Freitag, 24. Juni 2005

Peking bohrt (1), Amerika bombt (2), Europa brütet (3)

1) nach Öl. Info satt im Handelsblatt: "Peking bohrt nach Öl um jeden Preis" (http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057967)

2) wegen Öl. Hat jedenfalls mal gebombt, leider werden die Ölstaatbefreier jetzt selbst gebombt. Trotzdem: keine Häme. Letztlich holen die wohl auch für uns das Öl aus dem Feuer!
(Einen erschütternden Mikrozensus der irakischen Misere kann man hier http://www.handelsblatt.com/pshb?fn=tt&sfn=go&id=1057124 im Handelsblatt u. d. T. "Die Oberschicht flieht aus dem Irak" lesen.)

3) über seine Zukunft: Penner. Altes Europa! Wacht aber trotz "Rums!" nicht auf. Eigentlich schade.

Ich jedenfalls sage euch: Maginot macht Europa nicht froh (that much, at least, we should have learnt from the German history - and not least the French from theirs).

Die Frage ist nur, ob der Tony ein Ass oder ein Aas im Ärmel hat?

Wenn ich mal so vergleiche, wie der Tony ("EU-Geld für Arbeitsplätze, nicht für Kühe" - 22.06.05) und der Gerhard ("Wir werden die Krise Europas lösen" - 23.06.05) sich Bild-lich beharken (kann man leider nicht verlinken, zu den Artikeln der Bild-Zeitung), muss ich sagen, dass die Message vom Tony doch als eine sehr viel dynamischere rüberkommt. "Wir brauchen einen zukunftsorientierten Haushalt ... der Arbeitsplätze schafft ... . Wir müssen in Investitionen und Ausbildung investieren, nicht jede Kuh mit 2 Euro am Tag fördern. ... Wir müssen herausfinden, warum manche Volkswirtschaften Europas Arbeitsplätze schaffen und andere nicht" - Recht hat er. Und mehr Geld, sagt wer, will er auch zahlen - aber eben nicht für die Landwirtschaft.

Meint er es ehrlich? Der Gerd jedenfalls meint, dass wir "in Europa in den nächsten Monaten vor einer Wahl zwischen zwei Polen [stehen]. Die einen wollen die Europäische Union entkernen und sie auf eine Art Freihandelszone reduzieren. Die anderen wollen eine politisch aktive und gestaltende Europäische Union erhalten. Für diese Politik stehe ich." Und also der Tony für die andere?

Gestalten ist gut, aber mit Kohlen für Kühe gestaltet man wenig. Oder weiß der Gerd mehr über den Tony? Ist die Sache mit dem "leidenschaftlichen Europäer" nur ein Trick, und will der in Wirklichkeit den Laden in die Luft gehen lassen? Oder hat sich der Gerd das nur vom Jacques einflüstern lassen?

Was jedenfalls Inhalt und Duktus der beiden Artikel in der Bildzeitung angeht, muss ich sagen, dass Tony Blair mich mehr überzeugt. Der geht ran wie Blücher. Gerhard Schröder, wiewohl ich ihn als politische Verkörperung der Leibnizschen Theodizee geschätzt (d. h. für den besten aller aktuell möglichen Kanzler gehalten) hatte (zumindest bevor ich den Spiegelartikel vom 23.05.05 über den "Hartz-Horror" las) steht staatsmännisch rum wie 'ne Panzersperre an der Maginot-Linie (http://www.maginot-line.com/index.htm).
Und die hat nicht lange gehalten.

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Nachtrag: Meine E-Mail v. 25.06.05 an Bild-T-Online:
Sehr geehrte Damen und Herren,
habe in meinem Blog ... die Artikel von Tony Blair und Gerhard Schröder kommentiert und bedauere es sehr, dass man zu diesen nicht verlinken kann. Es mag ja sein, dass die sonstigen Beiträge in der Bild-Zeitung bzw. in Bild/T-Online keinen Ewigkeitswert haben. Jedoch gebietet es m. E. der Respekt vor dem Rang der Schreibenden und vor dem vielleicht historischen Inhalt dieser Kontroverse, dass Sie diese dauerhaft für den Leser zugänglich machen; es ist gewissermaßen Ihre Verantwortung gegenüber der Geschichte - und den Internet-Nutzern.


Peking bohrt immer noch und überall: "Besiegelung neuer Ölverträge. China stützt Afrikas korrupte Regime" berichtet das Handelsblatt am 02.05.2006.
Was sagen wir dazu? "Schnarch weiter, altes Europa!"


Nachtrag vom 10.05.06: Ein gewisser Jake Gordon informiert auf der Webseite der ASPO Irland ("Association for the Study of Peak Oil and Gas) in dem Artikel "The New Cold War" über die Ölpolitik der Chinesen, Amerikaner und Russen. Ziemlich ernüchternde Lektüre wenn man sieht, wie wunderbar die scheinbar so menschenfreundliche Demokratisierungspolitik des Westens und speziell der USA mit deren (und wohl auch unseren) wirtschaftlichen Interessen harmoniert. (Andererseits gilt in der Welt hat das Gesetz von "dog eat dog": die Anderen würden's mit uns auch nicht anders machen, wenn sie am längeren Hebel säßen!)


Nachtrag vom 17.05.06: "Armee soll Ölversorgung sichern" berichtet das Handelsblatt vom 17.05.06 über ein geplantes Weißbuch mit einer Neubestimmung der Aufgaben der Bundeswehr. Und "die Bundesregierung formuliert erstmals nationale Interessen für den Auslandseinsatz der Bundeswehr" heißt es einleitend. Im Artikel steht dann zwar nichts über die Rolle der Bundeswehr bei der Sicherung der Ölversorgung, aber immerhin: anscheinend schlafen doch nicht alle in Deutschland.


Nein, da oben sind einige schon wach geworden:
"Der CDU-Politiker Eckart von Klaeden sagte, der EU-Einsatz solle auch dazu beitragen, dass die im Kongo so zahlreich vorhandenen Rohstoffe in fairer Weise abgebaut und auch von Deutschland genutzt werden können"
berichtet das Handelsblatt am 01.06.2006 u. d. T. „Bundeswehr nicht vorbereitet auf Afrika


Nachtrag 21.03.07: "Merkel bietet Wirtschaft Hilfe an. Deutschland kämpft um Rohstoffe" berichtet Klaus Stratmann in der Handelsblatt-Online-Ausgabe von heute.
Sachte, sachte der Michel erwachte: wird auch langsam Zeit!


Nachtrag 10.10.2008
Erst heute kam mir der Handelsblatt-Artikel vom 25.08.2008 "Versorgungsperspektiven bei wichtigen Metallen kritisch. IW: Deutschland droht Rohstoff-Engpass" zu Gesicht.
Es ist nicht nur das Erdöl, das knapp wird; bei einigen seltenen Metallen scheint die Lage noch kritischer zu sein:
"Die Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung zu bezahlbaren Preisen stellt nach IW-Einschätzung eine zentrale Zukunftsfrage für Deutschland dar. Der Politik warf das Institut dabei Versäumnisse vor. Das gelte für die Energie- wie für die Außenwirtschaftspolitik. Das gravierendste Problem sei, dass Deutschland bei den für die Industrie bedeutsamen metallischen Rohstoffen zu 100 Prozent von Importen abhängig sei, bei Energierohstoffen zu 74 Prozent.
Das Institut warf der Politik vor, über Steuern die Energiepreisentwicklung selbst anzuheizen. Zudem warnte das IW vor Subventionen zu Dämpfung der Teuerung. Um von Rohstoffeinfuhren unabhängiger zu werden, schlägt Hüther der verarbeitenden Industrie unter anderem Beteiligungen an ausländischen Bergwerken vor. 'Andersfalls droht dem Wohlstand Gefahr'
."


Nachtrag 24.02.09
Erst jetzt fand ich zufällig den Artikel "Verteidigungspolitik. 'Europäer im militärischen Tiefschlaf' " von Andreas Rinke, Handelsblatt vom 29.07.08. Der Titel ist selbsterklärend. Fordern wir also von der Politik: More bang for the buck! (Und den "bang" vor Somalia dann auch so einsetzen, dass den Piraten innerhalb kürzester Frist die Lust vergeht. Bzw. denjenigen, die von den Piraten dann noch überleben.
Wofür sonst halten sich normale Staaten - z. B. die USA - eine Militärmacht, wenn nicht um sich effektiv zu wehren, wenn sie angegriffen werden?


Nachtrag 14.05.09
Peking - und andere asiatische, aber auch arabische, Staaten, bohren nicht nur: sie leasen auch. Agrarland. In Afrika. Vgl. dazu den Artikel "Kampf um strategische Anbauflächen. Fossier Brot für den Rest der Welt" von Marina Zapf in der Financial Times Deutschland (FTD) vom 14.05.2009. Sehr vorausschauend. Und was tun wir? Glauben an den Götzen Markt!


Nachtrag 22.07.09
Jamil Anderlini (Peking) und Tobias Bayer (Frankfurt) berichten in der Financial Times Deutschland (FTD) von heute über eine neue chinesische Strategie für die Anlage ihrer Devisenüberschüsse: "Angst vor Dollarschwäche. China geht auf weltweite Firmenjagd":
"Die Volksrepublik hat mit 2000 Mrd. $ die größten Devisenreserven der Welt. Bisher floss das Geld vor allem in sichere US-Staatspapiere. Das ändert sich: Der Premierminister will mit den Devisen heimische Firmen bei der Auslandsexpansion unterstützen - und nennt das "Going out"."
Ich erinnere mich nicht mehr, welcher US-Wirtschaftsprofessor (natürlich keiner aus dem Mainstream) es war, der Deutschland (zu DM-Zeiten) genau diesen Tipp gab: Zahlungsbilanzüberschüsse nicht in (US-)Staatsanleihen oder gar zinslosen Dollarscheinen anzulegen, sondern echte Wert-Papiere, Beteiligungen am weltweiten Produktivvermögen eben, zu kaufen.
Deutschland ist diese Möglichkeit heute, wo es ein Euro-Gefangener ist, verwehrt. Eigentlich begrüße ich den Euro und (gegen unser Bundesverfassungsgericht) eine stärkere politische Integration Europas (durchaus auch zu einem europäischen Bundesstaat). Doch dass wir mit unseren Zahlungsbilanzüberschüssen (d. h. realwirtschaftlich: mit unserem Konsumverzicht) nur noch den Überkonsum unserer europäischen Brüder und Schwestern finanzieren können, freut mich eher weniger.
Doch zurück zu China: auch in diesem Artikel lesen wir, dass ein Schwerpunkt der chinesischen Auslandsinvestitionen voraussichtlich im Rohstoffbereich liegen wird:
"Sollte China seine bisherigen Präferenzen beibehalten, würde der Fokus weiterhin auf den Einstieg bei Rohstoff- und Energiefirmen liegen. Chen Yuan, der Vorsitzende der China Development Bank, äußerte sich in einem Interview in diese Richtung: "Jeder erzählt, wir sollen uns Richtung Westen wenden und unterbewertete Firmen kaufen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht an die Wall Street gehen sollten, sondern uns stattdessen auf Rohstoffe und Energie konzentrieren sollten."

Es ist freilich nicht alles langfristig strategisch geplant, was aus China kommt. Auf einer Webseite namens "Caijing" berichtet ein gewisser Andy Xie über die weniger soliden Seiten des chinesischen Wirtschaftswunders: "Fear the Dark Side of China's Lending Surge" schreibt er unter dem 19.06.(offenbar 2009; echt 'genial', dass die Angabe der Jahreszahl im Text fehlt!):
"Banks loans designed to spark economic recovery have been channeled into asset speculation, doing more harm than good.
China's credit boom has increased bank lending by more than 6 trillion yuan since December. Many analysts think an economic boom will follow in the second half 2009. They will be disappointed. Much of this lending has not been used to support tangible projects but, instead, has been channeled into asset markets
."
"Ganz schön amerikanisch geworden" könnte man dazu passend aus dem Artikel "China kennt die Kraft der Illusion" der Financial Times Deutschland (FTD) vom 18.06.2009 sagen. (Einleitungstext: "Das Land will nur noch chinesisch kaufen, frisiert volkswirtschaftliche Statistiken und hängt weiter vom Ausland ab. Ganz schön amerikanisch geworden.") [Erg. 19.12.09: Weg iss'er, der Amerika-kritische Kommentar in der FTD!]


Nachtrag 09.09.09
Zur chinesischen Rohstoffpolitik vergleiche auch den Bloomberg-Bericht "China Considers Rare-Earth Reserve in Inner Mongolia" vom 02.09.2009 über Produktionseinschränkungen und Exportbeschränkungen für seltene Erde (Minerale, Metalle):
"China, holder of the world’s largest rare-earths deposits, may build a strategic reserve in Inner Mongolia, strengthening its control over materials used in technology ranging from iPods to guided missiles."


Nachtrag 04.01.2010
Neues vom chinesischen Ressourcenbohrwurm: Andrzej Rybak berichtet heute in der Financial Times Deutschland (FTD) über "Nigerias begehrte Energie":
"Der Kampf um die Rohstoffvorkommen in Nigeria erreicht die nächste Stufe: Jahrelang haben westliche Konzerne das Geschäft beherrscht. Nun greifen Russland und China an - und bringen die USA und Europa in Bedrängnis."


Nachtrag 26.11.10 22.11.2010
Im Manager-Magazin kritisiert Wolfgang Hirn am 22.11.2010 die westliche Sorglosigkeit in der Ressourcenfrage: "Im Kaufrausch China greift an, der Westen schaut zu"





Textstand vom 26.11.2010.
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