the just over six percent fairy tale figure the last government had brandished about. Public debt in Greece is likely to get close to 130% of GDP by the end of 2010 and to go on rising. With euro-denominated public debt and no independent monetary policy capable of inflating that debt away, sovereign default is not just something to scare the children with in the dark. [Buiter hält also die Möglichkeit eines Staatsbankrotts Griechenlands für durchaus realistisch.]
Other countries, Japan comes to mind, have public debt situations that are in some ways worse than that of Greece, although the low level of Japanese interest rates at all maturities obscures the threat posed by the public debt burden. High private saving rates and a large stock of national financial wealth and of net national foreign assets mean that Japan for the moment only faces a single, internal transfer challenge - shifting resources from the domestic private sector to the domestic public sector - rather than a dual, internal and external transfer challenge. Nevertheless, I would not like to be the Japanese minister of finance when the markets wake up and impart risk premia to the interest rates on newly issued and floating rate Japanese sovereign debt instruments.
Given the severely-impaired fiscal-financial positions and prospects of so many countries, the notion of a sovereign of one of these countries assuming responsibility for any debt that is not sovereign or sovereign-guaranteed is ludicrous."
Im letzten Satz geht es zwar unmittelbar nur darum, dass die überschuldeten Staaten nicht auch noch nachträgliche Rückzahlungsgarantien für solche Schulden übernehmen sollten, die weder Staatsschulden noch vom Staat (ex ante) verbürgte Schulden sind. Man darf aber wohl annehmen (vielleicht hat er es auch irgendwo geschrieben, aber ich bin, wie gesagt, nur mal über einige seiner Blog-Einträge 'drübergebraust'), dass Buiter auch Hilfen oder Bürgschaften für andere Nationen ablehnt.
Nach etwas weiterer Sucharbeit stelle ich fest, dass ich Willem Buiter hier keineswegs falsch interpretiert habe.
Denn schon am 14.01.2009 hatte er in seinem Eintrag "Sovereign default in the eurozone and the breakup of the eurozone: Sloppy Thinking 101" in kritischer Anknüpfung an eine gegenteilige Meinungsäußerung (eines John Authers in der FT vom 13.01.09) konstatiert (meine Hervorhebungen):
"Three issues are being linked in this passage [d. h. einer Passage der von Buiter kritisierten Kolumne]. The emergence of high levels of sovereign default risk premium differentials between different eurozone member states, the external value of the euro and the likelihood of the eurozone breaking up. There is no self-evident link between these three issues. The first is neither necessary nor sufficient for the second or the third. More than that, the threat or reality of sovereign default by a eurozone member state is much more likely to reduce that country’s incentive to leave the eurozone than to increase it."
Zu deutsch also: Der Staatsbankrott eines Mitgliedslandes der Euro-Zone muss keineswegs den Außenwert des Euro beeinträchtigen. Und schon gar nicht wird er dazu führen, dass dieses Land die Eurozone verlässt, denn (wie er im weiteren Text sehr ausführlich begründet) mit einer eigenen Währung stünde es letztlich noch sehr viel schlechter dar.
"Economics 101" ist der wirtschaftswissenschaftliche Grundkurs in amerikanischen Universitäten; Buiter insinuiert also mit seiner Überschrift mit beißendem Spott, dass denjenigen, die gegenteiliger Auffassung sind (d. h. die eine Euro-Abwertung und/oder einen Zerfall der Eurozone als logische Folge der Staatspleite eines Mitgliedslandes ansehen) bereits das ökonomische Grundwissen fehlt. Dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen, denn sogar ich als blutiger Laie der Nationalökonomie komme zu den gleichen Ergebnissen wie Buiter! [Allerdings gehe ich davon aus, dass eine Reihe von Meinungsäußerungen pro Bailout nicht von nationalökonomischen Greenhorns stammt, sondern von Lobbyisten der Kapitaleigner!]
Aus Sicht der anderen Mitgliedsländer wäre Buiters Absatz noch anzufügen, dass es denen (also insbesondere uns in Deutschland!) herzlich egal sein kann, zumindest bei kleinen Ländern der Peripherie, ob diese Mitglieder der Eurozone sind oder nicht. Wer sich für die Gesamtproblematik interessiert, sollte den Volltext lesen; der nachfolgende weitere Abschnitt daraus beweist, dass Buiter Staaten-Bailouts ablehnt:
"I view the widening of the sovereign risk spreads inside the eurozone as a welcome development. With the revised Stability and Growth Pact effectively emasculated as a fiscal discipline device, it is essential for national fiscal discipline in the euro area, that the market believes (1) that national sovereign debt is indeed just national, not joint and several among all eurozone member states, and (2) that the ECB [oder, darf man hier sicherlich ergänzen: die anderen Mitgliedsstaaten!] will not bail out ex-ante or ex-post a eurozone member state that gets itself into fiscal problems. The very low sovereign risk premium differentials in the early years of the eurozone were worrying to me, because it seemed to indicate that the markets believed that a fiscally incontinent government would be bailed out by the other eurozone national governments or by the ECB. The new larger and healthier sovereign risk premium differentials indicate that the markets may be able to provide more fiscal discipline than suggested by the early years of the common currency. That is good news indeed.
So we may well see sovereign defaults by EU national governments, both inside and outside the eurozone. But it is more likely in my view that Scotland will leave the sterling monetary union (and the United Kingdom) and adopt the euro as its currency than that an existing eurozone member will leave the eurozone. We shall see."
Ein weiterer relevanter Blog-Eintrag Buiters vom 18.10.2009 ist betitelt: "Time for the ECB to get serious about the overvalued euro".
Wie ich bereits mehrfach sagte: es besteht absolut kein Grund zur Panik, wenn der Wechselkurs unserer Währung mal etwas tiefer geht!
In einem weiteren Eintrag betr. Dubai lässt Buiter es offen, ob er für oder gegen eine Hilfe der anderen Staaten beispielsweise für Griechenland wäre. Nach der Gesamttendenz von "The intrinsic unimportance of Dubai World and the important wider message it conveys" (29.11.09) gehe ich aber davon aus, dass Buiter eine solche Unterstützung aber zumindest nicht für zwingend geboten hält.
Einen interessanten Textteil, u. a. mit einer Information über die unbedachte Solidaritätszusage unseres damaligen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück (die Deutschland aber keineswegs binden kann!), reproduziere ich hier:
"For small peripheral European nations, the threat of sovereign insolvency is therefore a real one, unless EU fiscal solidarity can be relied upon to bail them out. When Ireland was about to be swept away by a wave of global financial mistrust triggered by the Irish government’s decision to guarantee effectively all liabilities of its banks, the then German Finance Minister Steinbruck made the amazing statement (which he obviously had not checked with his coalition partners, his Chancellor or his voters) that the Eurozone countries would not let one of their own go into default.
The year that has passed since then has made this implicit commitment to a Eurozone, let alone an EU cross-border sovereign bail-out rather less credible. All EU sovereigns are, to varying degrees, in fiscal dire straits. We may well see in the next few years the first sovereign default by an old EU15 country since Germany defaulted on its debt in 1948."
Nachtrag 17.01.2010
Jamaika hat die erste Staatspleite in der aktuellen Finanzkrise hingelegt (allerdings nur gegenüber einheimischen Investoren ("Die Regierung von Jamaika hat ihren einheimischen Gläubigern eine Umschuldung von 7,8 Mrd. $ an Staatsanleihen angeboten. ..... Papiere für 950 Mio. $, die die Regierung an den internationalen Kapitalmärkten begeben hatte, bleiben von der Umschuldung unberührt") - vgl. den FTD-Artikel "Schuldscheintausch. Jamaika ist pleite" vom 15.01.10:
"Sonne, Reggae, Traumstrände - das Bild der Karibikinsel bekommt tiefe Kratzer. Während sich Investoren um Griechenland und Dubai sorgen, legt Jamaika den ersten Staatsbankrott seit Beginn der jüngsten Finanzkrise hin."
Und was geschieht? Die Rating-Agenturen reagieren positiv (allerdings auch deshalb, weil der IWF und andere Organisationen :
"Die Umschuldung sei auf lange Sicht positiv, hieß es bei S&P und der dritten Ratingagentur Fitch. Fitch stellte gar in Aussicht die neuen Bonds mit "B" zu benoten und damit fünf Stufen unter Investment-Status, der auf geringeres Risiko hinweist. Auch die Moody's-Experten sagten, dass die neuen Anleihen aufgewertet werden könnten. Derzeit bewertet die Agentur die Verbindlichkeiten des Landes mit "Caa1".
Der IWF stützt den Umschuldungsplan der Regierung mit einem Kredit über 1,25 Mrd. $. Der Fonds teilte mit, das Land könne mit weiteren 1,1 Mrd. $ anderer Organisationen rechnen."
Genauso würde es bei Griechenland verlaufen, selbst wenn hier die ausländischen Verbindlichkeiten zweifellos in eine Umstrukturierung einbezogen würden. Also: Überhaupt kein Grund zur Panik! Wenn allerdings die Sparanstrengungen der Griechen nicht überzeugen, hilft auch eine Neustrukturierung der Schuldenlast nicht. Und wenn in diesem Falle wir den Griechen helfen würden, wäre auch unser Geld a fonds perdu verschwunden. Also: Überhaupt kein Grund für die Verwendung deutscher Steuergelder für Griechenland!
Nachtrag 29.01.10
Endlich einmal ein(en) Kommentar (gefunden) - und sogar auf einer finanzorientierten Webseite -, der sagt, was Sache ist: "Devisen - Worst Case: Bail Out" auf BoerseGo vom (schon) 11.12.2009. Hier der Text (meine Hervorhebungen):
"Die Finanzprobleme Griechenlands sind weiter das Hauptthema. Dabei geht es zunehmend um die Frage, von wo Griechenland Hilfe erwarten könnte. Im Kern ist das die eigentlich interessant Frage für den Devisenmarkt. Dazu muss man sich klarmachen, dass ein Default Griechenlands nicht zu einem Kollaps des EUR führen müsste. Allein schon aufgrund des geringen Volumens an griechischen Staatsanleihen wären keine größeren Kapitalströme zu erwarten, solange die anderen Länder (und damit die Währungsunion als Ganzes) solide Finanzen vorweisen könnten. Der Rückgang von EUR-USD zeigt damit letztlich die Besorgnis des Marktes um die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen im Euroraum. Und damit ist man genau bei der Frage nach einem Bail Out Griechenlands durch andere EWWU-Länder. Ein solcher würde letztlich jedes einzelne Land dazu verleiten, zuviel Geld auszugeben, da im Notfall mit Hilfe durch die anderen Mitgliedsländer zu rechnen wäre. Kommt ein solcher Moral-Hazard-Prozess aber erst einmal in Gang, würden sich die Staatsfinanzen der gesamten Eurozone schnell verschlechtern.
Eigentlich heißt es im EU-Vertrag ausdrücklich, die Union übernehme für Schulden einzelner Mitgliedstaaten keine Haftung und "tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein". Ausnahmen sind lediglich bei einer Naturkatastrophe oder einem anderen außergewöhnlichen Ereignis außerhalb der Kontrolle des betroffenen Landes möglich. Gefälschte Statistiken und unsolide Haushaltsführung gehören zweifelsohne nicht dazu. Dennoch scheint es innerhalb der Währungsunion eine gewisse Bereitschaft zum Helfen zu geben. So hat EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquín Almunia bereits früher erklärt, die Gemeinschaft werde niemanden fallen lassen. Bevor ein Mitglied der Eurozone zum IWF gehen müsse, werde es eine EUinterne Lösung geben, sagte Almunia im Februar. Auch Ex-Finanzminister Steinbrück äußerte sich bereits in diese Richtung. Gestern sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, Europa habe eine Verantwortung Griechenland beim Überwinden seiner Krise zu helfen. Aufgrund der gemeinsamen Währung trage man gemeinsam Verantwortung. Damit schlagen die Politiker in Europa letztlich den falschen Weg ein, der droht, die gesamten Staatsfinanzen im Euroraum schwer zu belasten und den EUR deshalb unter Druck bringt. Aus ökonomischer Sicht und damit auch für EUR-USD wäre ein Default Griechenlands einem Bail Out mittelfristig vorzuziehen."
Nachtrag 10.10.2011
Ein anderer Um-Dichter hat sich bei "Momentmal - der normale Wahnsinn" artikuliert (04.10.11): "Deutschland zahlt für alles?"
Textstand vom 10.10.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Labels: Deutsch.+Ausld., Deutschland, Europa (politisch), Finanzkrise2008, Griechenland-Bailout
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