Donnerstag, 9. Oktober 2008

Finanzkrise (Finanzmarktkrise): Ist BEN BERNANKE BESCHEUERT oder ist Burkhardt Brinkmann blöd?

09.10.08 ff.
    
 

[Hervorhebungen jeweils von mir]
Ben Bernanke, "Chairman of the Board of Governors of the Federal Reserve System" also Präsident der kurz "Fed" genannten US-amerikanischen Zentralbank (Notenbank) hat den Hubschrauber aufsteigen lassen. Das war mein spontaner Gedanke, als ich im Handelsblatt die Überschrift "Kollaps der Geld- und Kreditmärkte. US-Notenbank vergibt Kredit ohne Sicherheit" vom 07.10.08 las. Einleitung:
"In den USA haben sich Notenbank und Finanzministerium im Kampf gegen die immer weiter ausufernde Geldmarktkrise zu einem dramatischen Schritt entschlossen."
Im weiteren Text erfahren wir u. a. (meine Hervorhebungen):
"Die Maßnahme ist in der fast 100jährigen Geschichte der Fed einmalig, weil Commercial Papers durch die Krise auf den Finanzmärkten vielfach nahezu wertlos geworden sind und Zentralbanken normalerweise nur erstklassige und vor allem liquide Wertpapiere als Sicherheiten akzeptieren. Die Fed kauft die Commercial Papers nicht direkt, sondern über eine außerbilanzielle Zweckgesellschaft."
Auf der höchsten Ebene des Weltfinanzsystems arbeitet man also mittlerweile mit dem gleichen Bilanz-Schwindel, wie ihn die Sächsische Landesbank und die West-LB praktiziert haben. (Verschiedentlich wird behauptet, dass bereits der Wegfall der Erfassung der Geldmenge "M3" in den USA – sowie auch Änderungen in der Berechnung der Inflationsindizes – manipulativen Zwecken gedient hätten. Im taz-Bericht "USA interessieren sich nicht mehr für ihr Geld" vom 25.11.2005 heißt es zwar:
"Die US-Notenbank will die Geldmenge M3 nicht mehr erfassen - deutsche Experten sehen es gelassen. Sie halten nichts von der Verschwörungstheorie, dass die USA ein Inflationsrisiko verstecken. Die US-Haushalte legen Geld nur anders an", aber auch: "Die US-Notenbank (FED) hat sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: Ab März 2006 wird sie die so genannte Geldmenge M3 nicht mehr erfassen - und daher auch nicht mehr veröffentlichen. Die Bundesbank reagierte überrascht: "Davon haben wir noch nichts gehört." Auf Nachfrage hieß es dann, ‚grundsätzlich kommentieren wir die Entscheidungen der FED nicht'."
Ich überblicke die Implikationen dieser Entscheidung(en) nicht. Aufgrund der derzeitigen Vorgänge, aber auch aufgrund der Rede von Bernanke, die zwar ausdrücklich nicht offizieller Natur war, aber wohl doch Ausdruck der auch damals schon stark ausgeprägten Bereitschaft der US-Zentralbank, Geld in die Wirtschaft zu pumpen um auch die kleinste Rezession zu verhindern, traue ich mittlerweile der US-Notenbank durchaus zu, dass sie hier ganz bewusst manipuliert hat. So dass ich ihr auch in Zukunft nicht trauen und, wäre ich Unternehmer oder Investor, grün bedrucktes Papier aus Washington nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen würde.


Unklar ist mir allerdings die finanzielle Rolle des US-Finanzministeriums in dieser Angelegenheit. Der Satz "Um das Ausfallrisiko zu begrenzen, werde das Finanzministerium eine neue für diesen Zweck geschaffene Fazilität mit Einlagen ausstatten, hieß es weiter" hilft mir auch nicht und lässt nicht einmal halbwegs erahnen, wer da letztlich die Zeche zahlt: der Steuerzahler - oder der Konsument (durch zwangsläufig eintretende Inflation, sofern diese Geldschwemme durch Anwerfen der Notenpresse erfolgt)?
Wenn die Operation aus Steuermitteln finanziert wird (aus welchen? aus dem 700-Milliarden-Dollar Hilfspaket?), läge natürlich kein Fall von Geldschöpfung vor. Dann wäre es allerdings unverständlich, weshalb die Fed die anzukaufenden Subprime-Papiere nicht in ihre Bilanzen aufnehmen will.
Jedenfalls kommt auch der kurze ARD-Bericht (den ich später bei der News-Suche nach Bernanke + Hubschrauber fand) vom 07.10.2008, 15:53 Uhr, "US-Notenbank startet den Heli" zu dem Schluss, dass Bernanke den Hubschrauber gestartet hat, und das ist dort, genau wie in meiner Vorstellung, lediglich ein Bild für eine Bekämpfung der Finanzmarktkrise durch Geldschöpfung.


Das Hubschrauber-Gleichnis ist im Zusammenhang mit Bernanke aber schon länger in aller Munde; man könnte sagen, dass dieses geflügelte Wort Bernanke wie ein Flügel angewachsen ist. Oder wie ein Rotorblatt.
Indes wollte ich mich nicht mit mehr oder weniger vagen oder entstellenden Erwähnungen in den Medien begnügen, wie z. B. der Behauptung von Bill Bonner in einem Marktkommentar auf dem Schweizer Wirtschafts-Portal "Zeitenwende" unter der Überschrift "Bernankes Helikopter laufen warm" vom 15.01.2008 über Bernanke:
"Er will verhindern, dass diese Rezession die Vereinigten Staaten erreicht – und das auf die schlimmstmögliche Weise, indem er Papiergeld abwirft, ‚notfalls sogar von Hubschraubern'" (Was hier hübsch visualisiert ist).
[Auch wenn er Bernanke hier falsch zitiert: in der Sache hat Bonner Recht und die Ereignisse haben seine Prognosen auf geradezu beklemmende Weise bestätigt. Lesenswert!]


"Ad fontes" zu gehen ist hier nicht schwer; Bernankes Rede mit der ‚Hubschrauber-Passage' findet sich im Internet auf Anhieb. Gehalten hat er sie bereits am 21.11.2002. Die "Remarks by Governor Ben S. Bernanke before the National Economists Club, Washington, D.C." sind überschrieben: "Deflation: Making Sure 'It' Doesn't Happen Here"

Die in der Öffentlichkeit (s. a. oben) weit verbreitete Meinung, er habe gefordert notfalls Papiergeld von Hubschraubern abzuwerfen, um eine Deflation (und damit eine realwirtschaftliche Rezession) zu verhindern, ist so nicht korrekt (s. u.).
Trotzdem ist die Unterstellung im Ergebnis nicht unfair und keine Verzerrung seiner Darlegungen über die Möglichkeiten zur Bekämpfung einer Deflation. Bernanke sagt nämlich selbst, dass die von ihm geforderten Maßnahmen einem Geldabwurf vom Hubschrauber im Wesentlichen gleichkämen ("A money-financed tax cut is essentially equivalent to Milton Friedman's famous ‚'helicopter drop' of money.").
[Unter einem anderen Blickwinkel könnte man sogar behaupten, dass die Zuschreibung übermäßig fair ist. Bei einem Geldabwurf hätte nämlich jeder die Chance, die Scheine abzugreifen. Bei einer Liquiditätsüberflutung auf dem Weg über die normalen Finanzmarktkanäle bleibt dagegen mit struktureller Zwangsläufigkeit einiges an den Fingern der Aktionäre der Geschäftsbanken usw. kleben, d. h. auch die reiche Republikaner-Klientel kommt nicht zu kurz, und muss nicht einmal auf der Jagd nach dem Geld durch die Straßen von Manhattan hetzen und sich mit dem Pöbel balgen.]
Damit meine Leserinnen und Leser sich selbst ein Bild machen können ohne mich verlassen zu müssen, nachfolgend der vollständige ‚Hubschrauber-Absatz' (und auch der daran anschließende) (meine Hervorhebungen):
"Fiscal Policy

Each of the policy options I have discussed so far involves the Fed's acting on its own. In practice, the effectiveness of anti-deflation policy could be significantly enhanced by cooperation between the monetary and fiscal authorities. A broad-based tax cut, for example, accommodated by a program of open-market purchases to alleviate any tendency for interest rates to increase [genau das ist derzeit anscheinend geplant], would almost certainly be an effective stimulant to consumption and hence to prices. Even if households decided not to increase consumption but instead re-balanced their portfolios by using their extra cash to acquire real and financial assets, the resulting increase in asset values would lower the cost of capital and improve the balance sheet positions of potential borrowers. A money-financed tax cut is essentially equivalent to Milton Friedman's famous 'helicopter drop' of money. [Fn. 18 dazu s. u.]
Of course, in lieu of tax cuts or increases in transfers the government could increase spending on current goods and services or even acquire existing real or financial assets. If the Treasury issued debt to purchase private assets and the Fed then purchased an equal amount of Treasury debt with newly created money, the whole operation would be the economic equivalent of direct open-market operations in private assets."


Den Text der zugehörigen Fußnote Nr. 18 will ich nicht unterschlagen (meine Hervorhebungen):
"A tax cut financed by money creation is the equivalent of a bond-financed tax cut plus an open-market operation in bonds by the Fed, and so arguably no explicit coordination is needed. However, a pledge by the Fed to keep the Treasury's borrowing costs low, as would be the case under my preferred alternative of fixing portions of the Treasury yield curve, might increase the willingness of the fiscal authorities to cut taxes.

Some have argued (on theoretical rather than empirical grounds) that a money-financed tax cut might not stimulate people to spend more because the public might fear that future tax increases will just "take back" the money they have received. Eggertson (2002) provides a theoretical analysis showing that, if government bonds are not indexed to inflation and certain other conditions apply, a money-financed tax cut will in fact raise spending and inflation. In brief, the reason is that people know that inflation erodes the real value of the government's debt and, therefore, that it is in the interest of the government to create some inflation. Hence they will believe the government's promise not to "take back" in future taxes the money distributed by means of the tax cut."


Lesenden Auges bin ich allerdings noch gar nicht bis zu diesem Passus vorgedrungen (d. h. ich habe ihn nur über die Suchfunktion vorweg angesteuert). Denn schon ziemlich am Anfang habe ich mich im ‚Fußnotengestrüpp' verfangen.
Konkret in den beiden Fußnoten 2 und 3, denn die müssen den unbefangenen Beobachter daran zweifeln lassen, ob Ben Bernanke überhaupt versteht, worüber er redet, zumindest wenn er von Zinsen spricht.


Es geht hier um "nominal interest rates" (Nominalzinsen) und "real interest rates" (Realzinsen). Man sollte glauben, dass diese beiden Begriffe sonnenklar sind, auch wenn vielleicht nicht jedem klar ist, was "Realzinsen" sind.
Jedenfalls kennt jeder das, was üblicher Weise als Nominalzins bezeichnet wird: das, ‚was draufsteht', der Satz, den die Bank (usw.) für meine Einlagen oder anderweitige Kreditvergabe (auch wenn ich Geld auf meinem Konto spare, gebe ich der Bank einen Kredit!) zahlt. Oder was ich für einen Kredit bezahlen müsste. Es geht also um Einlagenzinsen bzw. Kreditzinsen. (Es ist deshalb genau genommen falsch, von einem Nominalzins und einem Realzins zu sprechen: jedenfalls bei einer Kreditgewährung durch Banken gibt es deren immer zwei: für die Kapitalgeber -Sparer- den Einlagenzins, für den Kreditnehmer den Kreditzins, und die Unterscheidung in Nominal- und Realzins macht natürlich für beide Seiten Sinn und ist für beide sehr wichtig.)
Die Höhe des Nominalzinssatzes ist aber ziemlich uninteressant (wenigstens solange er über der Nullmarke liegt). Wenn jemand am Jahresanfang 20.000 € bei der Bank einzahlt, um sich am Jahresende ein Auto zu kaufen, das aktuell ebenfalls 20.000,- € kostet, dann interessiert ihn oder sie (jedenfalls im ökonomischen Modell, also im theoretischen Idealfall) die Relation zwischen Vermögen und Kaufpreis am Anfang und Ende des Jahres. Wenn ich 10% Zinsen kassiere, und das Auto kostet immer noch 20.000,- €, habe ich einen guten Schnitt gemacht; grob gerechnet habe ich 10% gewonnen. Anders gesagt, habe ich einen positiven Realzins von ca. 10% kassiert.
Kostet das Auto jedoch 22.000,- €, habe ich weder Gewinn noch Verlust. Der Realzins beträgt 0%.
Steigt aber der Preis auf 24.000,- € werde ich mich schwarz ärgern. Denn nun habe ich einen Verlust von (wiederum sehr grob gerechnet) 10% zu beklagen. Anders gesagt: Meine Sparfreude, meine Bereitschaft zu einem temporären Konsumverzicht, wurde nicht belohnt, sondern durch einen negativen Realzins von irgendwo bei 10% bestraft.
[Nutznießer wäre in diesem Falle derjenige, an welchen mein Geld von der Bank als Kredit "durchgereicht" wurde. Der muss zwar zusätzlich noch ein paar Prozent an die Bank abdrücken, bekommt aber sein Auto (am Jahresanfang) zum Preis von z. B. 23.000,- € inklusive der Kreditzinsen.]


In dem o. a. Sinne von ‚was draufsteht' verwendet Ben Bernanke den Begriff "Nominalzins" auch in seinem Redetext:
"Deflation of sufficient magnitude may result in the nominal interest rate declining to zero or very close to zero." Und direkt im Anschluss: " … suppose that deflation is proceeding at a clip of 10 percent per year. Then someone who borrows for a year at a nominal interest rate of zero actually faces a 10 percent real cost of funds, as the loan must be repaid in dollars whose purchasing power is 10 percent greater than that of the dollars borrowed originally."
Da kann er ja wohl nur jenen Zinssatz meinen, den die Bank (usw.) dem Einleger (Anleger) bietet bzw. als Kreditzins verlangt. [Dass Bernanke in seiner Rede nicht unterscheidet zwischen den (bei Bankkrediten - vgl. dazu oben) zwei Nominalzinsen und Realzinsen für Einleger einerseits und Entleiher andererseits sehe ich nicht nur als Nachlässigkeit an, die man übergehen könnte, weil ohnehin jeder weiß, was gemeint ist. Diese Differenz kann zu einem gewaltigen Problem für die Zinspolitik der Notenbank werden. Wenn sie zu dem Schluss kommt, dass -etwa bei einer Deflation- ein Nominalzins von Null für die Kreditnehmer angemessen ist, gefährdet sie den Sparwillen der Einleger. Um Kredite zu 0% Zinsen herauslegen zu können, müssten die Banken den Einlegern Negativzinsen berechnen, gewissermaßen Strafzinsen dafür, dass sie es dem Kreditinstitut zumuten, ihr Geld für sie zu verwalten. Ohne Spanne kann schließlich die Kreditwirtschaft nicht leben.]
Aber zurück zur grundsätzlichen Unterscheidung von Nominal- und Realzins. So wie ich den Nominalzins beschrieben habe, wird er auch in der englischsprachigen Wikipedia definiert ("In this analysis, the nominal rate is the stated rate"); die deutschsprachige führt das Stichwort per 09.10.08 nicht selbständig.


In Fußnote 2 dagegen definiert Bernanke den Nominalzins ganz anders:
"The nominal interest rate is the sum of the real interest rate and expected inflation."
Das ist eine Mystifikation des simpelsten Faktums der Welt (das an jedem Bankschalter aushängt); zur Erklärung seiner Überlegungen ist diese Pseudo-Definition so überflüssig wie ein Kropf und außerdem geschwollen wie ein Geschwulst. Was Bernanke hier von sich gibt, ist lediglich die sinnleere Umkehrung einer Definition der Realzinsen. Diese errechnen sich in der Tat aus Nominalzinsen (deren absolute Höhe jedoch bekannt ist und die deshalb einer zirkulären oder selbstbezüglichen Definition anhand der Realzinsen weder bedürfen noch eine solche vertragen) plus Inflation. (Bzw. plus erwartete Inflation – dazu unten mehr.)
Bernankes Definition des Realzinses finden wir unmittelbar anschließend in Fußnote 3:
"The real interest rate equals the nominal interest rate minus the expected rate of inflation (see the previous footnote). The real interest rate measures the real (that is, inflation-adjusted) cost of borrowing or lending."
(Hier widerspricht der zweite Satz dem ersten: aus einer Inflationserwartung lassen sich keine Inflationskosten ermitteln. Erwartung und Wirklichkeit mögen zwar lange Zeit einigermaßen nah beieinander gelegen haben; aber die Erinnerung an die deutsche Hyperinflation Anfang der 20er Jahre oder mehr rezenter Hyperinflationen z. B. in südamerikanischen Ländern zeigen, wie absurd die hier von Bernanke vorgenommene Gleichsetzung ist.)



Ich bin keine mathematische Leuchte, leider. Aber zur Umsetzung der Bernankeschen Begriffsdefinitionen in Gleichungen reicht es noch. Mathematisch ergibt sich aus den vorgenannten Bestimmungen die folgende ‚Bernanke-Gleichung':
(Expected) inflation rate        =    3% (abstrakt müsste hier z. B. "Z" für konkrete Zahl schreiben; aus Gründen der Anschaulichkeit setze ich stattdessen die "3" ein).
Nominal interest        =    Real interest + (expected) inflation rate = R + 3 = "N".
Real interest            =    Nominal interest ./. (expected) inflation rate = N ./. 3 = (R + 3 ./. 3) = R.
Am Ende erfahren wir also aus diesen ganzen Operationen, dass N = N und R = R ist. Damit sind wir nicht schlauer, als wir am Anfang waren.

Diese Gleichung ist mithin unbrauchbar, weil ihr auf keine Weise die absolute Höhe von N oder R zu entnehmen ist. "N" verweist auf "R" und umgekehrt.
In Wirklichkeit ist der Nominalzinssatz immer der absoluten Höhe nach bekannt – eben das, was (z. B.) die Bank bietet (als Schuldnerin = Kreditnehmerin) oder fordert (als Gläubigerin = Darlehnsgeberin). Für die Ermittlung des Realzinssatzes wäre er die unabhängige Variable. Der Realzins lässt sich daraus leicht ermitteln. ["Leicht" wenigstens näherungsweise; die Ermittlung der exakten Höhe ist doch ein wenig komplizierter und erfolgt mittels der Fisher equation (die in einer einfacheren, hier ausreichenden, Version in der Wikipedia unter "real interest" dargeboten wird).]


Die tautologische oder selbstreferentielle Definition der beiden Zinsbegriffe (bzw. eigentlich nur des Begriffs "Nominalzins", denn der Realzins ist ja – vom problematischen "expected" einmal abgesehen - tatsächlich nach der o. a. Formel zu ermitteln, wenn man für den Nominalzins einen absoluten Wert vorgibt) ist aber nicht das einzige Problem, dass ich mit Bernankes beiden Fußangeln habe. Völlig unverständlich ist für mich, dass er den Realzins in Abhängigkeit von der "expected inflation" definiert.
Allerdings ist das (für mich überraschend) offenbar die gängige Formel in der Wirtschaftswissenschaft. In der Wikipedia lesen wir dem entsprechend:
"Ein Realzins ist definiert als ein um die erwartete Inflation korrigierter nominaler Zinssatz."
In der englischsprachigen Wikipedia ist die Definition widersprüchlich
"The 'real interest rate' is approximately the nominal interest rate minus the inflation rate (see Fisher equation and below for exact equation)."
Diese ‚Fischer-Gleichung' legt aber anscheinend die erwartete Inflationsrate zugrunde, denn weiter unten heißt es:
"See Fisher equation 1+i = (1+r)(1+π) where i = nominal interest rate; r = real interest rate; π = expected inflation rate."
Auch der deutschsprachige Eintrag verwickelt sich (Stand 09.10.08) in Widersprüche:
"Ein Realzins ist definiert als ein um die erwartete Inflation korrigierter nominaler Zinssatz. Er gibt folglich den realen Ertrag einer Anlage an."
Die Schlussfolgerung des 2. aus dem 1. Satz ist natürlich unzutreffend: aus einer "erwarteten" Inflationsrate lässt sich kein "realer" Ertrag ermitteln.
Dass beide Perspektiven vermischt werden, spricht zwar auch gegen Bernanke. Als Wissenschaftler, der er war, müsste er so etwas eigentlich erkennen und sollte sich schämen, seinen Lesern unter dem gleichen Begriff zwei unterschiedliche Sachverhalte unterzujubeln. Es macht aber auch insgesamt misstrauisch gegen die Hexenkünste der Finanzbranche.
Für mich ist es jedenfalls absolut unverständlich, dass die Wirtschaftswissenschaft den Begriff "Realzins" (real interest rate) offenbar in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird, nämlich:
- Nominalzins minus erwarteter Inflationsrate (Perspektive ex ante oder ‚Handlungsperspektive') und
- Nominalzins minus tatsächlicher Inflationsrate (Perspektive ex post oder ‚Buchungsperspektive').
Beide Sichtweisen machen Sinn in unterschiedlichen Erkenntnis- bzw. Wirkungszusammenhängen. Sinnvoll wäre es aber , die beiden verschiedenen Realzinsbegriffe terminologisch zu trennen. (Man könnte z. B. im ersten Falle von "Erwartungszins" sprechen.)
Eine Zentralbank muss natürlich zunächst einmal überlegen, wie ihre monetären Signale das Handeln der Wirtschaftssubjekte beeinflussen. Dieser Einfluss läuft über Erwartungen einerseits und konkrete aktuelle Reize (z. B. Zinshöhe) andererseits. Allerdings sind die Erwartungen ihrerseits von früheren Erfahrungen geprägt. Wenn ich merke, dass der Staat oder die Notenbank mich beschissen haben (Inflation!), traue ich denen nicht mehr über den Weg. So etwas merke ich erst (gewissermaßen:) am Jahresende: wenn ich mein Geld (aus dem o. a. Exempel) abhebe und mir ein Auto kaufen will. Meine heutige Erwartung ist, überspitzt gesagt, die Erfahrung von gestern (d. h. sie wird wesentlich von dieser geprägt; natürlich gehen aber auch die aktuellen Daten ein), meine morgige Erwartung ist die Erfahrung von heute, und meine übermorgige die von morgen. (Umgekehrt formuliert: meine Erfahrung von heute mutiert morgen zu meiner Erwartung.) Wegen dieses psychologischen Mechanismus ist es schon wichtig, wie sich die Geldpolitik einer Notenbank real auswirkt, d. h. z. B. was ich mir für mein Geld am Jahresende noch kaufen kann. Wenn Bernanke die (heutige) Erwartung und die (morgige) Realität nicht mehr auseinander halten kann – und nur so kann ich prima facie seine wirren Ausführungen in diesen Zusammenhang deuten – dann steht er damit in der Finanzblasenwirtschaft wohl kaum allein. Aber wir alle stehen dann mit solchen ökonomischen Varietékünstlern samt und sonders im Regen.


Mein Blogtitel ist nicht nur provokant gewählt, sondern auch hoch riskant. Denn wenn so ein kleiner Kläffer wie ich gegen einen ausgewachsenen Wirtschaftswissenschaftler und Notenbankpräsidenten antritt, wird sich kaum jemand auf meine Seite schlagen. Auch im ca. 170. Jahr Andersenscher Zeitrechnung glaubt die große Mehrheit der Menschen noch immer, dass es nackte Kaiser einfach nicht geben kann. But however: errare humanum est.
Ich jedenfalls scheue mich nicht zu sagen, dass ich in einen solchen Geist an der Spitze (faktisch:) der Weltfinanzen nicht das allergrößte Vertrauen setzen mag. [Natürlich unterstelle ich Bernanke nicht, dass er nicht wüsste, was Nominalzinsen sind. Sein krauser Erklärungsversuch für den Leser seiner Rede deutet jedoch darauf hin, dass er sich hermetisch in einem weitgehend gegen die Realitätswahrnehmung abgeschotteten Denksystem bewegt - letztlich nicht anders, als die Finanzbranche selbst, die reale und erwartete Inflationsraten durcheinander wirft und gute und schlechte Bonitäten in einem Topf schmeißt und glaubt, dass das Triple-A-Bonitätssiegel einer Ratingagentur Zaubermacht hat.] Wobei ich selbst natürlich auch kein Krisenrezept habe, wie auch nirgends sonst überzeugende Rezepte gegen die Krise sehe. (Dass ein gehöriges Maß an Skepsis gegenüber dem Mainstream der Nationalökonomie –in anderer Weise sicherlich auch gegen die Außenseiter – angebracht ist, konnte ich bereits in meiner detaillierten Analyse der Argumente von Prof. Hans Werner Sinn und anderen für die teilweise Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens bei der gesetzlichen Rentenversicherung nachweisen: vgl. meine Webseite "Rentenreich".)
Zwar kann sich jeder mal vertun, mal eine falsche Zahl auf- oder abschreiben, einen falschen Begriff verwenden und sogar einen Sachverhalt falsch interpretieren. Aber der Mist, den Bernanke in diesen beiden Fußnoten verzapft, scheint mir vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung doch eher symptomatisch zu sein für den Grad der Realitätsentfremdung in den Gehirnen einiger Finanz"experten".
Vor einem solchen Hintergrund gewinnen dann auch Medienberichte an Glaubwürdigkeit, wonach manche Banker ihre eigenen "Finanzprodukte" (bzw. die Bankchefs die von ihren Mitarbeitern entwickelten "Produkte") nicht mehr verstehen.


Andere sind da zutraulicher. Sogar – man höre und staune – die "Sozialistische Tageszeitung" "Neues Deutschland!" Zumindest äußert Kurt Stenger in seinem Beitrag "Ben, Hank und der lange Abschied vom Monetarismus. Finanzkrise stellt das bisherige Politikverständnis der USA in Frage" vom 25.09.2008 eine Art vorsichtiges Lob: "Allerdings teilte er nie Friedmans rein schematisches Modelldenken, er zog seine Erkenntnisse lieber aus historischen Untersuchungen. Immer wieder wies er auf die »nicht-monetären« Effekte der Geldpolitik hin: Wachstum und Beschäftigung. Aus diesem Grunde zollen ihm auch linke Keynesianer Respekt".
"Wer ist Ben Bernanke?" fragt Christoph von Marschall, Washington, im "Tagesspiegel" vom 21.9.2008 und will wissen "WIE MEISTERT FED-CHEF BERNANKE DIE AKTUELLE KRISE?".
Max Otte, Professor an der Fachhochschule Worms und Autor des Buches "Der Crash kommt", legt am Schluss des Handelsblatt-Interviews "Finanzkrise: ‚Die Lügnerkredite waren bekannt'" Zeugnis ab für Ben Bernanke:
Frage: "Sie waren Doktorrand bei Ben Bernanke, dem Chef der US-Notenbank Fed. Wie beurteilen Sie dessen Arbeit als Krisenmanager?"
Antwort Otte: "Ben Bernanke hat sich bereits in seiner Forschungszeit schwerpunktmäßig mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre beschäftigt, ihren Ursachen und Wirkungen. Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, er habe sich schon frühzeitig auf seine späteren Aufgaben vorbereitet. Ich bin davon überzeugt, dass es derzeit keinen besseren Krisenmanager gibt als ihn."



Nun ja, auch ich will, um das noch zu sagen, Ben Bernanke nicht als Urheber allen Übels an den Finanzmärkten denunzieren. Doch teile ich die Sicht von Jens Münchrath und Ulf Sommer (Handelsblatt vom 10.10.2008,  10:55 Uhr ), dass die vorliegende "Finanzkrise: [eine] Terra incognita" ist und glaube deshalb auch, dass "Den Akteuren … jede Orientierung [fehlt]". Weil wir es mindestens in zweierlei Hinsicht mit einer Krise neuen Typs zu tun haben:
Zum einen steht das Verhältnis von Geld zur Realwirtschaft vermutlich außerhalb jeglicher historischen Proportion (ich vertrete ja schon lange die Auffassung, dass aus diesem Grunde die ‚Derivatewirtschaft' kein kapitalistischer Betriebsunfall ist, sondern gewissermaßen eine List der Vernunft, eine Notwehr des Marktes gegen die ihm auferlegte Kapitalstopfmast (vgl. Blotts "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" und "FAZ: Dahinter steckt nicht immer ein kluger Kopf").
Zum anderen steht uns eine Rohstoffverknappung ins Haus, wie (nicht nur:) der Ölpreis bereits signalisiert hat. Bislang war das Signal nur vorübergehend, aber selbst das Institut der Deutschen Wirtschaft hat sich – im August 2008 in einem Handelsblatt-Artikel so geäußert: "Beim Ölpreis könne aber trotz der jüngsten Rückgänge keine Entwarnung gegeben werden. Die Preise für Energierohstoffe würden tendenziell weiter steigen. Bei metallischen Rohstoffen, deren Preise ebenfalls massiv nach oben geschnellt waren, gebe es aber teilweise eine ‚besonders kritische' Lage".

Im rein finanzwirtschaftlichen Bereich ist m. E. Bernankes Amtsvorgänger Alan Greenspan der Vorwurf zu machen, dass er 1998 eine Rettungsoperation für den Hedgefonds "Long-Term Capital Management" (LTCM)organisiert hat. Damit hat er das falsche "moral hazard"-Signal für die Finanzbranche gesetzt. Ich kann ohnehin nicht nachvollziehen, wie ein Zusammenbruch dieses Fonds, der dann durch eine Kapitalzufuhr von (aus heutiger Sicht:) ‚lumpigen' 3,75 Milliarden USD gerettet werden konnte, das Weltfinanzsystem hätte gefährden können. Auf jeden Fall wären die Folgen damals mit Sicherheit weitaus milder gewesen, als sie es heute sind und in Zukunft noch sein werden.
Will man nicht so weit gehen, Alan Greenspans Rettungsaktion zu kritisieren, muss man sich an die US-Regierung halten, die daraus keine Konsequenzen gezogen und diese Fonds nicht stärker "an die Kandare" genommen hat. Aber auch da ist Alan Greenspan nicht außen vor: er hätte es zumindest öffentlich fordern können und müssen.
[Nachtrag 31.10.2008: Mittlerweile habe ich den Artikel "The Reckoning. Taking Hard New Look at a Greenspan Legacy" von PETER S. GOODMAN aus der The New York Times vom 08.10.2008 gelesen. (Für die mutmaßlich interessante Lektüre der 174 Leserkommentare fehlt mir leider die Zeit.) Diesem entnehme ich, dass Greenspan nicht nur keine stärkere Regulierung gefordert, sondern aktiv die Deregulierung betrieben und aufgrund seines Rufes und seines vermeintlichen Sachverstandes im US-Kongress auch durchgesetzt hat.
Greenspan weist die Verantwortung von sich und will der Welt eine Lieschen-Müller-Erklärung der Krisenursachen unterjubeln. In dem Artikel der USA Today "Greenspan takes one on the chin, admits flaws in system" (Sue Kirchhoff, 24.10.08; Untertitel: "The Oracle was blindsided") über eine Anhörung von Greenspan vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses heißt es u. a.: "he blamed the crash on a failure by investors to properly assess the risks from such mortgages, which went to borrowers with weak credit" - letztlich nichts anderes als die 'Gier-Theorie', mit der sich der 'Mann auf der Straße' die Finanzmarktkrise erklärt. An anderer Stelle las ich auch, dass Greenspan sich enttäuscht über das unethische Verhalten der Finanzmarktakteure gezeigt habe: als ob man nicht im Voraus hätte wissen können und sollen, dass die ihre Spielräume voll ausschöpfen werden!
Die aktuelle Position von Alan Greenspan ist ungefähr so überzeugend wie es diejenige eines Elektroingenieurs wäre, der fast alle Sicherungen aus einem Stromleitungsnetz herausgeschraubt hat und der große Augen macht, wenn es kracht.]


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Aus Zeitgründen kann ich die Rede leider – momentan zumindest – nicht halbwegs systematisch analysieren. Trotzdem will ich hier einige Punkte festhalten, die mir aufgefallen sind oder zu denen mir etwas eingefallen ist.
"A particularly important protective factor in the current environment is the strength of our financial system: Despite the adverse shocks of the past year [i. e. 2001], our banking system remains healthy and well-regulated, and firm and household balance sheets are for the most part in good shape." Der Satz lässt uns heute wohl nur noch schmunzeln. Oder mit den Zähnen knirschen: wenn man nämlich den FAZ-Gastkommentar "Am US-Immobilienmarkt droht die nächste Blase zu platzen" von John F. Wasik, Bloomberg News liest – vom 11. November 2002, also 10 Tage vor Bernankes Rede geschrieben. Das lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass Bernanke (wie offenbar auch seine Kollegen und sein damaliger Boss Alan Greenspan) die Situation nicht verstanden, nicht ernst genommen oder uns wider besseres Wissen beruhigt haben.
"I am confident that the Fed would take whatever means necessary to prevent significant deflation in the United States and, moreover, that the U.S. central bank, in cooperation with other parts of the government as needed, has sufficient policy instruments to ensure that any deflation that might occur would be both mild and brief." Diesen Satz darf man wohl als Präfiguration der aktuellen Lage deuten. Ich bin allerdings aus verschiedenen Gründen skeptisch, ob die Fed die USA und die Welt mit den von Bernanke skizzierten Methoden (die im übrigen vermutlich nicht seine Spezialrezepte sind, sondern gängige Medizin sein dürften, allenfalls in größeren oder gröberen Dosen verabreicht) aus der Krise rausholt. Es wäre u. a. denkbar, dass sie dem Finanzmarkt schon in der Vergangenheit solche Dopingmittel zugeführt und uns den Schlamassel überhaupt erst eingebrockt hat.
"Once the nominal interest rate is at zero, no further downward adjustment in the rate can occur, since lenders generally will not accept a negative nominal interest rate when it is possible instead to hold cash. [Hier spricht Bernanke also über den Einlagenzins; die Kreditzinsen müssten in diesem Falle immer noch deutlich über Null liegen, um den Banken ein Auskommen zu ermöglichen.] At this point, the nominal interest rate is said to have hit the 'zero bound'." Es gäbe allerdings eine theoretische (und kurzzeitig und lokal im österreichischen Wörgl vom damaligen Bürgermeister Michael Unterguggenberger während der Weltwirtschaftskrise tatsächlich auch praktizierte) Möglichkeit, den Einlagenzinssatz unter die Nullgrenze zu drücken: Das "Schwundgeld" (auch "Umlaufgesichertes Geld", "Freigeld" oder "Neutralgeld" genannt; in meinen Augen ist aber Schwundgeld die treffendste und ehrlichste Bezeichnung). Ich will das nicht propagieren, da ich selbst einer administrativen Geldentwertung (d. h. einer Absenkung des Nominalwertes) äußerst skeptisch gegenüberstehe. [Vgl. dazu auch meine Debatte mit Dr. Geue, der meine E-Mail-Beiträge teilweise auf seiner Webseite wiedergegeben hat.] Ich will auch Bernanke nicht vorwerfen, dass er diese Möglichkeit im Rahmen seiner Rede nicht erwogen hat. Nur der Vollständigkeit halber soll hier dennoch erwähnt sein, dass die Nullgrenze für Nominalzinsen in einem solchen System bzw. mit Hilfe eines solchen Systems tatsächlich unten durchbrochen werden könnte. Im Rahmen unseres gegebenen Geldsystems ist es natürlich zutreffend, dass "When the short-term interest rate hits zero, the central bank can no longer ease policy by lowering its usual interest-rate target."
[Erg. 1.2.09: Ich sehe übrigens keinerlei absolutes Hindernis, weshalb eine Notenbank Geld nicht sogar zu einem negativen Zinssatz ausleihen könnte. Eine Bank, die eine Million ausgeliehen hat, müsste dann bei Fälligkeit lediglich z. B. 950.000 zurück zahlen. Das wäre natürlich ein Verlustsgeschäft für die Zentralbank, welche die Differenz aus ihren Rücklagen, durch Zuschüsse des Fiskus oder durch Gelddrucken decken müsste. Würde die Notenbank ihrerseits in solchen Fällen den Geschäftsbanken einen Zinssatz für die Ausleihe vorschreiben, z. B. 0%, käme diese Zinssubvention auch tatsächlich in der Wirtschaft an. Vielleicht wäre ein solches Konjunkturprogramm sogar effektiver als alles, was sich die Regierungen derzeit so einfallen lassen.]

Mit diesem Erreichen der unteren Zinsgrenze sei aber, sagt Bernanke, die Möglichkeit der Notenbank, Geld in die Wirtschaft zu pumpen, keineswegs erschöpft:
"However, a principal message of my talk today is that a central bank whose accustomed policy rate has been forced down to zero has most definitely not run out of ammunition. … a central bank, either alone or in cooperation with other parts of the government, retains considerable power to expand aggregate demand and economic activity even when its accustomed policy rate is at zero. … I will first discuss measures for preventing deflation--the preferable option if feasible. I will then turn to policy measures that the Fed and other government authorities can take if prevention efforts fail and deflation appears to be gaining a foothold in the economy."
Bernanke fordert eine "full utilization of economic resources". Diese könnten allerdings, wie ich oben schon erwähnt hatte, durch die sich abzeichnende Ressourcenverknappung beschränkt sein, so dass wir es hier mit einer Krise neuen Typs zu tun hätten, der mit alten Rezepten der Geldpolitik nicht mehr beizukommen wäre.
Was er tun will, wenn sich eine Rezessionsgefahr abzeichnet, hat er in seinem Vortrag angekündigt und mittlerweile bereits in großem Umfang praktiziert. U. a. empfiehlt er:
"… when inflation is already low and the fundamentals of the economy suddenly deteriorate, the central bank should act more preemptively and more aggressively than usual in cutting rates [folgt Literaturangabe für entsprechende wirtschaftswissenschaftliche Lehrmeinungen]. By moving decisively and early, the Fed may be able to prevent the economy from slipping into deflation".
Dass er einige Verfahrensprobleme im Zusammenhang mit einer Stimulation der Gütermärkte durch eine Geldpolitik bei Erreichen der Nullzinsgrenze am Kapitalmarkt nicht im Rahmen einer solchen Rede ausführen kann ("…observations about monetary policy at the zero bound, sweeping under the rug for the moment some technical and operational issues"), ist nachvollziehbar.
Ich fürchte freilich, dass er die Möglichkeiten der Notenbank, jedenfalls in der gegenwärtigen Finanzkrise, falsch einschätzt, wenn er sagt (meine Hervorhebungen): "… under a fiat (that is, paper) money system, a government (in practice, the central bank in cooperation with other agencies) should always be able to generate increased nominal spending and inflation [sic!], even when the short-term nominal interest rate is at zero." Wenn es dennoch gelingt, könnten die Heilmittel Nebenwirkungen und vor allen Dingen Spätfolgen haben, die nicht weniger schlimm sind als die aktuelle Krise.
Bernanke glaubt, dass "The conclusion that deflation is always reversible under a fiat money system follows from basic economic reasoning". Er begründet diesen Satz mit einem Gedankenexperiment, in dem er einen Alchemisten einführt, der plötzlich zu geringen Kosten Gold machen kann. Schon die bloße Ankündigung, sagt er, würde zu einem Fallen des Goldpreises [und, darf man wohl ergänzen, durch die gesteigerte Goldzirkulation zu einer Stimulation der Wirtschaft] geführt haben. Ich erwähne das hier nicht aus kritischen Gründen (Bernanke dürfte damit völlig Recht haben), sondern aus historischem Interesse. In irgendeinem Internet-Text hatte ich nämlich kürzlich gelesen, dass auch Sir Isaac Newton in seiner Freizeit der Alchemie frönte, um Gold zu machen. Dass er dies heimlich getan habe (und deshalb kaum etwas darüber bekannt sei) sei nicht darauf zurück zu führen, dass er als aufgeklärter Naturwissenschaftler sich solcher obskuren Praktiken geschämt habe. Vielmehr habe die britische Regierung die Alchemie gerade deshalb verboten, weil man die Möglichkeit eines Erfolges keineswegs ausgeschlossen und für diesen Fall einen Absturz des Goldpreises befürchtet habe.
[Eine sehr interessante wirtschaftsgeschichtliche Information findet sich übrigens in der Fußnote 4 bei Bernanke. Danach war das wirtschaftliche Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts durch den Mangel an Gold behindert –Gold war ja damals, neben Silber, die gebräuchliche Form von Geld –, bis dann in den 1890er Jahren durch eine neue Scheidemethode die Extraktion des Edelmetalls aus den Erzen gesteigert werden konnte. (Mehr darüber evtl. in dem Buch "Die allgemeine Preisbewegung 1890-1913. Der Einfluß der Golderzeugung auf die Preisbildung 1890-1913
" von Gehlhoff, Wilhelm, 1928.]
 Dem hypothetischen Alchemistengold vergleichbar sei in unserer Zeit die Notenpresse [das ist sicherlich zutreffend, doch könnte er damit noch in einer ganz anderen Weise Recht haben, als ihm lieb ist]:
"Like gold, U.S. dollars have value only to the extent that they are strictly limited in supply. But the U.S. government has a technology, called a printing press (or, today, its electronic equivalent), that allows it to produce as many U.S. dollars as it wishes at essentially no cost. By increasing the number of U.S. dollars in circulation, or even by credibly threatening to do so, the U.S. government can also reduce the value of a dollar in terms of goods and services, which is equivalent to raising the prices in dollars of those goods and services. We conclude that, under a paper-money system, a determined government can always generate higher spending and hence positive inflation."
Die Finanzmärkte werden sich natürlich fragen, ob die Notenbank und die US-Regierung eine solche Inflationspolitik nicht schon längst betreiben (bzw. vielleicht sind die Märkte schon seit längerem zu genau dieser Schlussfolgerung gekommen und gerade deshalb in ihrem normalen Funktionieren gestört).
Auf den ersten Blick und im Rahmen konventioneller Finanzweisheit wirken seine Ausführungen schlüssig. Es könnte aber sein, dass die Bernankes Kapitalstopfmast nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt:
1) Geht er implizit von einer "standalone"-Situation der USA aus. Man erzählt uns zwar ständig und die Amerikaner reden sich wohl auch selbst immer wieder ein, dass Amerikas Wirtschaft vom Ausland nicht abhängig sei; der Außenhandel mache nur einen sehr geringen Prozentsatz der gesamten nationalen Wirtschaftsleistung aus. So ganz kann diese Story freilich nicht stimmen (bzw. spiegeln die bloßen Zahlen nicht die Wirkungszusammenhänge); die Ölpreissteigerungen und die erhöhte Importrechnung haben die US-Wirtschaft hart getroffen, und stehen wahrscheinlich in einem direkten Zusammenhang mit der aktuellen Finanzkrise (deren Vorbeben schon seit über einem Jahr zu spüren waren; vgl. die Chronologie der Finanzmarktkrise bei N24, auf der Webseite der "Tagesschau" und vielen anderen). Und dass Amerika schon lange die Güter der Welt konsumiert ohne realen Gegenwert zu liefern, also "auf Pump" lebt, ist ja allgemein bekannt.
2) In meinem "Rentenreich" (s. o.) bzw. hier im Blog in dem Blott "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" habe ich (im Sinne einer Arbeitshypothese) die Auffassung vertreten, dass die Derivatewirtschaft möglicherweise der Absorption eines Geldkapitalüberschusses an den Finanzmärkten dient ["In der Tat ist die Derivatewirtschaft marktwirtschaftlich wertvoll und vermutlich unentbehrlich, obwohl (bzw. aus anderer Perspektive: weil) sie keine Werte schafft, und sogar Werte vernichtet. Indem sie dem dort "investierten" Geldkapital die Möglichkeit nimmt, realwirtschaftliches Wachstum zu schaffen, koppelt sie das Geldkapital teilweise von dem Realkapital ab. Insoweit nimmt sie ihm die Möglichkeit, in der Realwirtschaft Werte zu schaffen. Damit hilft sie, ein Absinken des Renditeniveaus zu verhindern bzw. umgekehrt eine Inflation der Preise für Güter und Dienstleistungen (im Anlage- wie in Konsumbereich, wohin ein Teil des Geldes zweifellos fließen würde, wenn die Investitionen nicht mehr zinsträchtig wären)."] Sofern das zutrifft, könnten Geldspritzen der Notenbank dorthin abdriften statt die Realwirtschaft anzkurbeln.
3) Bernankes Hubschrauber-Gleichnis ist (um das an dieser Stelle schon vorweg zu nehmen) fundamental verfehlt. Wer einfach Geldscheine druckt und sie unter das Volk wirft, verschenkt das Geld. Geschenktes Geld kann man leichten Herzens ausgeben. Bernankes sämtliche Vorschläge aber laufen darauf hinaus, den Wirtschaftssubjekten (oder dem Staat, der daraufhin die Steuern senken soll) Kredite aufzudrücken. Dafür braucht man aber zwei ‚Mitspieler': einen, der Geld verleiht (die Bernanke-Bank) und einen, der Kredit aufzunehmen bereit ist. Daran dürfte es mangeln (und die Spielräume des Steuersenkungs-Wirtschaftsbelebungsspiels dürften in Amerika schon Ronald Reagan und zuletzt noch George Bush weitestgehend ausgeschöpft haben: ad infinitum funktioniert so etwas nicht).
4) Im Zusammenhang damit wäre an die Verteilungsproblematik zu denken: könnte es sein, dass die Klassen der Geldbesitzer und die Klasse der Konsumfreudigen zu weit auseinanderklaffen? Frisches Geld landet anscheinend immer erst einmal bei denjenigen, die es nicht brauchen und die ihren Konsum überhaupt nicht mehr in sinnvoller Weise steigern können; dass es von dort zu den Bedürftigen durchsickert ("Trickle-Down") bezweifele (nicht nur) ich (u.a. in meinem Blott "DISKURS ÜBER DIE GRAVITATION DES GELDES oder TRICKLE DOWN ECONOMY FUNKTIONIERT DOCH!") Diejenigen, die es sich nicht leisten konnten, haben ihre Häuser ja schon gekauft (und viele haben sie inzwischen zwangsweise wieder verkauft). Will, soll oder kann jemand diese ‚gebrannten Kinder' erneut in den Konsumrausch peitschen?
5) Was die psychologische Dimension angeht (Bernanke will die Menschen letztlich mit der Konsumpeitsche der Inflationsangst zum Kaufen treiben), könnte die Notenbank ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Auf diese Tour ist sie ja schon die ganze Zeit über geritten; jetzt aber fallen die Häuserpreise, und dass z. B. die Preise für Pkws steigen, wird in Amerika auch kein Mensch glauben. Warum also sollten die Leute heute panisch kaufen, statt vernünftig zu sparen? Das Vertrauen ist ja nicht nur an den Finanzmärkten erschüttert: wer sein Haus verloren hat, weil er die Hypotheken nicht mehr bezahlen konnte (oder ohne Hauskauf pleite gegangen ist), wird sich wohl nicht so schnell wieder von den Rattenfängern der US-Notenbank in die nächste Shopping Mall locken lassen.
6) Vor allem aber könnte es sein, dass der Markt momentan schon auf eine kommende Rohstoffknappheit ("Peak Oil" - Ölfördermaximum usw.) reagiert. Schließlich haben uns die "Cornucopians" (z. B. Julian Simons in den 1990er Jahren) doch immer wieder versichert, dass es keine Knappheit geben werde, weil der Markt das ansonsten im Voraus gewusst und reagiert hätte. Nun: diese Argumentation kehrt sich gegenwärtig gegen ihre Urheber. Der Markt weiß, was los ist, und verteuert entsprechend die Rohstoffe. Wenn man davon ausgeht, dass ernste Knappheiten schon bald bevorstehen, wäre es weder möglich noch intelligent, die Wirtschaft jetzt mit brachialer Geldgewalt ankurbeln zu wollen. Wenn die Menschheit gerade dabei ist, einen Paradigmenwechsel von der Überflusswirtschaft zur Mangelwirtschaft zu vollziehen, dann ist das, als würden wir im Sumpf oder Treibsand stecken: je heftiger wir uns bewegen, desto schneller rutschen wir rein. Ben Bernanke, aber letztlich wir alle, verhalten uns wie die Heizer auf der Dampflok, die nicht gemerkt haben, dass die Menschheit gerade im Umsteigen begriffen ist. Auf eine E-Lok? Nein: zurück in die Kutsche! Und die fackelt man höchstens ab, wenn man sie mit 'Kohlen' zuschaufelt. Das zu begreifen ist freilich die Aufgabe von uns allen; Bernanke mag intelligent sein, aber Intelligenz nützt nur dann etwas, wenn sie mit den richtigen Prämissen arbeitet. Die Scholastiker im Mittelalter waren mit Sicherheit intelligent; viele Alchemisten zweifellos auch. Die Wissenschaft hat ihre Paradigmenwechsel der Physik im 16. Jahrhundert gehabt, in der Chemie im 18. Jahrhundert, in der Wirtschaft wohl ebenfalls gegen Ende des 18. Jahrhunderts – und steht am Anfang des 21. Jahrhunderts vermutlich vor einer ‚Rolle rückwärts'.
Insoweit muss man feststellen, dass heute nicht irgendein System Bernanke oder ein System Greenspan infrage gestellt ist, und (zunächst) nicht einmal der Kapitalismus. Bedroht ist das System Industriegesellschaft und damit das System Neuzeit überhaupt.
Kann man Bernanke vorwerfen, dass er das nicht begreift? Auch sonst haben das bisher nur wenige Menschen verstanden; der Rest interessiert sich nicht dafür oder verdrängt es. Allerdings darf man wohl davon ausgehen, dass die Kaufverweigerung der Konsumenten im Automobilsektor mehr oder weniger unterbewusst auch von der Furcht über ein Ende des Ölzeitalters geprägt ist.


Für den Moment müssen diese Überlegungen reichen; vielleicht werden ich diesen Blott später ergänzen; vielleicht auch nicht.
Zunächst muss ich vor allem Bernankes Rede überhaupt erst einmal zu Ende lesen.


Ganz allgemein gilt (auch) für diese Finanzkrise das Wort von (angeblich) Abraham Lincoln:
"You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you cannot fool all of the people all of the time." Und "der Markt" lässt sich auf Dauer schon gar nicht verarschen.

(Ich werde versuchen, die Analyse der Rede fortzuführen - wenn ich es zeitlich packe)

Nachträge 16.11.2008:
Die Bernanke-Rede habe ich zwar schon eifrig glossiert (im ursprünglichen Sinne, also mit Randbemerkungen versehen); dennoch gebe ich die Textanalyse hier auf. Bernanke ist (trotz meiner o. a. Lästereien) mit Sicherheit ein fähiger Fach-Mann. Doch die Verhältnisse, die sind heutzutage nicht mehr so, dass seine spezifischen Kenntnisse (insbesondere seine intensive Beschäftigung mit der Weltwirtschaftskrise) und Fähigkeiten das Ruder herumreißen könnten. Es lohnt einfach nicht, eine Textexegese zu betreiben, die sich zwangsläufig im Rahmen des herkömmlichen Verständnisses von ökonomisch relevanten Parametern halten müsste. Das alles kann man in den Eimer werfen (okay: das ist jetzt etwas übertrieben formuliert), wenn die Rohstoffe, insbesondere das Rohöl, ausgehen bzw. zunächst knapp sein werden. Und das wird nicht mehr gar so lange dauern.

Bernanke ist wie ein meisterlicher Korbmacher im Zeitalter der Plastiktüten - oder umgekehrt: ein Maschinenführer an einer Plastiktütenmaschine ohne Kunststoffnachschub.
Über Fossilien zu diskutieren ist allenfalls für Historiker von Interesse.
Aber natürlich ist nicht nur Ben Bernanke, sondern sind wir alle, die ganze Bagage von GM-Helfern und Opel-Rettern, Fossilien. Wer will sich denn da noch anmaßen, zwischen "Trittbrettfahrern" und 'wirklich' Hilfebedürftigen (vor allem aber: überhaupt rettungsfähigen) Krisenopfern zu unterscheiden?

Am 25. Oktober des Jahres 2005 schrieb ein Hellseher in der Welt Online einen Artikel. Darin heißt es u. a.:
"Die geradezu selbstmörderisch expansive Geldpolitik von Alan Greenspan in den letzten Jahren dürften einen weiteren Meilenstein zum finanziellen Fiasko aufgestellt haben, der nun mit der Ernennung von Ben Bernanke als Vorsitzender der Federal Reserve gekrönt wurde.
Ben Bernanke hat die Depression der dreißiger Jahren gründlich studiert. Und seiner Meinung nach muß eine Notenbank alles unternehmen, um Deflation zu verhindern und den Verbrauch zu stimulieren. Dabei könnten unkonventionelle geldpolitische Mittel eingesetzt werden, wie etwa "Banknoten von Helikoptern auf Amerika fallen zu lassen".
Scherz beiseite, aber es ist klar, daß der Nachfolger Alan Greenspans beim ersten Anzeichen fallender Anlagegüterpreise - insbesondere von Immobilien und Aktien, die zu einer Wirtschaftsrezession führen könnten - die Gelddruckmaschinen auf vollen Touren laufen lassen wird. Eine solche Geldpolitik wird natürlich in den folgenden Jahren zu wachsenden Inflationsraten, einem schwächeren Dollar gegenüber Gold und steigenden Zinsen auf Obligationen führen und sich kaum günstig auf die amerikanischen Aktienmärkte auswirken
."
Zumindest möchte man den Autor im Rückblick für einen Hellseher halten. Seine Name ist übrigens Marc Faber; er wird auch als Investmentlegende oder Investmentguru tituliert. Ebenfalls informativ der Artikeltitel: "Ein Meilenstein auf dem Weg zum finanziellen Ruin der USA".


Nachtrag 23.11.08:
Schauen wir uns von Ben S. Bernanke auch den Artikel "Downside Danger" an, der im November 2003 publiziert wurde (im Magazin Foreign Policy). Nachdem er zunächst ausführlich und in aller wünschenswerten Deutlichkeit die Risiken aufgezeigt hat, die eine Inflation für die wirtschaftliche Entwicklung mit sich bringt, macht er sich Gedanken über die Gefahren einer Deflation:
"In central bank speak, we now face “symmetric” inflation risks", d. h. eine Deflation erschien ihm seinerzeit (mindestens) ebenso gefährlich wie eine Inflation. Nicht nur er, sondern die Fed hielt sogar die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Deflation für höher (meine Hervorhebungen):
"The Federal Reserve recognized the changed circumstances in a statement issued following the May 6, 2003 meeting of its policymaking arm, the Federal Open Market Committee (FOMC). The FOMC explicitly recognized that both upside and downside risks to inflation can exist and said the greater risk at this moment is on the downside. It was the first time in decades, if not ever, that the central bank has voiced concern that inflation might fall too low."
Wenn man solche Sätze liest, versteht man, warum die US-amerikanische Zentralbank das Finanzsystem ständig aufgepumpt hat. Wenig Verständnis hat man, im Rückblick, für solche Beurteilungen:
"Deflation can be particularly dangerous when a financial system is shaky, with household and corporate balance sheets in poor shape and banks undercapitalized and heavily burdened with bad loans. Under such conditions, deflation increases the real burden of debts—that is, it forces borrowers to repay in dollars that are more expensive than the dollars they borrowed—and may exacerbate the financial distress. (Unexpectedly low inflation has a similar effect.) This phenomenon, known as “debt deflation,” factored prominently in the global economic turmoil of the 1930s and may have played an important role in Japan's recent troubles. Fortunately, the United States does not appear at risk of suffering a similar financial setback. American households and firms have done an excellent job in recent years of restructuring their balance sheets, and U.S. banks are well capitalized and profitable." Okay, das war Ende 2003. Aber auch damals stiegen die Schulden an, und wodurch die amerikanischen Haushalte (bezogen auf Ende 2003) 'in den letzten Jahren ihre Bilanzen in ausgezeichneter Weise restrukturiert' haben sollten, ist das Geheimnis des Meisters. (Wenn man davon absieht, dass durch den Anstieg der Immobilienpreise die Bilanzen bei oberflächlicher Betrachtung in der Tat gut ausgesehen haben mögen. Aber dass dieser Anstieg ungesund, und eben durch Deregulierungen einerseits und die leichte Geldpolitik der Notenbank andererseits generiert war, hätten die Verantwortlichen eigentlich sehen können und müssen. Doch waren sie offenbar von der vermeintlichen Deflationsgefahr derart gebannt, dass sie eine massive Inflationierung der Vermögenswerte -Immobilien- in Kauf genommen oder gar bewusst gefördert haben.)
"There are other ways [als Zinssenkungen; er hatte vorher vom Risiko gesprochen, mit dem Nominalzins bei 0 zu landen, womit das klassische Instrument der Notenbanken zur Ankurbelung der Wirtschaft wirkungslos wäre] the central bank can stimulate the economy. For example, it can purchase a broad range of financial assets, thereby pumping additional liquidity into the economy. However, the Federal Reserve has less experience using these methods and in predicting their effects, so implementing them would not be without cost."
Genau diese Situation ist jetzt eingetreten: die Federal Reserve Bank kauft alle möglichen Finanzwerte an - letztlich also Wertpapiere, hinter denen u. U. überhaupt keinerlei realer Wert steckt. Da wird sich sein letzter Satzteil noch als prophetisch erweisen, wonach eine solche Politik [unvorhergesehene] Kosten nach sich ziehen wird. (Etwa in der Form, wie er sie in seiner Anhörung vom 20.10.2008 vor dem "Committee on the Budget, U.S. House of Representatives" bereits angekündigt hatte:"... commitments of resources today can burden future generations and constrain future policy options."

Bernankes Ziel ist es also, die Wirtschaft auf einem Wachstumspfad zu halten. Und das entspricht ja auch der Erwartung, die die Regierung und die Menschen nicht nur in den USA an ihre Notenbanken haben. Dass wir nunmehr vor Begrenzungen stehen, die es um 1930 noch nicht gab, will nicht nur Bernanke nicht wahrnehmen oder einsehen. Diese nichtmonetären Beschränkungen der oder Hindernisse (Ölfördergipfel) für eine Geldpolitik der klassischen Art könnten sich aber katastrophal auswirken. Es könnte sein, dass die Politik der Notenbanken (weltweit) im Ergebnis wie der Tritt auf's Gaspedal bei gleichzeitig angezogener (Wachstums-)Bremse (Peak Oil) wirkt. Und damit den Motor total kaputt macht.

Interessant sind Bernankes Begründungen (Vermutungen), weshalb Japan seine Anfang der 90er Jahre 'ausgebrochene' Rezession über lange Zeiträume nicht in den Griff bekam (aus seiner o. a. 'Hubschrauber-Rede'; meine Hervorhebungen):
"First, as you know, Japan's economy faces some significant barriers to growth besides deflation, including massive financial problems in the banking and corporate sectors and a large overhang of government debt. Plausibly, private-sector financial problems have muted the effects of the monetary policies that have been tried in Japan, even as the heavy overhang of government debt has made Japanese policymakers more reluctant to use aggressive fiscal policies ... . Fortunately, the U.S. economy does not share these problems, at least not to anything like the same degree, suggesting that anti-deflationary monetary and fiscal policies would be more potent here than they have been in Japan.
Second, and more important, I believe that, when all is said and done, the failure to end deflation in Japan does not necessarily reflect any technical infeasibility of achieving that goal. Rather, it is a byproduct of a longstanding political debate about how best to address Japan's overall economic problems. As the Japanese certainly realize, both restoring banks and corporations to solvency and implementing significant structural change are necessary for Japan's long-run economic health. But in the short run, comprehensive economic reform will likely impose large costs on many, for example, in the form of unemployment or bankruptcy. As a natural result, politicians, economists, businesspeople, and the general public in Japan have sharply disagreed about competing proposals for reform. In the resulting political deadlock, strong policy actions are discouraged, and cooperation among policymakers is difficult to achieve
. [Das wird demnächst in den USA vermutlich nicht anders sein!]
In short, Japan's deflation problem is real and serious; but, in my view, political constraints, rather than a lack of policy instruments, explain why its deflation has persisted for as long as it has. Thus, I do not view the Japanese experience as evidence against the general conclusion that U.S. policymakers have the tools they need to prevent, and, if necessary, to cure a deflationary recession in the United States."

Zum Hintergrundverständnis und zum Vergleich ein Zitat aus dem Wikipedia-Stichwort "Wirtschaft Japans" (meine Hervorhebungen):
"Anfang der Neunziger Jahre platzte dann die Blase. Die Immobilienpreise fielen um drei Viertel, die Aktienmärkte stürzten ab, und Banken saßen auf ihren faulen Krediten ("bad loans"), deren Höhe die des Wertes der hinterlegten Grundstücke und Gebäude überstieg. Faktisch waren viele Banken und Unternehmen durch Insolvenz bedroht, diese wurde jedoch oft nicht vollzogen beziehungsweise durch künstliche Überbewertung von Vermögenswerten über Jahre verschleppt.
In den 90ern befand sich Japan in einer Deflationsspirale, wodurch einerseits die Binnennachfrage schwach blieb, andererseits der relativ stabile Yenkurs eine Erholung über den Export verhinderte. Die Zentralbank Japans versuchte vergeblich, durch ihre jahrelange Nullzinspolitik Investitionsanreize zu setzen
."
Gibt einem ein trauliches "Déjà-écouté"-Gefühl, nicht wahr?

Wenn man aus Bernankes Ausführungen über Japan den abstrakten Gehalt destilliert, findet man die gleiche Situation wie heute in den USA. Nur dass deren aktuelle Probleme noch weitaus größer sein dürften. Dort geht es nämlich nicht nur um Immobilienblasen und Bankenkapitalisierung, sondern außerdem um die Überschuldung der Verbraucher (Kreditkarten), der Studenten (Studiendarlehen), um nicht existente Ersparnisse und um eine in toto insolvenzreife Automobilindustrie. Und eigentlich ist der Staat ebenfalls bankrott und lebt lediglich noch vom Glauben seiner weltweiten Gläubiger (und von deren eigennützigem und wahrscheinlich kurzsichtigen Motiv, einen großen Kunden nicht pleite gehen zu lassen).
Und schließlich gibt es noch die ganz große Keule im Hintergrund, die nicht nur die USA treffen wird, sondern die ganze Welt: Den Ölfördergipfel (Peak Oil).


Nachtrag 07.12.08:
In seinem Forschungspapier "THINKING ABOUT THE LIQUIDITY TRAP" (Liquiditätsfalle) vom Dezember 1999 scheint mir Paul Krugman Überlegungen von Ben Bernanke vorweggenommen zu haben. Möglich, dass es subtile Unterschiede gibt, die mir entgehen, aber wenn ich etwas von "expectations-focused inflation targeting I have proposed" lese, erinnert mich das doch sehr an 'Geldabwurf vom Hubschrauber' oder, technischer gesprochen, Reflationierung. Krugman fordert von der Zentralbank (bei Vorliegen einer Liquiditätsfalle)
"a credible commitment to future inflation".
Denn [meine Hervorhebungen]:
"Inflation targeting is not just a clever idea - a particular proposal that might work in fighting a liquidity trap. It is the theoretically 'correct' response - that is, inflation targeting is the way to achieve in a sticky-price world the same result that would obtain if prices were perfectly flexible. Of course in policy the perfect is the enemy of the good, and I would not oppose trying a variety of tactics to fight Japan’s stagnation. But it is inflation targeting that most nearly approaches the usual goal of modern stabilization policy ...".
Krugman bewertet die ganze Problematik einer Deflationsspirale als "expectational issue": "Monetary expansion is irrelevant because the private sector does not expect it to be sustained, because they believe that given a chance the central bank will revert to type and stabilize prices. And in order to make monetary policy effective, at least in a simple model, the central bank must overcome a credibility problem that is the inverse of our usual one. In a liquidity trap monetary policy does not work because the markets expect the bank to revert as soon as possible to the normal practice of stabilizing prices; to make it effective, the central bank must credibly promise to be irresponsible, to maintain its expansion after the recession is past ."
Ein solches Spiel ("a central bank that tries to promise future inflation") hat freilich die Fed in meinen Augen unter Alan Greenspan und Ben Bernanke schon seit längerem betrieben; insoweit sollte die amerikanische Notenbank die letzte sein, deren Inflationszielpolitik (oder besser: Inflationierungspolitik) unglaubwürdig wäre. Aber vielleicht wird sie gerade jetzt durch allzu langen Gebrauch (Missbrauch?) in der Vergangenheit fragwürdig.
Das Problem mit dieser monetaristischen und mit der fiskalischen Finanzklempnerei [Konjunkturprogramme hält Krugman übrigens zwar einerseits für wichtig, räumt ihnen aber andererseits allenfalls eine Überbrückungswirkung ein: "... fiscal stimulus is a solution, rather than a way of buying time, only under some particular assumptions that are at the very least rather speculative"] ist allerdings, dass sie die Motivation der Konsumenten für eine Ausgabenzurückhaltung allzu abstrakt und generalisierend aus der Erwartung fallender Preise ableitet und annimmt, die Pferde würden wieder zum Saufen laufen, wenn man ihnen nur mit der Inflationspeitsche droht. Ob das für die Vergangenheit eine gewisse Gültigkeit hatte, kann dahingestellt bleiben; wenn die Menschheit mit einer Ressourcenverknappung rechnet, kann eine drohende Verteuerung (bestimmter Güter) im Gegenteil sogar zu aktueller Kaufzurückhaltung führen, anstatt den Konsum anzuheizen. (Vgl. näher in meinem Blott "Simbabwe schärfster Konkurrent für US-amerikanische Schlüsselindustrie" den Nachtrag vom 03.12.08).
Nicht überraschend, beurteilt Krugman Bernankes Maßnahmen zur Krisenbekämpfung positiv, auch wenn er sie der Dimension nach für unzureichend hält (vgl. S. 2 des Newsweek-Interviews "THE MONEY CULTURE. 'Depression Economics'. Nobel Prize-winner Paul Krugman on America's financial crisis" vom 3.12.08 von Daniel Gross).


Nachtrag 04.01.09:
Der berühmte amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith (der u. a. einen Bestseller über die "Great Depression" geschrieben hat) hatte wenig Vertrauen in die Wirkungsweise der Zentralbankwerkzeuge und nannte die Fed sogar "...our most prestigious form of fraud, our most elegant escape from reality..."


Nachtrag 08.01.2009:
Ein gewisser Steve Saville schrieb am 21.10.2008 hier einige kluge kritische Worte gegen die 'Reflationisten' (in den USA) (meine Hervorhebungen):
"The reason is that the boom was caused by the central bank fixing the price of short-term credit at an artificially low level for a prolonged period, thus encouraging trillions of dollars of investments and new business ventures that should never have seen the light of day. In effect, the central bank created an environment in which prudent lending practices were punished and reckless lending practices were rewarded. .....
Now that the investment boom has gone bust and the necessary adjustment process has begun, we are being told incessantly that the solution to the problems caused by massive increases in the supplies of money and credit is additional massive increases in the supplies of money and credit. .....
Whether the advocates of increased government spending and the various other re-inflation policies realise it or not, at the root of their proposed 'solutions' to the crisis is the idea that it is possible to get something for nothing. It is axiomatic that an increase in production must precede a sustained increase in consumption; that saving is the basis of long-term economic growth; that no individual can become rich by spending more than he earns; and that no country can become wealthy, or recover from a recession, by consuming more than it produces. And yet, most commentators have deluded themselves into believing that you can get around the problem of inadequate real savings by simply increasing the supply of the medium of exchange, and that you can bypass the need for increased consumption to be funded by increased production by simply getting the government to spend like a drunken sailor.
"


Nachtrag 12.01.2009
"Geldpolitik in den USA. Der Revolutionär Bernanke" ist eine lesenswerte Einschätzung Bernankes von Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung vom 05.12.2008. Daraus hier ein Absatz von S. 2 (meine Hervorhebung):
"In der vorigen Woche teilte die Fed zum Beispiel mit, sie werde Kredite aufkaufen, die von den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac - beide stehen unter staatlicher Zwangsverwaltung - garantiert werden. Ziel der Aktion ist es, die Hypothekenzinsen direkt zu beeinflussen, sodass die Hausfinanzierung billiger wird und mehr Käufer auf den Immobilienmarkt kommen. In einer Rede kündigte Bernanke den umfassenden Ausbau derartiger Kreditprogramme an. Es komme darauf an, die Banken zu umgehen und den Kunden direkt Liquidität zukommen zu lassen - ein Vorgang, der bis vor kurzem noch als Ungeheuerlichkeit gegolten hätte."
In meinem Blott "Guten Morgen Bundesbank! Auch schon ausgeschlafen?" vom 09.12.2008 habe ich für Europa etwas Analoges vorgeschlagen: Eine Vergabe von Verbraucherkrediten, ggf. auch Wirtschaftskrediten, durch die EZB, zwar über die Banken, aber mit vorgeschriebenem Zinssatz; insofern kann man durchaus auch bei meinem Vorschlag von einer "Umgehung" der Banken sprechen.


Nachträge 01.02.2009

"Bernanke Risks ‘Very Unstable’ Market as He Weighs Buying Bonds" berichtet Rich Miller von der Wirtschafts-Nachrichtenagentur Bloomberg am 26.01.2009:
"Federal Reserve Chairman Ben S. Bernanke and his colleagues may try once again to cure the aftermath of a bubble in one kind of asset by overheating the market for another.
Fed policy makers meeting tomorrow and the day after are exploring the purchase of longer-dated Treasury securities in an effort to push up their price and bring down their yield. Behind the potential move: a desire to reduce long-term borrowing costs at a time when the Fed can’t lower short-term interest rates any further because they are effectively at zero.
The risk is that central bankers will end up distorting the Treasury market ...
"

Leicht hat es Bernanke freilich nicht, wenn er sich an den Ratschlägen des Publikums orientieren will. Clive Crook rät (im Grunde) nämlich genau zur Inflationierung, welche Miller befürchtet. In dem Eintrag "Bernanke and the risk of deflation" in seinem "crookblog" auf den Webseiten der Financial Times demonstriert er zwar zunächst, dass er die Gefahr kennt:
"For a prudent central banker, unalloyed monetising of the deficit is the last taboo – this, after all, is Zimbabwe’s idea of monetary policy."
Aber kommt Panik über den kleinen Schreiberling, und da er selbst ja bestenfalls ein Schreibtischtäter wäre, kann er Bernankes Verantwortung für die Geldwertstabilität beherzt über den Haufen werfen (mit angeblich guten Gründen natürlich):
"But in this remarkably perilous situation, the prohibition must be set aside, and better that this should happen before deflation has set in and entrenched itself. Do it now, and make it plain you are doing it. If it makes analysts and commentators complain about the inflationary consequences, so much the better: the aim is partly to buoy expectations of inflation." Und weiter:
"To make subsequent fiscal restraint easier, the spending should be ... explicitly financed by printing money."
Wenn in den Reihen der Meinungsmacher die Sicherungen schon derart locker sitzen: Wer garantiert uns (bzw. den Amerikanern, denn mir kann es gleichgültig sein, ich halte sowieso keine Greenbacks und würde das Zeug nicht einmal mit einem Schürhaken aufspießen), dass der US-Dollar nicht den Weg der Simbabwe-Währung geht? Niemand!
Und genau deswegen würde ich, wenn ich Geld hätte "Dollars nicht einmal mit dem Schürhaken aufsammeln!"


Nachtrag 10.03.09
Zur Geldpolitik der Federal Reserve Bank vgl. auch den Eintrag "Ben Bernanke erfindet die Geldpolitik neu" im Handelsblatt-Blog "Makro und mehr. Harald Uhligs Ökonomie-Blog" vom 17.12.2008.


Nachtrag 06.09.09
Die kritische Würdigung der Arbeit Bernankes durch verschiedene Wirtschaftswissenschaftler referiert David Beckworth zusammenfassend in seinem Blog "Macromarketmusings" in dem Eintrag "Critically Assessing Bernanke's Record" vom 26.08.2009 zusammen. Diese beurteilen durchgängig Benankes Leistungen in der Krise eher oder sogar sehr positiv, seine frühere Arbeit, insbesondere in der Greenspan-Ära der Fed, eher, teilweise sogar sehr, negativ.


Textstand vom 06.09.2009. Gesamtübersicht der Blog-Einträge (Blotts) auf meiner Webseite http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm. Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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