Dienstag, 30. Oktober 2007

Wenn "Weimar leuchtet", sollten beim Steuerzahler die Alarmglocken aufleuchten


Die Nachricht über die Wiedereröffnung der traditionsreichen, vielleicht kann man sogar sagen: "ruhmreichen", Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar dürfte durch die gesamte deutsche Tagespresse gegangen sein (vgl. z. B. in der "Welt" die Meldung "Anna Amalia Bibliothek wiedereröffnet" oder im Stern "Auferstanden aus dem Feuer").
Ich hätte sie vielleicht nicht einmal mitbekommen, hätte ich nicht Urlaub gemacht und dabei (wie ich das immer an fremden Urlaubsorten zu tun pflege) regelmäßig Zeitung gelesen. (Weitere Lesefrüchte dieser Reise sind z. B. in meinem Blott "STROMPREISE: DIE VERBRAUCHER PROTESTIEREN - DIE VERBRAUCHER PENNEN oder LANDSCHAFT, LANDSCHAFT ÜBER ALLES!" auf die Erde gefallen.)

Unsere herbstliche Urlaubsreise führte uns von Freitag, 19.10.2007 - Sonntag, 28.10.2007 nach Bad Sooden-Allendorf (dieses Mal, weil "unsere" Ferienwohnung belegt war, in ein Fachwerk-Ferienhaus in dem größeren und wunderschönen Ortsteil Allendorf).
Die dortige Regionalzeitung ist die Kasseler HNA (Hessische / Niedersächsische Allgemeine) (als Mantel des lokalen "Witzenhäuser Anzeiger") und die berichtete unter dem Titel "Weimar leuchtet. Bundespräsident Köhler eröffnet Anna Amalia Bibliothek wieder" (bei der Internet-Suche erscheint der Artikel zwar in den Suchergebnissen, ist aber lediglich im Google-Cache noch gespeichert).

Nicht über die Eröffnung der Bibliothek echauffiere ich mich, und schon gar nicht über die Rede von Bundespräsident Horst Köhler, die ich garnicht kenne (die jedoch in den Medien sehr gelobt wurde).
Was mich beunruhigt, ist eine Kostenschätzung von 67 Mio. € für "den Wiederaufbau der Buchbestände (Buchrestaurierung und
Wiederbeschaffung)"
, die uns in der Presse - urtextlich wohl diesem "Factsheet" entstammend - präsentiert wird.

Hier feiert nicht die Kultur Triumphe, sondern der auf kulturelles Gebiet ausstrahlende bourgeoise Warenfetischismus (wie die Marxisten sagen würden - allerdings nur dort, wo es nicht um Kultur geht. Auf diesem Gebiet ist die bourgeoise Tradition sogar für die Roten sakrosankt.).
Wieso muss die Bibliothek den gleichen Plunder wieder anhäufen, den sie vorher einmal angesammelt hatte?
Was der hier bloggende Barbar mit dieser Aussage meint, ist keine Abwertung des Inhalts dieser Bücher (auch wenn wahrscheinlich tatsächlich im Laufe der Zeit neben wertvollen Werken einige ganze Menge Mist angesammelt haben dürfte). Es ist vielmehr für die Wissenschaftler, die allenfalls als Nutzer dieser Bibliothek noch in Betracht kommen, nicht nur sinnlos, sondern Zeitverschwendung, überhaupt in die Bibliothek reisen zu müssen. Eine wirklich "nutzerorientierte Forschungsbibliothek", wie man es sein möchte (vgl. diese umfangreiche Darstellung zu Geschichte und Gegenwart der Bibliothek) wäre eine Bibliothek, die keine mehr ist: digitalisierte Bücher sind überall in der Welt nutzbar, man muss weder nach Weimar reisen, um sie zu sehen, noch über eine Fernleihe bestellen.
Man kann zwar verstehen, dass Bibliothekare nicht gern am Ast des bourgeoisen Objektfetischismus sägen, auf welchem sie gut bezahlt sitzen.
Aber nicht nur die Steuerzahler, an denen (trotz zahlreicher Spenden) im Laufe der Zeit ein Großteil dieser kostpsieligen und vor allem sinnlosen Sammelwut hängen bleiben wird, sondern auch die Wissenschaftler, die mit digitalisierten Büchern sehr viel bequemer arbeiten könnten (z. B. bei einer Stichwortsuche), sollten eigentlich dafür eintreten, dass derartige Geldsummen nicht mehr in nostalgische Lederrücken-Romantik versenkt werden, sondern für die Digitalisierung der Buchinhalte und deren Bereitstellung im Internet genutzt werden.
Dann würde nicht einmal ich über Ausgaben von 67 (oder auch mehr, natürlich nicht speziell auf diese Bibliothek bezogen) Millionen Euro lamentieren.
Kultur ist, wenn ein Land in seiner Zeit wissenchaftlich und technologisch auf der Höhe ist. Ein bischen Blümchenkultur in Form von Belletristik usw. fällt dann von selbst ab (oder kann aus Hollywood importiert werden).

Auf Dauer kann es sich eine schrumpfende Population nicht leisten, immer mehr Gegenstände (Bücher, Denkmäler, Museumsobjekte) anzusammeln, die es außerdem noch warm und trocken haben wollen) zu akkumulieren: wir würden (oder - horribile dictu - werden?) unter der Last des Alten zusammenbrechen (vgl. in diesem Zusammenhang z. B. auch meinen Blott "Renten sichern - Wehrfriedhofsmauer zerfallen lassen!").
Die "schrumpfende Population" beziehe ich weniger auf die aktuelle demographische Entwicklung (in Deutschland und weltweit) mit ihren bekannten Ursachen. Sondern auf jene knallharten biologischen Begrenzungen, vor denen die Menschheit angesichts der erwartenden Ressourcenverknappung schon in naher Zukunft ziemlich hilflos stehen wird.
Bits und Bytes brauchen sehr viel weniger Heiz als Buchobjekte. Ganz ohne Energie und Pflege kommt zwar auch diese Form der Informationsspeicherung nicht aus, aber wer ernsthaft Energie sparen will, kann hier schon mal anfangen - und gleichzeitig Wissen(smöglichkeiten) und Kultur verbreiten.
Aber ganz so ernst ist die Sache mit dem Energiesparen wohl nicht einmal bei den grünen Männchen (und Weibchen) gemeint.

Im übrigen schleppen wir auch in anderen Bereichen der Kulturförderung überholten und schädlichen Plunder mit uns herum. Dass auch deutsche Wissenschaftler an der Geschichte und Kunstgeschichte des Landes Italien forschen, und auch, dass sie dies teilweise in deutschen Forschungsinstituten im Lande selbst tun, ist gut begründbar. Schließlich war Italien in vieler Hinsicht das fortschrittlichste Land Europas im Mittelalter und in der frühen Neuzeit; dort ruht gewissermaßen der Quellcode (oder doch ein großer Teil davon) unserer abendländischen Zivilisation.

Dass wir aber noch heute deutsche Künstler mit Stipendien in die Villa Massimo in Rom und in die Villa Romana in Florenz schicken, ist (so sehr ich auch persönlich Italien liebe und so gern ich auch dort gereist bin bzw. reisen würde) deutlich weniger gut begründbar. Das neuzeitliche Italien ist nun einmal keine künstlerische Supermacht mehr, wie das Italien der Renaissancezeit und auch noch des Barock. Die heutige italienische Kunst ist kein Fixpunkt für die moderne Kunst in den anderen Ländern der Welt oder auch nur unserer westlichen Kultur.
Weltläufigkeit wäre wichtig; in diesem Sinne sollte man förderungswürdigen Stipendiaten Geld in die Hand drücken und sie dorthin reisen lassen, wo sie selbst Inspirationen sammeln zu können glauben (meinetwegen verbunden mit regelmäßiger Meldepflicht bei der jeweiligen deutschen Botschaft). Emil Nolde hat sich, kurz vor dem 1. Weltkrieg, nach Italien begeben (allerdings nicht in die klassischen Kunstzentren, sondern in das -schon damals- Touristenzentrum -und nach seiner unerfüllt gebliebenen Hoffnung auch Kunstkäuferzentrum- Taormina) - es war nicht seine Welt. Auch Caspar David Friedrich ist nicht nur wegen fehlender Mittel nicht nach Italien gereist, und das, was sich zu seiner Zeit an deutschen Künstlern dort unten herumtrieb -die sog. Nazarener z. B.- war nicht die künstlerische Avantgarde.
Schickt unsere Kunstschaffenden nach Paris, Tokyo, Peking, Bombay London oder New York, nach Moskau oder Rio de Janeiro: wo immer sie selbst sich Neue Erkenntnisse erhoffen.
Das schweift schon ab vom Thema Objektfetischismus des bourgeoisen Kulturverständnisses und hat auch mit Energieeinsparung nichts zu tun. Aber diese historische Fixiwerung -man könnte auch sagen: dieser Ortsfetischismus- ist nur die andere Seite jener großen Münzen, welche uns die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, kurz HAAB genannt, aus der Tasche ziehen möchte.


Nachtrag 12.01.2011

Beim (umzugsbedingten) Aufräumen fällt mir heute der Artikel "Bibliotheken sind nur ein Gleichnis - Salomos grausame Weisheit. Unser Kulturauftrag ist die Digitalisierung" aus der FAZ vom 16.04.2002 in die Hand, in welchem Christian Albrecht das Festhalten am tradierten Aufgabenverständnis (wie auch am tradierten Stellenwert) der Bibliotheken (als Sammelorte für Gedrucktes) kritisiert, und dem ich nur applaudieren kann. Hier auf nettime.org ist der Artikel auch online verfügbar.



Textstand vom 12.01.2011. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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