Samstag, 18. Juni 2005

Eviva Magonza - ein Sommersamstag in Mainz

Nicht nur die Amerikaner sind maulfaul, und machen z. B. aus unserem schönen alten Kaiserslautern ein geschichtsloses "Quai-Town" (phonetisch). Auch wir kürzen allzu lange Ortsnamen gern ab. Wer aber weiß denn heute noch, dass "Mainz" ursprünglich "Main-zu-Ende" hieß (weil der Main gegenüber von Mainz in den Rhein fließt)? Verhunzt hat dieses der Volksmund im Laufe zu Zeit zum einsilbigen "Mainz". ["Se non è vero, è ben trovato", hätte Schorschi Vasari zu dieser Etymologie zweifellos gesagt.]
Zugegeben: ich kenne nicht alle Wochenmärkte Deutschlands. Aber von denen, welche ich gesehen habe, ist der Mainzer Wochenmarkt der schönste. Und der echteste: da kommen teilweise wirklich die Produzenten, nicht nur Händler! Entsprechend sind auch die Blumen, das Obst, und, Wunderwelt der kuriosen Formen, im Herbst die Zierkürbisse meist preiswerter als auf anderen Märkten. Liebevoll arrangiert präsentieren die Verkäufer das Obst, die Blumen, und sogar das Gemüse: ein Paradies für Hobbyfotografen (also z. B. auch für meine Frau).
Zu trinken gibt es nicht nur Pfirsich-Maracuja, und ähnliche Exotendrinks, zu Piratenpreisen. Nein: Apfelsaft findet man hier, trüb und also (vermute ich mal) voll gesunder Nährstoffe; den genieße ich natürlich, und für gesunde 70 ct.! Kaffee kippt man im Kirchenladen, zwar eigentlich eher für Gesprächszugängliche gedacht, nicht für eingefleischte Agnostiker wie den Blogger. Jedoch um wohlfeile 50 ct traut auch der sich hier hinein. Und trinkt, was besser schmeckt als nebenan. Im freundlichen Café der Kirche wird also jener Heide gehegt, dieweilen dessen Ehefrau ästhetische Trips auf dem Markte pflegt.

Doch hält es mich dort nicht allzulange, denn das Besuchsritual führt mich zum alteingesessenen Antiquariat: um der Bücher willen, oder um blätternd gedämpfe Barockmusik zu genießen?

In gewisser Hinsicht war übrigens der heutige Ausflug nach Mainz eine Premiere für uns: erstmalig haben wir der Versuchung widerstanden, den Flohmarkt (soweit er gerade abgehalten wird) zu besuchen. (Gemeint ist natürlich der Flohmarkt - offiziell hier "Krempelmarkt" geheißen - am Rheinufer, wiederum ebenfalls der attraktivste, den ich kenne.)


Irgendwie hat das Leben in Mainz einen anderen Rhythmus als in den anderen Großstädten, zumindest jenen des RMV-(Rhein-Main-Verkehrsverbund)Gebietes. "Immer Mensch bleiben" kann man in dieser Stadt. Der Leviathan bricht sich im Gewirr der Gassen, welche die Planung der Stadt auch nach der Zerstörung der Innenstadt im letzten (nicht vergessen, Landsleute: von uns angezettelten) großen Krieg nicht einfach begradigt hat. Verwirrend zwar ist es, sich dort zu bewegen: mannheimische Grundrisse wären übersichtlicher. Doch wandelt nicht das Abenteuer wabernd in Milet!
Impressed by the Robinien-Laubengang in der Neubrunnenstraße (mi scusi for the language, sono un poco tipsy; das freilich hat nichts mit Mainz zu tun, trotz der dortigen gemütlichen Weinstuben in alten Häusern, welche der Krieg nicht gekriegt hat) we penetrated into the working-class district of Boppstr. etc.: Ein Wohnhaus des Historismus im Stil venezianischer Gotik; andere mit Oberstübchen in Fachwerk: die Zeit heilt alle Wunden. Nicht nur jene des Krieges, sondern sogar die Sünden der Architektur.

Bevor wir freilich die große Bleiche überquerten, mussten wir die (beinahe) sitzplatzlose Zone zwischen Theater und Römerpassage durchmessen. Mag hier die Stadt (fast) keine Bänke hinstellen, um zuhälterhaft das Gaststättengewerbe zu fördern?

Egal - fra poco werden wir ungefähr dort wieder Vino genießen, den neuen, "Federweißer" genannt, und poco denaro wird er nur kosten, im Vergleich etwa zu Frankfurt. Und schon naht alle Jahre wieder stilvoll am Dom der weihnachtliche Lichterzauber. Unkommerziell ist der Weihnachtsmarkt auch hier nicht. Und doch umweht ihn noch der Hauch eines "richtigen" Weihnachtsmarktes (nostalgische Illusion der allzu Erwachsenen), und verführt uns alljährlich zum Besuchsbummel.

Ah, Magonza: tu sei bellissima!

Das Leben ist fürwahr ein Fest:
Für den, der sich in deinen Gassen
An sonnigen Tagen treiben lässt!

Und dennoch machte ausgerechnet ein Sohn von dir den allergrößten Schritt zu unsrer rationalen Welt? Hat ja auch ein Denkmal dafür gekriegt, zu dessen Füßen wir Cappuccino aus dem Pappbecher trinken - ehe wir den 50. Breitengrad überschreiten "per tuffarci in un gommitolo di strade" (zitiert in Memoriam eines einst im Italienischkurs gelernten, nur rudimentär noch erinnerten, Weihnachtsgedichts).



Textstand vom 17.05.2009. Auf meiner Webseite
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