Freitag, 2. Oktober 2009

Feigheit siegt! Thilo Sarrazin und die deutsche Verlogenheit

Nachtrag 01.09.2010
Zur neuen 'Sarrazin-Debatte' diesmal um sein Buch (bzw. die Vorveröffentlichungen daraus und verschiedene Interviews mit ihm) vgl. meinen Blott "Wenn des Pawlows Hunde lüllen. Zur Lexikographie des deutschen Politiker-Wortschatzes in der Debatte um Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab".

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Potztausend - wer hätte das gedacht?
"Die Deutsche Bundesbank distanziert sich entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin in dessen Interview mit Lettre International", teilte die Bank am Mittwoch mit. Sarrazin gebe nicht die Ansichten der Bundesbank wieder, und das Interview stehe in keinerlei Zusammenhang mit seinen Aufgaben bei der Zentralbank."
Also ich jedenfalls hatte immer geglaubt, dass die Deutsche Bundesbank eine Behörde für die Integration von Ausländern ist. Insofern ist es doch wirklich sinnvoll, dass diese Organisation Klarheit schafft und die Öffentlichkeit endlich mal darüber aufklärt, dass Thilo Sarrazins Äußerungen über (mögliche) Probleme bezüglich der Integration von Ausländern in Deutschland NICHT im Zusammenhang mit seinen Aufgaben bei der Deutschen Bundesbank stehen.
Obwohl - da kann man schon ins Grübeln kommen, wie die Bundesbank ihre Aufgaben definiert. Denn wenn sie sich von Sarrazins Äußerungen distanziert, dann fühlt sie sich doch offenbar für die Ausländerintegration sowohl verantwortlich als auch sachkundig? Ich meine: wie kann ich mich distanzieren von Äußerungen, von deren Wahrheitsgehalt ich keinerlei Kenntnisse habe, weil sie ja nicht in meine Zuständigkeit fallen?

Noch mehr ins Grübeln kommt man bei der Lektüre des Zeit-Online-Berichts "Sarrazin muss sich entschuldigen" von heute: Die Kommentarfunktion ist dort ausgeschaltet.

Während ich mir über "Umweltkatastrophe. Tote nach Schlammlawine auf Sizilien" das Maul fusselig reden darf, und ebenso zur Frage der Hapag-Loyd-Sanierung (Hapag-Lloyd bekommt Hilfe vom Staat) meinen sachkundigen Senf dazugeben, werde ich - und wird das Volk - von einer Diskussion über Sachverhalte, die uns alle sehr viel unmittelbarer betreffen, ausgeschlossen. O Gottogott, da könnte ja jemand was Falsches sagen? Obwohl wir doch alle wissen, dass die Milch der frommen Denkungsart die entrahmte Frischmilch des offiziellen (Nicht-)Integrationsdiskurses ist?

Was immer an Sarrazins Äußerungen dran ist: ich weiß es nicht. Da er aber näher an den Problemen in Berlin dran ist bzw. war, gehe ich davon aus, dass eine ganze Menge dran ist.
Da hat mal einer die Binden von deutschen Wundmalen genommen, und schon scheißt sich das ganze offizielle Deutschland - Politik, Bundesbank, Medien - in die Hosen!

Das allein reicht schon aus um mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich in einem Scheißland lebe, wo die Desinformation Methode ist: Keine Informationen über den Ausländeranteil an den Sozialleistungsbeziehern, keine Infos über die Kriminalitätsrate: so etwas könnte das Volk aufbringen, aufhetzen. Und das wollen wir doch wirklich nicht! Diese Masse von Idioten soll sich mal mit "Deutschland wählt den Superstar" vergnügen, und was dergleichen wichtiger Beschäftigungen mehr sind. Aus sensiblen gesellschaftlichen Bereichen jedoch soll sich das blöde Stimmvieh gefälligst raushalten! Deren Horizont reicht ja sowieso nur bis zum Pegelstand des Bierglases am Stammtisch!

Ich aber sage euch: Ein Land, welches das Duckmäusertum und Desinformation zur Norm erhebt, ist es nicht wert, einen Farbton auf der Landkarte zu verbrauchen.
Wie meinen? So etwas Ähnliches hätte schon mal jemand gesagt? Also: ich habe natürlich nichts gesagt, gar nichts. Muss wohl ein Alptraum gewesen sein: selbstverständlich (Hacken zusammenschlagen!) bin ich voll auf der offiziellen Linie, jawoll, Volksgenossen: ich werd' doch hier kein Volkstümlertum propagieren, ich doch nicht!

Schließlich zahle ich doch gern meine Obolusse [d. h. das Fährgeld für den Transport in den Hades] für - was auch immer. Die da oben werden schon wissen, was sie damit machen müssen!
Tja, als guter Lutheraner glaube ich halt noch an die Weisheit meiner Oberkeit! Sie etwa nicht? Dann geben Sie aber ganz schnell Ihr Parteibuch ab - falls Sie eins haben! Bevor man es Ihnen abnimmt: Wegen Gesinnungsdelikten. [Vgl. z. B. den WELT-Bericht "Abfällige Äußerungen über Migranten. SPD-Politikerin fordert Parteiausschluss für Thilo Sarrazin" vom 02.10.2009]
Ist ja auch völlig richtig: solchen Leuten sollte man gleich auch das Wahlrecht aberkennen; die richten doch nur Unheil an! Wir dagegen, ja, wir wissen, wie man die Welt regiert. Und vor allem die Wirtschaft. Haben wir ja gerade bewiesen.
Werden wir aber wieder richten: Müssen dafür halt den Hohlköpfen zu unseren Füßen ein wenig mehr an Steuern abschwitzen!



P. S.: Bin mal gespannt, wie lange mein Kommentar zum Zeit-Bericht über die sizilianische Schlammlawine (den ich nicht gelesen habe) dort stehen gelassen wird.
Vorsorglich repetiere ich hier den Text (mit zwei kleinen Korrekturen):

"Bravo Volksgenossen!
Die Schlammlawine in Sizilien darf ich kommentieren; bei Thilo Sarrazins umstrittener Äußerungen über Ausländer ( http://www.zeit.de/politik/deutschland/2009-10/sarrazin-aeusserung-integration?page=2 ) habt ihr die Kommentarfunktion ausgeschaltet.
Ihr habt wohl Angst vor dem Volk: da könnte ja was hochkochen? Lieber unterm Deckel halten!
Müsst euch nur in Acht nehmen, dass eure Volksfurcht euch nicht eines Tages unter einer gewaltigen Schlammlawine begräbt!
"

Ergänzungen 03.10.09, ca. 18.30h: also bislang ist mein Kommentar in der ZEIT noch da (und eine 'Gegenrede' dazu). Und zu einem anderen ZEIT-Bericht ist die Kommentarfunktion jetzt doch freigeschaltet. So dass ich in einem weiteren Kommentar geschrieben habe (Text hier minimal geändert):
""Nehme meinen Vorwurf gegen die ZEIT zurück - oder vielleicht hat sich die "ZEIT" zwischenzeitlich eines Besseren besonnen:
Zum Artikel "Umstrittenes Interview. Bundesbank-Präsident legt Sarrazin Rücktritt nahe" sind Kommentare möglich.
Und die (derzeit 8) sind durchgängig (auch für mich überraschend, aber gut: in anderen Medien mag das anders sein als bei den ZEIT-Lesern) sehr maßvoll. Fast alle aber treten (und das überrascht mich bei den ZEIT-Lesern wieder in anderer Weise) mehr oder weniger für Sarrazin ein.
Nicht radikal im Sinne von "Ausländer raus", sondern realistisch im Sinne von 'Wenn es Probleme gibt, muss es auch zulässig sein, diese zu benennen'.
"
Da hatte ich allerdings einen kleinen Hinweispfeil auf Folgeseiten übersehen: Kommentare gibt es nicht -8-, sondern mittlerweile (gegen ca. 19.30 Uhr) 48 Stück! Und die ablehnenden Stimmen sind nun doch stärker geworden, gefühlt aber noch etwas in der Minderzahl. [Mittlerweile - 4.10. ca. 12.30 jedoch gefühlt in der Mehrzahl]
Einer der Kommentatoren verweist auf die Position von Helmut Schmidt und verlinkt zu dessen Focus-Interview " 'Weitere Zuwanderung unterbinden'. Der Ex-Bundeskanzler verlangt im FOCUS einen radikalen Kurswechsel in der Ausländerpolitik":
"„Wir müssen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturen unterbinden“, sagte Helmut Schmidt in dem Interview."
Und aus meinen Favoritenliste [um Missverständnissen vorzubeugen: diesen Ausdruck verwendet der Microsoft Internet Explorer für das, was anderswo z. B. "Leseliste", "Bookmarks" usw. heißt] ergänze ich einen Hinweis auf seinen ZEIT-Kommentar "Europa. Bitte keinen Größenwahn" vom 24.11.2004:
"Wegen der hohen Geburtenrate wird die Einwohnerzahl der Türkei binnen zwei Jahrzehnten auf über 80 Millionen steigen. Deshalb haben die Regierungen in Ankara seit den 1970er Jahren auf weitere Auswanderung nach Deutschland gehofft. Bisher hat die deutsche Gesellschaft sich leider nicht als fähig erwiesen, die bereits hier lebenden Türken und Kurden wirklich zu integrieren. Ähnlich sieht es in Frankreich aus und anderwärts in der EU mit Algeriern, Marokkanern, Molukkern oder Pakistanis. Deshalb gibt es fast überall in der Union Angst vor ungesteuerter Zuwanderung und vor kultureller Überfremdung.
Solche unheilvollen Stimmungen können – zumal im Vorfeld von Volksabstimmungen, zum Beispiel über die Verfassung der Europäischen Union – demagogisch ausgenutzt werden. Und jene Strategen, die durch geburtenreiche Einwanderung die gefährdeten Sozialversicherungssysteme der europäischen Nationen retten wollen, tragen ungewollt zu den dumpfen Ängsten bei. Vollmitgliedschaft in der EU bedeutet im Ergebnis unbeschränktes Zuwanderungsrecht. Stattdessen ist einvernehmliche Begrenzung der Zuwanderungen aus anderen kulturellen Welten geboten!
Die leitenden Staatsmänner der europäischen Nationen und die Mitglieder der bisherigen wie der neuen EU-Kommission sind im Begriff, uns alle leichtfertig zu überfordern. Überforderung und Übereifer können zum Zerfall des Jahrhundert-Vorhabens der Integration Europas führen.
"
Es ist zwar widersprüchlich (bzw. in Wahrheit ist es ein peinlicher Kotau von Helmut Schmidt vor der politischen Korrektheit), wenn er bei anderen von "dumpfen Ängsten" spricht, obwohl er selbst die kulturelle Distanz als Problem diagnostiziert ("Die kulturelle Distanz Anatoliens zu den genannten türkischen Städten ist groß, die kulturelle Distanz zu den bisherigen Mitgliedsstaaten der EU ist außerordentlich groß" - Hervorhebung von mir), aber immerhin wird deutlich, dass sich die Position von Helmut Schmidt nicht sehr von derjenigen Thilo Sarrazins unterscheidet.
Nur dass Schmidt weiß, WIE man das sagen darf. Freilich bleibt eine derartige Meinungsäußerung auch leicht ungehört, wenn man sie zumindest oberflächlich noch in den 'erlaubten' Diskussionsrahmen einspannen kann.
Sarrazin gibt sich nicht damit zufrieden, gewissermaßen die Klowände des zulässigen Diskurses zu beschmieren: er sprüht seine Menetekel provokativ auf die Außenmauern. Das provoziert - vielleicht - eine Debatte.
Ergänzung 14.11.09: Auch Helmut Schmidt selbst sieht offenbar eine weitgehende inhaltliche Übereinstimmung zwischen seiner eigenen Meinung zur Integrationsdebatte und den von Thilo Sarrazin geäußerten Ansichten. Hier die einschlägige Passage aus dem von Giovanni di Lorenzo geführten ZEIT-Interview "Fragen an den Altkanzler. Verstehen Sie das, Herr Schmidt?" vom 11.11.2009:
"di Lorenzo: Noch mehr Aufregung als um die neue Regierung gab es um die Äußerungen von Thilo Sarrazin über Migranten in Berlin. Sogar Sie haben das in einer unserer Redaktionskonferenzen thematisiert.
Schmidt: Ich habe mir Sarrazins Interview in der Zeitschrift Lettre International angesehen. Es ist ein sehr langes Gespräch zwischen einem Interviewer, der zurückhaltend fragt, und Sarrazin, der aus seiner großen Erfahrung heraus zum Beispiel die ökonomische Lage Berlins und Deutschlands analysiert. Die Passagen, die sich auf Ausländer bezogen und die von der deutschen Presse herausgezupft worden sind, sehen im Gesamtzusammenhang dieses Interviews ziemlich anders aus. Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte, hätte ich ihm in weiten Teilen seines Interviews zustimmen können.
di Lorenzo: Wenn Sarrazin sagt, osteuropäische Juden hätten einen um 15 Prozent höheren Intelligenzquotienten als der Rest der Bevölkerung, wenn er sagt, dass Türken »Kopftuchmädchen produzieren« – das ist doch nicht tischunfein, das ist diffamierender Unsinn, wenn auch im Falle der osteuropäischen Juden positiv diskriminierend!
Schmidt: Die Sache mit der Intelligenz wollen wir doch mal genau untersuchen (holt das Originalinterview hervor): Sarrazin wünscht sich Einwanderung nicht durch Türken und Araber, er sagt, es würde ihm gefallen, »wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung«. Was auch immer, ich halte die sachliche Aussage für richtig.
di Lorenzo: Sie glauben, dass Menschen von Geburt an intelligenter oder dümmer sind, weil sie einem bestimmten Volk oder gar einer Religionsgemeinschaft angehören?
Schmidt: Es spielen bei der Intelligenz natürlich zwei Dinge eine Rolle: die Begabung, das sind die Gene. Und es spielt das soziale Umfeld eine Rolle, die Schule, die Familie und all das, was man braucht, um aus der Begabung etwas zu machen. Das würde die moderne Wissenschaft heute ähnlich sehen und dafür ihre Fachausdrücke haben. Es gibt ja gar keinen Zweifel daran, dass die hohe geistige Bedeutung von Wissenschaft und Kunst in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik ganz wesentlich den Juden zuzuschreiben war.
di Lorenzo: Und was soll es bringen, alle Türken pauschal anzurempeln und so hässliche Ausdrücke zu gebrauchen wie »Kopftuchmädchen produzieren«?
Schmidt: Ich hätte diese Ausdrücke sicherlich nicht gebraucht. Nach einem langen Gespräch, das umgangssprachlich geführt wurde, hätte ein Redakteur an drei oder vier Stellen Korrekturen vornehmen müssen. Das hat offenbar keiner getan.
di Lorenzo: Warum verteidigen Sie Herrn Sarrazin? Weil Sie ihn lange kennen und einmal einen guten Eindruck von ihm gewonnen hatten?
Schmidt: Nein, weil ich sein Interview ganz gelesen habe – im Gegensatz zu vielen Journalisten. Aber es stimmt auch, dass ich ihn seit mehr als 30 Jahren kenne. Er hat als Berliner Finanzsenator hervorragende Arbeit geleistet.
di Lorenzo: Der Philosoph Peter Sloterdijk hat zum Fall Sarrazin geschrieben: »Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen.« Gibt es bei uns wirklich einen solchen Druck zur Konformität?
Schmidt: Ich hätte es abermals anders formuliert, aber im Prinzip ist etwas Richtiges an dem, was Herr Sloterdijk schreibt. Ein wichtiger Punkt ist doch, dass die Volksmeinung überwiegend auf der Seite Sarrazins ist.
di Lorenzo: Sie haben oft genug gesagt, dass man dem Volk auch widersprechen muss!
Schmidt: Natürlich würde das auch für Sarrazin gelten. Aber er hat es doch gar nicht zum Volk gesagt, sondern in einer esoterischen Zeitschrift, die bis vorgestern niemand gekannt hat. Es war doch keine Rede auf dem Marktplatz von Leipzig!
"
[Danke an meinen Freund Götz Hahnwald für den Hinweis auf das Schmidt-Interview!]


Jetzt hat Sarrazin ein Verfahren wegen Volksverhetzung am Hals: vgl. Artikel "Spott über Türken. Einwanderer kontern Sarrazin mit Parteigründung" in der Financial Times Deutschland.
Bin mal gespannt, wer nun Gegenminen legt und Strafanzeige gegen den/die ermittelnde(n) Staatsanwalt / Staatsanwältin stellt: wegen Verfolgung Unschuldiger.
So oder so: auf die politische Sensibilität der deutschen Justiz konnte sich bislang noch jedes Regime verlassen.
Sogar die Demokraten.
Ergänzung 4.10.: Noch ist allerdings kein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet.


Nachtrag 03.10.09:
Es ist immer problematisch, über Texte zu urteilen, von denen man lediglich unvollständige Widerspiegelungen kennt. Insofern finde ich es zwar ökonomisch verständlich, aber polithygienisch misslich, dass das von Thilo Sarrazin dem Kulturmagazin "Lettre International" gegebene Interview (geführt von dessen Herausgeber Frank Berberich) anscheinend nicht vollständig online zu haben ist. Immerhin ist ein Auszug online, leider ohne die inkriminierten Teile.
Doch ist auch (oder vielleicht sogar gerade) dieser veröffentlichte Teil eine wertvolle Information über die gesellschaftlich-politische Situation unserer Hauptstadt.
In dem Bericht "Kritik an der Hauptstadt. Sarrazin lästert über die Berliner" referiert Spiegel Online. Die für die vorliegenden Diskussion einschlägige Passage daraus lautet:
"Es gebe auch das Problem, "dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden", und sie füllten die Schulen und die Klassen. Zudem gebe es in Berlin stärker als anderswo das Problem "einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht", meinte Sarrazin. "Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht."
Sarrazin plädierte auch für eine Änderung bei der Wirtschaftsansiedlung: "Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik, aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben", meinte der Berliner Ex-Senator. "Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen".
"
[die "Wärmestuben" sind, im Zusammenhang mit der sozialen Lage in Berlin gebraucht, wohl eine Erfindung von Klaus-Rüdiger Landowsky, damals Fraktionsvorsitzender der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus. Der hatte im Zusammenhang mit der Abstimmungskampagne über eine Vereinigung der Bundesländer Berlin und Brandenburg gesagt, "wenn es soweit sei, müsse man "mit eisernem Besen gegen sozialistische Wärmestuben" in Brandenburg vorgehen".]
Was den bei SpiegelOnline (mit der Quelle "als/dpa", also anscheinend nicht aus direkter Kenntnis des Interviews) wiedergegebenen Interviewtext von Sarrazin angeht, bin ich einigermaßen erschrocken. Nicht wegen Sarrazin, sondern wegen der Staatsanwaltschaft. Wenn man heutzutage schon wegen derartiger Äußerungen ins Visier der Strafverfolgungsorgane gerät, dann steht es mit unserer Demokratie so, wie der Libertäre Hans Hoppe (den ich ansonsten nicht propagieren will) gesagt hat (im Vorwort zu seinem Buch "Demokratie. Der Gott, der keiner ist"):
"Deutschland ist kein freies Land. Es gibt in Deutschland nicht einmal Redefreiheit. Wer hier bestimmten regierungsamtlich verkündeten Aussagen öffentlich widerspricht, wird eingekerkert. Und wer sich "politisch unkorrekt" äußert, wird kaltgestellt und mundtot gemacht."

Das Business liebt die Stromlinienform, alles andere ist schlecht für's Geschäft. Hart kritisiert das Handelsblatt Sarrazin in dem Kommentar "Abfällige Äußerungen. Thilo Sarrazin: Gespaltene Persönlichkeit" vom 01.10.2009. Die Schizophrenieverdächtigung bezieht sich auf Sarrazins Erklärung:
"Ich habe als Berliner Bürger und ehemaliger Finanzsenator meine private Meinung geäußert, nicht aber für die Bundesbank gesprochen""
die der Kommentator so bewertet:
"Das ist perfekt. Wem sonst als diesen gewichtigen Personen gelingt es, Beruf und Mensch so gut zu trennen?"

Zum Kinderkriegen (und zu Fehlanreizen durch Sozialleistungen) hat sich Sarrazin schon früher geäußert. Ohne Unterscheidung zwischen Deutschen und Ausländern z. B. wie folgt:
"Weil Städte und Gemeinden die Heizkosten übernehmen würden, gingen die Bedürftigen oft verschwenderisch mit Energie um. „Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster", sagte Sarrazin.
Und auch zum Thema kinderreiche Problem-Familien hat der Neu-Banker etwas zu vermelden: Kinderkriegen sollte nicht durch Sozialleistungen lukrativ gemacht werden.
Gegenwärtig würden manche Frauen zwei, drei oder mehr Kinder in die Welt setzen, obwohl sie „nicht das Umfeld“ oder „die persönlichen Eigenschaften“ hätten, „um die Erziehung zu bewältigen“. Deswegen müsse das Sozialsystem so geändert werden, „dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist“, sagte Sarrazin.
"
(Aus dem Bild-Artikel "Wirbel um Bundesbank-Vorstand. Sarrazin wirft Hartz-IV-Beziehern Verschwendung vor" vom 13.05.2009.)

Dem Bild-Bericht "Rambo-Sprüche. Verdi nennt Sarrazin rechtsradikal" entnehme ich soeben, dass Sarrazin noch etwas gesagt hat, was als gesellschaftlich relevanten Sachverhalt anzusprechen [vgl. oben Helmut Schmidts dezenten Hinweis auf die "hohe Geburtenrate" in der Türkei] zwar erlaubt sein muss, aber auf diese Weise denn doch nicht formuliert werden sollte (zumal er das Interview vor der Veröffentlichung noch zur Autorisierung vorgelegt bekommen hat, und somit seine spontanen Äußerungen hätte entschärfen können):
Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären, mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.


Es ist nicht mein Stil, ganze Texte anderswo zu "klauen". Aber der WELT-Kommentar "Thilo Sarrazin und die Klippen der Meinungsfreiheit" von Robin Alexander vom 03.10.2009 (Einleitung: "Wenn Menschen, die wie Thilo Sarrazin Verantwortung tragen, nicht mehr öffentlich nachdenken und irren dürfen, wird das öffentliche Gespräch öde und dumm.") ist für mich zu diesem Thema derart ultimativ, dass ich nicht anders kann, als ihn (nicht zuletzt auch um den Vorwurf einer verfälschenden Verkürzung seines Gedankenganges zu vermeiden) hier in vollem Umfang zu übernehmen:

"Dies ist ein Rat, den Journalisten nicht gerne geben. Wenn Sie diese Zeitung zu Ende gelesen haben, gehen Sie bitte zur Bahnhofsbuchhandlung und kaufen eine andere. Verlangen Sie das aktuelle Heft „Lettre International“ und lesen Sie ein sehr langes Interview mit Thilo Sarrazin. Die Viertelstunde, welche die Lektüre wohl dauert, ist eine Reise an die Grenzen der gelebten Meinungsfreiheit in Deutschland.
Seine Mitgliedschaft in der SPD und seinen Posten im Vorstand der Bundesbank soll Sarrazin jetzt verlieren. Seine öffentliche Reputation ist schon vernichtet. Im Internet kursieren Zitate aus dem Gespräch, die Politiker und Interessenvertreter als Empörungsanlass nutzen. Ihre Vorwürfe können nur flüchtiger Lektüre geschuldet sein: Weder „pöbelt“ Sarrazin, noch äußert er sich „populistisch“, noch vertritt er „NPD-Positionen“. Vielmehr führt er Philosophen und Physiker an, um in einem Intellektuellen-Magazin als erste Ursache der Hauptstadt-Misere die Vernichtung des deutschen Judentums zu betrauern.
[Zwischentitel: Die Meinungsfreiheit wird scheibchenweise verhandelt]
Um nicht missverstanden zu werden: Was Sarrazin sagt, ist mehr als heikel. Es erinnert nicht nur stilistisch an die nach der Wende sehr populären Interviews des Dramatikers Heiner Müller, der ohne Rücksicht auf politische Korrektheiten über Deutschland nachdachte und dabei neben Inspirierendem auch originelle Fehlleistungen produzierte. Müller kam aus der Gedankenwelt des überwundenen Marxismus. Sarrazin kommt aus einem Konservativismus, der ebenfalls von gestern und gottlob überwunden ist. Wenn er in dem Interview etwa über die Vererbbarkeit von Intelligenz sinniert und vor einer „Eroberung durch höhere Geburtenrate“ warnt, muss man deutlich „Nein“ sagen.
Aber darum geht es nicht mehr: Vielmehr wird die Meinungsfreiheit jetzt scheibchenweise verhandelt. Soll er SPD-Mitglied bleiben? Das müssen die Sozialdemokraten unter sich ausmachen. Soll er im Vorstand der Bundesbank bleiben? Das Argument, Sarrazin habe das Vertrauen der Bürger verletzt, erscheint abwegig: Unabhängigkeit gegenüber Druck von Politik und Wirtschaft, die Sarrazin mehrmals bewiesen hat, scheint keine schlechte Qualifikation für einen, der über den Wert des Geldes wacht. Entscheidend ist etwas anderes: Wenn Menschen, die Verantwortung tragen, nicht mehr öffentlich nachdenken und irren dürfen, wird das öffentliche Gespräch öde und dumm."


Thomas Schmid, Chefredakteur der Welt-Gruppe [die WELT ist nicht gerade mein Leib-und-Magen-Blatt!], formuliert in seinem Blog-Eintrag "Frischluft oder Wärmestube?" vom 02.10.09 noch kürzer, aber mit gleicher Zielrichtung:
"Er hat den Mut, auch Dinge auszusprechen, die ihm Schelte einbringen. Es mangelt ihm aber an Fingerspitzengefühl. .....
In einem Interview sprach er ohne die üblichen Floskeln des guten und korrekten Willens über das Leben der Einwanderer in Berlin. Er sei gegen “türkische Wärmestuben”, betrachte viele Türken und Araber als “weder integrationswillig noch -fähig” und halte es für einen Skandal, “dass die Mütter der zweiten und dritten Generation noch immer kein Deutsch können”. .....
Liest man das Interview genau und im Zusammenhang, sieht man schnell, dass Sarrazin keineswegs ein populistischer Scharfmacher ist. Und vor allem: Er spricht eine offenkundige Wahrheit aus. Nicht, dass sie ausgesprochen wird, schürt rassistische Vorurteile. Es gilt umgekehrt: Wenn derlei nicht ausgesprochen werden darf, schürt es die Verbitterung derer, die aus täglicher Anschauung ganz genau wissen, dass zutrifft, was Sarrazin da gesagt hat.
Die Auseinandersetzung über Einwanderung und Integration verträgt auch rauere [ gewiss: aber allzu rau sollten sie denn doch nicht werden!], realistischere Töne als den sozialarbeiterischen, der seit geraumer Zeit vorherrscht. ... Die aufnehmende Gesellschaft hat selbstverständlich das Recht, die Einwanderung auch nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen zu befragen. Und die Einwanderer müssen es sich gefallen lassen, dass sie dort kritisiert werden, wo sie keine Anstrengungen unternehmen, Teil dieser Gesellschaft zu werden.
"



Mit einer Bezugnahme auf meinen Blott "terreur des sommes" möchte ich die Einwanderungs- bzw. Integrationsdebatte noch aus einer Perspektive beleuchten, die anderswo vielleicht fehlt.
In dem Blott kritisiere ich die Entwicklungshilfeorganisation "Terre des Hommes" dafür, dass sie gegen den Bau eines Staudammes (in Thailand) ausspricht und das unter damit begründet, dass dadurch ein noch recht ursprünglich lebender Volksstamm aus seinem Lebensraum vertrieben würde. Das ist zwar vermutlich zutreffend. Aber andererseits wollen doch gerade die Entwicklungshelfer, die hier einen alten Kulturstand konservieren wollen, den unterentwickelten Ländern ermöglichen, zivilisatorisch (Gesundheitswesen usw.!) auf den gleichen Stand zu kommen den wir erreicht haben.
Es stellt sich dann aber die Frage, wer z. B. eine Gesundheitsversorgung für diesen Stamm bezahlen soll, wenn ich ihm (und dem Land, in dem er lebt) eine technologische Entwicklung verwehre.
Ähnlich ist es in der Diskussion um Ausländer in Deutschland.
Sicherlich ist es honorig, diesen Menschen die Erhaltung ihrer überkommenen Identität [s. a. meinen Blott betr. "Identität"] ermöglichen zu wollen. (Das haben übrigens schon die alten Germanen getan: Deren Rechtssysteme sahen nämlich vor, dass jedenfalls bei Problemen zwischen Fremdstämmigen untereinander deren eigenes Stammesrecht Anwendung finden sollte!)
Aber wo eben diese Tradition* ein Hindernis für die Integration in die Erwerbsgesellschaft des Gastlandes ist stellt sich, wenn das Problem entsprechende Dimensionen annimmt, die Frage: Wer soll das bezahlen? Zumal die jeweilige Gastgesellschaft auch insgesamt in erhebliche wirtschaftliche = soziale Schwierigkeiten kommen wird, wenn sie etwa ihre Leistungsträger übermäßig (im Verhältnis zu denjenigen Nationen, die, wie z. B. die USA, um gut ausgebildetes Humankapital konkurrieren) belastet.
Da steht letztlich Gesinnungsethik gegen Verantwortungsethik.
* Ich könnte mir vorstellen, dass die Integrationsprobleme nicht abstrakt im Islam als Religion begründet sind, sondern eher in den clanistischen Strukturen jener Einwanderungsländer. Weiterhin halte es für denkbar (kann es allerdings mangels näherer Kenntnis nicht behaupten), dass die islamische Religion mit einem clanistischen Familienverständnis sehr eng verzahnt ist. Ob es insoweit einen "Euro-Islam" geben kann, der nicht in gleicher Weise soziologisch eingebunden ist, kann ich nicht beurteilen, würde allerdings die Beweislast bei denjenigen sehen, die solches ggf. behaupten. Spannend wird die Situation dann, wenn unsere Industriegesellschaft aufgrund von Energiemangel ("Peak Oil") zusammenbrechen sollte. Für durchaus denkbar halte ich es, dass ethnische Klanstrukturen dann ein Überlebens-Vorteil sind. Trotzdem denke ich nicht, dass wir unsere Gesellschaft schon jetzt im Vorgriff auf einen eventuellen zivilisatorischen Zusammenbruch strukturieren sollten.



Wie so oft, mache ich auch dieses Mal bei der Rückverfolgung von Suchzugriffen auf meinen Blog über den Statistikzähler einen echten Fang: Im Blog "Zölibat & Mehr" eines gewissen "yogi" aus der Architekturbranche (und nach seinen Angaben Agnostiker) wird unter der Überschrift "Sarrazin-Interview: Klasse statt Masse" genau der umstrittene Interview-Teil im Internet zugänglich gemacht. Dafür dem Blogger herzlichen Dank und nachfolgend gebe ich (lediglich) seinen Vortext zum Interview-Auszug wieder:
"Hier ein Ausschnitt aus dem Interview, welches der ehemalige Finanzsenator Berlins, Thilo Sarrazin, der heute Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank ist, der Zeitschrift „Lettre International“ gegeben hat. In dem Interview setzt sich Sarrazin kritisch mit der Integration vor allem jugoslawischer, türkischer und arabischer Migranten in Berlin auseinander. Das ganze Interview ist relativ lang. Man kann es in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift „Lettre International“ (17 Euro) nachlesen. An dieser Stelle soll nur der Teil des Interviews wiedergegeben werden, der sich mit den Problemen der Einwanderung beschäftigt, die die Berliner Staatsanwaltschaft veranlasste, gegen Sarrazin wegen Volksverhetzung zu ermitteln."

Der zölibatäre (?) Architekt (?) verlinkt weiter zu einer anderen Teilveröffentlichung des Interviews auf der Webseite "Fakten - Fiktionen". (Ich habe beide noch nicht gelesen; inhaltlich sind sie aber wohl nicht -völlig- identisch)
Ergänzung 4.10.: Mittlerweile habe ich sie gelesen; die (allerdings ausgesprochen hetzerische) Webseite "Fakten - Fiktionen" bringt am Anfang noch ein Stück mehr des Textes (aber nicht den Volltext); ansonsten sind die Auszüge gleich.

Dort heißt es unter der Überschrift "Thilo, ich liebe Sie: Sarrazin-Interview im Original!!!" einleitend:
"Hart aber fair!!! Das Sarrazin-Interview ist riesengroß. Es dreht sich um Berlin. Hier die für uns wichtigen Stellen ungekürzt. Das Heft LETTRE INTERNATIONAL kostet 17 Euro und hat 257 Seiten insgesamt! Kenne es nicht, muß es erst mal durchlesen. Die folgenden ungekürzten Stellen machen ungefähr ein Drittel des Sarrazin-Interviews aus. Jeder Satz ein Volltreffer".

Da ich meine Informationsquellen immer gern ideologisch verorte, nachfolgend ein Auszug aus der Eigenbeschreibung ("About us") des Blogs "Fakten - Fiktionen":
"Fact - Fiction is a transatlantic press network based in the USA.
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Mr Liwek “Lionheart” Ozog
1 Boot Hill #1
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Dieses Weblog widmet sich vornehmlich der Politik, der Wirtschaft, den Medien, der Geschichte und Zeitgeschichte.
Es ist konservativ, politisch-inkorrekt, kapitalistisch, religiös neutral, anti-islamistisch, anti-ideologisch, vertritt aber die christlichen Wurzeln des Abendlandes und deutsche Interessen.
Dieses Weblog steht für eine EU mit Handels-, Niederlassungs-, Dienstleistungsfreiheit und freiem Kapitalverkehr, mit offenen Grenzen innerhalb Europas. Es ist für den Beitritt von Kroatien und Serbien, aber absolut gegen den Türkei-Beitritt! .....
"
Übel (und für die eigentliche Tendenz der Webseite noch weitaus mehr erhellend als die Eigenbeschreibung) ist der Kommentar "Fall Sarrazin: Bundesbank holt Befehle in Istanbul". So ähnlich wie z. B. hier ("der wahrscheinlich von Mekka und Ankara geschmierte Migrationsforscher ...") müssen die Artikel von Julius Streicher im "Stürmer" ausgesehen haben.
Das ändert aber leider nichts daran, dass man sich die Informationen holen muss, wo man sie findet, und diese Webseite hat nun einmal den kritischen Teil des Sarrazin-Interviews veröffentlicht. Falls jemand eine weniger skandalöse Online-Quelle kennt, wo man den Interview-Text nachlesen kann, wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.
[Ich frage mich, ob diese Webseite nicht von irgendwelchen agents provocateurs gemacht wird, nach dem Motto: "lasst hundert Sumpfblumen sprechen". Welchen Interessen könnten die maulschäumenden Hasstiraden auf "Fakten - Fiktionen" dienen???]



Fotos von Thilo Sarrazin finden sich z. B. in bzw. auf:
der Berliner Morgenpost (eine interessante Fotostrecke mit 12 Bildern vom Juli 2008)
der "Bremer Montagsdemo" (karikierend retuschiert)
oder hier in der WELT vom Juli 2008.

Übrigens wirft Google für die Suchanfrage "Thilo Sarrazin" (mit Anführungszeichen) momentan (d. h. am 03.10.2009 gegen 22.30 h) ca. 172.000 Treffer aus. Es wird interessant sein zu beobachten, ob sich diese Trefferzahl kurzfristig signifikant erhöht.
Am 04.10.2009 gegen 9.45 h sind es bereits 178.000!
06.10.09, ca. 21.00 h: 253.000. So schnell kann es gehen, und man ist ganz oben ;-).
Zumindest bei Google bekommt Thilo Sarrazin mächtig Auftrieb: 474.000 Resultate wirft die Suchmaschine heute am 08.10.09 gegen 23.30 Uhr aus!


Nachtrag 04.10.2009:

Ulrich Schäfer kommentiert in der Süddeutschen Zeitung vom 01.10.2009 Sarrazins Äußerungen zur Ausländerproblematik in Berlin unter dem Titel "Bundesbank. Schlamp-Faktor". Jenseits der inhaltlichen Debatte weist er darauf hin, dass sich ein Bundesbank-Vorstand aufgrund seiner Position eine gewisse Zurückhaltung auferlegen muss:
"Thilo Sarrazin hat über Berlin ein paar Dinge gesagt, die manche als beleidigend empfinden und andere als absolut treffend. ..... Es gibt öffentliche Ämter, die jeden, der sie innehat, zu einer gewissen Selbstbeschränkung zwingen. Das Amt des Bundesverfassungsrichters gehört dazu oder auch das Amt des Bundesbankers. Wer solch eine staatliche Funktion übernimmt, der darf nicht einfach drauflosplappern; der darf nicht gegen ganze Gruppen der Bevölkerung holzen. Sarrazin hat das getan und etwa beklagt, dass eine große Zahl der Araber und Türken in Berlin keine produktive Funktion ausübten. 40 Prozent der Geburten fänden zudem in der Unterschicht statt.
Gewiss: Man war von Sarrazin, als er noch Berliner Finanzsenator war, nichts anderes gewohnt, aber für einen Bundesbanker gelten andere Regeln. Denn die Währungshüter legen Wert darauf, dass sie unabhängig sind und die Regierung ihnen bei Entscheidungen nicht hineinredet. Zu dieser Unabhängigkeit gehört aber auch, dass Bundesbanker sich aus Debatten heraushalten, die sie nichts angehen. Andernfalls könnte die Politik Sarrazins Satz beherzigen, dass 20 Prozent der Berliner ökonomisch nicht gebraucht werden. Schließlich werden auch 20 Prozent der Bundesbank-Vorstände eigentlich nicht gebraucht.
"

Alan Posner richtet den Scheinwerfer auf WeltOnline auf die Zeitschrift, in der das umstrittene Sarrazin-Interview erschienen ist.
In der Rubrik "Menschen & Medien" informiert er unter der Überschrift "Lettre International erfährt späten Ruhm":
"Den Interview-Coup der Woche landete das Magazin "Lettre International". Ausgerechnet in dieser "Zeitschrift für Weltenbürger" ließ sich Thilo Sarrazin - Sozialdemokrat, Ex-Finanzsenator in Berlin, heute im Vorstand der Bundesbank - zu Äußerungen hinreißen wie: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben", oder: "Wenn 1,3 Milliarden Chinesen genauso intelligent sind wie die Deutschen, aber fleißiger und in absehbarer Zeit besser ausgebildet, während wir Deutschen immer mehr eine türkische Mentalität annehmen, bekommen wir ein größeres Problem." ..... "Lettre" wurde 1988 mit einem "radikal kosmopolitischen" Programm gegründet, so Frank Berberich, der die deutsche Ausgabe der Zeitschrift zusammen mit drei Mitarbeitern produziert. "Lettre" erschien zunächst in 13 verschiedenen Sprachen; davon sind sieben übrig geblieben. Die Vierteljahreszeitschrift erscheint auf Dänisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch und Ungarisch; im Oktober kommt ein russischer Internetauftritt hinzu."

Nicht nur unter dem Aspekt Meinungsfreiheit, sondern auch inhaltlich wirft sich Volker Zastrow auf FAZ.NET vom 03.10.2009 in seinem schneidenden Kommentar "Kopftuchmädchen" vehement für Sarrazin in die Bresche (meine Hervorhebungen):
"Der Nächste bitte. Diesmal ist es Thilo Sarrazin, der ehemalige Berliner Finanzsenator. Sarrazin hat in einem langen, gedankenreichen, wilden Interview in der Intellektuellen-Zeitschrift „Lettre International“ eine Art Summa seiner Berliner Jahre gezogen – es war einer von zahlreichen Beiträgen in einem der Hauptstadt gewidmeten Sonderheft. Inzwischen ist der Sozialdemokrat in Frankfurt, im Vorstand der Bundesbank, deren Präsident ihn kaum verblümt zum Rücktritt aufgefordert hat. Auch die Staatsanwaltschaft prüft schon, ob Sarrazin beispielsweise hätte sagen dürfen: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Und da gab es noch eine ganze Reihe ähnlicher drastischer Sätze.
Natürlich ist das provozierend; ... Sarrazin hat sich noch nie den Schnabel verbiegen lassen ... Wie Sarrazin sich ausdrückt, kann verletzend wirken ... doch kann man überhaupt Unwillkommenes aussprechen, ohne zu verletzen? Und sei es den inneren Frieden, die Gewohnheiten, die Gewissheiten derer, die vor allem nicht gestört werden wollen? Kann man über Verdrängtes sprechen, ohne zu verletzen? Kann man Missstände benennen, die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen?
[Zwischentitel: Wer aus der Reihe denkt, wird ruhiggestellt]
... Unserer Gesellschaft scheint inzwischen etwas vorzuschweben wie ein moderierter Diskurs, in dem jeder Inhalt sich der Etikette zu beugen hat. Wobei Etikette längst in Wahrheit nicht wirklich meint, wie etwas gesagt wird, sondern was. Das erkennt man daran, dass denen, die dagegen verstoßen, sofort mit dem Berufsverbot gedroht wird, dem Strafrecht gar, dass ihnen nicht widersprochen wird, sondern dass sie nicht mehr sprechen sollen. Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte. .....
Jahre nach der großen Kulturrevolution der sechziger Jahre ist an die Stelle der geschleiften Autoritäten ein anonymer, konturenloser Schleim getreten, die verallgemeinerte Autorität, aus dem je nach Bedarf wie Formwandler Gestalten springen und Verdikte verkünden, gegen die keine Berufung eingelegt werden kann. So wird aber auch die Gedankenfreiheit untergraben, das unabhängige Urteil entmutigt. .....
Äußerungen gewinnen immer dann ihre Dynamik, wenn sie den Kontext verlassen“, hat Sarrazin selbst einmal gesagt. „Aber ich kann doch nicht jedes Mal, bevor ich irgendetwas sage, darüber nachdenken, wie es wo ankommen könnte.“ Das aber wird verlangt. Es gilt als „politikfähig“. Politikfähigkeit durchströmt die hohltemperierte Gesellschaft wie lauwarmes Wasser, angefangen mit den Politikern selbst, sind alle politikfähig im Übermaß; wer aus der Reihe denkt, löst umgehend Alarm aus und wird ruhiggestellt. .....
Viel von dem, was Sarrazin gesagt hat, stimmt. Er hat es hart gesagt, grob, holzschnittartig, mitunter grausam, aber vieles davon stimmt. Man kann es auch rundweg für falsch halten .... Aber in Wahrheit werden die Zonen des Unsagbaren immer weiter ausgedehnt, wird die Redefreiheit von der Redeform abhängig gemacht, die Meinungsfreiheit konfektioniert. Ach ja, die Bundesbank. Furchtbar. Wehe. Fehlt nur noch ein Merkelwort
[eine Anspielung auf Angela Merkels Kritik an der Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Richard Williamson in die katholische Kirche]."

Bemerkenswert cool ist Sarrazins Umgang mit der öffentlichen Reaktion auf sein Interview. Zumindest so, wie er sich in dem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 01.10.2009 u. d. T. "Sarrazins Reue" darstellt:
" 'Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre International verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich', sagte er der Süddeutschen Zeitung am Donnerstag."
Mit anderen Worten: er sieht ein, dass er manche Aussagen anders hätte formulieren müssen, aber inhaltlich nimmt er sie in keinem Punkt zurück. Das ist angesichts der heftigen öffentlichen Reaktionen bewundernswert mutig.

Ich frage mich allerdings, wem er die o. a. Antwort gegeben hat: der BZ (bzw. korrekt B.Z.; das soll offenbar für 'Berliner Zeitung' stehen) oder, wie oben in dem SZ-Artikel behauptet, der SZ (oder beiden??).
Jedenfalls lesen wir die gleichen Worte in einem Interview, dass Sarrazin Boris Dombrowski von der B.Z. gab: "Berlin-Kritik. So erklärt Sarrazin seine Berlin-Schelte" v. 1.10.09 (meine Hervorhebungen):
"Im B.Z.-Interview äußert sich Thilo Sarrazin jetzt erstmals zu seinen umstrittenen Aussagen:
Können Sie die Empörung über Ihre Aussagen im Interview mit der Zeitschrift "Lettre International" nachvollziehen?
Thilo Sarrazin: Man muss meine Äußerungen in dem Gesamtzusammenhang sehen, in dem sie gemacht wurden und nicht nur einzelne Teilbereiche betrachten. Ich verstehe meine Aussagen als eine Liebeserklärung an Berlin. .....
Welche Faktenlage meinen Sie konkret?
Der Blick in die Arbeitslosenstatistik zeigt deutlich, dass zum Beispiel in Neukölln gut die Hälfte von Hartz IV leben, im Berliner Durchschnitt sind es hingegen 20 Prozent. Und das alles sind Dinge, die mich, als jemand der Berlin liebt und hier lebt, bekümmern.
Ihnen wird jetzt vorgeworfen, ein "beschämendes Menschenbild" zu zeichnen…
Ich habe mich nur zu Fakten geäußert. Ich glaube, dass jeder Mensch Potenziale hat, er muss sie allerdings auch nutzen.
Wie lassen sich die Probleme lösen?
Die Integrationslösung ist die: Migranten müssen durch das System durch, sie müssen zur Schule gehen, sie müssen Deutsch sprechen können und den normalen Aufstieg durch Bildung nehmen.
Bereuen Sie Ihre Aussagen trotzdem ein wenig?
Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich. Mein Anliegen war es, die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskriminieren. Ich habe als Berliner Bürger und ehemaliger Finanzsenator meine private Meinung geäußert, nicht aber für die Bundesbank gesprochen
."
Die Selbstdarstellung seiner Aussagen als "Liebeserklärung" an die Stadt Berlin überzeugt mich.
Schließlich haben schon die alttestamentarischen Propheten in gleicher Weise Ärgernis erregt - aus Liebe zu ihrem Volk.

Ein gewisser Sascha Blodau hat jetzt in seinem "Auswanderer.Blog" ebenfalls einen großen Teil des Interviews online gestellt.
Ehrlicher Weise enthüllt er auch die Quelle: die o. a. Webseite "Fakten - Fiktionen".

FAZ.NET berichtet unter der Überschrift "Umstrittenes Interview. Sarrazin entschuldigt sich" (meine Hervorhebung):
"Thilo Sarrazin hat sich für seine umstrittenen Äußerungen über Berlin und zu Integrationsproblemen von Migranten mittlerweile entschuldigt. „Die Reaktionen, die mein Interview in „Lettre International“ verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war“, schrieb der frühere Berliner Finanzsenator am Donnerstag in einer „persönlichen Mitteilung“ [ein Rundschreiben an die Presse bzw. die Medien?]. Sein Anliegen sei es gewesen, die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskreditieren. „Sollte dieser Eindruck entstanden sein, bedauere ich dies sehr und entschuldige mich dafür“."


Es gibt übrigens, nur um die Perspektive etwas auszuweiten, Integrationsprobleme nicht nur mit Menschen aus islamischen Kulturen, also konkret bei uns: Türken und Arabern.
Sogar die Italiener sind in ihrer Gesamtheit keineswegs so integriert, wie wir uns das vorstellen bzw. von islamischen Einwanderern erwarten. Vgl. diesbezüglich z. B.
den Vortrag (von 2002) "Italiener in Deutschland" von Claudio Cumani.
Oder das von Nina Giaramita geführte WDR-Interview "Migrationsforscher: Mangelnde Integration. Das stille Leiden der Italiener" mit Uwe Hunger vom 14.12.2007.
Und diejenigen, welche unauffällig sind, sind nicht zwangsläufig sozial unschädlich: vgl. z. B. den ZEIT-Bericht "Die Mafiosi von nebenan" von Petra Reski vom 17.08.09.
Eine historische Perspektive, die auch für unsere Debatte bedeutsam ist, bringt das Interview "Der Standard" "Italiener waren die Araber des 19. Jahrhunderts" auf der österreichischen Zeitung vom 28.11.2007:
"Migrationshistorikerin Blanc-Chaléard über die erste große Massenzuwanderung nach Frankreich und die Probleme.
Die Italiener stellten die erste proletarische Massenzuwanderung Frankreichs dar. Sie setzte Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der industriellen Revolution ein. Bis heute sind sie die größte Gruppe von MigrantInnen, die sich auf Dauer niedergelassen haben und vollständig in der französischen Gesellschaft aufgegangen sind. Das war allerdings nicht immer so. Im Interview mit derStandard.at erklärt die Migrationshistorikerin Marie-Claude Blanc-Chaléard, mit welchen Problemen die Italiener konfrontiert waren. Ihrer Ansicht nach wurde die Assimilierung von ihnen sogar stärker gefordert als von den heutigen Zuwanderern. Die Fragen stellte Sonja Fercher
."
[Und lange Zeit waren und vermutlich sind bis zu einem gewissen Grade sogar noch heute die "Terroni" aus Süditalien im Norden ihres eigenen Landes die "Araber".]


Ergänzung: Irgendwo fand ich jetzt auch eine vollständigen bibliographische Beschreibung des Interviews (d. h. Titel usw.): "Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten. Thilo Sarrazin im Gespäch", Lettre international. Nr. 86, Herbst 2009, S. 197-201"

Nähere (Eigen-)Informationen über den Inhalt des aktuellen Hefts "Berlin auf der Couch" von Lettre International Lettre aktuell Nr. 3/2009 finden sich auf der Webseite des Verbandes Junger Journalisten Berlin-Brandenburg.

In der "Readers Edition" gibt es einen Artikel "Politik. Thilo Sarrazin und der Neuaufguss des Sozialdarwinismus" vom 04.10.09, dessen Inhalt ich mir zwar nicht zu eigen mache (und den ich auch nicht im Detail gelesen habe), der aber immerhin intellektuell etwas tiefer zu gehen scheint und grundsätzlicher ist als die sonstige aktuelle Kritik an Sarrazin.
Schade nur, dass der oder die Autor(in) sich hinter der Pseudonym-Maske "Zbigniew Menschinski" versteckt.


Nachträge 05.10.2009: Die Debatte um Thilo Sarrazin geht weiter

Auf FAZ.Net hat sich nun Gerald Braunberger gegen Volker Zastrow (s. o.) positioniert. Er fordert heute: "Bundesbank. Sarrazin muss gehen":
"Es kann und darf nicht Aufgabe der Bundesbank sein, darüber zu befinden, ob in der Berliner Unterschicht (wie immer man sie definieren wollte) zu viele Kinder geboren werden. Sarrazin hat sich gegenüber seinem Arbeitgeber grob illoyal verhalten und ihm damit geschadet. In wohl jedem privaten Unternehmen wäre er sofort gefeuert worden, was in der Bundesbank nicht geht. Sarrazin sollte daher von selbst seinen Hut nehmen."

Ansonsten findet Sarrazin aber erstaunlich viele Verteidiger. Meist nicht ganz unkritisch gegenüber seinen Formulierungen oder auch Inhalten, verteidigen sie aber Sarrazin im Interesse der Meinungsfreiheit. Interessant ist gelegentlich, die Tendenz der jeweiligen Artikel mit der Tendenz der Kommentare zu vergleichen; die sind manchmal gegenläufig. Braunberger (s. o.) wird (gefühlt) von der Mehrzahl seiner Kommentatoren kritisiert (d. h. die Kommentare sind pro-Sarrazin).

Auf der Webseite "Der Westen" vom 04.10.2009 plädiert Frank Stenglein unter "Analyse. Thilo Sarrazin, oder: Die Grenzen der Meinungsfreiheit":
"Im politischen Diskurs gibt es eine klar zunehmende Neigung, bei bestimmten (und zwar nur bei bestimmten), als unangenehm empfundenen Themen nur noch wohltemperierte Meinungen zuzulassen. Das macht langsam Sorge. Es droht eine Gesellschaft, bei der nur noch die Nervenstarken offen und ohne den Schutz der Anonymität ihren Kopf aus der Grassnarbe heben. Es droht ein Meinungskonfektionismus, der alles hart und scharf Formulierte in Acht und Bann legt und „die Zonen des Unsagbaren immer weiter ausdehnt“, wie die FAZ formulierte. Das ist Gift für ein Gemeinwesen, das auf der freien Rede aufbaut."
Die Kommentare halten sich dagegen (gefühlt) die Waage oder sind sogar leicht überzählig kontra Sarrazin; häufig mit dem Tenor wie gleich der 1. Kommentar:
"Zwischen "wohltemperierten Meinungen" und den gezielten Anpöbelungen des Herrn Sarrazin gibt es aber doch noch ein paar Abstufungen - oder nicht, Herr Stenglein?" oder ein anderer:
"Nun es gibt Unterschiede zwischen Meinung, Anpöbelung und ... Hetzen."

Auch Reinhold Michels tritt in der Rheinischen Post vom 05.10.09 unter der Überschrift "Provokateur SARRAZIN" (nicht unkritisch) an Sarrazins Seite:
"Sarrazins unverzeihlicher Fehler – vielleicht eine Temperamentsfrage, womöglich ein Charaktermangel – war es, nicht energisch zu beklagen, was Berlins Zukunft gefährdet, sondern derart polemisiert zu haben, dass die Grenze zur Pauschal-Beleidigung von Zuwanderer-Gruppen überschritten ist. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Ist nicht aber ein bei Vergleichen und Wortwahl unerhört zuspitzender Zeitgenosse wie Sarrazin die am Ende politisch fruchtbarere Zumutung in der politischen Debatte, als es die Problem-Beschweiger vom Dienst sind?"

Einen langen pro-Sarrazin, oder pro-Meinungsfreiheit, Kommentar hat Bettina Röhl in ihrem WELT-Blog "Sex, Politik und Lügen" (nicht in, wie man manchmal liest "Der WELT", also nicht im redaktionellen Teil) online gestellt. Ihre Empörung über die Unterdrückung bestimmter Themen ist (genau wie bei mir) deutlich erkennbar durch den Titel ihres Blog-Eintrag "Thilo Sarrazin und die Heuchel-Gesellschaft" :
"Zu einem Erfolg auf dem Felde der Integration gibt es keine Alternative. Das sollte jedem bewusst sein und daran sollte jeder mitarbeiten. Mit der gnadenlos praktizierten, plumpen und brutalen Tabuisierung des Themas Integration wird die Sache in die Hose gehen. Zum Nachteil von 84 Millionen Bundesbürgern.
Wenn Heuchelei normal ist und die Realität verschwiegen wird, in ihr Gegenteil verkehrt wird oder völlig aus dem Blick gerät, ist eine Gesellschaft nicht viel wert. Der Weg von der Heuchelei zur Hatz, zur Menschenjagd, ist nicht weit.
Hier geht es ausdrücklich nicht um die Frage, ob die Äußerungen des Thilo Sarrazin zum aktuellen Status der Stadt Berlin und deren Integrations- oder Desintegrationsstand richtig oder falsch, untertrieben oder übertrieben sind. Das ist wenige Tage nach dem Beginn der öffentlichen Diskussion um die Sarrazinschen Einlassungen (veröffentlicht hier) fast nebensächlich geworden.
Das von der Anwerbung des ersten Arbeitnehmers aus dem Ausland bis hin zum heutigen Integrationsdilemma alles, aber auch alles falsch gemacht wurde, ist prima facie dessen, was jeder täglich beobachten und erfahren kann, einigermaßen evident. Das, was in Sachen Integration von Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, gut und richtig gelaufen ist, ist eher aus Versehen und zufällig gelungen und vor allem deshalb, weil sich einzelne Menschen in ihrem konkreten Umfeld bemüht haben.
Der Staat hat jedenfalls systematisch versagt und dieses Versagen wird durch das widerwärtige Ausmaß an Heuchelei stündlich, minütlich und sekündlich in allen Medien aller Orten bis in die Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen und jede private Wohnstube hinein, nicht nur verstärkt, sondern immer weiter in Richtung Unlösbarkeit getrieben.
"
Zwischen diesen Absätzen und dem Schlussabsatz
"In einem Punkt hatte Sarrazin zweifelsfrei recht: wenn er sinngemäß sagt, ohne Zahlen zu nennen, dass die 68-er die Stadt Berlin viele viele viele Milliarden Euro gekostet und wirtschaftlich und finanziell ruiniert haben, dann liegt er zweifelsfrei historisch tatsächlich richtig. Das war wahrscheinlich der größte Fehler von Sarrazin, dass er in einem Nebensatz dem Machtblock 68 gleich mit eins auswischte"
liegt noch ein ellenlanger Textteil, der sogar mir zu lang ist und gedanklich etwas mäandriert. Das (werden manche sagen, die meinen Blog öfter lesen) passiert bei CANABBAIA zwar auch manchmal (und gelegentlich merkt er es sogar selbst); aber das heißt ja nicht, dass ich es anderswo nicht bemerken und kritisieren dürfte? ;-)
Erg. 30.04.2010: Am 23.04.2010 griff Bettina Röhl das Thema in ihrem Blog "Mainstream Report" erneut auf: "Wowereit, der bessere Sarrazin?".
Sie berichtet
"Sarrazin ... ist von den Berliner Parteigremien der SPD im Rahmen des förmlichen Parteiausschlussverfahrens, das gegen ihn angestrengt worden war, vergleichsweise deutlich „freigesprochen worden“. Sarrazin wurde weder gerügt noch ausgeschlossen."
Scharf rechnet scharf mit jenen Trittbrettfahrern ab, die sich erst jetzt aus der Deckung wagen, nachdem Sarrazin in der Einwanderungsdebatte "den Korken aus der Flasche gezogen hat":
Zwischentitel: "Leisetreter warteten das Parteiausschlussverfahren ab."
"Die Republik und viele Feiglinge in der Politik wie der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, aber auch Klaus Wowereit und andere waren Leisetreter in dieser Zeit. Alles schielte auf das Ergebnis der innerparteilichen Auseinandersetzung der SPD über Sarrazin. .....
Bis dato war von Wowereit wie auch von der politischen Konkurrenz zum Thema Migration so gut wie nie etwas Substanzielles zu hören gewesen
."

Nachträge 06.10.09: Die Debatte flaut langsam ab.
Vor allem stürzen sich die Medien auf einen einstündigen Vortrag über Finanz- und Wirtschaftspolitik nach der Bundestagswahl, den Sarrazin am 05.10.09 vor der Berliner Industrie- und Handelskammer gehalten hat.
Die Berichte sind mehr oder weniger informativ; die Überschriften teilweise unsäglich.
Focus (5.10.09): "Skandal-Äußerungen. Sarrazin mauert": Quatsch. Er hat sich nicht mehr, jedenfalls nicht mehr direkt, zum Interview geäußert. Muss er das? Was hat das mit "Mauern" zu tun? Klar, die Journaille würde ihn gern auf die Knie zwingen: Canossagang vor die Pressekonferenz. Lässt Sarrazin aber nicht mit sich machen. Also ist die Bande sauer.

Peter Kirnich hat für die Frankfurter Rundschau immerhin gemerkt, was dem Focus-Fex NN entgangen ist: Dass sich Sarrazin sehr wohl (und großartig cool) zu seinem Interview geäußert hat:
"Nur manchmal kommt ein wenig der Mann durch, der Klartext liebt. Etwa, als er die vielen falschen Prognosen von Wirtschaftsforschern kritisiert und gleichzeitig auf seine eigene Situation anspielt: "Es ist nicht schlimm, wenn man irrt." Schlimm sei nur, wenn man sich als Einzelner irre. Sage man, was alle sagen, sei das kein Problem - "das lässt sich übrigens auf viele Themen ausdehnen"."
Auf einen idiotischen Titel mochte Kirnich gleichwohl nicht verzichten:
"Auftritt in Berlin. Sarrazin beinahe lammfromm."So, so: sachlich ist also "lammfromm". Und wie soll man darüber reden, wenn Journalisten ihre Publikationsorgane dazu missbrauchen, ihre Opfer subtil dafür zu quälen, dass sie sie ihren Erwartungshorizont eines altrömischen Circenses-Publikums frustriert haben?
"Arschlöcher wie üblich"?
In der Berliner Morgenpost vom 6.10.09 informiert Joachim Fahrun sehr ausführlich (aber ebenfalls erkennbar frustriert): "Thilo Sarrazin. Das Schweigen nach der Ruhestörung"Die ganze Meute heult auf wie im Drogenentzug. (Irgendwo zwar verständlich: die leben vom Unglück, Ungeschicklichkeiten, Fehlern anderer. Aber dass die mittlerweile offenbar kollektiv glauben, sie hätten ein Anrecht auf Menschenopfer: das ist schon einigermaßen erschreckend.)
Informativ ist aber der Fahrun-Bericht:
"Der 64-jährige Volkswirt Sarrazin weiß offensichtlich, was die Stunde geschlagen hat. Er ist an diesem Montag nicht geneigt, mit weiteren provokanten Worten seine Position in der Notenbank weiter zu beschädigen. Ganz entgegen seiner Gewohnheit gibt es keine nach Bestätigung heischenden Worte und Gesten an die Journalisten. Bei früheren Debatten über seine Sprüche versuchte Senator Sarrazin oft, Zustimmung zu wecken und seine Aussagen zu rechtfertigen. Doch dieses Mal ist das anders.
Wie er mit der Presse verfahren wolle, fragt ihn die IHK-Sprecherin. "Ich verfahre nicht mit der Presse", antwortet er. Aber die Kameras sollten doch bitte raus. Das gehe nicht, sagt die Sprecherin, das sei eine öffentliche Veranstaltung. Und so verschränkt Sarrazin die Arme und wartet, während IHK-Präsident Eric Schweitzer sich bedankt, dass er "gerade auch in dieser Zeit" der Einladung gefolgt sei. Aber Sarrazin sei ja schwierige Ausgangslagen gewohnt. "Die ziehen sie förmlich an", sagt Schweitzer und der Gast erntet freundlichen Beifall.
Dann zeigt Sarrazin Pokerface und hält sein Impulsreferat zum Thema "Deutschland nach der Wahl". Nur gelegentlich lässt er indirekte Kommentare zur Sache hören: Es sei toll, dass der Mittelstandstag so viele Medien anziehe, flachst er. Zumindest medial sei der Mittelstand wohl im Aufstieg.
Dass er bei der Bundesbank bleiben möchte und nicht an Rücktritt denkt, bestätigt Sarrazin nur durch die Blume: Als Berliner Finanzsenator habe er einen Bestand an Folien mit Zahlen und Kurven angelegt, um seine Vorträge zu untermauern. Einen solchen baue er auch bei der Bundesbank auf. "Der ist noch nicht so groß, aber er wird wachsen", sagt Sarrazin.
"Es ist nicht schlimm, wenn man irrt"
Dass alle Analysten und Volkswirte gemeinsam falsch lagen, als es galt, die Wucht der Finanzkrise einzuschätzen, stellt der Bundesbanker mit leichtem Spott heraus. Alle hätten sie sich bei ihren Vorhersagen, wie stark die Wirtschaft wohl 2009 einbrechen würde, aneinander orientiert. Solches Verhalten sei menschlich: "Es ist nicht schlimm, wenn man irrt. Schlimm ist, wenn man als Einzelner irrt", sagt Sarrazin: "Viel schlimmer sei allerdings, wenn man als Einziger recht hat", schiebt er nach. Und "übrigens kann man das auch auf viele andere Themen anwenden, die hiermit nichts zu tun haben", sagt er noch - und so mancher im Publikum mag das als eine Anspielung auf seine umstrittenen Thesen zur Einwandererthematik verstanden haben.
"
Man darf also hoffen, dass der Mann nicht zu Kreuze kriecht - und andererseits sich aber auch nicht von egoistischen Idioten provozieren lässt.
[Nachtrag 7.10.09: Vom gleichen Autor ist in etwa der gleiche Text wie in der Berliner Morgenpost auch in der WELT vom 6.10.09 erschienen. Dort u. d. T. :"Sarrazin spricht - und sagt nichts":
"Auftritt des umstrittenen Bundesbank-Vorstands in Berlin - "Politik muss sich ehrlich machen"."]


Franz Josef Wagner schreibt in der Bild-Zeitung ("Post von Wagner") vom 4.10.09:
"Lieber Thilo Sarrazin,
nun sitzen Sie zwischen allen Stühlen, weil Sie Dinge sagten, die man nicht sagt, obwohl sie wahr sind. Die SPD droht mit Parteiausschluss, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung. Sie sagten: Berlin sei kleinbürgerlich, plebejisch, schlampig, 68erisch. Türkische Wärmestuben und der Obsthandel brächten Berlin nicht nach vorne. Große Teile der arabischen, türkischen Einwanderer seien nicht integrationswillig.
Lieber Sarrazin, sind Sie verrückt? Wir benutzen heute für Probleme das Wort Komplexität. Politisch korrekt hätten Sie sagen müssen: „Die Probleme der Hauptstadt sind komplex.“ Und dann hätten Sie etwas Vorgekautes sagen müssen, das schon durch viele Mäuler ging. Etwa, wir müssen eine Konfliktforschungs-Konferenz einberufen, um die Vertrauensschwäche der Migranten in uns zu ergründen.
Sie haben Klartext gesprochen – aber Ihre Sprache ist nicht political correct.
Unsere offizielle Sprache ist beruhigend, Zimmertemperatur. Unsere Hamster fühlen sich wohl, die Kaninchen. Für mich sind Sie ein wunderbarer Rüpel. Hoffentlich überleben Sie.
"

Korrekt titelt die Financial Times Deutschland am 05.10.2009: "Sarrazin lehnt weitere Erklärungen ab".
Das man dort allerdings kaum Sympathie für Sarrazin hat, zeigt der Leitartikel vom 30.09.09: "Äußerungen des Bundesbankvorstandes. Sarrazin - Zu viel ist zu viel":
"Als Berliner Finanzsenator konnte sich Thilo Sarrazin seine Provokationen noch leisten. Als Bundesbankvorstand geht das nicht mehr: Mit seinen jüngsten Ausfällen hat er sich untragbar gemacht."
Am 01.10.09 hatte die FTD allerdings eine die Fakten total verzerrende Überschrift verzapft, die wohl zu den übelsten in der Diskussion um Sarrazin gerechnet werden darf:
"Entschuldigung. Sarrazin katzbuckelt vor Weber". Dabei war Sarrazins Entschuldigung äußerst souverän und alles andere als ein Katzbuckeln.

"Darf man als Bundes-Banker so etwas sagen?" fragt Bild am 6.10.09:
"...„ja“, sagen Prominente und nehmen Thilo Sarrazin in Schutz +++ Doch Bundesbank-Chef Weber sieht das anders." (Hier auch Zitate pro Sarrazin von Henryk M. Broder + und Ralph Giordano - aber nun ja, das heißt nicht viel; das ist ohl eine Figur aus der üblichen Frontstellung Zionismus gegen Islam.)

FOCUS-Korrespondent Kayhan Özgenc nimmt Sarrazins Interview eher gelassen in "Mitten aus Berlin. Ich kann mehr als nur Gurke" (6.10.09):
"Thilo Sarrazin hat mit seiner Ausländer-Schelte die Deutschen mal wieder provoziert. Aber es lohnt sich ein Blick hinter die umstrittenen Äußerungen des Sozialdemokraten und Bank-Vorstandes." Schluss:
"Wenn wir es wohlmeinend mit dem notorischen Provokateur Sarrazin meinen, dann gehen wir mal davon aus, dass er uns dieses Problem vor Augen führen wollte. Mit seinen Worten, mit drastischen Worten. Aber einen verbalen Seitenhieb kann ich mir in seine Richtung wirklich nicht ersparen: Herr Sarrazin, seien Sie sicher – ich kann mehr als nur Gurke!"

Auch Michael Miersch in der WELT (6.10.09)) tritt mit einer Veröffentlichung anderer Aussagen der verengten Wahrnehmung der Äußerungen von Sarrazin entgegen: "Dokumentation. Was Sarrazin sonst noch sagte."

Sven Böll und Lisa Hemmerich gehen im SPIEGEL (5.10.09: "Sarrazins letzter Schuss") der Lieblingsbeschäftigung dieses Magazins nach: Kopfjagd.

Der Blog "Zettels Raum" versucht (wie ich), die Emser Medien-Depesche für alle diejenigen zu dechiffrieren, die nicht den Volltext gelesen haben (6.10.: "Der Fall Thilo Sarrazin ..."); das Gleiche tat hier am 04.10.09 der/die anonyme Blogger(in) "Die Rechtsanwäldin" und hier der Blog einer Anwaltskanzlei (und nimmt Sarrazin - implizit, nicht fachjuristisch - gegen den Vorwurf der Volksverhetzung in Schutz. [Im Kommentar Nr. 18 im Spreeblick erfahren wir von einer Elke Allenstein, dass der Blogger RA Carsten R. Hoenig ein "(linker Strafverteidiger aus Kreuzberg!)" ist.]

Günter Müchler, Programmdirektor Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, gehört zu denjenigen, die nicht nur pro Sarrazin oder pro Meinjungsfreiheit argeumentieren, sondern deren Gedankengänge und/oder Formulierungen auch eine gewisse Brillanz anhaftet: "Von Risikoklassen der Provokation. Zu Äußerungen des Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin" :
"Thilo Sarrazin, im Vorstand der Bundesbank, hat aus Sicht Vieler etwas Ausländerfeindliches gesagt. Bundesbankpräsident Axel Weber beeilt sich, Sarrazin den Rücktritt nahezulegen, um weiteren Provokationen Einhalt zu gebieten - und das Image der Banker zu schützen. .....
Ist Sarrazin ein erkannter Ausländerfeind? Eines stimmt, der Mann traut sich was. Der Lust an der Provokation ist er verfallen. Die hat er einige Male ausgetobt in Äußerungen über das Prekariat. Diesmal ging er einen Schritt weiter. Im Interview mit der Zeitschrift "Lettre International" nahm er die Unterschichtsaffinitäten sogenannter Mitbürger mit Migrationshintergrund aufs Korn.
Damit betrat er ein Terrain, wo es keinen Versicherungsschutz gibt, weil jedes unklug gesetzte Wort mit Höchststrafe bedroht ist. Wer dieses Terrain nicht auf Zehenspitzen betritt, kommt erst gar nicht in die Lage, die Sinnhaftigkeit seiner Sentenzen zu rechtfertigen. Sätze wie dieser, dass Türken und Araber, Zitat: "ständig kleine Kopftuchmädchen" zeugten, sind rein empirisch betrachtet ja nicht a priori haltlos. Wohingegen durch Sarrazins Behauptung, ein gewisser Teil der Berliner Bevölkerung habe keine produktive Funktion, außer, Zitat: "für den Obst- und Gemüsehandel" dieser Letztere sich herabgesetzt fühlen könnte.
Noch hat der Verband des Obst- und Gemüsehandels unseres Wissens nach nicht reagiert. Dafür suchen die Ermittlungsbehörden nach Verdachtsmomenten für Volksverhetzung, was der Ortsverein Alt-Pankow der SPD bereits durchgeprüft hat.
?"

Jörg Lau verurteilt Sarrazin in seinem morgen in der ZEIT erscheinenden Leitartikel (heute vorab hier auf der ZEIT-Webseite veröffentlicht) "Was Sarrazins Interview bedeutet":
"Es ist eine Errungenschaft, über diese Dinge unverklemmt und ohne Hass debattieren zu können. Deutschland übt erst seit ein paar Jahren den freieren, konfliktfreudigen Blick auf die selbst verschuldeten Folgen fehlgesteuerter Einwanderung und verweigerter Integration: Ja, es muss möglich sein, über die unterschiedlichen Integrationserfolge verschiedener Gruppen zu reden, über Geschlechterrollen, Familienstrukturen und religiöse Prägungen, die dabei den Ausschlag geben.
Falls Thilo Sarrazin, in den Vorstand der Bundesbank gewechselter ehemaliger Berliner Finanzsenator, dazu einen Beitrag leisten wollte, ist er allerdings spektakulär gescheitert. Mit maßlosen Zuspitzungen hat er der Integrationsdebatte – und sich selbst – einen Tort angetan
."
Doch reibt man sich dann gegen den Schluss zu verwundert-erfreut die Augen, wenn man liest:
"Wir brauchen eine gestaltende Einwanderungspolitik. Die Konsequenzen der verfehlten Gastarbeiterpolitik früherer Jahrzehnte gilt es jetzt anzupacken.
Und dazu wird es eines veritablen New Deal mit den Migranten bedürfen. Man könnte es auf diese Formel bringen: größere Aufnahmewilligkeit gegen mehr Engagement und Eigenverantwortung. Also: Wir werden euch schneller als Teil dieses Landes akzeptieren, wenn ihr euch mehr reinhängt. Was die türkische Gemeinschaft angeht, läuft es auf Fragen dieser Art hinaus: Statt es zur Ehrensache zu machen, gegen Sprachnachweise beim Ehegattennachzug zu streiten – wie wäre es mit einem Kampf für besseren Deutschunterricht? Wann fangt ihr an, nicht vor allem durch Moscheeneubauten und den Kampf für Gebetsräume in Schulen, sondern durch Leistung auf euch aufmerksam zu machen?
Wir müssen Einwanderer künftig aussuchen: Ein Punktesystem muss her, das formuliert, wen wir brauchen.
"
Gleich der erste Leserkommentar dazu, von einem Rafael, sagt dazu alles, was man kurz und treffend sagen kann:
"Na also, es geht doch. Sarrazin hat mit seinem Beitrag der Integrationsdebatte sicher keinen Tort angetan. Durch ihn und sein Gepoltere ist die Integrationsdebatte überhaupt erst wieder auf der Tagesordnung. Ohne Sarrazin wäre das Thema in der Zeit auch nicht von der kleinen Blogecke auf die erste Seite katapultiert worden, hätte Jörg Lau diesen exzellenten Artikel nicht an der journalistischen Pole Position der Republik platziert. Nur ein kleines dummes Geplappere von Thilo Sarrazin, aber ein großer Diskussionsfortschritt für die Gesellschaft!"


In der Bloggerszene gibt es nach meinem Eindruck zwar viele kurze Erwähnungen mit einem oder wenigen Links zur Medienberichterstattung, aber nur wenige tiefer gehende Beiträge (für oder gegen ihn) zur Debatte um das Sarrazin-Interview.

Johnny Haeusler formuliert im "Spreeblick" eine scharfe Ablehnung u. d. T. "Sarrazin hat Rechts":
"Na bitte: Rassismus ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Schon wird abgewogen, dass er ja „irgendwie recht“ habe, der Thilo Sarrazin. .....
Es ist nämlich völlig unerheblich, ob in Sarrazins Beschreibung der Stadt und seiner Einwohner irgendwo auch etwas richtiges zu finden ist. Was zählt ist die Tatsache, dass seine Äußerungen rassistisch und menschverachtend suggerieren, es gäbe für die im Bereich der Bildungs-, Sozial- und Migrationspolitik vorhandenen Probleme eine einseitige Verantwortlichkeit bei bestimmten Bevölkerungsgruppen. Sarrazin empfiehlt Müttern der „Unterschicht“, ihre Kinder „woanders“ zu bekommen; auf diesem Niveau bewegen sich große Teile des Interviews, ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die nur darauf warten, ihrem Rassismus und ihrem Hass endlich wieder freien Lauf lassen zu können. Sarrazins Worte in Schutz zu nehmen bedeutet, den Weg zu ebnen für eine soziale Stimmung, die für die Gesamtdiskussion äußerst gefährlich ist. .....
Es geht auch anders. Man kann eine Bestandsaufnahme betreiben, ohne dabei in Rassismus oder Polemik abzugleiten oder falsche Schlüsse zu ziehen. Ein Beispiel dafür ist der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der sich mit seinen Vorschlägen für den Bezirk und anderen Äußerungen auch nicht gerade beliebt gemacht hat, dem man jedoch weder Ausgrenzung noch Rassismus vorwerfen kann.
....."
Aber auch eine interessante Information bringt der Blogger des Spreeblick ein:
"Bis in die 70er Jahre hinein bekamen Migranten aus der Türkei (und vermutlich auch aus anderen Ländern) bei ihrer Einreise nach Deutschland in Berlin einen Stempel in ihren Pass. Dieser Stempel genehmigte den Einwanderern die Wohnungssuche in vier Berliner Bezirken: Wedding, Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg. Das Beziehen einer Wohnung in einem anderen Berliner Bezirk war den Immigranten untersagt."

Matthias Kolbeck (Blog "Flush") ist trotz einiger "recht grundlegender Differenzen" nachdenklicher: "Noch einmal: Thilo Sarrazin und sein Interview in Lettre International":
"Ja, er benennt Mißstände, die man diskutieren und denen man sich stellen muss, wenn der Graben zwischen der Weltsicht der politischen und journalistischen Kaste und den Ansichten der ‘Normalbürger’ nicht immer tiefer werden soll. Darin ‘Volksverhetzung’ sehen zu wollen, ist unsäglich."

Reinhart Gruhn bloggt unter "publicopinia" am 5.10.09 längere Ausführungen über "Sarrazin der Sarazene":
"... Was also ist das eigentlich Anstößige an dem Beitrag von Thilo Sarrazin? Ich denke, er hat all dies Bekannte und Richtige in einer Weise auf den Punkt gebracht und ohne jede Vorsicht in der Sprache (und im Missverstehen!) provozierend formuliert, dass der mediale Aufschrei und die öffentliche Entrüstung zu erwarten war. Genau dazu wollte er offenbar beitragen: die Probleme nicht mehr unter den Teppich zu kehren, sondern sie in offener Diskussion zu thematisieren, um sie dann auch besser zu lösen. Dass man Thilo Sarrazin auch gutmeinend verstehen kann, zeigt der Beitrag von Mechthild Küpper in der FAZ. Für eine klare Sprache hat Thilo Sarrazin mit Worten gekämpft wie ein Sarazene!" [Nun ja, es gibt weitaus wohlmeinendere Kommentare - s. o. - zum Sarrazin-Interview als ausgerechnet den von Frau Küpper. Der ist ziemlich distanziert-referierend angelegt, unterschwellig aber doch eher kritisch.]


Nachtrag 08.10.09:
Einen bemerkenswerten Diskussionsbeitrag hat heute Mathias Münscher im Magazin "derFreitag" u. d. T. "Vorstandsmeinung. Berlin nur für die Besten" formuliert (meine Hervorhebung; interessant sind natürlich die näheren Ausführungen zu den Thesen, die ich hier weggelassen habe; man sollte sich unbedingt den ganzen Artikel durchlesen!):
"Thilo Sarrazin ist so umstritten wie meinungsstark. In der aktuellen Debatte um die "Kopftuchmädchen" sind viele Thesen untergegangen. Wir stellen sie zur Diskussion.
Der frühere Berliner Finanzsenator und heutige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin sorgt seit Tagen für Empörung. In einem Interview in der Zeitschrift Lettre International sagte er unter anderem, eine große Zahl von Arabern und Türken in Berlin habe keine produktive Funktion außer für den Obst-und Gemüsehandel, und es werde sich vermutlich auch keine Perspektive für sie entwickeln. Was Sarrazin über die Hauptstadt-Entwicklung sonst noch sagte, ist über diesen skandalösen Sätzen kaum wahrgenommen worden. Wir dokumentieren die weiteren Thesen:
1. Die Stadt ist überdimensioniert
2. Berlin fehlt seit dem Krieg die Produktionskraft
3. Berlin hat (auch) nach der Wende vor allem auf Subvention gebaut
4. Die Berliner Mentalität verhindert eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation
5. Die rigide Stadtbaupolitik von Hans Stimmann war ein „absoluter Triumph“
6. Chancen für Berlin: Eine Stadt für die Eliten.
"

Selbst die "Kreiszeitung.de" berichtet (anhand von Material der Nachrichtenagenturen) heute ausführlich über Gegner und Unterstützer von Thilo Sarrazin: "Deutschland diskutiert über Sarrazin-Interview"
Indes ist die Kreiszeitung wohl ein Ableger des Münchner Merkur, wo wir den gleichen Text finden.
Dort gibt es auch noch einen Leckerbissen der (erstaunlich großen) Pro-Sarrazin-Front in den (zumindest: bürgerlichen) Medien: Den Kommetar [recte: Kommentar] (bereits vom 06.10.09) "Eine Todsünde" von Georg Anastasiadis, Stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur, zur Diskussion um Thilo Sarrazin. Anastasiadis tut, was Sarrazin getan hat: er kommt voll aus der Deckung heraus (meine Hervorhebungen):
"Rücktrittsforderungen, Parteiausschlussverfahren, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen: Die deutsche Tabu-Gesellschaft, angeführt von Grünen und SPD, fährt das volle Programm gegen Thilo Sarrazin. Der Bundesbank-Vorstand und Berliner SPD-Ex-Finanzsenator hat Ungeheuerliches getan. Er hat die unbequeme Wahrheit ausgesprochen, dass die Migrationspolitik hierzulande, trotz Schäubles Islamkonferenz und vieler schöner Worte, noch immer wenig zustande bringt. Er hat die Integrationsdebatte, die die Gutmenschen gerade erfolgreich ausgetreten hatten, neu belebt. Manche halten das für eine Todsünde im politisch korrekten Deutschland, jedenfalls für ein Vergehen, das härter zu ahnden ist als jahrelanges Wegschauen, als das Tolerieren von Parallelgesellschaften und das Entstehen einer bildungsfernen und chancenlosen Unterschicht, die das Land noch vor existentielle Probleme stellen wird."

Einer von denjenigen, die (nicht nur) von Anastasiadis als "Gutmenschen" attackiert werden [ich selbst vermeide diesen Ausdruck, er ist mir zu abgegriffen, zu plakativ, zu unoriginell], nennt sich "Zbigniew Menschinski" (s. a. oben) und schreibt auf der Webseite "Readers Edition" am 07.10.09 über "Die Lügen des Thilo Sarrazin".
"Lüge Nummer 3:
“Ich muss niemanden anerkennen der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.”
Hier unterstellt Sarrazin, Türken seien allgemein besonders bildungsunwillig. Auch das ist falsch. Das deutsche Bildungssystem grenzt nicht nur viele Türken aus. Es benachteiligt ebenso andere ethnische Gruppen. Am krassesten leiden unter der Bildungsmisere die Italiener, dann folgen mit gleichen Werten Türken, Ex- Jugoslawen, Griechen.
"
Komisch nur, dass das deutsche Bildungssystem die uns kulturell doch weit entfernt stehenden Vietnamesen nicht ausgrenzt, dass die offenbar weniger darunter "leiden".
Immerhin spielt uns aber Menschinski mit seiner Leidens-Logik einen Beweis für die Berechtigung von Sarrazins Furcht um den deutschen Intelligenzquotienten in die Hand bzw. auf den Monitor.




Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge zum Sarrazin-Interview:

1) "Feigheit siegt! Thilo Sarrazin und die deutsche Verlogenheit" vom 2.10.09 ff. (der vorliegende Blott)

2)"Medien verkürzen Interview von Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin im "Lettre International" zur "Emser Depesche" der Ausländerdebatte!" vom 04.10.2009 ff. 3) "Volltext des Interviews von Lettre International (Frank Berberich) mit Thilo Sarrazin: Ausgerechnet die Bild-Zeitung publiziert den Gesamttext!" vom 08.10.2009 ff. und

4) "Weitere Links zu Sarrazin-Interview "Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten" im Lettre-International" vom 09.10.09 ff.


Nachtrag 30.04.2010
Und Sarrazin hält sein Meinungsboot weiterhin voll auf Kurs. Gisela Kirschstein berichtet auf WeltOnline vom 10. März 2010 über "Thilo Sarrazins These. Satellitenschüsseln verhindern Integration":
"Thilo Sarrazin nimmt beim Disput mit Hessens Integrationsminister kein Wort seiner Kritik zurück, sondern legt nach: Er sieht Ausländer gefordert, sich selbst zu bilden – und meint vor allem die Türken. Sie sollten nicht nur türkische Zeitungen lesen und türkisches Fernsehen schauen. Russen würden sich mehr anstrengen.
Dienstagabend, 19.30 Uhr, Hessisches Integrationsministerium Wiesbaden: „Ich verfluche Satellitenschüsseln“, sagt Thilo Sarrazin, „ohne die wären wir weiter mit der Integration.“ Deutsch lernen sei eben „zu 80 Prozent eine Bringschuld“, wer aber nur türkische Zeitungen lese, türkisches Fernsehen sehe und nur türkische Freunde treffe, der wolle sich nicht integrieren. Und wessen Kind keine Hausaufgaben mache, dem gehöre das Kindergeld gekürzt. .....
... der hessische Minister für Justiz und Integration, Jörg-Uwe Hahn (FDP) lud Sarrazin zu einer Diskussion zum Thema Integration nach Wiesbaden ein. ...
Es gebe ... in Berlin-Neukölln Gebiete, in denen 80 Prozent der Einwohner von Hartz IV lebten. Geld zu bekommen „für seine schiere Existenz“, das sei „eine krasse Fehlentwicklung“, befand Sarrazin. Andere Einwanderungsländer wie die USA oder Australien wählten die besten aus, und niemand brauche dort einen Minister für Integration: „Die Integration erfolgt über den Arbeitsmarkt, das ist normal. ...
860 Briefe [in meinen Augen eigentlich erstaunlich wenig, aber gut: auch ich habe nicht AN ihn geschrieben. Dafür aber hier ÜBER ihn.] habe er bisher als Reaktion bekommen, sagt Sarrazin, die große Mehrheit „emphatisch positiv“ und mit dem Tenor: „Gut, dass das einmal einer gesagt hat.“ „Hier ist eine Not im Volke“, sagt Sarrazin: Da herrsche ein Druck, „den ich mir so auch nicht klargemacht habe“. “
"
In einem weiteren WELT-Bericht vom 10.03.2010 über die gleiche Diskussionsrunde u. d. T: "Veranstaltung in Hessen. Sarrazin bekommt Applaus für Einwandererschelte", erfahren wir:
Meine Lösung ist mehr Bildung“, sagte Sarrazin und forderte ein Umdenken in der Schulpolitik. An Schulen müsse „ganz banal“ und „ganz konkret“ gelehrt werden. Mehr Personal sei nicht nötig. Vielmehr müssten „vernünftige Lehrpläne“ ausgearbeitet und die Kinder ordentlich kontrolliert werden, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht hätten. Würden sie dem zweimal nicht nachkommen, „dann wird eben das Kindergeld um 50 Prozent gekürzt“.






Textstand vom 01.09.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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